Tagesarchiv für den 3. November 2010

Besic wäre den Versuch wert

3. November 2010

Das kann‘s doch einfach nicht mehr sein! Collin Benjamin muss wegen eines Muskelfaserrisses passen, das wissen wir seit Dienstag. Wobei sich die daraus resultierende Frage, wer hinten rechts spielt, noch immer nicht geklärt hat. Aber dazu später mehr. Wichtiger ist, dass sich heute auch Mladen Petric verletzte, als er ohne Fremdeinwirkung umknickte. Zudem stellte sich heraus, dass die Adduktorenprobleme von Ruud van Nistelrooy auf einen Muskelfaserriss zurückzuführen sind. Und während die ärztliche Abteilung bei Petric auf eine Heilung über Nacht hofft und vorerst abwartet, fällt van Nistelrooy mindestens die nächsten zwei Wochen aus. Bitter. Bitterer. HSV…

Dabei hatten wir letzte Serie schon gedacht, wir hätten eine Ausnahmesituation bei der unglaublichen Anzahl von Verletzten. Mit Alex Silva, Collin Benjamin und Paolo Guerrero gab es damals zu Saisonbeginn gleich drei Kreuzbandrisse. Das war schon das erste ligaweite Alleinstellungsmerkmal. Zudem verletzte sich anschließend Mladen Petric schwer, bevor auch Eljero Elia, Marcell Jansen und Zé Roberto langfristig passen mussten. Eine Verletztenmisere, wie sie bis dato beim HSV nie dagewesen war. Und dass sich das in dieser Saison wiederholt, vielleicht am Ende sogar noch dramatischer wird, schien unmöglich. Das glaubten selbst die übelsten Pessimisten nicht. Mehr Pech ging ja auch nicht.

Dabei stellt sich mir die schwer zu beantwortende Frage: ist das wirklich nur Pech? Um eines vorwegzunehmen, ich bin kein Arzt und maße mir ganz sicher nicht an, medizinische Urteile abgeben zu können. Nein, ich hangele mich ausschließlich an den Aussagen der Verantwortlich längs. Und da muss ich sagen, immer wieder haben die HSV-Profis über den zu harten Trainingsrasen neben der Imtech-Arena, über das zu weiche Grün in der Imtech-Arena und selbst über die medizinische Abteilung (zuletzt Eljero Elia) geschimpft. Und während bei Bruno Labbadia in den kalten Tagen oft gestanden wurde, die Muskulatur so kalt wurde, geben das die hiesigen Temperaturen noch nicht her. Was also ist das Problem?

Veh selbst flüchtet sich in Sarkasmus. Er sagt: „Vielleicht müssen wir mal die Auswirkungen der Mülldeponie auf unsere Spieler untersuchen lassen.“ Allerdings gehe ich einen Schritt weiter und behaupte, der HSV muss sein komplettes medizinisches System hinterfragen. Ich weiß, dass der HSV auf dem Gebiet sorgfaltspflichtiger arbeitet als die meisten Bundesligisten. Die haben inzwischen Apparaturen, die die Belastbarkeit deines Körpers vom kleinen Zeh bis zur Nackenmuskulatur detailliert über längere Zeiträume messen. Da werden in kurzen Abständen Laktattests gemacht und für jeden Einzelnen spezielle Ernährungspläne erstellt, um Mineralien- und Vitamin-Mängel auszugleichen. Umso wichtiger dürfte es sein, dieser Arbeit ihren Lohn zuzuführen und – auch wenn es etwas kostspieliger ist – mit allen wissenschaftlichen Mitteln herauszufinden, woran es liegt. Auch auf die Gefahr hin, dass am Ende das Ergebnis steht: „Alles einfach Pech.“

