Monatsarchiv für Oktober 2010

Frankfurt wird ein harter Gang

26. Oktober 2010

Klaus Toppmöller zum 1. FC Köln? Dieses Gerücht hält sich seit ein paar Tagen sehr hartnäckig. Und ich muss zugeben, mit vielem hatte ich bei den Rheinländern gerechnet, aber damit nicht. Nicht, dass ich Toppi nicht mag, im Gegenteil. Klaus Toppmöller ist ein sehr, sehr netter Kerl. Ein Fußballverrückter, das mag ich. Aber er war eben auch sehr lange raus. So lange, dass ich nicht mehr an sein Comeback in der Ersten Bundesliga geglaubt hatte.

Zumal Toppi seit seinem Engagement beim HSV bundesweit nicht den allerbesten Ruf genießt, hier ewig nicht als Trainer gehandelt wurde. Ihm wurde unterstellt, Trainingseinheiten nicht vorbereitet zu haben. Und er soll das eine oder andere Mal lieber in seiner Heimat bei seiner eigenen Sportsbar in Rivenich geblieben sein, als in Hamburg zu trainieren. Vorwürfe, die ich nicht bestätigen kann, die aber aus dem Klubumfeld kamen und sich lange hielten. Wobei, sicherer als diese Behauptungen ist sein Engagement in Köln ja nicht. Auch das ist noch ein Gerücht. Ein ebenso hartnäckiges wohlgemerkt. Aber mich würde es eh freuen, den alten Lehrmeister mit der unbekümmerten Schnauze bald wieder zu sehen. Am liebsten schon am Sonnabend gegen den HSV.

Gleiches gilt im Übrigen für Heribert Bruchhagen, den ich für einen exzellenten Mann seines Faches halte. Ich hatte mich letzte Saison einmal lange mit dem Vorstandsvorsitzenden unseres morgigen Pokalgegners unterhalten. Damals hatte sein Trainer Michael Skibbe öffentlich gerade mächtig Stimmung gegen ihn und den gesamten Vorstand gemacht. Ich hatte ihn daraufhin gefragt, warum er sich das alles gefallen lässt. Warum er seinen Coach noch nicht vor die Tür gesetzt hat. Immerhin wäre ein solches Szenario in Hamburg undenkbar. Oder kann sich jemand vorstellen, was passieren würde, wenn ein HSV-Trainer öffentlich Bernd Hoffmann attackiert?

Nun denn, Bruchhagen blieb am Telefon gelassen, er lachte sogar. Und er hat ganz trocken geantwortet: „Weil Skibbe seinen Job einfach gut macht. Der Rest ist mir egal.“ Punkt. Und Bruchhagen hatte Recht, er bewies sogar richtig Weitblick, indem er sein eigenes Ego beispielhaft weit zurückstellte. Heute hat die Eintracht eine starke Mannschaft zusammen. Hinten spielen sie gewiss nicht den filigransten Fußball mit Maik Franz und Marco Russ. Aber sie stehen unheimlich kompakt. Sie schöpfen ihre Möglichkeiten aus. Auch dank Skibbe.

Zudem haben sie mit Patrick Ochs den Außenverteidiger der Liga, den ich dem jeweiligen HSV-Sportchef schon seit Jahren ans Herz lege. Bislang allerdings noch ohne Erfolg. Leider. Denn erstens hat der HSV meines Erachtens noch immer rechts in der Viererkette Nachholbedarf. Und zweitens wird Ochs, der als tadelloser Charakter und als Teamplayer gilt, von Jahr zu Jahr besser. Achtet mal darauf.

Egal wie, wir haben in Hamburg auch gute Leute. Sehr viele, sehr gute sogar, auch wenn mit David Jarolim, und Ruud van Nistelrooy zwei der besten ausfallen, zudem auch der zuletzt gut spielende Collin Benjamin (Knieprobleme) passen muss. Allerdings, das Thema hatten wir ja vor den letzten beiden Spielen zur Genüge: der HSV hat auch mit diesen Ausfällen noch eine Mannschaft, die sich namentlich großartig liest. Und, das nur für die Statistiker unter uns: Unter Florian Meyer als Schiedsrichter – der gute Mann pfeift uns auch morgen – hat Mladen Petric drei Tore in vier Spielen geschafft. Der Kroate gilt ohnehin als Garant in DFB-Pokalspielen: zehn Tore steuerte der Mann mit der Rückennummer zehn in seinen insgesamt 14 Pokalspielen bei. Und er ist morgen von Beginn an dabei.

So viel zum Thema Statistiken. Das soll erstmal reichen. Denn gerade der Pokal hat – wieder fünf Euro ins Phrasenschwein, ich weiß! – seine eigenen Gesetze, Statistiken zählen hier nicht. Zum Glück – denn in zwei Duellen mit den Frankfurtern verloren wir beide. Und beide Male in Frankfurt.

Und damit sich dies nicht wiederholt, wird es in Frankfurt darauf ankommen, wieder so kompakt wie zuletzt zu stehen. Und zwar besser als am zweiten Spieltag, wo wir in der Commerzbank-Arena mit einer gehörigen Portion Glück 3:1 gewonnen haben. Hintergrund: Die Frankfurter hatten damals vor dem Ausgleich mehrfach gute Gelegenheiten, das zweite Tor nachzulegen. Sie vergaben ihre Möglichkeiten aber kläglich. Wobei ich mir damals sicher war, nach einem zweiten Gegentreffer wäre der HSV in diesem Spiel wahrscheinlich nicht mehr zurückgekommen. Und auch diesmal wird es ein ganz harter Gang.

Auch wenn sich seither einiges verändert, vieles verbessert hat. Damals standen wir hinten beispielsweise nicht so gut, wie in den letzten beiden Spielen nach der Systemumstellung Vehs. „Das ist normal“, bestätigt Heiko Westermann, „Joris und ich waren anfangs noch nicht so eingespielt. Jetzt schon.“ Zudem lässt HSV-Trainer Veh im Mittelfeld wieder mit einer Raute spielen, wobei Tomas Rincon als reiner Abräumer agiert, anders als die eher über das Spielerische kommenden Jarolim und Zé Roberto zuvor als „Doppelsechs“. „Das kommt der gesamten Defensive zugute“, lobt Westermann den zweikampfstarken Venezolaner, „wir haben es in den letzten beiden Spielen besser umgesetzt, weil wir alle besser defensiv arbeiten.“

Auch weil es defensiv so gut aussah, versuchte Armin Veh heute alles. Alles, um nach dem sicheren Ausfall von Benjamin, der schon im Training aussetzte, nicht noch mehr in der Viererkette verändern zu müssen. Ein Vorhaben, das heute fast schon dramatische Züge annahm. Denn bereits nach fünf Minuten, als gerade einmal ein paar harmlose Warmmachübungen absolviert worden waren, wollte Marcell Jansen das Training abbrechen. Erst eine längere Unterredung mit dem Trainerteam sowie ein Gespräch zwischen Jansen, Veh und Mannschaftsarzt Nikolai Linewitsch brachte die Wende. Jansen wechselte die Schuhe und trainierte durch. Dabei schonte er seinen linken Fuß, agierte insgesamt sehr vorsichtig und schoss nur mit der linken Innenseite (der kleine Zeh ist gebrochen) oder dem rechten Fuß. Er reist zwar trotzdem mit nach Frankfurt, dennoch dürfte sein Einsatz morgen zumindest fraglich sein.

Offen wäre auch, wer für Jansen nach dem Langzeitausfall von Dennis Aogo hinten links ran dürfte? Muhamed Besic, dem Veh zuletzt attestiert hatte, er sei für die Viererkette schon „eine echte Alternative“? Oder zieht Veh lieber Zé Roberto wieder zurück? Im letztgenannten Fall müsste das linke Mittelfeld neu besetzt werden. Alternativen hierfür gibt es mit Maxim Choupo-Moting, Änis Ben-Hartira oder auch Gojko Kacar. Wobei, und das macht diese Auflistung deutlich – Veh müsste links Kompromisse eingehen.

