Tagesarchiv für den 9. November 2010

Petric: “Von Meisterschaft redet keiner”

9. November 2010

Denk ich an Dortmund in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Fußballerische Gedanken sind gemeint. Und, zugegeben, in den letzten Jahren waren es keine Alpträume mehr, denn der HSV sah im Westfalenstadion in einigen Spielen ja ganz gut oder sogar besser als der Gastgeber aus. Das war zu Beginn der Bundesliga ganz anders. Der HSV konnten gen Westen fahren, um beim BVB anzutreten, aber gewinnen konnte er dort nie. Hatte es schon zu Zeiten der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft meistens Klatschen gegeben, so setzte sich diese negative Reihe in der Liga fort. Am 5. Mai 1964 gab es im ersten Aufeinandertreffen in Dortmund ein 2:5. Wobei der HSV immerhin mit Könnern wie Schnoor, Krug, Kurbjuhn, Giesemann, Dieter und Uwe Seeler sowie Gert Dörfel antrat. Den ersten HSV-Sieg in der Bundesliga in Dortmund gab es erst am 21. April 1979. 3:1 hieß es damals, für das folgendes Team verantwortlich zeichnete: Kargus, Kaltz, Buljan, Hidien, Hartwig, Nogly, Memering, Bertl, Wehmeyer, Keegan und Hrubesch. Memering und Wehmeyer waren die Torschützen, zudem traf der für den heutigen Klub-Manager Wehmeyer eingewechselte Plücken. Ja, das waren noch Zeiten.

Die höchste Bundesliga-Niederlage in Dortmund hatte der HSV bereits am 20. Mai 1967 kassiert, es gab eine herbe 0:7-Abfuhr – Werder-Verhältnisse, möchte man meinen. Obwohl damals Spieler wie Schnoor, Willi Schulz, Kurbjuhn, Bernd und Gert Dörfel mit von der Partie waren. Dortmund gehörte dann zwischen 1972 und 1976 nicht der Ersten Bundesliga an, aber einen besonderen Erfolg konnte der HSV im neuen Jahrtausend feiern: Am 23. Oktober 2004 fuhren die Hamburger als Tabellenletzter ins Westfalenstadion. Einige Tage zuvor hatte Thomas Doll den erfolglosen Klaus Toppmöller (zwei Siege in acht Spielen) abgelöst, und „Dolly“ stellte bei seinem ersten Spiel als Chef-Coach etwas überraschend den Amateur Rene Klingbeil (heute Kapitän von Zweitliga-Klub Erzgebirge Aue) als Linksverteidiger auf. In Hamburg gab kaum einer einen Pfifferling auf den HSV mit der Roten Laterne, aber der angeschlagene Dino gewann fast sensationell mit 2:0. Wobei David Jarolim und Emile Mpenza die Torschützen waren. Der HSV landete am Saisonende noch auf Platz acht.

Mach’s noch einmal, Jaro! Der Tscheche ist der einzige „Überlebende“ von damals, abgesehen von Collin Benjamin, der damals eingewechselt wurde. Heute sind die Voraussetzungen ähnlich wie an jenem 23. Oktober 2004, obwohl der HSV natürlich weit vom letzten Platz entfernt ist. Diesmal aber sind die Dortmunder Tabellenführer, und sie spielen derzeit den besten Fußball in der Liga. Das Unternehmen scheint fast hoffnungslos, denn der BVB fegt eigentlich jeden Gegner von der Platte. Aber darin liegt auch die Chance es HSV. Irgendwann reißt jede noch so schöne Erfolgsserie, das musste auch Mainz 05 erkennen – die jungen Mainzer wurden – genau – vom HSV von Wolke sieben geschossen. Und nun? Geht es Dortmund am Freitag ebenso?

Der HSV scheint gewillt. Am heutigen Dienstag wurde eifrig und auch hart trainiert. Das sah so aus, als wolle die Mannschaft den Schwung aus dem Hoffenheim-Spiel konservieren. In den abschließenden Spielen (drei Mannschaften in einer Art von Turnier) schoss Tomas Rincon nicht nur den ersten Treffer, sondern auch ein „Tor des Monats“, indem er den Ball mit links wuchtig an den Innenpfosten drosch, und von der prallte der Ball an Jaroslav Drobny vorbei ins Netz. Da applaudierten sogar einige Kiebitze. Später lag erst Rincon mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden, so dass alle Umstehenden schon das Schlimmste befürchten mussten, danach auch noch Gojko Kacar, der von Änis Ben-Hatira mächtig „umgesenst“ worden war. Der Serbe wurde einige Minuten von Physiotherapeut Uwe Eplinius „getröstet“, dann ging es weiter. Es war ein Training mit „Schmackes“. Wie im Ernstfall. Nun muss es nur noch am Freitag ebenso zur Sache gehen.