Aber gut. Oder nicht gut. Aber es ist für den Moment eben nicht mehr zu ändern. Die Partie gegen Hoffenheim steht bevor, danach geht es zum Tabellenführer nach Dortmund. Zwei Aufgaben, die an Schwere kaum zu überbieten sind. Da gilt es, schnell neue Lösungen zu finden. Womit ich bei Muhamed Besic bin. Das hoch gelobte Talent absolvierte heute seine erste Runde mit uns Journalisten. Und sollte er bei seiner Premiere auf dem Platz auch so gewinnend sein, steht uns eine noch größere Freude bevor, als wir eh schon dachten. Besic ist kein Stück abgehoben, hat den Schalk im Nacken und ist extrem ehrgeizig. Irgendwie ein erfrischender Typ, der Hoffnung macht. Zumal er bescheiden bleibt, auch wenn er vom Trainer dauerhaft gelobt wird. „Natürlich ist das schön zu hören“, sagt der in Berlin geborene Sohn bosnischer Eltern, „aber ich muss Geduld haben. Irgendwann bekomme ich meine Chance.“

Danach offenbarte Besic uns noch ein kleines, aber hoch interessantes Geheimnis, das ihm einen Einsatz deutlich näherbringen könnte. „Ich bin eigentlich ein Außenverteidiger“, so der Rechtsfuß, der beim HSV bislang in den Testspielen nur in der Innenverteidigung eingesetzt wurde. Ob er sich vorstellen könnte, schon gegen Hoffenheim die vakante rechte Seite zu übernehmen. „Natürlich will ich spielen – und das dort, wo der Trainer mich hinstellt. Insofern auch auf dieser Position.“

Besic hat noch die gewisse Portion Demut, die den jungen Fußball-Millionären von heute oftmals abgesprochen wird. 2009 in die HSV-A-Jugend gewechselt, hat er in diesem Sommer seine Schule nach der elften Klasse abgeschlossen. „Vorläufig, um mich voll auf den Fußball konzentrieren zu können“, erklärt Besic, der kurz vor Ende der Saison 2009/2010 von seinem damaligen A-Jugendtrainer Soner Uysal gesagt bekam, dass er die Vorbereitung 2010/2011 bei den Profis mitmachen würde. „Ich will aber mein Fachabitur später noch nachmachen“, verspricht Besic, der noch immer zusammen mit Heung Min Son im Internat Ochsenzoll wohnt und sich für die bosnische Nationalmannschaft entschieden hat, weil es für ihn „eine Herzensangelegenheit“ sei.

Angesprochen auf seine Ziele, formuliert der 18-Jährige so einiges. Aber: alles immer mit dem HSV. Titel? Klar, aber vor allem steht, „erst mal in der Bundesliga Fuß zu fassen“, sagt Besic. Um dahin zu kommen, holt er sich Tipps bei erfahrenen Profis aus der Mannschaft, insbesondere bei Joris Mathijsen, der seinerseits viel von dem jungen Besic hält. „Muhamed ist ehrgeizig, geduldig, lernwillig und arbeitet jede Trainingseinheit mit 100 Prozent“, lobt Mathijsen, „er hat alles, um es ins Profiteam zu schaffen.“ Ein Beispiel: Selbst als Besic beide Arme in Gips hatte, trainierte er. Er trug sogar ein Tor freiwillig mit. Das kommt bei seinen Kollegen gut an…

Und um bei den Komplimenten zu bleiben, komme ich heute noch mal auf Jonathan Pitroipa. Der Junge hat sich unter Armin Veh mächtig gemausert. Er zählt seit Saisonbeginn zu den konstantesten Profis und sorgte zuletzt für ne Menge Torgefahr. Hätten die Schiedsrichter eine bessere Sicht (ich will es mal ganz diplomatisch so formulieren) auf die Dinge gehabt, hätte Pit auch noch zwei, drei Elfmeter herausgeholt. „Und die wären alle berechtigt gewesen“, erzählte der Gefoulte selbst. Er habe inzwischen das Gefühl, bei den Schiedsrichtern in Ungnade gefallen zu sein. „Offensichtlich habe ich keinen guten Ruf. Dabei kann ich wirklich nichts dafür. Wenn ich in vollem Tempo bin und einen kleinen Schlag kriege, kommt jeder Spieler aus dem Gleichgewicht. Dann kann man nicht normal weiterlaufen.“ Umso erfreuter war er, als sich der Trainer nach dem Köln-Spiel für ihn einsetzte und Gleichbehandlung für den Außenstürmer aus Burkina Faso einforderte.