Rechts hingegen nahm heute schon Guy Demel seine zuletzt an Benjamin verlorene Position in der Viererkette ein. Und er machte es zumindest im Training, das Veh in die Imtech-Arena verlegt hatte, recht ordentlich. Allerdings dürfte der HSV-Trainer insbesondere von Demel nach dessen zuletzt gezeigten schwachen Vorstellungen in Frankfurt mehr als von anderen erwarten. Fraglich bleibt für mich, wie der (oftmals zu) sensible Ivorer mit diesem Druck umzugehen weiß.

Etwas überraschend war nicht nur für mich, dass Petric, obwohl Ruud van Nistelrooy wegen seiner Knieprobleme definitiv ausfallen wird und auch im Training dementsprechend nicht mitwirkte, im Abschlusstraining zuerst nur in der B-Elf agierte. Erst zum Abschlussspiel beorderte Veh seinen Angreifer ins A-Team. Ich glaube, nachdem sich Petric nach dem untersagten Wechsel gen VfB Stuttgart häufiger das Recht herausgenommen hatte, seine Interessen öffentlich zu machen und den Verein eben so zu kritisieren, will Veh ihm zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Und dafür lässt der erfahrene Trainer keine Gelegenheit aus. Auch heute nicht.

Trotzdem, oder besser: schon deshalb erwarte ich für morgen auch bei dem technisch brillanten Linksfuß eine Reaktion. Er ist zu stolz, um seinen Kritikern neue Nahrung zu geben. Er muss einfach ein gutes Spiel machen, um allen zu zeigen, wie wichtig er ist. Auch wenn er selbst von dem ganzen Trouble offiziell gar nichts wissen will, sich bedeckt hält. „Ich denke nicht zurück und auch nicht daran, was im Winter passieren könnte“, hakt Petric alle schwelenden Gerüchte ab. Zwar gibt er zu „in einer wirklich schwierigen Situation“ zu stecken. „Aber ich habe mich bislang mein ganzes Leben durchkämpfen müssen. Aufgeben gibt es für mich nicht.“

Schon gar nicht vor seinen ersten Einsatz von Beginn an seit dem Wolfsburg-Spiel am fünften Spieltag. „Mich interessiert nur dieses Spiel, sonst wirklich gar nichts.“ Auch nicht, dass sich heute wieder Stuttgarts Manager Jochen Schneider zur Personalie Petric geäußert hat. „Ausschließen kann ich hier nichts“, war dessen Antwort auf die Frage, ob sich die Schwaben im Winter erneut um eine Verpflichtung von Mladen Petric kümmern würden. „Das ist mir egal“, so Petric, „ich bin einfach erstmal nur froh, wieder auf dem Platz zu stehen. Und ich freue mich darüber, wieder ganz vorne spielen zu dürfen.“

Stattdessen freut sich Petric auf einen alten Bekannten: Theofanis Gekas. Mit dem Griechen hat er zwar noch nie in einem Team gespielt, dafür aber vor drei Jahren im Hotel im Griechenland-Urlaub gewohnt. „Wir haben ein paar Mal gequatscht und die Nummern ausgetauscht. Seitdem haben wir Kontakt“, so Petric.

Gute Nachrichten gab es vom HSV-Team-Oldie Zé Roberto. Der Mittelfeldchef konnte nach seinem grippalen Infekt heute wieder voll mitmachen. Zwar wirkte er noch lange nicht so spritzig wie zuletzt und hatte ungewöhnlich viele Stockfehler bei ungewöhnlich wenigen Ballkontakten, allerdings ist Zé auch dafür bekannt, sich seine Kräfte auf die Pflichtspiele hin ausgerichtet sehr gut einteilen zu können.

Insofern bin ich heute insgesamt sicherlich nicht euphorisch. Ich würde auch lügen, wenn ich behaupten würde, so optimistisch zu sein wie vor den letzten beiden Spielen gegen Mainz und Bayern München. Aber ich hoffe auf eine Reaktion der Mannschaft. Sie kann, und das ist das (wohl einzig) Positive an solch schwierigen Personalsituationen, in Frankfurt zeigen, inwieweit sie schon als Einheit funktioniert.

Und das mit folgender, möglicher Startelf: Drobny – Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen – Pitroipa, Rincon, Trochowski, Zé Roberto – Guerrero, Petric. Immer noch eine sensationelle erste Elf, oder?? Aber das hatte ich ja schon…

In diesem Sinne: Nur der HSV!

16.32 Uhr

Zittern um Stars – und das Hoffen auf neue, eigene Stars

25. Oktober 2010

Der Montag ist für die meisten von uns ein eher unbeliebter Tag. Es ist meistens der Auftakt der langen, ungeliebten Arbeitswoche. Das schöne freie Wochenende mit der Familie findet hier oft ein jähes Ende. Das gilt allerdings nicht für mich. Zumindest heute nicht. Zwar ist auch mein Wochenende beendet, aber dafür hat die Arbeitswoche sehr nett begonnen. Gründe dafür waren ein entspannter, zu Scherzen aufgelegter Armin Veh, Frank Rost, das erste längere Gespräch mit dessen Vertreter Jaroslav Drobny seit seinem Wechsel im Sommer. Und Tomas Rincon. Aber der Reihe nach.

Armin Veh, der meiner Meinung nach gestern im Doppelpass bei Sport1 eine hervorragende Figur abgegeben hatte, präsentierte sich auch heute wieder voller Elan. Er lachte viel, er scherzte und er versuchte sich als Wahrsager. Wie der HSV in Frankfurt spielt? „Wenn ich jetzt 2:0 sage, was ich sagen würde, und wir spielen am Ende auch so, dann muss ich das jedes Mal machen. Deshalb lasse ich das lieber gleich ganz.“ Schließlich würde er auch nie Toto spielen. „Da liege ich grundsätzlich falsch. Aber da gewinnen ja eh meist nicht die, die Ahnung haben, sondern die ohne“, so Vehs nicht ganz ernst gemeinte Erklärung.

Der HSV-Trainer hatte auch allen Grund, gut drauf zu sein. Schließlich hatte sich am Vormittag ein möglicher Langzeitverletzter per genauer Diagnose zum doch nur kurzfristig verletzten verbessert: Frank Rost. Bei dem Torwart wurde „nur“ ein Teilabriss des rechten Außenbandes diagnostiziert. Er wird zwei Wochen ausfallen – und trotzdem die Nummer eins bleiben, wie sein Trainer gestern verriet. „Er ist und bleibt die Nummer eins. Zumal, wenn Frank normal fit zurückkommt. Aber wer weiß schon, was morgen ist?“

Morgen ist Dienstag. Und das ebenso sicher wie Drobny die ersatzweise Nummer eins ist. Der sympathische Tscheche wird, sofern nichts dramatisches mehr passieren sollte, am Mittwoch im DFB-Pokal bei Eintracht Frankfurt im Tor stehen. Ebenso wie am Sonnabend in Köln und nächste Woche daheim gegen Hoffenheim. Drei Spiele in Folge. Genau so, wie Armin Veh sie ihm übrigens – auch wenn er sich Zeitpunkt und Umstände sicher anders vorgestellt hatte – vorausgesagt hatte.

Egal wie, für Drobny ist das kein Grund, ein Fass aufzumachen. Der Mann mit der Schuhgröße 50 bleibt bescheiden. Er hatte sich auch nach der Bekanntgabe von Rost als Gewinner auf der Torwartposition vorbildlich sportlich präsentiert. Wie? Er schwieg und trainierte ordentlich. „Mehr konnte ich ja auch nicht machen“, sagt er heute. Er sei „natürlich ein wenig enttäuscht gewesen“, aber er habe die Entscheidung vom Trainer letztlich akzeptiert. Worte, die sicherlich jeder Profi wählen würde, wenn er nichts falsch machen will. Aber Drobny nehme ich sie ab. Dieser 192 Zentimeter große Hüne mit einem Vertrag bis 2013 hat mich überzeugt. Menschlich vor allem. Und das schon seit Wochen.

Im Training, das knapp 20 Minuten später als geplant begann, fehlten dann allerdings einige Spieler. Marcell Jansen musste mit einem Bruch seines kleinen, linken Zehs passen, Ruud van Nistelrooy seine Knieschmerzen auskurieren. Zwar gab Veh bei Jansen Entwarnung („Da gibt es eine schmerzstillende Spritze, dann geht das in Frankfurt schon“), allerdings wird es bei Ruud richtig eng. Sollte er ausfallen, wäre Heung Min Son im Pokal dabei. Zwar nicht von Beginn an, das würden Paolo Guerrero und Mladen Petric machen, dafür aber als echte Alternative. Dass er schon wieder soweit ist, deutete er an, als er im Training beim Abschlussspiel drei Mal einnetzen konnte. Mehr als jeder andere.

