Tagesarchiv für den 7. November 2010

“Und jetzt eine Serie starten”

7. November 2010

Er konnte auch heute seine Freude nicht verbergen. Warum auch. Immerhin hatte David Jarolim bei seiner Rückkehr nach dem Muskelfaserriss großen Anteil an der besten Halbzeit seit Saisonbeginn. „Das muss ab jetzt unser Maßstab sein“, forderte der ehrgeizige Tscheche, der auf eine Erfolgsserie hofft. „Wir können jetzt eine Serie starten. Dafür fahren wir mit großem Selbstvertrauen nach Dortmund.“

Zurecht. Denn was die Mannschaft gegen Hoffenheim in der zweiten Halbzeit ablieferte, war – das haben wir hier im Blog auch ausreichend gewürdigt – ganz stark. Endlich war die Kampfbereitschaft da. Jeder bewies den Willen, den Fehler des Nebenmannes ausbügeln zu wollen. Die Mannschaft war endlich eine Einheit. Und sie hatte die Moral, sich aus einer wieder schwierigen Situation herauszukämpfen. „Nach dem Gegentor nach fünf Minuten war die Verunsicherung riesig“, gab Kapitän Heiko Westermann zu, „wir haben eben keinen Lauf.“ Deshalb erkämpfte sich die Mannschaft das Spiel. „Über den Kampf sind wir wieder reingekommen„, freute sich Piotr Trochowski, der wieder zu den Besseren gehörte. „Von Woche zu Woche gelingt mit mehr“, freute sich der dribbelstarke Rechtsfuß, „von Beginn an aufzulaufen gibt mir Selbstvertrauen und Kraft.“

Letzteres hatte in den ersten 45 Minuten Heiko Westermann aufbringen müssen. Nach einigen schwachen Szenen war es in der Imtech-Arena unruhig geworden, erste Pfiffe, auch gegen ihn als Einzelnen, waren zu hören, bis er in der 45. Minute den Ausgleich erzielte und nicht nur die Fans jubeln und das Pfeifen vergessen ließ, sondern auch für den Wendepunkt des Spiels sorgte. Immerhin hatte Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick seine Mannschaft bis dahin „klar das Spiel bestimmend“ gesehen – und damit nicht komplett falsch gelegen. Auch wenn ich eine derartige Überlegenheit nicht erkannt habe.

Egal wie, der Treffer setzte Kräfte frei. Und diese wird die Mannschaft auch brauchen, schließlich geht es am kommenden Freitag zum Tabellenführer nach Dortmund. Und was die im Moment spielen, ist stark. Auch heute wieder. Das muss ich neidlos anerkennen. Da sind einige Junge im Team, die Tempo machen. Von der ersten bis zur letzten Minute. Und es ist eine Mannschaft, die vom Motivator Jürgen Klopp in einen Rausch geredet wurde, ehe sie sich inzwischen auch in einen Rausch spielte.

Allerdings, und davon bin ich überzeugt, kann der HSV das auch. Spielerisch zeigte die Mannschaft gegen Hoffenheim, dass sie diesbezüglich zu den Besten der Liga gehört. Auch wenn mir manchmal das läuferische Tempo fehlte, schafften Zé Roberto und Co. es, über geschicktes, wirklich hochgradig technisch versiertes Kombinationsspiel gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Und das endlich mal konsequent über die gesamte zweite Halbzeit. Wenn Mladen Petric, Heung Min Son oder am besten auch noch Jonathan Pitroipa ihre Torgefahr wiederentdecken, kann das ein hervorragendes Rezept für kommende Siege werden.

Aber bevor wir hier kollektiv in verfrühte Euphorie verfallen, liegt mir noch ein anderes Thema am Herzen: Son. Der Junge ist fabelhaft. Im Training mit Feuereifer dabei, im Spiel erfrischend und nach dem Spiel selbstkritisch. „Nein“, war seine kurze Antwort auf die Frage, ob er zufrieden war mit seinem Kurzeinsatz. Er wusste, dass er ein Tor hätte machen müssen. Er wusste, dass er zu viele kleine Fehler in seinem Spiel hatte. Er weiß aber auch, dass er noch viel Zeit vor sich und viel zu lernen hat. Und diese Zeit sollten wir ihm geben. Bedingungslos. Dazu gehört auch, dass wir ihn nicht jetzt schon zum Heilsbringer stilisieren dürfen. Auch ich muss mich da immer wieder hinterfragen, ganz klar. Denn das kann er (noch) nicht sein. Das wäre auch Druck, der nicht nur zu früh käme, sondern in der Entwicklung auch hinderlich sein kann. Eben einfach unnötig.

Dafür haben wir andere Baustellen. Stichwort: Defensive. Aber das spare ich hier heute mal aus. Das hatten wir gestern ausführlich – und das habt Ihr in allen Facetten diskutiert. Zudem bin ich mir ganz sicher, dass sowohl das Trainerteam als auch Westermann und Mathijsen wissen, dass es hier nachzubessern gilt.

Womit ich diesen Blog für heute beschließen will. Dieses Spiel ist ebenso erfreulich wie inzwischen erzählt. Und es hat drei klare Erkenntnisse gebracht: Diese Mannschaft hat Moral. Diese Mannschaft hat das Potenzial, was zuletzt nur erwähnt aber nicht gezeigt wurde. Und diese Mannschaft ist eine Einheit. Wenn sie es will. Wir lesen und hören uns morgen wieder.

In diesem Sinne, ein noch immer hoch erfreutes: Nur der HSV!

17.32 Uhr