Tagesarchiv für den 1. November 2010

Veh zieht die Zügel an – und schimpft

1. November 2010

Er ist so viel Trouble nicht gewohnt. Das sieht man. Denn als Heung Min Son, der einzige echte Lichtblick bei der 2:3-Pleite in Köln, heute zu uns Journalisten in den Presseraum geführt wurde, wusste der sympathische Südkoreaner, immerhin der jüngste Bundesligatorschütze der HSV-Geschichte, nicht so recht, was er machen sollte. Wir hatten ihm extra einen gemütlichen Sessel in unserer Mitte reserviert – er selbst nahm sich einen eher unbequemen Holzstuhl. Kurze Erklärung: „Der geht auch.“ Symptomatisch für die von allen Seiten so hoch gelobte Einstellung des 18-Jährigen. Er ist trotz seines außergewöhnlichen Talents, seiner Vorschusslorbeeren und seines Tores jetzt in Köln auf dem Boden geblieben. Mit beiden Beinen, wie man so schön sagt.

Der Auftritt von Son vermochte sogar kurzweilig davon abzulenken, wie schwer die Situation beim HSV derzeit ist. Son erzählte uns, dass er im Internet einige Berichte über ihn in Südkorea gelesen hätte. Allerdings hätte er auch seinen Landsleuten am Sonnabend keine Interviews gegeben. Zumal er zwar froh gewesen sei, wieder gespielt zu haben, aber Grund zum Feiern sieht er trotzdem (noch) nicht. „Ich habe zwei Mal gespielt. In Frankfurt und jetzt. Und beide Male haben wir verloren. Das macht mich eher traurig.“

Dass Son dabei schon recht flüssig Deutsch spricht – er macht zwei Unterrichtseinheiten die Woche – rundet das tolle Gesamtbild ab. Dieser Junge ist ein Juwel. Son birgt die fußballerische Extra-Qualität gepaart mit einer mentalen Qualität, wie sie einige seiner deutlich erfahreneren Mannschaftskameraden nicht aufbieten können. Meine klare Forderung, oder besser, meine bescheidene Bitte: Herr Reinhardt, bitte verlängern Sie!! Schnell!

Nur gut, dass sich der HSV in Persona Reinhardts bereits seit einigen Wochen mit Sons Berater, dem ehemaligen Pinneberg-Spieler Thies Bliemeister, in aussichtsreichen Verhandlungen befindet. „Es sieht gut aus“, sagt Son jetzt. Ob er selbst sich schon für einen Verbleib entschieden habe? „Na klar. Ich will auch bleiben. Hier ist alles gut.“

Zumindest auf ihn trifft das zu. „Drei sehr traurige Monate“ Verletzungspause, wie Son selbst sagt, hat er mal eben mit einem unfassbar schönen, durch Cleverness bestechenden Treffer abgeschüttelt. Und selbst Veh, der aus seinem Herzen nach der Köln-Pleite keine Mördergrube machte, konnte die tabellarische Tristesse kurzzeitig abschütteln, als er über Son ins Schwärmen geriet. „Dass ich den überhaupt einsetze nach einer so langen Pause ist schon nicht normal. Aber wie er es dankt, mit welcher Frische und Unbekümmertheit der ans Werk geht, das war Belohnung genug. Son hat einfach etwas Erfrischendes.“ Auch deshalb ließ Veh seinen Youngster 90 Minuten auf dem Platz, obgleich Son zugab, nach spätestens 75 Minuten keine Luft mehr gehabt zu haben.

Dennoch war es auch für Veh nur ein kleiner Schritt zur Seite, um hinter dem Glanze Sons wieder den tristen, grauen Alltag beim HSV zu erkennen. „Wir sind immer noch nur drei Punkte vom Dritten entfernt“, rechnete Veh und machte keinen glücklichen Gesichtsausdruck, als er hinzufügte: „Es sind aber auch nur zwei Punkte bis zum Dreizehnten. Köln war ein echtes Schlüsselspiel, das wir nicht gewinnen konnten. Wir haben das Glück, dass die ganze Liga bis auf Dortmund und vielleicht Mainz nicht konstant ist. Aber jetzt kommt gegen Hoffenheim das nächste Schlüsselspiel. Und das müssen wir gewinnen, wenn wir oben bleiben wollen.“

Auf der einen Seite machte Veh keinen Hehl daraus, wie enttäuscht er über Spiele wie in Frankfurt und in Köln ist. Auf der anderen Seite versuchte er sich in Optimismus. Schließlich könne der HSV noch immer alle Ziele aus eigener Kraft erreichen. Und für die Partie am Sonnabend in der Imtech-Arena kann der 49-Jährige auch wieder auf seine Führungsspieler Ruud van Nistelrooy und Zé Roberto zurückgreifen. Letzterer werde die zuletzt vakante Position hinten links bekleiden, während Collin Benjamin nach überstandenen Knieproblemen wieder die rechte Seite der Viererkette übernehmen soll. Allein das sorgte bei Veh für Erleichterung, zumal er zuletzt beklagt hatte, insbesondere auf den Außenverteidigerpositionen die Spiele verloren zu haben.

Allerdings, das weiß auch Veh, ist das nur die halbe Wahrheit. Denn neben den schwachen Außen hatte der HSV nach zwei guten, auch hoch gelobten Spielen gegen Mainz und Bayern München, in der Abwehr arge Probleme. Ausgerechnet Kapitän Heiko Westermann und Joris Mathijsen offenbarten in Frankfurt und insbesondere in Köln Abstimmungsprobleme. Trotzdem, und das überrascht eigentlich nicht, will Veh an seinen beiden Innenverteidigern festhalten. Zwar lobte er im gleichen Atemzug mal wieder den 18-jährigen Muhamed Besic und versprach seinem Talent einen baldigen Einsatz. Allerdings sprach er auch dem formschwachen Westermann sein unbedingtes Vertrauen aus. „Er hatte am Sonnabend sicher nicht seinen besten Tag. Aber er ist ein ganz wichtiger Spieler für mich und die Mannschaft. Er hat den Willen und die Fähigkeiten.“ Bleibt uns nur zu hoffen, dass Westermann beides bis zur Partie gegen die am Sonntag beeindruckend starke Offensive der TSG Hoffenheim wiederfindet.