So verärgert Pitroipa über die Schiedsrichter ist, so zählt er trotzdem zu denen, die sich wohl am meisten auf den nächsten Gegner freuen. Immerhin schaffte er am 4. April 2009 nicht nur seinen ersten Bundesligatreffer gegen Hoffenheim, sondern sorgte so auch für den 1:0-Sieg, den einzigen Bundesliga-Erfolg des HSV gegen die TSG. „Ein tolles Spiel“, erinnert sich Pitroipa, „Troche hatte mir einen super Pass gespielt und ich den Ball nicht richtig getroffen. Zum Glück fiel er mir wieder vor die Füße und ich konnte ihn reinmachen.“

Allerdings erinnerte sich Pitroiopa auch an das letzte Aufeinandertreffen bei den Kraichgauern am 25. April 2010. Wenn auch sehr ungern. „Wir lagen schnell 0:3 zurück“, sagt Pitroipa und winkt ab: „Aber ich will nicht mehr an die Vergangenheit denken.“ Verständlich – immerhin absolvierte er nur drei Ligaspiele über die kompletten 90 Minuten. Warum alles besser ist? Pitroipa eindeutig zweideutig: „Dieses Jahr habe ich einen Trainer, mit dem ich mich verstehe, der mir vertraut.“ Mehr wollte er lieber nicht zu seiner HSV-Vergangenheit sagen. Aber er klar war: er und Labbadia werden in diesem Leben wohl keine Freunde mehr.

Das gilt ziemlich sicher auch für Zé Roberto. Der Brasilianer, der in der vergangenen Saison immer wieder mit dem Trainer aneinandergeraten war und nach einem fulminanten Start beständig abbaute, ist wieder da. Nach seinem grippalen Infekt, der ihn in Köln außer Gefecht gesetzt hatte, soll er gegen Hoffenheim hinten links den weiter verletzten Marcell Jansen (Zehbruch) ersetzen. Für ihn rückt aller Voraussicht nach David Jarolim wieder in die Startelf. Zumindest ließ Veh heute im Training Kacar und Jarolim als Sechser spielen, während davor von links Guerrero, Trochowski und Pitroipa hinter der einzigen Spitze, Mladen Petric, aufliefen. Auffällig hierbei war vor allem, wie aktiv Jaro seine Nebenleute stellte, dirigierte und durchgehend anfeuerte. Der Mann scheint seinen großen Worten („Wir müssen mehr als Einheit auftreten, mehr für den Nebenmann arbeiten“) Taten folgen zu lassen.

Und noch etwas wurde klar: Veh hat sich noch nicht entschieden, wen er hinten rechts spielen lassen will. Im Abschlusspiel zehn gegen zehn ließ er im vermeintlichen A-Team (Drobny – Westermann, Mathijsen, Zé Roberto – Jarolim, Kacar – Pitroipa, Trochowski, Guerrero – Petric) die vakante Position unbesetzt. Womit wir wieder bei Besic wären. Nicht wenige setzen auf den jungen Deutsch-Bos. Und sollte Petric tatsächlich ausfallen, käme auch Son für den dann wohl wieder in die Spitze rückenden Guerrero in Frage. Dann hätten wir das erste Mal die Talent-WG zusammen. Warum auch nicht? Son hat gegen Köln offensiv überzeugt – und Besic würde im Moment hinten rechts ein vergleichsweise leichtes Erbe antreten. Einen Versuch ist es allemal wert.

Nur der HSV!

19.17 Uhr

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