Tagesarchiv für den 8. November 2010

Ein Sieg – drei Gewinner

8. November 2010

Dieser so eminent wichtige Sieg gegen Hoffenheim hatte schon eine enorm befreiende Wirkung auf den HSV. Im Volkspark herrschte an diesem Montag glückliches Strahlen und kollektives Grinsen vor. Und besonders gut drauf, ich würde sogar fast sagen, fast ausgelassen drauf: Armin Veh. Der Coach saß heute mit den Hamburger Medienvertretern zusammen und plauderte und plauderte und plauderte. Fast hätte er sogar den Trainingsanfang verplaudert. Und ganz aufmerksame HSV-Fans fragen sich nun bestimmt: „Training? Wieso Training? Es stand doch keines auf dem Programmplan.“ Das ist zwar richtig, trainiert wurde aber dennoch: drinnen. Es ging im Kraftraum zur Sache. Was ja auch bestens zur Situation passt. Jetzt muss nachgesetzt werden, also muss etwas (mehr) getan werden, denn es geht ja am Freitag bereits in Dortmund zur Mannschaft der Überflieger. Aber, das muss ich auch gleich anfügen, was hat es schon zu bedeuten, dass es zum Tabellenführer geht? Vor einigen Tagen war Mainz noch das Maß aller Bundesliga-Dinge, und dort hat der HSV auch als erster Verein (in dieser Saison) gewonnen. Warum also soll es in Dortmund nicht noch einmal mit einem Überraschungssieg klappen? Schließlich ging der so stimmungsgeladene HSV heute für diese 90 Minuten extra in den Kraftraum . . .

Um noch einmal auf das Hoffenheim-Spiel zurück zu kommen: Drei Personalien haben mich nach dem Schlusspfiff besonders zufrieden gestimmt, ich fasse einmal so zusammen: Ein Sieg – drei Gewinner. Und das sind Mladen Petric, Jonathan Pitroipa und Piotr Trochowski. Letzterer hat mich besonders mit seinen Standards überzeugt, fast jeder Freistoß und jeder Eckball kam brandgefährlich vor das Hoffenheimer Tor. Ganz offenbar reißt sich „Troche“ nun mehr am Riemen. Er geht mit mehr Konzentration und mit viel Selbstdisziplin in die Spiele, er hat offenbar seine Lust am Spielen wieder gefunden, er wirkt unternehmungslustig, fordert die Bälle. Nun darf jeder gespannt sein, wie lange dieser Zustand anhält. Wobei Armin Veh sagt: „Seine Formverbesserung hat sicher auch damit zu tun, dass er nach der kläglichen Aktion im Bremen-Spiel sehr gut trainiert, und dass er nun auf einer anderen Position spielt. Er kann sicher zur Not auch mal außen spielen, aber zentral tut er sich leichter. Innen kann er mit seiner Beweglichkeit und seiner Passgenauigkeit mehr bewirken. Die Position hilft ihm.“ Und er tut sich da offenbar viel leichter. Wobei der HSV gerade zentral ja lange genug gesucht hat – und nun offenbar fündig geworden ist. Was gut für den HSV und gut für Piotr Trochowski wäre. Veh sagt abschließend: „Piotr darf jetzt nicht damit zufrieden sein, dass er nun mal fünf Spiele hintereinander gespielt hat. Wenn wir damit wieder anfangen, dass die Leute damit zufrieden sind, dann ist das zu wenig. Dann kommen wir wieder dorthin, dass überall Zufriedenheit herrscht, und das darf gar nicht sein.“

Sportchef Bastian Reinhardt sagt zu diesem speziellen Thema: „Ich würde jetzt mal die nächsten Spiele abwarten wollen. Es wird ja ganz schnell immer einneues Kapitel aufgemacht, wenn einer mal drei gute Spiele in Folge zeigt. Aber was man sehen kann ist, dass er sich bemüht, und dass er sich zeigt im Spiel, dass er sich nicht versteckt. Und das muss sicher für seine Ansprüche auch die Basis sein.“ Und wie steht es mit einer Verlängerung des auslaufenden Trochowski-Vertrages? Reinhardt: „Wir sind ganz geduldig, warten erst einmal die weitere Entwicklung ab – das ist der Stand der Dinge. Das ist sicherlich auch abhängig vom Gesamterfolg.“ Dass Piotr Trochowski nun zentral spielt und auf seiner „Lieblingsposition“ aufblüht, kann Bastian Reinhardt nachvollziehen: „In meinen Augen ist er ein Spieler für die Zentrale, nicht für die Außenpositionen. Er hat viele Spiele außen gemacht, aber das war mehr aus der Not heraus, war ja auch so in der Nationalmannschaft. Für mich ist er ein Spieler, der zentral spielen muss.“

