Tagesarchiv für den 12. November 2010

0:2 – der HSV enttäuscht in Dortmund

12. November 2010

Auf und ab. Die Berg- und Talfahrt des HSV geht munter weiter. Nach torloser erster Halbzeit gab es beim Spitzenreiter Dortmund eine vermeidbare 0:2-Niederlage, aber sie war absolut verdient – denn so richtig Fußball gespielt hat der HSV an diesem Freitag nicht. „Keinen Arsch in der Hose“, hat mir ein ehemaliger Bundesliga-Trainer während des Spiels gesagt, und besser kann man es meiner Meinung nach einfach nicht beschreiben. Der HSV versuchte es erst gar nicht, in Dortmund zu gewinnen, und so war es eine Frage der Zeit, wann der BVB sein Spiel mit Toren belohnen würde. Dieser Hamburger Auftritt war kümmerlich, enttäuschend, fast schon erbärmlich. Anspruch in Wirklichkeit klafften an diesem Abend einmal mehr wieder weit, weit auseinander. Das ist, so Leid es mir für alle Hamburger (und HSV-Fans) tut, einfach nur Mittelmaß. Jetzt bleibt nur die Frage, wie sich dieser HSV in den nächsten Wochen und Monaten gegen diesen Fall in die Anonymität des Mittelfeldes wehren wird, wehren will, wehren kann. Das wird wohl die einzige Spannung sein, die es in dieser Saison noch geben wird.

„Wenn wir den Ball halten, dann kann der Gegner kein Tor schießen.“ Hat in dieser Woche Mladen Petric gesagt. Und der HSV hielt den Ball. In aller Ruhe, sehr konzentriert – wenn es in den hinteren Regionen versucht wurde. Nach vorne allerdings wurden unglaublich viele Geschenke in Form von Fehlpässen verteilt. „Ich ruf’ nur Flipper, Flipper, Flipper ist unser bester Freund.“ Warum fühlte ich mich so an diese (meine) TV-Jugendserie erinnert? Der Ball sprang von Freund zu Feind und hin und her und kreuz und quer. Unfassbar! Da spielte der Bundesliga-Tabellenführer gegen den Tabellensechsten. Und dann wurde so sensationell „geflippert“. Hoffentlich wurde die Partie nicht in allzu viele Länder dieser Erde übertragen, eine Werbung für die Bundesliga war das ganz sicher nicht.

Wobei der HSV klug beraten war, gut zu stehen und den Ball zu halten. Denn so war Dortmund stets auf der Suche nach dem temporeichen Direktspiel. Das war der Spitzenreiter gar nicht gewohnt. Auf dem glitschigen Rasen wurden sie nervös, draußen noch einen Tick nervöser: BVB-Trainer Jürgen Klopp rastete in der 41. Minute total aus, als Ze Roberto den jungen Dortmunder Götze kurz vor dem HSV-Strafraum „fällte“. Wie Rumpelstilzchen hüpfte Klopp an der Linie rum – und dann stand er mit dem vierten Offiziellen, Stefan Trautmann auch noch Nase an Nase, um auch diesem Schiedsrichter noch die Meinung zu „geigen“. Das passte so gar nicht zur guten Stimmung auf den Rängen. Der HSV-Chor sang bei strömendem Regen unaufhörlich, und der BVB-Chor hielt tapfer dagegen. Das war so, als gäbe es in Dortmund ein Vorsingen für den Fischer-Chor. In meinen Augen (oder besser Ohren) gewann Hamburg diesen Sänger-Wettstreit.

„Wir wollen nicht nur hinten drin stehen und warten, sondern auch ein bisschen höher stehen“, hatte HSV-Coach Armin Veh unmittelbar vor dem Anpfiff verkündet. Es blieb beim Wunsch des Trainers. Es war zwar von Beginn an Tempo auf dem Rasen, aber wie gesagt, die Ungenauigkeit bei beiden Mannschaften war in dieser Häufigkeit unglaublich. Wobei Vehs Titelfavorit Dortmund kaum besser war als der HSV. Es gab keine oder kaum eine Torchance in Halbzeit eins (Götze hätte wohl kurz vor dem Seitenwechsel das 1:0 erzielen können), weder hüben noch drüben. Dafür erwischte es erneut einen Hamburger mit einer wohl schwereren Verletzung: Gojko Kacar sprang unglücklich auf den Fuß des grätschenden Dortmunders Schmelzer, der Serbe knickte um und musste vom Platz geführt werden. Das sah nach einem Bänderriss im Sprunggelenk aus. Für Kacar, der bis dahin kaum aufgefallen war (aber auch nicht abgefallen!), kam Tomas Rincon.