Ebenfalls gestern nicht dabei waren erneut David Jarolim sowie Zé Roberto. Und während „Jaro 1“ wohl weder in Frankfurt noch am Wochenende in Köln spielen können wird, soll Zé rechtzeitig zum Pokalspiel fit werden.

„Zittern um die Stars“ könnte daher eine berechtigte Zeile lauten. Dabei setze ich momentan wieder darauf, dass der HSV neue Stars entwickelt. Ich hoffe es wenigstens. Zum einen auf dem Platz bei den Profis, wo sich ein Tomas Rincon gerade in den Fokus spielt. Genauso wie Drobny. Oder bald auch Son wieder. Zum anderen aber in der Jugend, besser gesagt: beim gesamten Nachwuchs. Denn während die A-Jugend weiter schwächelt, scheint sich zumindest die U23 gefangen zu haben. Das Team von Rodolfo Cardoso gewann gestern in Meuselwitz mit 2:1 (doppelter Torschütze war Pressel) und rangiert auf dem siebten Rang.

Hinzu kommt, dass sich der HSV in der Nachwuchsarbeit neu aufgestellt hat. Mit Paul Meier ist ein erfahrener neuer Leiter gefunden worden, der von einem Psychologen, Athletiktrainern sowie von Christofer Clemens als neuen Chefscout unterstützt wird. Letzterer ist übrigens wie auch Meier ein ehemaliger Mitarbeiter von Urs Siegenthaler. Und seine Vita liest sich ebenso viel versprechend wie die Meiers.

Denn der heute 58-Jährige Schweizer kennt sich aus mit Neuaufbauten. In Liechtenstein hatte er sich für den Nationalverband um die U-17- und die U-19-Nationalmannschaften gekümmert. Bei knapp 36 000 Einwohnern insgesamt ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen. Aber Meier bewies mit Innovation, Fleiß und „sehr, sehr viel Arbeit“, wie er sagt, Geschick. „Ich habe mir die Spieler angeguckt, ihr Leistungsniveau eingestuft und sie außerhalb Liechtensteins bei Schweizer Vereinen untergebracht.“ So garantierte Meier den Jugendlichen täglich hochqualitative Gegner im Training – und entwickelte die Talente so optimal.

Ähnlich innovativ – zumindest für HSV-Verhältnisse – geht Meier bei seiner neuen Aufgabe in Hamburg vor. Es wurden alle Spieler gesichtet, jeder erhielt ein Leistungszertifikat. Dabei wird unterschieden in Spieler mit der Aussicht, Profi zu werden und in Spieler, die noch nicht so weit sind, im Gegenzug aber einen geordneten Trainingsablauf auf vernünftigem Niveau garantieren. „Die Spieler mit der Perspektive zum Profi sind wie Projekte zu betrachten. Deshalb nennen wir sie ‚Projektspieler’. Diese erhalten zusätzlich zu ihren normalen Einheiten noch zwei oder drei individuelle Trainingseinheiten pro Woche ganz speziell auf ihre Schwächen und Stärken ausgelegt.“

Sollten sich diese Spieler nicht wie gewünscht weiterentwickeln, würden sie allerdings den Status „Projektspieler“ auch wieder verlieren können. Ebenso wie sich Spieler für den Status „Projektspieler“ aufdrängen können. Dafür soll es jährlich oder gar halbjährlich neue Bestandsaufnahmen im gesamten Jugendbereich geben. „Das entwickelt eine Eigendynamik. Die Konkurrenz motiviert“, weiß Meier. Und ich gebe ihm Recht. Wer sich einmal eins der neu eingeführten „Montagspiele“ in Ochsenszoll angeguckt hat, der weiß, wovon Meier spricht. Denn da spielen immer die, die am Wochenende nicht zum Einsatz kamen, getestet werden sollen oder aus sonstigen Gründen unter besonderer Beobachtung stehen – und diese Spiele sind oft hitziger und anspruchsvoller als so manches Punktspiel.

Und auch wenn sich Meiers Philosophie zugegebenermaßen hart anhört, ist sie wahrscheinlich der einzige Weg, damit endlich mal wieder ein Talent von den Paul-Hauenschild-Plätzen in Norderstedt als Stammspieler der Profimannschaft in die Imtech-Arena einläuft. So, wie es in München gerade Badstuber und Müller vorgemacht haben. Und eben so, wie es in Hamburg in den letzten Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen ist (nehmen wir mal so spät zugewanderte wie Hasan Salihamidzic oder auch Collin Benjamin raus).

Auf jeden Fall, und das muss ich aus meiner ersten Begegnung mit Clemens und vor allem Meier resümieren, es ist (mal wieder) ein hoffnungsvoller Neustart. Ob und inwieweit der fruchtet, werden wir sicherlich erst in einigen Jahren abschließend beurteilen können. Aber all denen, die jetzt berechtigt Kritik äußern, dass der HSV seine Zeit hier verschlafen hat, denen sei gesagt: Ihr habt zu großen Teilen Recht. Aber der HSV verschläft zumindest jetzt keine weitere Sekunde mehr. Hoffentlich.

Nur der HSV!

19.40 Uhr.

Veh betrieb beste Eigenwerbung

24. Oktober 2010

Jetzt ist er wieder in aller Munde. Und das wird wohl auch noch eine Weile anhalten. Denn Paolo Guerrero lernt einfach nicht. Ich habe ihn nach seinem Flaschenwurf über Wochen verteidigt, weil ich gedacht hätte, dass er nun weiß, wo es lang zu gehen hat, aber denkste. Leider. Wobei ich dieses leider nicht auf Guerrero beziehen möchte, sondern auf die Tatsachen, dass der Peruaner wieder einmal eine ganz schlechte Image-Werbung für den HSV betrieben hat, und zweitens, was viel schwerwiegender ist: So wird der HSV es nicht schaffen, als Einheit auftreten. Die Mannschaft ist in meinen Augen noch lange keine verschworene Gemeinschaft, und ich hege schon seit vielen Wochen, ja sogar Monaten die Zweifel, ob aus diesem Star-Ensemble überhaupt eine richtig gutes Team werden kann – aber solche Dinge, wie sie sich Guerrero jetzt erlaubt hat, werfen alle Bemühungen (von allen, wenn es sie denn gibt) total über den Haufen. Natürlich ist es nicht mehr so wie früher, zu Sepp Herbergers Zeiten, als es hieß: „Elf Freunde müsst Ihr sein.“ Aber es hilft schon, erfolgreich zu sein, wenn man als verschworener Haufen aufzutreten versteht. Siehe Mainz, siehe Dortmund. Und siehe auch den HSV-Nachbarn. Auch wenn mich heute im Verlaufe dieses Sonntags alle diese Klubs Lügen strafen könne, vielleicht werden.

Armin Veh, der sich über Guerrero aufgeregt hat („Das geht gar nicht, das ist ein Kind“), hat heute, als er zu Gast bei Sport 1 und im „Doppelpass“ war, über seine Spieler gesagt: „Wir haben eine gute Mannschaft und sehr viele gute Einzelspieler. In Hamburg haben wir von den Einzelspielern her mehr Klasse als damals beim VfB Stuttgart, als wir Meister geworden sind. Aber mit dem VfB waren wir als Team richtig gut.“ Treffer, Herr Veh, Volltreffer sogar. Daran wird zu arbeiten sein. Daran musst dringend gearbeitet werden. Nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in der Kabine, sogar im Privatleben, wenn es gilt, gemeinsame Unternehmungen (mit Kind und Kegel) zu starten. Oder auch nur den einen oder anderen Kumpelabend zu organisieren. Auch wenn ich weiß, wie schwer das heutzutage ist, denn „Elf Freunde müsst Ihr sein“ ist arg verstaubt und antiquiert.