Beeindruckend ist für mich auch weiterhin, wie konstant gut Jonathan Pitroipa spielt. Nehmen wir mal die letzten zwei Jahre als Maßstab, ist das fast ein Wandel um 180 Grad. Das Leichtgewicht aus Burkina Faso bringt mich zwar immer noch zur Weißglut, wenn er in voller Fahrt bei einem Konter plötzlich das Tempo herausnimmt, obwohl er der vielleicht schnellste Spieler der gesamten Liga ist und seinen jeweiligen Gegenspieler locker überlaufen könnte. Aber „Pit“ arbeitet unermüdlich, er sucht endlich die Eins-gegen-Eins-Situationen – womit ich bei einem Veh’schen Einwurf bin, den ich zu 100 Prozent unterstütze. Denn der HSV-Trainer lederte heute mal so richtig los gegen die Bundesliga-Schiedsrichter. Thema: Pitroipa. „Es kann doch nicht sein, dass nichts für Pit gepfiffen wird, nur weil er ein Leichtgewicht ist.“ Veh habe sich die Elfmeterszene in Köln in der 80. Minute noch einige Male angesehen und sei sich hundertprozentig sicher, dass das ein Elfmeter war. „Da gibt es keine zwei Meinungen! Ein klarer Elfer! Und trotzdem wird nicht gepfiffen, weil sich unter den Schiedsrichtern die Meinung festgesetzt hat, Pit würde schon bei einem Windstoß umkippen, weil er so leicht ist. Da werden einem Spieler sein Gewicht und seine Schnelligkeit zum Nachteil ausgelegt“, schimpfte Veh und setzte noch einen drauf: „Pit ist doch schon so ‘ne Art Freiwild in der Liga. Die Gegner können ihn umhauen wie sie wollen, und nichts passiert.“

So einmal in Fahrt, setzte Veh seine Plädoyers für verkannte HSV-Spieler fort. „Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb Gojko Kacar nach dem Spiel in Köln so schlechte Kritiken bekommen hat. Gojko hat mal wieder einen sehr schönen Pass auf Pit gespielt, er war auch ansonsten besser als er von außen gemacht wurde. Ich fand ihn sehr ordentlich.“ Vehs Erkenntnis: „Gojko braucht mehrere Spiele hintereinander, dann kommt auch er.“ Ein cleverer Schachzug vom HSV-Trainer. Immerhin muss er wenigstens ein, zwei weitere Wochen auf Zé Roberto im Mittelfeld verzichten, da der Brasilianer hinten links benötigt wird.

Trotz der wöchentlichen Umbauten im taktischen sowie der Improvisationen bei den Aufstellungen, will Veh im Winter nicht auf dem Transfermarkt tätig werden. Zumindest nach jetzigem Stand nicht. „Ich halte nicht viel von Einkäufen im Winter“, so Veh, „ich plane lieber eine ganze Saison. Denn welcher gute Spieler ist schon im Winter auf dem Markt?“ Alle, die der HSV aus Verträgen herauskaufen könnte, so die Antwort eines meiner Kollegen. „Klar, aber das können wir nicht, das wollen wir nicht“, so Veh, „ich will hier nicht ausschließen, dass wir etwas machen. Sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Aber angedacht ist das nicht.“ Schließlich hinge das auch oft an der Verletztensituation.

Die wiederum ist noch immer alles andere als schön. Im Gegenteil. Dennis Diekmeier musste heute bei Dr. Segesser in Bern sogar an beiden Fersen operiert werden und wird für mindestens zwei weitere Monate ausfallen. Wann er wieder dabei sein kann? Veh: „Das ist jetzt absolut nicht absehbar.“ Zudem steht am Freitag ein erster Verlauftest bei Eljero Elia an, dessen Achillessehnenprobleme noch immer nicht ausgeheilt sind. Wann der Niederländer wieder trainieren kann? „Sollte der Arzt am Wochenende grünes Licht geben, würde er wohl nächste Woche wieder anfangen“, hofft Veh. Marcell Jansen werde indes am Wochenende wegen seines gebrochenen Zehs ausfallen. Veh: „Bei ihm ist es eine Frage des Schmerzes. Er muss wieder in seinen Schuh passen.“

Damit auch die Absprachen im Team wieder passen, hat Veh diese Woche den freien Tag gestrichen. Stattdessen hat der Trainer für morgen sogar für zehn und für 15 Uhr jeweils eine Einheit angesetzt. Straftraining? Veh lacht. „Nein, ich mache kein Straftraining. Wir haben in Köln verloren – da dachte ich mir, es wäre besser, etwas mehr zu trainieren.“

Veh versucht alles. Nachdem er vergangene Woche etwas lockerer trainieren ließ und im Abschlusstraining sogar nur ein entspanntes Kreisspiel absolviert wurde, zieht er diese Woche die Zügel wieder an. An dem normalerweise freien Montag nach einem Sonnabend-Spiel ließ er heute alle Spieler im Fitnessraum arbeiten. Veh: „Vielleicht tut das der Mannschaft ja gut.“ Frei nach dem Motto: Wer nicht hören will, muss fühlen.

Ich hoffe, es hilft. In diesem Sinne: Nur der HSV!

19.26 Uhr (Winterzeit)