Tagesarchiv für den 2. November 2010

Ruud angeschlagen – und Jaro schlägt Alarm

2. November 2010

Das sah nicht gut aus. Als sich Ruud van Nistelrooy heute Nachmittag in den Adduktorenbereich fasste, musste Bösestes vermutet werden. „Es sind die Adduktoren„, bestätigte Trainer Armin Veh anschließend. Allerdings konnte gestern noch keiner sagen, ob der niederländische Hoffnungsträger auch für das Hoffenheim-Spiel am Sonnabend ausfällt, oder ob Ruuds Trainingsabbruch „nur“ eine gelungene Vorsichtsmaßnahme war. Deshalb zwinge ich mich im Folgenden, den positiven Ausgang vorauszusetzen. Alles andere wäre zu frustrierend.

Zumal mir die heutigen Trainingseinheiten gefallen haben. Da war Feuer drin. Nach 45 Minuten Aufwärmen, das rund 25 Minuten kurze und längere Sprints beinhaltete, wurde morgens auf kleine Tore gespielt. Ziel war es, so durch ein kleines Stangentor zu passen, dass auf der anderen Seite ein Mitspieler den Ball annehmen konnte. Gelang dies, zählte es als Tor. Dabei sah es zuerst so aus, als ließe Veh schon früh, nämlich bei der ersten Einheit der Woche auf dem Platz, erahnen, wie seine Startelf am Sonnabend aussehen könnte. Zumindest in großen Teilen. Denn ins orange Team steckte er Collin Benjamin, Joris Mathijsen, Heiko Westermann, Zé Roberto, Gojko Kacar, David Jarolim, Jonathan Pitroip, Mladen Petric, Ruud van Nistelrooy und – Änis Ben-Hatira. Nicht dabei waren Paolo Guerrero sowie die beiden ersten Alternativen für Ben-Hatira, Piotr Trochowski und Heung Min Son. „Das war eher zufällig gewählt“, erklärte Veh anschließend, bevor er die bittere Nachricht verkündete, dass sich Collin Benjamin nach seinen überstandenen Knieproblemen heute einen Muskelfaserriss zugezogen hat und gegen Hoffenheim ausfallen wird.

Nachmittags setzte Veh, der Zé Roberto schonte und im Kraftraum arbeiten ließ, auf den Turniereffekt. Der Trainer teilte drei Sechserteams (Zusammenstellungen und Ergebnisse könnt Ihr am Textende nachlesen) ein und ließ sie auf einem verkürzten Spielfeld je zwei Mal gegeneinander spielen. Ergebnis waren sehr laufintensive, von vielen kleinen Zweikämpfen und schönen Treffern geprägte Spiele. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: da war wirklich Feuer drin, da machte das Zusehen Spaß. Zumal Veh keine Gelegenheit ausließ – weder vor- noch nachmittags –, seinen Spielern verbal Feuer zu machen, sie unermüdlich zu Zweikämpfen und erhöhte Laufbereitschaft aufforderte.

Und obwohl alle mitzogen, wirkte Veh nach Nachmittagstraining geknickt. Zum einen hatte Ruud wie oben beschrieben abgebrochen, zum anderen musste Collin Benjamin mit einem Muskelfaserriss passen. Bitter für Veh. Bitter für den HSV, der rechts wieder ein Vakuum hat. Aber am bittersten für Collin, der nach einem Jahr ohne große Einsätze erstmals eine gute Chance auf einen Stammplatz hätte.

Collo tut mir wirklich leid. Er zählt mit Sicherheit zu den Profis mit der größten Identifikation mit dem Klub, er ist der Dienstälteste. Und er ist menschlich eine glatte eins. Das sage nicht nur ich aus der Sicht des Reporters, sondern das scheint auch einhellig die Meinung seiner Mannschaftskollegen zu sein. Jetzt wie in den vergangenen Jahren. Warum ich den Jungen so lobe? Ganz einfach: Nachdem wir uns in den letzten Tagen und Wochen immer wieder mit Charakterfragen beschäftigen mussten, wollte ich auch ein personifiziertes Gegenbeispiel nicht unerwähnt lassen. Zumal vieles daraufhin deutet, dass diese Saison Collos letzte wird. Leider.