Armin Veh hat diese Problematik natürlich auch schon längst erkannt, denn er sagte im „Doppelpass“ auch: „Es ist meine Hauptaufgabe, dass ich es und mein Trainerteam zusammen hinbekommen, dass wir jede Woche als Team auftreten.“ Laut Veh soll es übrigens keine Geldstrafe für den „Übeltäter“ geben, es soll wohl nur – eine weitere- Ermahnung unter vier Augen stattfinden.
Und kurz noch in anderer Sache zum HSV-Coach, und dann bin ich auch am Ende mit dem „Doppelpass“: Armin Veh hat für mich erneut (wie vor einer Woche im ZDF-Sportstudio, wo er nur als V(F)ehl-Schütze an der Torwand unangenehm auffiel!) eine glänzende Figur abgegeben, das war beste Eigenwerbung und auch eine ganz hervorragende Werbung für den HSV.

Um noch einmal zum Bayern-Spiel zurück zu kommen: Zweikampfstärkster Spieler an diesem Abend war Heiko Westermann (72 Prozent), es gab 18:11 Torschüsse für den HSV, aber 49:51 gewonnene Zweikämpfe. Flanken 12:9 für den HSV, Ecken 5:2, und bei den Fouls führt Bayern mit 13:6. Wobei ich beim 23. Mann bin. Der Berliner Manuel Gräfe war diesem Spiel ein großartiger Leiter. Der 37-jährige Sportwissenschaftler spielte einst in der Jugend von Rapide Wedding, seine erste Bundesliga-Begegnung leitet er am 12. September 2004 (Hannover gegen Freiburg). In den ersten Jahren musste Gräfe seine Linie suchen, seit einigen Jahren hat er sie gefunden, er gehört für mich zur absoluten Spitze der deutschen Unparteiischen, weil er Dinge erkennt, aber nie „Zirkus“ macht. Der Mann behält stets die Souveränität, ihn zeichnet eine Bärenruhe aus, und obwohl es gelegentlich den Anschein hat, als würde er über den Platz schleichen, so ist er dennoch meistens auf Ballhöhe. Mit dem Namen Gräfe habe ich mich erstmals während des Hoyzer-Skandals beschäftigt. Zu jener Zeit erfuhr ich, dass Hoyzer und Gräfe die größten Konkurrenten der jungen Berliner Schiedsrichter waren. Erst hatte Robert Hoyzer die Nase vorn, brachte sich selbst aber klassisch zu Fall, Manuel Gräfe war inzwischen auch schon aufgestiegen – und hat nun schon seit geraumer Zeit gezeigt, dass er Klasse als Schiedsrichter hat. Hut ab, Herr Gräfe!

Gleiches gilt für einen HSV-Spieler der besonderen Art: Collin Benjamin. Der Mann aus Namibia erlebt derzeit seinen dritten Frühling. Ich hatte ja einige Bedenken, gebe ich zu, als ich hörte, dass „Collo“ gegen Thomas Müller spielen sollte. Aber meine (bösen) Vorahnungen trafen nicht zu, Benjamin sah eigentlich nur einmal ein wenig schlechter aus, ansonsten hatte er den Nationalspieler (von dem ich immer begeistert bin) sehr gut im Griff. Ich würde mal sagen: Stammplatz gefestigt. Collin Benjamin konnte sich gegen die Bayern, das darf bei diesem Lob nicht unerwähnt bleiben, auch auf die defensiven Augen aus dem Mittelfeld verlassen. Dort hatten die Kollegen ganz offenbar die Aufgabe, immer zu „doppeln“, wenn Müller am Ball ist. Zu 90 Prozent hat das gut geklappt. Kompliment da vor allen an Tomas Rincon, der eine hervorragende Partie gespielt hat, aber das erwähnte ich ja bereits in meinem Bericht nach dem Spiel.

Jetzt bin ich total gespannt auf den kommenden Mittwoch. Das Pokalspiel in Frankfurt. Die Eintracht ist gerade zu anpassender Zeit wieder so richtig gut geworden – sollte der HSV die (miese) Pokal-Tradition nun am Main fortsetzen wollen? Hoffentlich nicht. Ich hoffe vielmehr darauf, dass Armin Veh seinen Mannen klar machen kann, welche große Chance ein DFB-Pokalfinale jedem Spieler bietet. Ruhm, Ehre und Geld. Dazu eventuell ein internationaler Start – von der unglaublichen und ganz besonderen Atmosphäre, die rund um dieses Endspiel in der Hauptstadt herrscht, einmal abgesehen.

Vielleicht schafft es Veh ja auch, in einem Crash-Kurs Jonathan Pitroipa zu einem Torschützen zu verwandeln. Ich sehe den guten „Piet“ immer noch auf Jörg Butt zulaufen, ich sehe die Zuschauer von den Sitzen aufspringen, ich sehe den Schuss, ich sehe Butts ausgefahrenes linkes Bein – und ich sehe einen Pfostenschuss, den Pfostenschuss überhaupt. Mein Gott, das waren Sekunden für die Ewigkeit, „Piet“ hätte sich mit diesem Tor unsterblich machen können – aber er schaffte es wieder einmal nicht. Kommentar Pitroipa: „Ich lasse den Kopf trotzdem nicht hängen . . .“ Dabei hatte er versprochen: „Wenn ich einmal treffe, dann ist auch der Knoten geplatzt, dann treffe ich auch mehrfach.“ Leider hat er nach seinem herrlichen Tor in Bremen sein Versprechen nicht halten können. Aber in Frankfurt besteht ja die nächste Möglichkeit, eine „Serie“ zu starten. Und verdient hätte es das „Eichhörnchen“, das von meiner platonischen „Freundin“ Ingrid W. auch „Hase“ oder „Häschen“ genannt wird, allemal, denn er ist mit seinen Dribbelkünsten der überragende Mann in der HSV-Offensive. Aber, wie sagt mein Kollege Babak M. immer so schön treffend (und nach solchen vergebenen Chancen auch total passend): „Wenn Pitroipa auch noch Tore schießen könnte, dann würde er bei Inter Mailand oder Real Madrid spielen.“ Stimmt wohl.

Einen kleinen Abstecher möchte ich auch noch zu den Bayern machen. Die haben wirklich zu klagen, denn die vielen Verletzten erinnern mich an den HSV der vergangenen Saison. Ich glaube aber, die Münchner hat es diesmal fast noch schlimmer erwischt. Das ist Pech. Warum sich aber der liebe Herr Rummenigge gleich nach dem Spiel wieder über die Ansetzung (am Freitag in Hamburg) beschwert, ist mir rätselhaft. Das passt gar nicht zum FC Bayern. Die haben früher doch nie gejammert! „Offensichtlich scheint irgendein Mann bei der DFL Interesse daran zu haben, den FC Bayern nicht mehr an einem Sonnabend spielen zu lassen. Aber ich habe Herrn Seifert von der DFL bereits Bescheid gegeben“, sagte der FCB-Vorstandsvorsitzende nach dem 0:0. Zur Erinnernung: Bayern spielte am Dienstag in der Champions League gegen Cluj. Am Mittwoch, und jetzt wird es kurios, spielten Schalke und Werder ebenfalls in der Champions League, und beide Vereine mussten doch tatsächlich schon wieder am Sonnabend antreten. Das ist doch reine Schikane! Da wird doch mit den Kräften der Profis Schindluder getrieben! Schalke und Werder hatten, wie auch die Bayern, nur einige „läppische“ Tage zur Erholung. Und mussten beide auch auswärts antreten. Und? Hat einer von beiden Klubs gejammert? Nein!

Da müssten die Bayern (oder nur der Herr Rummenigge) schon wieder ein wenig souveräner werden. Zumal der HSV, als er noch international tätig war, auch gelegentlich nur zwei Tage zwischen Europa League und Bundesliga Zeit gehabt hat. Aber das wird leider vergessen. Jeder denkt eben nur an sich.

So, ganz zum Schluss noch ein ins Ländle. Da räumte der Präsident Erwin Staudt (Chef des VfB Stuttgart) ein, dass die Personalpolitik des abstiegsbedrohten Bundesligisten vor dieser Saison nicht glücklich gewesen ist. „Ein paar Fehleinkäufe waren sicherlich dabei“, sagte der 62-Jährige dem Magazin „Focus“. „Dies versuchen wir nun zu verbessern“.