Zu Saisonbeginn, wenn die ersten Spiele absolviert sind, sprechen die Trainer gerne folgenden Satz: „Noch kann man überhaupt nichts sagen, man muss erst einmal abwarten, wie sich das alles findet – nach zehn Spieltagen weiß man, wohin der Weg führt.“ Nun hat der HSV zwölf Spiele absolviert, und wohin läuft die Kugel? Gegen Dortmund konnte die Veh-Truppe mithalten, Mainz wurde besiegt, Frankfurt auch, Hoffenheim ebenfalls, gegen Bayern gab es ein 0:0. Das kann sich auf den ersten Blick sehen lassen. Dennoch ist die Bilanz von 5:3:4 (Siege, Unentschieden, Niederlagen) eher mäßig bis enttäuschend. Und dafür kann nicht nur das Verletzungspech herhalten. Es gibt an diesem Team noch viel, unheimlich viel zu arbeiten. Und die Mannschaft muss sich endlich auch selbst helfen, denn um eine verschworene Gemeinschaft zu werden, muss kein Training im Volkspark abgehalten werden. Und dass das Training in Ordnung ist, das bescheinigen nicht nur die Spieler ihrem Chef, sondern belegt auch die Statistik. Der HSV konnte gegen Spielende meistens noch zulegen und so manches Spiel noch retten. An Armin Veh, um das noch einmal abschließend zu sagen, dem zunächst mit sehr viel Skepsis in Hamburg begegnet wurde, liegt es also nicht. Veh, das sage ich ganz deutlich, ist der beste Trainer des HSV seit langer Zeit.

Zurück zum Spiel: Der HSV wurde mit einem 4:3:3-System angekündigt, für mich war es ein 4:5:1. Paolo Guerrero „hing“ meistens links, Jonathan Pitroipa meistens rechts. Wobei, ich will mich da gar nicht auf den Peruaner „einschießen“, Paolo Guerrero wohl die meisten Fehlpässe produzierte. Aber dieses Thema hatten wir schon . . .

„Kämpfen für Hermann“. Ein Plakat sollte den HSV-Spielern helfen, die brisante und schwere Aufgabe anzupacken. Aber gleich in Halbzeit zwei gab es den Fangschuss. Die HSV-Defensive war in der 49. Minute zum ersten Mal an diesem Abend so richtig unsortiert. Links. Ze Roberto griff zu früh an, so dass sich Piszczek hinter dem Rücken des Brasilianers frei schleichen konnte, bei der anschließenden Eingabe zur Mitte war dann Rincon total neben der Spur. Total verpennt, diese Szene. Erst als er sah, dass ihm Kagawa enteilen würde, wachte Rincon auf, aber da war es bereits zu spät. Der Japaner schoss und traf. Nicht (!) weil Heiko Westermann den Ball noch abfälschte, nein, nein, daran lag es nicht. Auf der Torlinie war Jaroslav Drobny, der keinerlei Schuld an dieser Pleite hat, ausgerutscht, der Tscheche wäre an den geschlenzten Ball auch so nie und nimmer heran gekommen, so aber sah diese Szene natürlich höchst unglücklich für alle beteiligten Hamburger aus. Auf der Bank winkte Armin Veh total sauer und enttäuscht ab. Genau dieser Auftakt zum zweiten Durchgang sollte vermieden werden.

Für Rincon gab es dann in der 65. Minute die „Höchststrafe“. Er wurde wieder vom Feld geholt, für ihn kam mit Heung Min Son die offensivere Variante. Ein taktischer Wechsel also. Obwohl: Ein bisschen Frust mag bei dieser eher ungewöhnlichen Personalie auch mit im Spiel gewesen sein . . .