Um schnell noch einmal die Statistik zu bemühen: Trochowski hatte mit 95 Ballkontakten den besten Wert aller Spieler (Salihovic hatte als bester TSG-Profi 80) , und „Troche“ gab mit vier Torschussvorlagen die meisten im HSV-Team. Allen aber, die es hören und lesen wollen sage ich auch: Jetzt muss Piotr Trochowski weiterhin zeigen, dass er zu solchen Leistung auch auf Dauer fähig ist. Erst wenn er das unter Beweis gestellt hat, wird er auch eine (große) Stütze des HSV sein.

Und wo wir gerade bei Vertragsdingen und –Verlängerung sind: Beim „Matz-ab“-Treffen in der Raute wurde Katja Kraus ja von User „J.U. aus Q“ zur Personalie Sidney Sam (jetzt Bayer Leverkusen) gefragt. Die Antwort ist nachzulesen, weil sich „Christian“ diese Passage ganz genau gemerkt hatte. Nun wurde auch Bastian Reinhardt dazu befragt, und er sagte: „Sportlich hätte er bei uns sicherlich auch eine gute Entwicklung nehmen können, aber es gab einige Faktoren, die das verhindert haben. Zuerst war es ganz sicher sehr gut für ihn, dass er nach Kaiserslautern ausgeliehen wurde, dort hat er schon eine gute Entwicklung genommen, die ich so bei uns nicht gesehen hätte. Für ihn ist es aber optimal gelaufen.“

Dann fügte der HSV-Sportchef an: „So viel ich weiß, wollte er nicht zum HSV zurück, sondern wollte unbedingt die Offerte von Leverkusen annehmen.“ Genau so war es. Auch ich habe mich kurz vor dem Ende der letzten Saison mit Sidney Sam unterhalten, und in diesem Gespräch sagte er mir, dass er nicht zum HSV zurück wolle, denn dort sei die Konkurrenz für ihn zu groß. Wobei er sicherlich nicht nur an Paolo Guerrero, Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy dachte, sondern auch daran, dass er in seinem „eigenen“ Verein (HSV) vielleicht immer noch als Lehrling angesehen werden könnte. So gesehen denke auch ich, dass Sam auch mit seinem zweiten Weg (von Kaiserslautern nach Leverkusen) alles richtig gemacht hat. Obwohl, das gebe ich zu, es schon sehr, sehr weh tut, dass er nun so super in und für Leverkusen wirbelt. Und sogar Tore schießt. Pracht-Tore! Sein 3:1 gegen Kaiserslautern hat beste Chancen, „Tor des Jahres“ zu werden. Ja, es tut weh, sehr doll sogar!

Zum Glück ist es mit Mladen Petric anders gelaufen. Er wollte weg, er sollte weg? Stuttgart war das Ziel, aber er blieb – unter welchen Umständen auch immer. Und er schießt und trifft nun wieder für den HSV. Und er jubelt auch fast schon wieder in alter Manier. Er spannt zwar noch keinen Bogen, um den imaginären Pfeil einzulegen, aber er jubelte hoch hinauf zur Tribüne. Wer auch immer dort saß, man merkte dem 2:1-Torschützen schon (s)eine Erleichterung an, durch solche Erfolgserlebnisse wird er das „Trauma Stuttgart“ ganz sicher bald ganz verdrängt haben. Übrigens: Mladen Petric war von allen Spielern, die am Sonnabend auf dem Rasen standen, der zweikampfstärkste! 76 Prozent. Nach ihm kamen mit Vorsah und Vukcevic zwei Hoffenheimer, die es auf „nur“ 60 Prozent brachten. Welch eine Überraschung!

Fazit von Reinhardt: „Eine Vorlage, ein Tor, ein wichtiger Sieg für uns, er hat sich sehr gut präsentiert, das hat er schon klasse gemacht.“ Generell befand der Sportchef: „Wir sind ein Team, wenn man da zu sehr lobt, dann hat man sehr schnell wieder einen Bruch nach unten – das haben wir in den letzten Wochen immer mal gemerkt. Man muss nicht immer einen oder alle zu sehr loben. Mladen ist ein wichtiger Spieler für uns, das haben wir immer betont, er hat es gezeigt, und ich hoffe, dass er es nun auch am Freitag zeigen wird. Aber das gilt auch für die gesamte Mannschaft.“

Der Wunsch des Sportchefs: „Die Einstellung und die Leistung, die wir gegen Hoffenheim in der zweiten Halbzeit gezeigt haben, in Dortmund und in den folgenden Spielen über 90 Minuten abrufen, das wäre es.“ Wohl wahr.