Das nur ganz, ganz kurz zum Thema Bastian Reinhardt, wenn Ihr versteht, was ich meine.

16.36 Uhr

Der Trend ist positiv!

23. Oktober 2010

Der Tag danach – das klingt irgendwie nach Katerstimmung. Und zumindest beim HSV trifft das zu. Das 0:0 war den Spielern nicht genug, sie trauerten auch heute noch der großen Chance nach, die Bayern zu schlagen und tabellarisch weiter zu distanzieren. Zudem hatte es gestern einige angeschlagene und verletzte Spieler gegeben. Aber der Reihe nach.

Frank Rost, dessen kuriose Auswechslung ich gestern als amateurhaft angeprangert hatte, erklärte uns glaubhaft, er habe anfangs gedacht, die Verletzung sei nicht so schlimm. Die ersten Bewegungen nach der Behandlung in der 15. Minute seien „völlig okay“ gewesen, sagte er. Erst unmittelbar vor der Auswechslung habe er den richtigen Schmerz gespürt. Jetzt, das fügte er hinzu, wartet er erstmal die Kernspintomografie am Montag ab. Rost: „Ich glaube aber, dass ich die nächsten zwei Wochen wohl ausfallen werde.“

Sein Mannschaftskamerad und Konkurrent, Jaroslav Drobny, schwieg gestern. Der Tscheche, der mannschaftsintern ob seines Humors sehr beliebt ist, punktet weiter. Ohne Worte. Denn die hatte er auch in den Momenten nicht verloren, in denen Kritik an Rost laut wurde. Vielmehr entpuppt sich der Zugang von Hertha BSC menschlich wie sportlich als glatte Eins. Auch die spontane Einwechslung nahm er gelassen. „Das war kein Problem. Ich dachte, Frank kann weitermachen“, hatte er nach dem Spiel erklärt, weshalb er sich nicht warm gemacht hatte, nachdem Rost das erste Mal behandelt worden war. „Aber ich hatte in der Halbzeit ja genug Zeit, mich fit zu machen.“

Wie er seinen Einstand beurteilte, zeigt zudem, welch sportsmännischer Natur „Jaro“ ist: „Ich hatte ja nichts zu tun, weil unsere Defensive großartig verteidigt hat. Aber es werden sicher auch noch andere Spiele kommen.“ Ganz sicher sogar. Wohl mit ihm.

Und mit Ruud van Nistelrooy. Der Niederländer, der gestern nach einem Schlag aufs Knie raus musste, gab heute Entwarnung. Ebenso wie Marcell Jansen, der einen Schlag auf seinen bereits lädierten Zeh bekommen hatte.

Apropos Jansen. Marcell hatte nach dem Spiel offene Worte gefunden. Zum einen fand er seine Leistung „bärenstark“, zum anderen die Platzverhältnisse „katastrophal“. „Seit ich nach Hamburg gewechselt bin, sage ich immer wieder das Gleich: dieser Rasen ist ein Nachteil für uns.“ Eine Erklärung lieferte er auch gleich mit: „Wir haben die Philosophie, über die spielerische Qualität Partien für uns zu entscheiden. Und je schlechter der Boden, desto schwieriger wird die Umsetzung.“

Dabei, und das muss ich hier unbedingt klarstellen: Die aufopferungsvoll kämpfenden Platzwarte beim HSV sind schuldlos. Es ist und bleibt das Problem der zu geringen Sonnen- und Luftzufuhr in dem für Fans sensationellen, aber für den Rasen katastrophalen Stadion. Wenn jemand das Abschlusstraining, beziehungsweise den Boden nach dem Abschlusstraining gesehen hätte, hätte nie geglaubt, dass der hinzukriegen wäre. Und doch schafften es die Greenkeeper beim HSV. Aber es ist eben ein Kampf gegen Windmühlen für die Jungs. Löcher stopfen in der Gewissheit, am kommenden Wochenende wieder das gleiche Problem zu haben. Die einzige Lösung ist ein kostspieliger, aber eben notwendiger Austausch des Geläufs.

Viel tauschen muss Veh dagegen nicht. Morgen haben seine Profis frei, am Montag geht es in die Vorbereitung auf das DFB-Pokalspiel in Frankfurt am Mittwoch. Und, darüber täuscht ein 0:0 gegen Schalke vielleicht etwas hinweg, die Hessen sind gut drauf. Ich habe mir heute die Partie zu großen Teilen angeguckt, weil ich neugierig war, was auf den HSV zukommt.

Und ich kann Euch sagen, dass es ein ganz, ganz harter Gang wird in Frankfurt. Nicht nur, weil es ein Auswärtsspiel ist. Nein, sondern wegen der spielerischen Klasse der Frankfurter. Gegen Schalke hätten die Jungs von Trainer Michael Skibbe gewinnen müssen. Sie waren über das gesamte Spiel hinweg die bessere Mannschaft.

Aber Angst haben muss der HSV nicht. Wenn das Spiel gegen Bayern eine Lehre hatte, dann die, dass der HSV in der Bundesliga auf Augenhöhe mit den besten ist. Immerhin fehlten nur ein paar Zentimeter, und der HSV hätte den Meister geschlagen. Und er wäre in der Tabelle bis auf den dritten Platz geklettert. Und – nein, ich höre lieber auf, mich zu ärgern. Ich richte meinen Blick lieber nach vorn.

Optimistisch im Übrigen. Denn der Trend der letzten Wochen ist absolut positiv. Gegen Lautern nicht schön und glücklich gewonnen, wurde Mainz in einem sehr ansehnlichen Spiel geschlagen, während Bayern zwar keinen Sieg einbrachte – dafür aber zeigte, wozu unsere Defensive in der Lage ist.

Da scheint Heiko Westermann sich endgültig eingelebt zu haben. Der frisch gebackene Vater – sein zweites Kind wurde Mitte der Woche gesund auf die Welt gebracht – war für mich gestern ganz stark. Zwar hatte er den einen oder anderen Stolperer am Ball dazwischen, aber wie er die Zweikämpfe annahm, antizipierte und gewann – das war eines Nationalspielers würdig. Mein Glückwunsch! Gleiches gilt für Joris Mathijsen. Der Niederländer holte sich gestern schon sehr früh Gelb ab – gegen eine Topmannschaft wie Bayern für einen Innenverteidiger ein schweres Handicap. Trotzdem zog er sich aus keinem Zweikampf. Im Gegenteil, er wirkte „heiß wie Frittenfett“.

Womit ich die Überleitung zu einem der sympathischsten HSVer der letzten 30 Jahre gefunden hätte. Collin Benjamin hatte gestern einen guten Tag. Er konnte sicherlich nicht jeden Angriff von Thomas Müller unterbinden, aber er engte dessen Kreise beachtlich ein. Vor dem Spiel hatte ich insbesondere vor diesem Duell großen Respekt, denn ich bin ein großer Fan von Müllers Spielweise. Der spielt schnörkellos und hat trotzdem eine extreme Effizienz nach vorn. Auch gestern hätte er trotz Collos starkem Spiel eigentlich getroffen – hätte Rost nicht eine genialere Reaktion gezeigt.

Eine schwache Reaktion hatte gestern Paolo Guerrero gezeigt. Der war nicht einverstanden mit seiner – meiner Meinung nach absolut vertretbaren – Auswechslung und hatte wutentbrannt eine Kamerabande weggetreten. Heute hingen hat Paolo gut reagiert und sich bei Trainer Armin Veh entschuldigt. „Ich glaube, die Sache ist damit erledigt“, hofft er.

Ich glaube, das sollte sie auch sein. Schließlich ist Paolo in einer nicht ganz einfachen Situation, die er mit seinem Flaschenwurf zwar selbst eingeläutet hatte. Allerdings sollte der Flaschenwurf irgendwann auch mal Geschichte sein und nicht zu einer Generalverurteilung des Peruaners genutzt werden. Denn was unter der Woche mit ihm passiert war, ist schon grenzwertig. Weil er mit seinem Wagen 20 Zentimeter eines Behindertenparkplatzes eingenommen hatte, wurde er öffentlich als „Parkrambo“ gerüffelt. Und, damit Ihr mich nicht falsch versteh, ich heiße das keinesfalls gut. Im Gegenteil. Ich finde nur, dass hier etwas maßvoller geurteilt werden sollte. Zumal in diesem speziellen Fall sogar deutlich zu erkennen war, dass der Behindertenparkplatz von einem Autofahrer problemlos genutzt werden konnte.