Son war dann auch eine große Belebung für das HSV-Spiel. Bis zu diesem Zeitpunkt war kaum etwas (bis gar nichts) nach vorne gegangen, aber der Südkoreaner gab Gas, traute sich was, ließ sich auch von der schwarz-gelben Mauer nicht irritieren, er versuchte etwas. Was zuvor Mladen Petric, der ganz allein auf weiter Flur vorne stand (und bei Ballbesitz immer von den BVB-Fans ausgepfiffen wurde!), nicht gelungen war.

Allerdings verpuffte der Unternehmungsgeist der Hamburger mit dem Treffer zum 2:0 fast schlagartig. Barrios gewann in der Mitte der Hamburger Hälfte ein Kopfballduell gegen Heiko Westermann, der Ball gelangte zu Kagawa, der passte raus nach rechts zu Götze, der lief, von Ze Roberto verfolgt, bis an den Fünfmeterraum, lupfte die Kugel an den langen Pfosten, wo Großkeutz den Ball zurück legte – zu Barrios. Für ihn war es ein Kinderspiel, dieses Tor zu machen. Ein Bilderbuchangriff, könnte ein neutraler Beobachter meinen, aber das trifft es eben nicht richtig. Dortmund konnte kontern, weil der HSV wieder offen um ein Gegentor „bettelte“. Es genügt eben nicht, in einigen Szenen diszipliniert zu stehen und zu spielen, sondern man muss es – trotz eines Rückstands – eben über 90 Minuten tun. Und dazu ist diese HSV-Mannschaft nicht in der Lage. Elf Einzelkünstler . . . Aber ich will darauf nicht schon wieder herum reiten. Es ist so wie es ist, das wird sich in meinen Augen auch nicht so schnell ändern lassen – wenn überhaupt noch in dieser Saison.

Gut war es, dass in der Schlussphase noch Muhamed Besic seine Chance bekam – für Guy Demel. Letztere war schon schlechter in dieser Saison, aber er war eben auch schon mal wesentlich besser. Doch auch das wird sich wohl so schnell nicht wieder herstellen lassen – wenn überhaupt noch einmal. Westermann und Joris Mathijsen standen in der Mitte ganz vernünftig, auch wenn dem Kapitän wieder einige technische Klopse unterliefen. Links marschierte Ze Roberto rauf und runter, bemüht, etwas nach vorne zu bewirken, aber dafür ging es über seine Seite gleich zweimal total schief.

Im Mittelfeld trat Kacar bis zu seiner Verletzung nicht in Erscheinung, in seinem Umfeld bemühten sich David Jarolim und Piotr Trochowski zwar nach Kräften, aber mehr als eine Fleißnote konnten sie sich nicht verdienen. Nach vorne ging nichts. Pitroipa und Guerrero blieben weitgehend blass, Petric auch.

Ein Petric-Kopfball und ein Guerrero-Schuss in 90 Minuten – das waren die HSV-Chancen, und das ist wahrlich ein Armutszeugnis. Und, auch das möchte ich schnell noch loswerden: Da hat ja „Jung gegen Alt“ gespielt. Gespielt. Nicht geknüppelt, nicht getreten, nicht übermäßig aggressiv gespielt. Gelbe Karten? Null. Ich habe mich immer gefragt, wann der HSV so richtig zur Sache kommen will. Und habe dabei an, klingt komisch, ist aber so, an Willi Schulz gedacht. Wenn dem ein „Schnösel“ mal ein Ball durch die Beine gespielt hätte, dann hätte dieser „Jüngling“ beim nächsten Male garantiert auf dem Rasen gelegen. Aber bei dieser Hamburger Gentleman-Truppe ist das auf keinen Fall zu befürchten, die spielt und spielt und spielt und spielt. Und mal gewinnt sie, und mal verliert sie eben. So sieht der HSV-Fußball im Jahre 2010 aus.

Schlusswort von Armin Veh: „Wir haben viel zu leicht die Bälle verloren, haben kaum Druck auf das Dortmunder Tor ausgeübt. Wir hatten kaum Torchancen, das war viel zu wenig.“

Treffer. Es war der einzige Hamburger Treffer an diesem Abend.

22.42 Uhr

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