Tagesarchiv für den 6. November 2010

2:1 – was für eine Leistungssteigerung!

6. November 2010

Was für ein Nachmittag im Volkspark. Endlich mal wieder mit einem Sieg. Herausgespielt, als die ersten der insgesamt 54 162 Anhänger im Stadion schon angefangen hatten, die eigene Mannschaft auszupfeifen. Herausgespielt mit einer Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit, die den HSV zum 2:1-Sieger kürte. Und das völlig verdient. Und bevor ich hier über ein mir echt auf dem Herzen liegendes Thema (Jonny) schreibe, erstmal der schöne Teil des heutigen Tages:

Lange die Null halten. So hatten wir es vorher aus dem Munde eines jeden HSV-Spielers gehört. Und? Na ja, immerhin fünf Minuten hielt es. Bis der der Pullacher mit dem gelben Hemd eine Idee hatte: er pfiff zum Erstaunen aller im Stadion Elfmeter. Pitroipa soll Demba Ba umgecheckt haben. Allerdings, und das zeigen die TV-Bilder ebenso deutlich wie es eigentlich auch in Echtzeit im Stadion zu sehen war: das war Körpereinsatz. Mehr nicht. Salihovic war es naturgemäß egal und er verwandelte das von Günter Perl offerierte Geschenk sicher zum frühen 0:1 aus HSV-Sicht.

Was sich in der ersten Halbzeit auf dem Rasen abspielte, war an Hilflosigkeit schwer zu überbieten. Trochowski war zwar viel unterwegs, ebenso Guerrero und Pitroipa über die Außen – aber Chancen ergaben sich kaum. Einzig das Missverständnis von Hoffenheims Torwart Haas und Beck sorgte für Gefahr, doch Guerrero konnte den gekonnt gelupften Ball nicht mehr vor der Torauslinie erreichen.
Allerdings, und darüber darf an diesem Tag auch das Ergebnis nicht hinwegtäuschen, was sich diese HSV-Defensive leistet, ist erschreckend. Nein, nicht nur erschreckend, das war schon peinlich in der ersten Halbzeit. Insbesondere Heiko Westermann leistete heute 45 Minuten lang einen Offenbarungseid. Kaum einen Zweikampf gewonnen, in der Zentrale (wieder!) ohne Abstimmung mit seinen Nebenleuten und am Ball – oha, dazu sage ich lieber nichts. Aber es wirkte schon so, als hätte er einen bitteren Streit mit der „Torfabrik“ auszufechten.

Und als die Fans auch die letzte Geduld verloren hatten, sogar Westermanns Ballkontakte von ersten Pfiffen begleitet wurden, zog der HSV-Kapitän in der letzten Minute der ersten Halbzeit den letzten Joker, der ihn zumindest in die Halbzeit retten konnte: er traf zum 1:1. Keine Pfiffe auf dem Weg in die Kabine – und das obwohl die Stimmung in der Imtech-Arena ebenso fragil wirkte wie die HSV-Abwehr.

Was mir fast genauso viele Sorgen macht wie die schwache Defensive ist, wie auffällig langsam der HSV (Ausnahme: Pitroipa) im Vergleich zu den Kanten aus Hoffenheoim war. Mlapa und insbesondere Ba wussten über die kompletten 90 Minuten ihre Gegenspieler – ob Westermann, Mathijsen, Zé Roberto oder Demel! – zu überlaufen. Der HSV? Nichts. Petric ist und wird ganz sicher kein Sprinter, Jarolim und Trochowski ebefalls nicht. Und Kacar schon gar nicht. So Leid es mir für den bemühten Serben auch tut, aber da ist nicht nur Luft nach oben, da ist dringend Nachholbedarf.