Egal wie, wir sollten Maß bewahren und Paolo sollte sich wieder nur auf Fußball konzentrieren. Wie schön das sein kann, hat er ja nicht zuletzt in Mainz erfahren. Ein wenig mehr Mainz, ein wenig weniger Sinalco und Kamerabande und alle sind glücklich.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

19.20 Uhr

0:0 – aber Rost und van Nistelrooy verletzt

22. Oktober 2010

Das war ein Feiertag für Hamburg, die Bayern waren da! Es war ein lebhaftes Spiel, es war viel drin, wenn es auch nie hochklassige zuging – aber der HSV, der die besseren Tormöglichkeiten hatte, musste am Ende leider mit dem 0:0 zufrieden sein. Die Bayern wurde auf Distanz gehalten, aber so richtig Fisch und Fleisch war diese Nullnummer dann doch nicht. Mit einem Sieg hätte sich die Veh-Mannschaft noch einmal für die Spitze interessant machen können, so aber blieb unter dem Strich stehen, dass noch einiges zu tun ist, um sich berechtigte Hoffnungen auf einen Spitzenplatz (nicht die Spitze!) machen zu dürfen. Schlecht für den HSV und für das Pokalspiel am Mittwoch in Frankfurt: Frank Rost und Ruud van Nistelrooy verletzten sich, mussten ausgewechselt werden – ihr Ausfall droht nun in der kommenden Woche – und damit wäre dieses 0:0 dann wirklich sehr bitter erkauft.

0:0 zur Pause, aber mit viel, viel Aufregung. Da war schon Zunder drin, meine Herren! Das begann schon vor dem Anpfiff: Riesiger Beifall für Ivica Olic, aber Pfiffe für Jörg Butt. Ich hatte es mir gewünscht, dass der ehemalige HSV-Keeper nicht so empfangen worden wäre, aber die meisten wissen eben noch immer nicht, warum Butt einst den HSV verließ. Ich will es schnell noch einmal (nett) umschreiben, so dass es eigentlich alle begreifen müssten. Also: Ein Arbeitnehmer namens Butt bekommt von seinem Arbeitgeber ein Angebot, den Vertrag zu verlängern. Das lehnt Butt aber ab. Er ist einer der Minderverdienenden in der Firma, er hat Leistung gebracht, er möchte mehr. Bis dahin noch ganz legitim. Dann geht aber der Arbeitgeber mit den Zahlen, die sich der Arbeitnehmer Butt so als sein künftiges Gehalt vorstellt, an die Öffentlichkeit. Das ist dann nicht mehr legitim. Nicht mehr so ganz jedenfalls. Nein, geht überhaupt nicht, das ist ja klar. Und was macht Butt? Der sucht sich einen anderen Arbeitgeber, wie er zu seinem alten Arbeitgeber – was nicht hat? Genau: Vertrauen. Das ist nicht nur legitim, sondern auch ganz verständlich. Und wenn nun jemand wirklich aufgebracht reagiert (von Euch), dann muss ich sagen, der Vorsitzende des ehemaligen Arbeitgebers von Jörg Butt war nicht Bernd Hoffmann. Also bitte, das muss beachtet werden, Hoffmann war damals noch nicht in Amt und Würde.

Zurück zum Spiel. Der Rasen im Volkspark sehr glatt, Freund und Feind rutschten. Und während sie links und rechts zur Seite kegelten, ging Schiedsrichter Manuel Gräfe ganz ruhig und gelassen (wie ein Bär) über das Spielfeld, der Berliner ließ (international üblich) viel, viel durchgehen. Zuerst profitierte Paolo Guerrero davon (11.), der Schweinsteiger sehr, sehr rustikal umtrat – von vorne, nicht von hinten. Der Peruaner mit der neuen Guerilla-Kampffrisur protestierte gegen den Pfiff, hatte aber großes Glück, dass es kein Gelb gab. Entschuldigt hat sich der HSV-Stürmer bei seinem früheren Kollegen aber auch nicht.

In der 15. Minute bewahrte Frank Rost den HSV vor dem 0:1, er zeigte bei Müllers 16-Meter-Schuss eine Super-Parade, der ball hätte bestens gepasst. Es war leider die letzte Glanztat von Rost, der Sekunden später nach einem Eckball hart von Schweinsteiger angegangen wurde und zu Boden ging. Ein klares Foul. Der Bayern-Spieler wurde von Gräfe ermahnt, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre (früher?), nämlich sich zu entschuldigen. „Schweini“ läuft hin, gibt dem am Boden liegenden Rost einen Klaps und läuft wieder weg – natürlich unter Pfiffen. Das sah wenig kollegial aus. Aber so ist es wohl, wenn der Nord-Süd-Gipfel auf dem Programmplan steht.

Gelb sah später Joris Mathijsen, weil er Gomez unsanft zu Boden befördert haben soll (23.). Aber war da wirklich etwas? Oder ist der Bayern-Stürmer nur unglücklich ausgerutscht? Egal, Gelb ist Gelb.

Der HSV hatte schwungvoll begonnen, aber nach zehn, 15 Minuten war das Selbstvertrauen, was nach dem Mainz-Sieg offenbar vorhanden war, schon ein wenig aufgebraucht. Bayerns Ersatzmannschaft kam besser ins Spiel, das fortan ausgeglichen war. Beim HSV tauchten Marcell Jansen und Ze Roberto ab, und Tomas Rincon spielt die Pässe, die ich genau von Piotr Trochowski erwartet hatte – der aber spielt fast wie eine dritte Spitze, für meine Bergriffe einen Tick zu offensiv. Das gab sich dann aber noch vor dem Halbzeitpfiff.

Schade war, dass Jonathan Pitroipa nicht öfter die Eins-gegen-eins-Situation gegen Pranjic (der früh Gelb gesehen hatte) gesucht hat, über diese Seite wäre Bayern sicher verwundbar gewesen. Bis zum Halbzeitpfiff passierte jedenfalls nichts mehr. Wobei der gute „Piet“ in der 30. Minute einmal mehr unter Beweis stellte, dass er kein „Killer“ ist. Da stand Pitroipa frei vor Butt, stand links am Fünfmeterraum-Eck – und statt zu schießen passte er noch zur Mitte – Chance dahin. Dass muss der Dribbelkünstler, der als einziger Hamburger für gelegentlichen Wirbel sorgte, noch lernen. Möglichst schnell.

Gut begonnen hatte Guerrero, aber er ließ auch schnell nach. Er ist oft zu behäbig, so langsam am Ball, den er glaubt, ganz sicher behaupten zu können – und plötzlich ist die Kugel dann weg. Da muss mehr, viel mehr Effektivität (und Explosivität) in sein Spiel.

Um mehr Professionalität müsste auch der HSV bemüht sein. Der Torwartwechsel in der 42. Minute war eine Farce. Und total amateurhaft. Nach einer Bayern-Chance ging Frank Rost vom Feld. Er hatte dabei kurz das Wechselzeichen zur Bank gegeben – als er schon ging! Auf der Bank hatte bis dahin Jaroslav Drobny eisern und fest gesessen. Weil sich alle einige waren: Rost spielt auf jeden Fall weiter? Bitter war es in jedem Fall. Rost (der sich am rechten Knie verletzte) hätte, so wäre es profihaft gewesen, zu Boden gehen müssen, um sich dann pflegen und dann auswechseln zu lassen, in genau dieser Zeit hätte sich dann Drobny warm machen können, nein, müssen.

Das, liebe Leute vom HSV, war amateurhaft hoch fünf! Immerhin: Zur Pause, als alle in der Kabine waren, machte sich dann Drobny doch noch warm! Das war dann doch profihaft – aber viel zu spät.

Der mit einer Zeh-Verletzung ins Spiel gegangene Marcell Jansen musste sich dann (aus der Entfernung) noch eine Veh-Standpauke a la Trochowski vom Trainer anhören. Weil er Nationalspieler den Ball am HSV-Strafraum leichtfertig „verdaddelt“ hatte. Der Coach lag damit sicher richtig, obwohl Jansen viele Argumente hatte, die er auch deutlich anzeigte und zu verstehen gab. Falsch war seine Aktion aber in jedem Fall, doch es blieb zur Pause beim 0:0. Keine gutes Spiel, aber mit Spannung und Biss.