Aber okay, kommen wir schnell wieder zurück zu den Fakten. Und die beinhalten auch gute Nachrichten. Zé Roberto kehrt zurück. Sicher. Und während Ruud wie gesagt wackelt, ist auch David Jarolim wieder zurückgekehrt. Mit einem Paukenschlag sogar. Der Tscheche wirkte heute schwer genervt, er musste seinem Frust und seiner Verärgerung Luft machen. „Obwohl ich kein Freund davon bin, als Außenstehender den Klugscheißer zu spielen“, fing Jarolim an und nannte das HSV-Problem offen und beim Namen. Er sprach nicht eindeutig zweideutig, er sprach Tacheles: „Es wird wichtig sein, dass endlich wieder jeder dem anderen hilft. Wir dürfen nicht nur zugucken, wie ein Nebenmann einen Fehler macht. Wir müssen versuchen, den Fehler auszubügeln, wieder als eine Mannschaft auftreten.“ Das habe er zuletzt von außen beobachtet. „Manches sieht man von außen deutlicher. Aber der Trainer hat es am Sonntag vor der Mannschaft schon angesprochen: In einer Mannschaft muss jeder helfen und darf nicht darauf achten, ob er in dem Moment vielleicht schlecht aussehen könnte.“ Ob er befürchtet, sich innerhalb der Mannschaft mit derartiger Kritik Feinde zu machen? „Nein. Ich spreche hier nur Grundlagen an, die man zum erfolgreichen Fußball braucht.“ Grundlagen, die Veh am Sonntag in der Nachbetrachtung des Köln-Spiels vor versammelter Mannschaft angesprochen hat.

Auch Vorstandsboss Bernd Hoffmann zeigte heute Flagge. Zuletzt hatte sich der Klubboss ziemlich rar gemacht. Doch auch ihm sind zuletzt einige Missstände aufgefallen. Zwar wolle er sich diesbezüglich nicht der Mannschaft gegenüber mitteilen („Das macht der Trainer, Armin Veh wird die richtigen Worte und Mittel finden“), allerdings ist er es auch leid, sich jährlich wiederkehrend über die selben Probleme zu unterhalten. „An einigen Stellen ist es wirklich ermüdend, darüber nachzudenken“, so Hoffmann und deutet eine Neugestaltung des Kaders an, die für den Sommer geplant ist. „Es wird so sein, dass dort einige Verträge auslaufen. Dann wird es bei uns zwangsläufig Veränderungen geben.”

Zumal dem HSV der Verlust wichtiger Führungsspieler droht, sollte im Sommer kein internationaler Wettbewerb erreicht werden. „Wir haben in den letzten Jahren sehr solide gewirtschaftet, sind nicht in unkontrollierte Risiken gegangen. Und diesen Pfad werden wir auch nicht verlassen“, erklärt Hoffmann. Soll heißen: Fehlen zur neuen Saison Zusatzeinnahmen aus dem internationalen Geschäft, müssen Verkäufe herhalten. „Es würde Einschnitte geben“, bestätigt Hoffmann.

Schon deshalb ist Hoffmann ein Freund von guten Nachwuchskonzepten. Sagt er. Schließlich gibt es kaum kostengünstigere Möglichkeiten, sich die Stars von morgen zu sichern. Allerdings warnt auch Hoffmann vor zu großen Erwartungen. „Ich erwarte, dass in einem Jahr in Ochsenzoll nichts mehr so aussieht wie heute. Aber die Jugend ist auch kein Selbstzweck.“ Soll heißen: Geduld wird gefragt sein. Der aktuelle Erfolg muss stets im Blick behalten werden und darf nicht gefährdet werden, nur um Talente heranzuführen. “Obgleich unser Fokus weiter auf die Entwicklung unserer Jugendlichen gerichtet sein wird.”