Und noch eines sagte Bastian Reinhardt: „Ich halte es für ausgeschlossen, dass wir Mladen Petric in der Winterpause zu einem anderen Verein ziehen lassen.“ Ich wiederhole es noch einmal, damit wir es in diesem Winter alle ganz genau wissen (und beobachten können): Ausgeschlossen.

Eine weitere Personalie, die ich schon angedeutet hatte: Pitroipa. Fast schon ein wenig unheimlich, wie seine Entwicklung voran gegangen ist. Kein anderer Hamburger kann in dieser Geschwindigkeit dribbeln. Und damit Lücken reißen, Torschüsse vorbereiten. Armin Veh hat dem einstigen „Sorgenkind“ sein volles Vertrauen ausgesprochen, und das hat dem guten „Piet“ offenbar Flügel verliehen. „Er hat es sich verdient. Er arbeitet unheimlich viel, tut auch viel nach hinten – er ist ganz einfach ein sehr fleißiger Spieler“, lobt Armin Veh. Und er fügt an: „Wir machen nur noch aus seinen Fähigkeiten noch zu wenig. Wir könnten da noch viel mehr draus machen, denn wie er die Gegner ausspielt, das ist ja sensationell.“

Zum personellen Stand: Veh rechnet nicht damit, dass einer der zuletzt fehlenden Verletzten zum Dortmund-Spiel zurückkehren wird. Frank Rost könnte es zum Auswärtsspiel in Hannover (eine Woche nach dem Dortmund-Spiel) schaffen, wahrscheinlich auch Marcell Jansen (Zehbruch). Eljero Elia läuft zwar wieder, aber es dürfte in seinem Falle noch bis zum Monatsende dauern, eher er wieder einmal auf dem Platz stehen kann. Veh: „Er ist ja dann, wenn er ins Mannschaftstraining einsteigt, noch lange nicht fit für ein Spiel. Wenn man Wochen ausfällt, dann dauert es meistens auch Wochen, bis man wieder spielen kann.“ Und dann fügte Armin Veh etwas an, was mich total begeistert (immer wieder, ich gebe es zu!): „Das ist bei jedem Spieler anders, aber David Jarolim ist ein Sonderfall. Es ist ja nicht normal, dass ein Spieler vier Wochen nach einem Muskelfaserriss schon wieder spielt, und dann sogar 90 Minuten. Das ist ein Sonderfall, das ist sonst nicht möglich – aber das ist eben Jarolim.“

Warum mich das besonders erfreut? Weil Armin Veh, als er in Hamburg sein Amt antrat, eigentlich nicht mehr viel mit „Jaro“ am Hut hatte. Im Geiste hatte der Trainer den Tschechen schon aussortiert – und dann diese Wende. Heute ist Veh schon so etwas wie ein Jarolim-Fan (für mich). Und das ist schon super, dass ein so gestandener Mann auch noch einmal seine Meinung ändert und sich eines Besseren belehren lässt.

Zurück zu den Verletzten. Wie lange Ruud van Nistelrooy noch fehlen wird, ist absolut offen, aber ich rechne eigentlich nicht mehr damit, dass der Niederländer noch in diesem Jahr ein Spiel für den HSV bestreiten wird. Weil Ein Muskelfaserriss an den Adduktoren eine ganz, ganz diffizile Geschichte ist. Und wo wir gerade dabei sind: Dennis Aogo fehlt ja schon die gesamte Saison, und noch ist nicht absehbar, ob und wann er wieder ins Mannschaftstraining einsteigen wird. Kommentar Veh: „Er fehlt uns ganz besonders, seine Verletzung trifft uns schon sehr. Ich hoffe aber sehr, dass er noch in diesem Jahr zurückkehren wird.“ Dann fügte Veh scherzhaft an: „Eigentlich müsste man den DFB verklagen – die Bayern machen es im Fall Robben ja auch . . .“

Um noch einen Blick Richtung Freitag zu riskieren: Armin Veh verriet über kommenden Gegner: „Dortmund ist eine junge Mannschaft, die viel laufen kann. Und es ist ein Team. Für mich der Titelfavorit Nummer eins, aber das habe ich schon vor Wochen gesagt.“

Veh sagt aber auch, was sich seine Mannen ganz genau merken sollten: „Wenn man mehr läuft als der Gegner, dann ist auch die Wahrscheinlichkeit größer, dass man das Spiel gewinnt.“

Bitte hört auf Euren Trainer, liebe HSV-Spieler!

19.46 Uhr