Da gilt natürlich auch für Mladen Petric, der einst (August 2008) aus Dortmund zum HSV gewechselt ist. Bevor wir heute eine Frage an den Kroaten stellen konnte, begann er – ganz offensiv: „Vorab mal eines: Es ist kein besonderes Spiel mehr für mich, weil von der damaligen Dortmunder Mannschaft nur noch zwei oder drei Spieler für den BVB spielen. Das sind Weidenfeller und Sahin, auch noch Dede. Und Kuba. Aber ansonsten ist keiner mehr da.“ Deswegen also kein besonderes Spiel mehr für den HSV-Torjäger, der über das Spiel beim Spitzenreiter sagt: „Es wird dadurch, dass die Dortmunder einen riesigen Lauf haben und auf Platz eins stehen, nicht einfacher für uns. Im Westen herrscht eine große Euphorie, und die 80 000 Zuschauer machen es auch nicht einfacher für uns.“ Dennoch sieht Petric auch eine Chance für den HSV: „In Dortmund träumen gewisse Leute schon von mehr, und ich hoffe, dass das eine kleine Chance für uns sein kann. Und wenn wir uns so von Beginn an präsentieren können, wie wir das in Halbzeit zwei gegen Hoffenheim getan haben, dann brauchen wir uns dort auch nicht zu verstecken.“

Natürlich nicht. Wenn alle beim HSV für das Team arbeiten, dann ist auch alles möglich. Aber Dormund spielt eben zurzeit den besten Fußball in Deutschland. Mladen Petric lobt den BVB: „Da sind einige ganz flinke Burschen dabei. Alle Spieler zeichnen sich zudem durch eine große Laufbereitschaft aus, sie spielen schnell, sehr schnell nach vorne, wenn sie kontern, dann sind fünf, sechs Spieler dabei – und ab geht die Post.“ Aber genau darin sieht Petric auch die Chance des HSV: „Wenn wir dann den Platz haben zum Angreifen, dann müssen wir das eben auch ganz schnell ausnutzen. Außerdem müssen wir versuchen, viel Ballbesitz zu haben, um die Dortmunder laufen zu lassen. Die ersten Spielminuten werden entscheidend sein, wie wir in das Spiel finden. Wir müssen verhindern, dass sich der BVB mit den Fans im Rücken in einen Rausch spielt.“

Dortmund ganz oben, der HSV zehn Punkte dahinter – ohne Titelambitionen. Oder doch noch mit Titelambitionen? Wenn ja, dann müsste der HSV eigentlich bei Tabellenführer gewinnen, aber Mladen Petric will von solchen Gedankenspielchen nichts wissen: „Von der Meisterschaft redet keiner bei uns.“ Und er begründet das auch wie folgt: „Letzte Woche war noch alles schlecht bei uns, und nun soll auf einem Male dank des Hoffenheim-Sieges eine neue Euphorie-Welle gestartet werden? Wir müssen mal schauen, dass wir eine gerade Linie finden, die langsam noch oben geht – und nicht steil nach oben und dann wieder steil nach unten.“ Immerhin gibt Petric zu: „Für uns ist in dieser Saison noch vieles möglich.“

Für uns. Sagt Mladen Petric. Ich habe es schon gestern geschrieben, so langsam scheint sich das Verhältnis zum HSV zu normalisieren. Ebenfalls gestern hatte Sportchef Bastian Reinhardt ja angekündigt, dass ein Petric-Verkauf im Winter auf keinen Fall ein Thema für den HSV sei. Damit konfrontiert, sagte der Kroate: „In erster Linie bin ich froh, dass ich jetzt weiß, woran ich hier bin. Alles andere, das ganze Thema, immer wieder diese Wechsel-Gedanken – das geht mir echt auf den Sack. Das ist alles vorbei, das ist alles Vergangenheit. Ich habe damals gesagt, wie es war, es ist alles gesagt worden, zuletzt war das für mich völliger Blödsinn, und deswegen möchte ich darüber auch gar nicht mehr sprechen.“

Klingt ganz danach, als habe sich Mladen Petric wieder voll und ganz mit dem HSV arrangiert. Und er ergänzte noch ganz konkret: „Ich weiß jetzt, wie für mich hier die Zukunft aussieht, dass ich nicht damit rechnen muss, dass im Winter wieder etwas passiert . . .“ Um schnell noch anzufügen: „Ich habe damals schon gesagt: Die Initiative kam ja nicht von mir . . .“ Mit Initiative, das sei noch von mir gesagt, ist natürlich der gescheiterte Wechsel zum VfB Stuttgart gemeint.

Vier Tore hat er in den letzten drei Pflichtspielen geschossen (und ein Eigentor!), und die ohne Ruud van Nistelrooy. Ein Hinweis darauf, dass er befreiter aufspielen kann, wenn „Van the man“ nicht dabei ist? Oder ist das purer Zufall? Passt Paolo Guerrero besser zu ihm? Petric sagt: „In der letzten Europa-League-Saison habe ich zehn Dinger gemacht, und da hieß der Nebenmann auch Ruud van Nistelrooy . . .“ Damit war dieses Thema auch schon wieder abgehakt. Und es wird in den nächsten Wochen wohl auch kein Thema mehr sein, denn van Nistelrooy wird nach meiner Einschätzung so schnell nicht wieder spielen können.

Übrigens, um noch einmal auf das heutige Training zu kommen: Jonathan Pitroipa war heute noch nicht wieder mit den Kollegen auf dem Rasen, will aber am Mittwoch wieder einsteigen. Er gibt sich zuversichtlich, dass er in Dortmund mit von der Partie sein kann.

18.44 Uhr

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