Und wo Hoffmann gerade dabei war, Prioritätenlisten zu erstellen, fügte er gleich noch eine, wie ich finde, extrem interessante dazu. „Es ist nicht wegzudiskutieren, dass am 9. Januar die Weichen neu gestellt werden.“ Immerhin wird der halbe Aufsichtsrat neu gewählt. Und dieses Gremium wiederum ist für die Berufung des Vorstandes verantwortlich. Also auch für seinen am Ende 2011 auslaufenden Vertrag. Ob er auf jeden Fall weitermachen will? Hoffmann zögert kurz, antwortet: „Es gibt sehr viele, sehr schöne Herausforderungen. Aber diese Herausforderungen verlangen nach einem klaren Mandat des Aufsichtsrates“, sagt Hoffmann, der somit alles von den Wahlen für den Aufsichtsrat abhängig machen wird. Hintergrund: Sollten wie von Hoffmann befürchtet, viele Supporters und generell ihm gegenüber oppositionell eingestellte Kandidaten ins Kontrollgremium gewählt werden, würde er keine nötigen Dreiviertelmehrheiten mehr erwarten dürfen. Weder für seine Ideen noch für seinen neuen Vertrag.

Allerdings ist es bis zu den oben beschriebenen Szenarien noch ein weiter Weg mit vielen Schlüsselsituation. Und noch sieben Bundesligaspielen bis zur Winterpause. Welche Erwartungen und Forderungen Hoffmann an sein Trainerteam und die Mannschaft bis zur Winterpause stellt? Der Vorstandschef überlegt nicht lang und antwortet: „Es wird wichtig sein, in Schlagdistanz zu den Spitzenplätzen zu bleiben, um in der Rückrunde mit einer Erfolgsgeschichte Ziele zu verwirklichen.“ Auch Hoffmann weiß, dass der sportliche Erfolg immer sehr eng mit dem Stimmungsbild der Mitgliederversammlung verbunden ist.

Aber zurück zur Mannschaft. Die bekommt es am Sonnabend mit der starken Hoffenheim-Offensive zu tun. „Hoffenheim ist einer der unangenehmsten Gegner in der Bundesliga. Das ist eine junge, sehr schnelle und dynamische Mannschaft. Wir müssen wieder mehr Wert auf die Null hinten legen“, hofft Jarolim auf ein gegentorfreies Spiel. „So müssen wir anfangen. Mit dem Gedanken müssen wir ins Spiel gehen und alles dafür geben. Schließlich hat Hoffenheim eine der stärksten Offensiven.“

Aber Hoffenheim ist eben auch ein guter Gegner, um sich in der Defensive verloren gegangenes Selbstvertrauen zurückzuholen. Was auch für Jaros Freund gilt, Torwart Jaroslav Drobny: „Schuldlos acht Gegentore in fünf Tagen – er ist natürlich nicht glücklich“, weiß Jaro über „Jaro2“ zu berichten, „wir müssen ihm als Mannschaft auch ein bisschen helfen.“ Das wäre mit einem Sieg gegen Hoffenheim getan. Zumindest als kleiner Anfang.

In diesem Sinne, nur der HSV!

19.26 Uhr

Das Turnier:

Team Orange: Besic, Son, Rincon, Sowah, Mathijsen, Choupo-Moting.

Team Gelb: Pitroipa, Westermann, Kacar, Trochowski, Petric und van Nistelrooy (später Torwarttrainer Teuber, der sich ebenfalls verletzte und dann von Son vertreten wurde).

Team Schwarz: Jarolim, Tesche, Guerrero, Torun, Demel, Ben-Hatira.

Ergebnisse:
Gelb – Orange: 3:0. Tore: Westermann (2), Trochowski.

Orange – Schwarz 2:6. Tore: Choupo-Moting, Kacar/Ben-Hatira (3), Tesche, Guerrero, Demel.

Schwarz – Gelb 0:0.

Gelb – Orange 2:0. Tore: Trochowski, Petric.

Schwarz – Orange: 1:1. Tore: Guerrero/Kacar.

Schwarz – Gelb 1:1. Tore: Torun/Westermann.

Turniersieger: Team Gelb.