Tagesarchiv für den 10. November 2010

Spaß im Training – wir denken an Hermann

10. November 2010

Selbst ein Vizeweltmeister gerät bei dieser Aussicht ins Schwärmen. Ein mit 83000 Zuschauern voll besetztes Stadion, und das am Freitagabend unter Flutlicht. „Mehr geht nicht“, sagt Joris Mathijsen. Der Niederländer, der im Juli immerhin vor 84 490 Zuschauern das WM-Finale in Südafrika gegen Spanien spielte, zählt mit Sicherheit zu den erfahrensten HSV-Profis. Dennoch ist er beeindruckt von Dortmund. Allerdings fast ausschließlich von den Rahmenbedingungen der Partie am Freitag. „Die Mannschaft spielt, da muss man mal ganz ehrlich sein, keinen herausragenden Fußball“, so Mathijsen über den amtierenden Tabellenführer, „aber sie spielen eben sehr effektiv.“

Immerhin zehn Punkte effektiver als der HSV. Und das hängt nicht wenig mit dem neuen Jugendstil der Dortmunder zusammen. Schmelzer, Bender, Götze, Großkreutz heißen die neuen, gefeierten jungen Wilden. Und natürlich „Dompteur“ Jürgen Klopp. Der Trainer, der auch beim HSV vor Martin Jol lange im Gespräch war (weshalb es damals nicht geklappt hat wird durchaus konträr erzählt, aber dazu später mehr), wird als neuer Meistertrainer mit Vorschusslorbeeren bedacht.

Auch ich bin voll des Lobes für „Kloppo“. Wie der nach außen wirkt ist schon sensationell. Der Junge ist sich für keinen Spaß zu schade, er versteht es, klare Worte zu finden. Und er wirkt bei allem authentisch. Er ist einer von uns geblieben. Sollte er nur halb so effektiv nach innen, auf seine Mannschaft einwirken können, wäre das schon fast meisterlich.

Allerdings, und damit will ich seine Leistung nicht schmälern, ist er beim BVB auch zu dem neuen Jugendstil gezwungen worden. Nachdem die Dortmunder vor einigen Jahren nahezu Pleite waren – ohne eine diskutable Portion Goodwill des DFB wären sie zwangsabgestiegen – konnten in den letzten Jahren keine Millionenbeträge in neue Spieler investiert werden. Und was macht ein guter Klub in einem solchen Fall? Richtig! Er sucht sich junge, talentierte Fußballer. Denn die sind vergleichsweise kostengünstig.

Das soll es dann auch an Relativierung des BVB-Höhenfluges sein. Denn die Art und Weise, mit der der lange Zeit belächelte Michael Zorc als Sportchef und letztlich Klopp als Trainer Jugendliche hochgezogen und verpflichtet haben, spricht eine klare Sprache. „Der BVB ist für mich der Topfavorit auf den Titel“, lobte jetzt auch HSV-Trainer Armin Veh, der selbst ein großer Verfechter dieses jugendlich-frischen Offensivfußballs der Westfalen ist. „Der BVB in dieser Form erinnert mich an uns im Meisterjahr“, erzählt Veh und meint mit „uns“ sich und seine Spieler beim VfB Stuttgart in der Saison 2006/2007. „Und ich glaube auch, dass diese Dortmunder trotz ihrer durchschnittlich sehr jungen Jahre nicht zusammenbrechen werden. Noch nicht mal unter der Doppelbelastung mit dem Europapokal.“ Lediglich das Ende der Saison könnte kritisch werden, da dort junge Spieler oft mehr über die Folgen möglicher Erfolge und Niederlagen nachdenken als erfahrene Spieler.

Klingt Logisch. Und so, als habe der HSV den nötigen Respekt vor dem nächsten Gegner. Denn das wird nach all dem Lob für die wahrlich beeindruckende zweite Halbzeit gegen Hoffenheim nötig sein. „Wir haben Selbstvertrauen getankt“, sagen unisono Veh wie seine Spieler. „Aber wir wissen auch, was auf uns zukommt.“ Ob der HSV als Underdog ins Spiel geht? „Dortmund hat mehr Konstanz gezeigt“, gibt der HSV-Trainer zu. Das sei bei seinem Team schon durch die andauernden Systemwechsel durch neue Verletztensituationen schwer möglich. Auch jetzt, vor der Partie beim Spitzenreiter droht ein Ausfall. „Jonathan Pitroipa hat von unserer medizinischen Abteilung Trainingsverbot erteilt bekommen“, erzählte uns Veh heute. Dennoch glauben beim HSV – allen voran Pitroipoa selbst – an die Einsetzbarkeit des Außenstürmers. Womit Veh erstmals in dieser Saison die gleiche Startelf aufbieten kann.

Betrachtet man das heutige Training, scheint derf Spaß beim HSV wieder einzukehren. Nach einem (mal wieder) sehr langen Kreisspiel und einer kurzen Passspieleinheit folgte eine längere Torabschlussübung. Und die machte allen Laune. Fans wie Spielern. Flanken von beiden Seiten sollten im Zentrum verwandelt werden. Und das klappte. Zumindest so oft, wie wie der bärenstarke Jaroslav Drobny nicht wieder irgendein Körperteil zwischen Tor und Ball bekam.