Nur gut, dass ein Fußballspiel zwei Halbzeiten hat. Jetzt wachte der HSV offensiv auf. Plötzlich war es Hoffenheims Defensive, die mächtig wackelte. Mal ausgespielt, mal mit langen Bällen und Standards in Verlegenheit. Das 2:1 schien nur eine Frage der Zeit, denn der HSV erspielte sich endlich Chancen. Unterbrochen nur von Perl, der seinen nächsten groben Fehler machte. In der 52. Minute ist Petric frei durch, wird von Compper gefoult – und Perl zückt nur Gelb. Dabei wäre der Kroate frei durch, wäre auch an den Ball gekommen. Ergo: Eine Rote Karte wäre die einzig logische Konsequenz gewesen. Genau so wie die zweite Gelbe für Compper in der 75. Minute fällig gewesen wäre. Dafür pfiff Perl in der 76. Minute Ba zurück – obwohl Demel die Abseitsfalle aufgehoben hatte und Ba durch gewesen wäre.

Nun denn. Wenigstens perlte jetzt das HSV-Spiel. Und das fast im Minutentakt. Angeführt von dem Mann, den ich schon in den letzten Wochen über den Klee gelobt hatte: Jonathan Pitroipa. Der Junge macht mit immer mehr Spaß. Wie der die Hoffenheimer links und rechts und in der Mitte und egal wo stehen ließ – sensationell. Ich weiß nicht, was die Vorgänger von Armin Veh falsch gemacht haben, aber so eine Leistungsexplosion wie von Pitroipa kommt nicht von ungefähr.

Ähnlich Gutes bekamen wir zuletzt von Heung Min Son zu sehen. Der kam in der 73. Minute für Pitroipa. Und er reihte sich nahtlos ein. Was glaubt Ihr, wäre passiert, wenn dieser Südkoreaner in der 78. Minute getroffen hätte? Da tauchte der mit einem neuen Vertrag bis 2014 ausgestattet Angreifer plötzlich völlig frei vor Hoffenheims Keeper Haas auftauchte – und verzog. Bei all dem Hype um ihn hätte man in Hamburg wahrscheinlich neue Superlative erfinden müssen. Stattdessen wurden es sehr lehrreiche 17 Minuten für den insgesamt eher unglücklich agierenden Son.

Einen Superlativ verdiente sich allerdings die zweite Halbzeit. Die zweiten 45 Minuten wussten für vieles zu entschädigen. Endlich war das zu sehen, was unter der Woche von Spielern und Trainerteam eingefordert worden war. Einsatz, jeder lief für seinen Nebenmann, die Mannschaft war endlich eine Einheit. Und, fast noch wichtiger, sie traf. Guerrero bedient Zé Roberto über links, dessen Flanke verwandelt Petric per Kopf – das verdiente 2:1.

Verdient, weil sich der HSV gefangen hatte. Nach ersten Pfiffen in der ersten Halbzeit verdiente sich die Mannschaft stehende Ovationen. Und weil hier immer wieder über Charakter gesprochen wurde, müssen wir so fair sein und den Hut ziehen für diese zweite Halbzeit, für diese Leistungssteigerung in einer alles andere als leichten Situation für den HSV. Einzig das I-Tüpfelchen, der dritte Treffer, wollte trotz bester Gelegenheiten nicht fallen.

Trotzdem bleibt festzuhalten, dass Drobny endlich nur einen (mal wieder unhaltbaren) Gegentreffer kassierte. Dass Demel über rechts solide wirkte. Dass die beiden Innenverteidiger weiter Abstimmungsschwierigkeiten haben und Zé Roberto alles spielen kann. Es zeigte uns, dass Kacar noch Nachholbedarf hat, dass Jarolim nach 20 Minuten ins Spiel gefunden hatte und, das freut mich besonders, dass Piotr Trochowski endlich das zeigt, was wir von ihm fordern. Der Nationalspieler gefiel durch seine Lauffreudigkeit und überdurchschnittlich viele kluge Pässe. Zudem hat der HSV mit Pitroipa und Guerrero zwei formstarke Außenstürmer und mit Mladen Petric einen – so ist ja auch sein Spitzname – echten Knipser.