Ausgeglichen ging es im zweiten Durchgang zunächst weiter, aber nach einer Stunde kam der HSV besser ins Spiel. In der 61. Minute schickte Armin Veh für Guerrero (der es zunächst nicht fassen konnte) Mladen Petric auf den Rasen, und der Kroate wurde mit viel Beifall bedacht. Nach meiner Berechnung (ein Scherz) hätte Petric erst sieben Minuten später kommen dürfen, um dann das erlösende 1:0 zu schießen. . . Schoss er es deswegen nicht?

„Wir woll’n Bayern siegen sehn“, sangen die Münchner Fans im Nord-Westen, aber daraus wurde nichts.

Beim HSV gefiel mir an diesem Abend Tomas Rincon am besten, der Kämpfer aus Venezuela war in seinem Element, war überall zu finden und ging gelegentlich, wenn es denn sein musste, rustikal zur Sache. Und einige Male musste es eben mal sein. Stark auch wieder Joris Mathijsen, während sein Nebenmann, Heiko Westermann, diesmal doch den einen oder anderen Stockfehler parat hatte. Letztlich aber ließ aber ließ er nach hinten auch nicht viel anbrennen. Gut aus der Affäre zog sich Collin Benjamin, der es immerhin mit dem gefährlichen Müller zu tun hatte. „Collo“, der Wikinger, hatte den Nationalstürmer aber eigentlich ganz gut unter Kontrolle, allerdings kann man einen solchen Mann auch nie ganz ausschalten. Links war Jansen das Handicap mit dem linken Zeh noch anzumerken, er fand lange Zeit überhaupt nicht ins Spiel, dann auch nicht so sehr souverän. Er wollte in der Schlussphase, als er fix und fertig war, so gerne ausgewechselt werden, aber das ging dann nicht mehr. . .

Übrigens: Drobny konnte sich nicht mehr auszeichnen, die bayern schossen nicht auf sein Tor. Tomas Rincon habe ich erwähnt, Pitroipa begann für mich überragend, aber er schaltete recht bald einige Gänge zurück. Ze Roberto war diesmal gar nicht da, er war mindestens zwei Klassen schlechter als noch zuletzt in Mainz. Dass Veh den Brasilianer auf dem Rasen ließ, lag wohl daran, dass der Coach ganz auf die Routine seines ältesten Feldspielers setzte. Piotr Trochowski lief auch seiner Mainz-Form hinterher, er wirkte irgendwie auf mich gehemmt, auch wenn sich der kleine Billstedter im zweiten Durchgang etwas steigern konnte.

Vorne, wie schon gesagt, startete Guerrero sehr gut, aber er ließ auch schnell nach. Und sein Nebenmann? Ruud van Nistelrooy hatte viele sehr gute Szenen, aber in den entscheidenden Szene, als er kurz vor dem Abschluss stand, fehlte ihm das Glück. Und es kam für ihn auch noch Pech hinzu: In der 71. Minute musste der Niederländer mit einer Zerrung im linken Oberschenkel vom Platz, für ihn kam Eric-Maxim Choupo-Moting.

Zweimal stand der HSV noch vor dem 1:0, zweimal riesige Chancen. Nach einem Doppelpass mit Petric stand Trochowski vor Butt, der aber konnte halten (75.). Und in der 81. Minute zeigte noch einmal Petric sein großes Können, als er Pitroipa mit einem Sahne-Pass auf die Reise schickte. „Piet“ lief allein auf Jörg Butt zu, traf aber dann nur den Pfosten. „Rudi“, da waren wir uns alle auf der Tribüne einig, hätte den gemacht. Hätte.

Kurios noch eine Szene in der 86. Minute. Langer Pass von Ze, der den Ball von links nach rechts spielte. Dort bemühten sich Pitroipa und Choupo-Moting um die Kugel – und Louis van Gaal lief wie ein Hase hinter dem Mann an der Linie her: „Abseits! Abseits! Abseits!“ Und was machte der Linienrichter? Er zeigte dem Bayern-Trainer an, welcher der beiden HSV-Spieler tatsächlich im Abseits stand. Interessante Szene.

22.34 Uhr

Update vor dem Spitzenspiel: Die Bayern wandern durch den Regen – und tippen einen 3:0-Sieg

22. Oktober 2010

Um Euch die Zeit bis zum Anpfiff ein wenig zu vertreiben, habe ich mich noch mal ans Telefon gehängt. Und während beim HSV routinierte Ruhe eingekehrt ist, die erste elf eigentlich feststeht, sind die Profis des großen Südkonkurrenten noch etwas gespannter. Daniel van Buyten konnte die Reise nicht mit antreten, dafür ist der ehemalige Publikumsliebling Ivica Olic dabei. Gut möglich, dass er heute in seinem alten Wohnzimmer zum Einsatz kommt.
Vorher hieß es aber auch für ihn: Schirme raus und los! Die Bayern zogen heute Mittag um die Alster. Nicht zum Shoppen, so viel Zeit hatten sie dann doch nicht. Nur ein kurzer Spaziergang, ehe es zum Mittagessen und der anschließenden Mittagsruhe ins „Le Meridien“ ging. „Wir sind sehr gut drauf“, verriet mir ein Spieler, den ich hier lieber nicht nennen möchte, um ihm möglichen Ärger zu ersparen. Aber er führte auch glaubhaft aus, dass die Bayern das vergangene Wochenende sowie das 3:2 in der Champions League sehr gut verarbeitet haben. „Die Stimmung ist top“, erzählte er, „hier wurde sogar schon ein 3:0 getippt. Für uns natürlich. Torschützen: Mathijsen, Westermann und Jarolim“, erzählte er mir, und neben seiner Lache war auch das Lachen ein oder zwei Umstehender zu hören, die offenbar zugehört hatten.
Aber, da sind sich alle Bayern sicher, heute Abend wird es ein ganz harter Gang. Sie wissen um die Stärke der HSV-Mannschaft. „Da sind einige Spieler im Team, die ein Spiel allein entscheiden können“, hatte mir Niko Kovac, ein Kenner beider Klubs, vorgestern am Telefon gesagt. Das sei die große Stärke des HSV. Und der Grund, weshalb die Bayern so großen Respekt haben. Nikos plausible Erklärung: „Schließlich ist der HSV so deutlich unausrechenbarer als noch zu meiner Zeit in Hamburg.“
Und das, obwohl beim HSV die Aufstellung klar zu sein scheint. Für Demel rückt Benjamin auf rechts hinten, davor agiert Pitroipa von Beginn an für Kacar. Der Rest ist wie beim 1:0-Sieg in Mainz gleich. Und trotzdem unausrechenbar.

Ich halte es jetzt mal mit Collin Benjamin: Ich bin schon heiß wie Frittenfett!

In diesem Sinne: Nur der HSV!

5 Stunden und 26 Minuten vor Anpfiff

Die Bayern sind schon da

21. Oktober 2010

Bayern kommt. Besser gesagt, seit 18 Uhr sind sie schon da, wohnen im schicken Le Meridien an der Alster. Allerdings waren es keine Hunderte mehr, die die Münchener am Flughafen empfingen. So, wie es früher durchaus mal vorkam. Nein, anfangs dachte ich sogar, der Glanz früherer Tage sei verflogen. Aber da habe ich mich selbst reingelegt. Inzwischen weiß ich, es ist nicht der Glanz der Bayern, der verflogen ist. Es ist der eigene Glanz, der die Bayern im direkten Duell nicht alles überstrahlen lässt. Der HSV hat aufgeholt. Sportlich. Finanziell. Und nicht wenige, auch ich zähle mich dazu, sehen diesen HSV im morgigen Nord-Süd-Klassiker sogar einen Hauch vorn. Immerhin haben wir nicht nur Hamburger Schietwetter sondern auch ein Heimspiel vor der besten Kulisse und in dem schönsten Stadion Deutschlands. Das alles nimmt dem einst übermächtigen Gegner zwar oberflächlich betrachtet etwas Reiz, nicht aber der Partie an sich. Ich erwarte ein Duell zweier Mannschaften, die beide zeigen werden, dass sie ganz oben in die Tabelle gehören. Ich freue mich auf einen hochinteressanten Fußballabend.

