Tagesarchiv für den 5. November 2010

“Systemlich” gegen Hoffenheim Serie starten

5. November 2010

Systemlich – das Wort kannte ich noch nicht. Klingt aber irgendwie gut. Kommend von Mladen Petric, beschreibt es zudem DAS Thema beim HSV vor dem Spiel morgen gegen die TSG Hoffenheim. Beziehungsweise, es beschreibt vielmehr, was am meisten beim HSV diskutiert werden muss. „Wir haben das Problem, dass wir viele Verletzte haben und unser Spiel systemlich anpassen müssen“, weiß Petric, der sich selbst als Verfechter des klassischen 4-4-2 sieht. „Mit zwei Spitzen fühle ich mich sehr wohl, zumal ich finde, dass das bei uns zuletzt super geklappt hat.“ Ob sich Mladen, der den heutigen Härtetest reibungslos bestanden hat, dann auch im 4-3-3-System wohlfühlen wird?

Das nämlich wurde gestern und heute trainiert. Dabei agieren Trochowski und Kacar auf den Halbpositionen mit Jarolim in der Mitte und davor spielen von links Paolo Guerrero, Petric und Jonathan Pitroipa. Nach den viel diskutierten Defensivproblemen eine etwas überraschend offensive Ausrichtung. Findet Petric allerdings nicht. „Wir haben kein generelles Defensivproblem“, so der Kroate, „wir machen nur in entscheidenden Szenen Fehler, die zu Toren führen. Das heißt aber nicht, dass wir ansonsten blind gestürmt und die Defensivbewegung vernachlässigt haben. Oder sind wir irgendwo simpel ausgekontert worden?

Nein. Außer in Frankfurt, als der HSV hinten aufmachte um ein 2:4 noch umbiegen zu wollen, war das tatsächlich nicht. Stattdessen patzten einzelne Spieler und im Verbund führte das zu Niederlagen. Klingt einfach, ist aber schwer auszumerzen. Schließlich macht keiner der Spieler absichtlich diese Fehler. Was also ändern? „Wir haben über die individuellen Dinge gesprochen“, sagt Petric und Trochowski fügt hinzu: „Unser Ziel muss sein, Fehler zu minimieren und wenn jemand einen Fehler macht, dass der Nebenmann sie wieder ausbügelt.“ Das ist zumindest der Maßstab, der echte Mannschaften von einer Anhäufung Individualisten unterscheidet.

Einen Unterschied soll auch der Rasen ausmachen. Ich habe mich heute – genau wie alle zum Matz-Ab-Treffen erschienenen Blogger – von dem tollen Untergrund überzeugen können. Der Rasen ist nagelneu verlegt, der Unterboden komplett gewalzt und die Rasenkanten der einzelnen Rasenrollen wurden heute noch mal mit kleinen Rasenmähern vom Greenkeeping-Team gemäht. Mehr geht wirklich nicht.

Dabei weiß ich gar nicht, für wen das ein wirklicher Vorteil ist. Immerhin zähle ich Hoffenheim zu den schnellsten Teams der Liga. Die haben nicht nur ein gepflegtes Passspiel, die sind auch offensiv unheimlich gut besetzt und beherrschen das Konterspiel par Excellence. „Schneller geht es kaum“, weiß Trochowski, „die haben einfach ein gutes Konzept, sind vorn und bei Kontern unheimlich stark.“ Aufhalten will Veh die Kraichgauer mit einem sehr variabel angelegten 4-3-3-System. Denn, das nur für die großen Theoretiker unter uns, dieses System ist schnell auf ein 4-2-3-1-, ein 4-3-2-1- oder auch ein 4-4-2-System umgestellt, denn spielerisch hat Veh alle Zutaten auf dem Platz. Ich sage das nur, weil selbst unter meinen Kollegen zuletzt nicht immer Einverständnis herrschte, was das trainierte System betraf.

Aber davon mal ab wage ich es, gedämpft Optimismus zu verbreiten. Petric will und muss seine Chance als Spitze nutzen, Trochowski ist im Training ebenso wie Paolo Guerrero und die gesamte Viererkette gut drauf. Dazu gesellt sich David Jarolim, der – kaum wieder gesund – auf dem Platz sofort das Kommando übernahm. Jaro kommandierte, grätschte, lief – kurzum: er verkörperte genau das, was dem HSV zuletzt gefehlt hat. Wenn Jaro jetzt auch noch Tore machen würde, kaum auszudenken…

Dafür sind beim HSV jedoch andere zuständig. Zuletzt auch Heung Min Son, den Trainer Armin Veh offensichtlich vorerst auf der Bank lassen wird. Im Training zumindest agierte der Südkoreaner, der gestern seinen Vertrag bis 2014 verlängert hat, stets im Reserveteam. Hintergrund: Gegen Köln hatte Son nach 75 Minuten keine Luft mehr. Deshalb – und weil Son nicht groß rummault und bei seiner Einwechslung „brennen“ würde – setzt Veh auf Guerrero statt Son.

Apropos Vertrag, heute traf ich an der Imtech-Arena Gordon Stipic, den Berater von Ivica Olic und – das ist für uns viel entscheidender, der Berater von Dennis Aogo. Der Linksverteidiger, der noch immer an den Folgen einer Leistenoperation laboriert, soll in den nächsten Wochen seinen Vertrag beim HSV verlängern. „Wir führen jetzt erste Gespräche, denen sicher noch einige folgen werden.“ Doch schon vor Wochen hatten sowohl Aogo als auch HSV-Sportchef Bastian Reinhardt erklärt, weiter miteinander arbeiten zu wollen. „Ich glaube auch, dass wir das hinkriegen“, so Stipic.

Egal wie, im Profifußball zählt das Kurzfristige. Und das ist eindeutig das Spiel gegen Hoffenheim. Trochowski setzt auf eine Serie, damit man tatsächlich oben ran bleibt. Und Petric warnt vor noch sieben Endspielen bis zur Winterpause. „Es gibt für uns kein Spiel mehr, wo wir mit einem Punkt zufrieden sein können“, so der Kroate, der heute müde wirkte. „Herbstdepression“, scherzte er und erklärte: „Ich bin einfach etwas müde. Aber das gilt nur für heute. Morgen bin ich wieder da.“ Aller Voraussicht nach mit schmerzstillenden Mitteln und einem besonders stark getapeten linken Fußgelenk.

Was bleibt mit noch zu sagen, was ich im Laufe dieser langen Woche noch nicht gesagt habe? Ich hatte lange überlegt, hier noch mal über das bittere 1:5 in Hoffenheim zu schreiben. Ich habe dazu auch einige Spieler befragt, die mir eigentlich alle die gleichen Antworten gaben. Es sei der absolute Tiefpunkt gewesen, sagten sie. Einige sprachen davon, dass zu dem Zeitpunkt der Partie in Hoffenheim beim HSV intern alles „drunter und drüber“ ging (O-Ton Trochowski).

Aber letztlich muss ich ehrlich sagen, habe ich keine Lust mehr, vor diesem wirklich sehr wichtigen Spiel Pessimismus zu verbreiten. Ich setze lieber auf die Heimbilanz gegen Hoffenheim. Und da haben wir in zwei Spielen (0:0 und 1:0) kein einziges Gegentor bekommen. Sollte uns das morgen wieder gelingen, wäre das schon die halbe Miete. Denn einen Treffer erzielen wir. Da bin ich mir sicher.

In diesem Sinne: Nur der HSV!