Allerdings war auch der tschechische Hüne manchmal machtlos, wenn Paolo Guerrero einen Volley voll traf, Joris Mathijsen mit ungeahnten, technischen Fertigkeiten einnetzte oder der vor Spiellaune sprühende Mladen Petric mit der Hacke, per Seitfallzieher oder gar Fallrückzieher traf. Lächelnd bestaunt vom offensichtlich wieder besser gelaunten Armin Veh. Gerade rechtzeitig, wie Mathijsen findet: „Wir haben im Jahr vielleicht zwei, drei oder vier Spiele, in denen wir wirklich gewinnen müssen oder zumindest partout nicht verlieren dürfen. Und Dortmund ist so ein Moment.

Ein besonderer sogar für Mladen Petric. Immerhin spielte er mal für Schwarz-Gelben. Und das sogar ziemlich erfolgreich. Bis der torgefährliche Kroate aussortiert und gegen Mohamed Zidan plus vier Millionen Euro getauscht wurde. Ob noch etwas Restwut da ist? „Nein, warum“, stellt Petric die Gegenfrage. Für ihn sei das Spiel zudem nichts Besonderes mehr. Allerdings, und da lege ich mich fest, bei dem Kroaten ist seit der Hoffenheim-Partie ein Knoten geplatzt. Wer Petric kennt, der weiß, dass ihn (außer seiner Familie selbstredend) nichts glücklicher macht als Tore. Vor allem, wenn seine Treffer wie gegen Hoffenheim siegbringende sind und er gefeiert wird.

Das wiederum ist gut für den HSV. Petric zählt zu den beliebteren Spielern im Kader. Er ist einer von denen, die maßgeblichen Anteil an der internen Stimmungslage haben. Das wird ihm von Vereinsseite immer wieder vorgeworfen, da er gerade in Phasen seiner Vertragsverhandlungen angeblich „Politik“ und somit Stimmung machen würde. Aber die Kluboberen wissen auch, dass ein gut gelaunter, zudem treffsicherer Petric Gold wert ist. Wie im Moment.

Apropos Moment: Heiko Westermann hatte am Sonnabend einen sehr schönen (das Tor), allerdings auch etliche nicht so schöne Momente. Und trotz aller Beteuerungen von Veh und ihm selbst, die Pfiffe gegen seine Person machten ihm nichts aus, hatte ich gezweifelt. Ich habe befürchtet, Westermann würde noch nervöser. Und damit lag ich glücklicherweise falsch. Westermann besticht im Training mit Ballfertigkeit. Nichts zu sehen von verspringenden Bällen, Fehlpässen und anderen Ausrutschern.

Das Gegenteil ist der Fall: der Kapitän marschiert in allen Übungen vorweg. Er wirkt fit, motiviert sowie ball- und vor allem selbstsicher. Sollte sich dieser Eindruck in den nächsten Spielen bestätigen, werde ich hier ganz öffentlich meinen Hut vor ihm ziehen. Denn, sich so aus der Krise zu mausern ist stark. Unbeirrt seinen Weg zu gehen, bis sich der Erfolg wieder einstellt, das verdient Respekt.

Noch weit, weit mehr als das verdient in meinen Augen Hermann Rieger. Hermann hat sich über Jahrzehnte für den HSV aufgeopfert, ist bei allen Erfolgen stets der Mann geblieben, der er war, als er aus Mittenwald nach Hamburg kam. Hermann krank zu sehen treibt mir, da bin ich ganz ehrlich, Tränen in die Augen. Ein Mensch, der sein Leben lang das Wohl seiner Mitmenschen über das eigene gestellt hat, verdient es meinem Selbstverständnis nach einfach, ewig gesund zu sein.

Aber leider ist das Leben anders. Das Leben hat keinen Platz für derartige Träumereien. Und jetzt ist Hermann krank. Sehr krank sogar. Ein Tumor musste ihm aus dem Kopf operiert werden. Deshalb war ich hoch erfreut (allerdings keineswegs überrascht), als ich Eure Vorschläge gelesen habe. Es ist toll zu sehen, dass Hermann auch bei Euch so viel Wirkung hinterlassen hat. Und es ist eine tolle, wirklich hoch zu bewertende Geste, dass Ihr Euch ihm mitteilen wollt. Deshalb werde ich, sobald Ihr Euch entschlossen habt, in welcher Form Ihr Eure Genesungswünsche überliefern wollt, selbstverständlich alles in meiner Macht stehende machen, um ihm diese zeitnah zukommen zu lassen.

Auch wenn ich mir bei Hermann ganz sicher bin, dass der alte Kämpfer schon sehr bald wieder auf die Beine (und dann ganz sicher auch in die Imtech-Arena) kommen wird, diese Aktion find ich toll! Sie wird ihm helfen! Danke Euch!

In diesem Sinne will ich zum Abschluss dieses Blogs zuerst Hermann eine schnelle Genesung wünschen. Allerdings, und damit ist der Bogen zum Sportlichen schnell geschlagen, ich bin mir ganz sicher, dass ein Sieg beim BVB dazu beitragen würde.