Und vor allem hat der HSV in der Tabelle den Abstand zu den Champions-League-Rängen verkürzt. Ein Sieg, der hoffentlich nur der Anfang einer tollen Serie sein wird.

Um dann doch einmal – so schwer es mir gerade fällt – weg von diesem Fußball-Sonnabend zu kommen: Vielen, vielen Dank für diesen wunderschönen Abend. Ich bin immer noch von den Socken, weil es ganz einfach herzlich, harmonisch, stimmungsvoll, nett und freundlich war. Was mir unheimlich gefiel: Es waren mehr „Matz-abber“ aus der gesamten Republik in die Raute gekommen, als aus Hamburg. Dass einige User dann kurz vor Mitternacht vergaßen, ihre Rechnungen zu begleichen, war zwar nicht eingeplant, aber es war eben so. Schade. Und wie großartig, dass es solche feinen Menschen wie „Bommel“ gibt, die ohne mit der Wimper zu zucken ihre Geldbörse aus der Hose ziehen . . . Vielen Dank, lieber „Bommel“, zumal Du mir verziehen hast, dass ich Dich nach Köln „versetzte“. Sorry nochmals. Übrigens hat nicht nur „Bommel“ eine fremde Rechnung beglichen, sondern auch ich. Aber davon möchte ich jetzt nicht erst anfangen.

Trotz allem: Es war grandios. Und wird natürlich eine Fortsetzung erfahren. Aber erst einmal sacken lassen. Herrlich auch das „Gelage“ bei strömendem Regen vor der Arena, als „Kuri“ sein „Dankeschön-Bier“ aus dem Kofferraum holte. Das hatte schon was. Sehr viel sogar.

Erfreulich auch, dass die Gäste so gut „passten“. Auch sie haben viel zum Gelingen des Abends beigetragen, vielen Dank dafür.

Komme ich dann zum Unerfreulichen Teil dieses Treffens. Ich wollte in meinen einleitenden Sätzen kein Moral-Apostel sein, als ich darum bat, künftig freundlicher miteinander umzugehen. Nicht sofort in die Luft gehen, wenn einmal ein böses Wort fällt, nicht zurück pöbeln, nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Und dann diese fürchterliche Entgleisung. Wahnsinn. Mir fehlen die Worte. Und ich sage ganz klar: Das darf einem erfahrenen Mann ganz einfach nicht passieren! Ganz klar. Und deswegen bin ich natürlich maßlos von „Jonny“ enttäuscht. Fünf Minuten aus dem Haus, und schon alles vergessen. Ich kann es einfach nicht verstehen, dass man sich eines solchen Tons befleißigen muss. Ich bin fassungslos. Wie oft wurde mir (nicht nur von Jonny, aber auch von ihm) versprochen, sich künftig zu mäßigen, sich ab sofort mehr (und mehr) zusammenzureißen.

Mir fehlt das Verständnis, und zwar total, und ich habe auch keine Lust mehr auf einen solchen Mist. Das sage ich klar und deutlich. Und ich wäre froh, wenn sich Jonny künftig nicht mehr äußern würde. Ansonsten wird es Maßnahmen geben. Es kann doch nicht angehen, dass jeder „Architekt“ hier vom Platz gefegt wird, und ansonsten nichts geschieht. Es wird etwas geschehen, das verspreche ich hiermit. Und es wäre meiner Meinung nach angebracht, wenn in diesem Falle auch einmal eine Entschuldigung, die nicht einmal öffentlich gemacht werden müsste, erfolgen würde.

Bei der Gelegenheit: Gravesen hat genau so reagiert, wie ich es mir in meiner gestrigen Ansprache gewünscht und erhofft habe. Kompliment.

Wie schade, dass ich das alles nach einem so schönen Abend schreiben muss. Es ist ein Schock für mich, es tut mir weh. Und ich möchte alle „Matz-abber“ nur noch einmal ganz eindrücklich darum bitten, fair und freundlich miteinander umzugehen. Bitte, bitte, bitte.

In diesem Sinne, auf den HSV, auf die Freundschaft, auf uns!

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