Dass beide Mannschaften dabei die eine oder andere Umbaumaßnahme gegenüber ihrer vermeintlichen Top-Elf vornehmen müssen, stört mich nicht. Im Gegenteil. Trotz etlicher Ausfälle zählen beide Klubs zu den Teams, die auch mit der zweiten Reihe eine vermeintlich erste Elf aufstellen. In Mainz schaffte das der HSV, die Bayern gegen Hannover (3:0) und Cluj (3:2). Die Umstellungen brachten sogar neue Helden hervor. Beim HSV waren es Paolo Guerrero mit dem späten Siegtreffer und Piotr Trochowski, der nicht nur für Armin Veh „ein sehr gutes Spiel gemacht hat, weil er zuvor auch gut trainiert hat“. Zudem haben beide das Ärgernis nach dem Bremen-Spiel verarbeitet, als Veh ihn noch auf dem Platz direkt nach Schlusspfiff arg zusammenstauchte. „Ich war schon sauer“, gab Troche heute zu. Immerhin habe er nicht absichtlich Fehler machen wollen. Es sei auch nicht der beste Moment gewesen, so direkt nach dem Spiel und auf dem Platz vor laufenden Kameras. Troche weiter: „Aber wir haben darüber gesprochen und es war schon zwei Tage danach komplett ausgeräumt.“

Zumindest legte sich Veh heute schon sehr früh auf seine Offensive mit Guerrero neben Ruud van Nistelrooy und Trochowski dahinter in der zentralen Offensive fest. „Es gibt keinen Grund etwas zu ändern“, so Veh klar. Selbst die Rückkehr von Mladen Petric, der sich in den beiden letzten Heimspielen gegen die Bayern jeweils mit einem Treffer zum Matchwinner hervorhob, ändert daran nichts. Veh: „Es ist schön, dass er wieder gesund ist. Er wird in den Kader rücken.“ Das übrigens für Änis Ben-Hatira. „Aber“, betonte Veh heute, „Mladen wird nicht von Beginn an spielen.“

Stattdessen war gestern der bereits komplett abgeschriebene Mario Gomez großes Thema. Der hatte, nachdem in der Nationalelf Torschütze, endlich auch in der Bundesliga seine Tore gemacht. Und wie! Zuerst Hannover mit drei Treffern erlegt, traf er – zugegebenermaßen glücklich angeschossen – auch gegen die Rumänen in der Champions League. „Der ist kräftig, schnell, beidbeinig schussstark, groß und kopfballstark. Er hat alles, was ein guter Stürmer braucht“, sagt Veh, der Gomez einst zum Durchbruch in der Bundesliga verhalf. Gomez’ erstes Bundesligaspiel war übrigens vor sechs Jahren und fünf Monaten – in Hamburg gegen den HSV. Gutes Omen: Gomez verlor bei seiner Premiere dank der Treffer von Stefan „Paule“ Beinlich und Nico Hoogma mit 1:2.

Soviel zur Vergangenheit. Sicher schöne Erinnerungen – aber die Gegenwart ist nicht schlechter. Zumindest, wenn ich das letzte Spiel und das heutige Training als Maßstab nehme. Einzige Ausnahme: der Rasen. Wie der schon wieder aussah nach der knapp 38-minütigen (!!) Einheit bei Dauerregen – eine Katastrophe! Da wird Greenkeeper Reiner Reißner, der zusammen mit fünf weiteren Helfern gleich nach dem Training die gröbsten Löcher stopfte, heute Abend noch die eine oder andere Extraschicht einlegen müssen, um die Hälfte zur Nordkurve hin wieder in Schuss zu bekommen.

In Schuss ist dafür wieder Collin Benjamin. Der sympathische Allrounder wusste gestern im Training nach seinen drei Tagen Pause (er hatte Knieprobleme) zu überzeugen. Ihr erinnert Euch, er sagte, er sei „heiß wie Frittenfett“, er würde „sogar mit nur einem halben Bein gegen Bayern auflaufen“ wollen, hatte er angekündigt. Immerhin ist es morgen für den dienstältesten HSV-Spieler das erste Spiel von Beginn an seit dem 34. Spieltag 2008/2009 in Frankfurt.

Vor ihm spielt, so zeichnete es sich heute im Training ab, Jonathan Pitroipa wieder. Wie schon vor dem Mainz-Spiel befürchtet, bestätigte Gojko Kacar beim FSV seine vorausgegangene „Leistung“ im Abschlusstraining am vergangenen Freitag. Konsequenz ist die Rolle des Reservisten, die er sich mit Petric, dem in Mainz wieder formschwachen Guy Demel, Robert Tesche, Maxim Choupo-Moting und Jaroslav Drobny und Muhamed Besic teilen darf.

Apropos Besic. Der 18-Jährige, der in der Vorbereitung alle begeistert hatte, wurde in der Woche von Veh als Rechtsverteidiger getestet. Und er machte seine Aufgabe so gut, dass Veh ihn auf dieser Position sogar „eine echte Alternative“ nannte. Eine Ohrfeige für Guy Demel, der Ritterschlag für den jungen bosnischen Jugendnationalspieler, der auch intern zu begeistern weiß. Im Training immer einer der fleißigsten, ist Besic lernwillig. Komplimente nimmt er an, sie freuen ihn sicher auch. Aber er ruht sich nicht darauf aus. „Der zieht immer durch“, lobt Abwehrchef Joris Mathijsen, „und auch wenn das eigentlich der normale Weg für einen Jungen ist, ist das heutzutage nicht zwingend selbstverständlich.“

Gegenbeispiele wie Änis Ben-Hatira (der sich inzwischen gefangen hat!) oder einst auch Marek Heinz, der zwar alles im Fuß, aber leider zu wenig im Kopf hatte (zumindest auf den Fußball bezogen), gibt es ausreichend. Mathijsen: „Besic zeigt, dass er dabei bleiben will. Er verdient es sich sogar.“ Mehr Kompliment geht kaum.

Trotzdem reicht es für Besic noch nicht für die Startelf. Die dürfte für Euch erkennbar sein. Das Schema: Rost – Benjamin, Westermann, Mathijsen, Jansen – Pitroipa, Rincon, Trochowski, Zé Roberto – Guerrero, van Nistelrooy. Mal wieder eine Anreihung exzellenter Namen. Wenn man sich die Bayern gegenüberstellt, wird auch dem letzten Fußballliebhaber klar sein, dass morgen ein echtes Spitzenspiel ansteht. Das Ganze liest sich noch besser als vor dem Duell beim Tabellenführer und bis dahin „Sieben-Mal-Hintereindersieger“ Mainz, oder?

Egal wie, die Einschätzung von Veh, dass die Chancen bei 50:50 liegen teile ich nicht ganz. Aber es wird ein harter Gang. Für beide Mannschaften, das ist sicher. Trochowski, der – Fußballer sind eben abergläubisch – zusammen mit Mathijsen wie nach jedem erfolgreichen Spieltag auch heute wieder die Presserunde besuchte, sagte ganz klar: „Die Bayern haben in den letzten Jahren gemerkt, dass wir ihnen Probleme machen. Aber wenn wir glauben, dass es leicht wird, weil es bei denen noch nicht so rund läuft, dann täuschen wir uns. Die sind deutlich besser, als der Tabellenstand es aussagt.“

Immerhin sind die Bayern, für die meisten Experten neben Borussia Dortmund noch immer der absolute Topfavorit auf den Meistertitel, im Moment nur Zehnter. „Sie sind und bleiben das Aushängeschild des deutschen Fußballs“, schwärmte Veh heute. Der Rekordmeister sei zudem immer in der Lage eine Serie zu starten. Eine Siegesserie wohlgemerkt. Womit Veh genau den Reiz hervorgehoben hat, den der FC Bayern immer mitliefert: Siege über den Besten, den vermeintlich Übermächtigen sind immer die schönsten. Auch wenn sie vielleicht eigentlich gar nicht mehr übermächtig sind.

In diesem Sinne, nur der HSV!

19.22 Uhr.

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