Monatsarchiv für Oktober 2010

Veh betrieb beste Eigenwerbung

24. Oktober 2010

Jetzt ist er wieder in aller Munde. Und das wird wohl auch noch eine Weile anhalten. Denn Paolo Guerrero lernt einfach nicht. Ich habe ihn nach seinem Flaschenwurf über Wochen verteidigt, weil ich gedacht hätte, dass er nun weiß, wo es lang zu gehen hat, aber denkste. Leider. Wobei ich dieses leider nicht auf Guerrero beziehen möchte, sondern auf die Tatsachen, dass der Peruaner wieder einmal eine ganz schlechte Image-Werbung für den HSV betrieben hat, und zweitens, was viel schwerwiegender ist: So wird der HSV es nicht schaffen, als Einheit auftreten. Die Mannschaft ist in meinen Augen noch lange keine verschworene Gemeinschaft, und ich hege schon seit vielen Wochen, ja sogar Monaten die Zweifel, ob aus diesem Star-Ensemble überhaupt eine richtig gutes Team werden kann – aber solche Dinge, wie sie sich Guerrero jetzt erlaubt hat, werfen alle Bemühungen (von allen, wenn es sie denn gibt) total über den Haufen. Natürlich ist es nicht mehr so wie früher, zu Sepp Herbergers Zeiten, als es hieß: „Elf Freunde müsst Ihr sein.“ Aber es hilft schon, erfolgreich zu sein, wenn man als verschworener Haufen aufzutreten versteht. Siehe Mainz, siehe Dortmund. Und siehe auch den HSV-Nachbarn. Auch wenn mich heute im Verlaufe dieses Sonntags alle diese Klubs Lügen strafen könne, vielleicht werden.

Armin Veh, der sich über Guerrero aufgeregt hat („Das geht gar nicht, das ist ein Kind“), hat heute, als er zu Gast bei Sport 1 und im „Doppelpass“ war, über seine Spieler gesagt: „Wir haben eine gute Mannschaft und sehr viele gute Einzelspieler. In Hamburg haben wir von den Einzelspielern her mehr Klasse als damals beim VfB Stuttgart, als wir Meister geworden sind. Aber mit dem VfB waren wir als Team richtig gut.“ Treffer, Herr Veh, Volltreffer sogar. Daran wird zu arbeiten sein. Daran musst dringend gearbeitet werden. Nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in der Kabine, sogar im Privatleben, wenn es gilt, gemeinsame Unternehmungen (mit Kind und Kegel) zu starten. Oder auch nur den einen oder anderen Kumpelabend zu organisieren. Auch wenn ich weiß, wie schwer das heutzutage ist, denn „Elf Freunde müsst Ihr sein“ ist arg verstaubt und antiquiert.

Armin Veh hat diese Problematik natürlich auch schon längst erkannt, denn er sagte im „Doppelpass“ auch: „Es ist meine Hauptaufgabe, dass ich es und mein Trainerteam zusammen hinbekommen, dass wir jede Woche als Team auftreten.“ Laut Veh soll es übrigens keine Geldstrafe für den „Übeltäter“ geben, es soll wohl nur – eine weitere- Ermahnung unter vier Augen stattfinden.
Und kurz noch in anderer Sache zum HSV-Coach, und dann bin ich auch am Ende mit dem „Doppelpass“: Armin Veh hat für mich erneut (wie vor einer Woche im ZDF-Sportstudio, wo er nur als V(F)ehl-Schütze an der Torwand unangenehm auffiel!) eine glänzende Figur abgegeben, das war beste Eigenwerbung und auch eine ganz hervorragende Werbung für den HSV.

Um noch einmal zum Bayern-Spiel zurück zu kommen: Zweikampfstärkster Spieler an diesem Abend war Heiko Westermann (72 Prozent), es gab 18:11 Torschüsse für den HSV, aber 49:51 gewonnene Zweikämpfe. Flanken 12:9 für den HSV, Ecken 5:2, und bei den Fouls führt Bayern mit 13:6. Wobei ich beim 23. Mann bin. Der Berliner Manuel Gräfe war diesem Spiel ein großartiger Leiter. Der 37-jährige Sportwissenschaftler spielte einst in der Jugend von Rapide Wedding, seine erste Bundesliga-Begegnung leitet er am 12. September 2004 (Hannover gegen Freiburg). In den ersten Jahren musste Gräfe seine Linie suchen, seit einigen Jahren hat er sie gefunden, er gehört für mich zur absoluten Spitze der deutschen Unparteiischen, weil er Dinge erkennt, aber nie „Zirkus“ macht. Der Mann behält stets die Souveränität, ihn zeichnet eine Bärenruhe aus, und obwohl es gelegentlich den Anschein hat, als würde er über den Platz schleichen, so ist er dennoch meistens auf Ballhöhe. Mit dem Namen Gräfe habe ich mich erstmals während des Hoyzer-Skandals beschäftigt. Zu jener Zeit erfuhr ich, dass Hoyzer und Gräfe die größten Konkurrenten der jungen Berliner Schiedsrichter waren. Erst hatte Robert Hoyzer die Nase vorn, brachte sich selbst aber klassisch zu Fall, Manuel Gräfe war inzwischen auch schon aufgestiegen – und hat nun schon seit geraumer Zeit gezeigt, dass er Klasse als Schiedsrichter hat. Hut ab, Herr Gräfe!

Gleiches gilt für einen HSV-Spieler der besonderen Art: Collin Benjamin. Der Mann aus Namibia erlebt derzeit seinen dritten Frühling. Ich hatte ja einige Bedenken, gebe ich zu, als ich hörte, dass „Collo“ gegen Thomas Müller spielen sollte. Aber meine (bösen) Vorahnungen trafen nicht zu, Benjamin sah eigentlich nur einmal ein wenig schlechter aus, ansonsten hatte er den Nationalspieler (von dem ich immer begeistert bin) sehr gut im Griff. Ich würde mal sagen: Stammplatz gefestigt. Collin Benjamin konnte sich gegen die Bayern, das darf bei diesem Lob nicht unerwähnt bleiben, auch auf die defensiven Augen aus dem Mittelfeld verlassen. Dort hatten die Kollegen ganz offenbar die Aufgabe, immer zu „doppeln“, wenn Müller am Ball ist. Zu 90 Prozent hat das gut geklappt. Kompliment da vor allen an Tomas Rincon, der eine hervorragende Partie gespielt hat, aber das erwähnte ich ja bereits in meinem Bericht nach dem Spiel.

Jetzt bin ich total gespannt auf den kommenden Mittwoch. Das Pokalspiel in Frankfurt. Die Eintracht ist gerade zu anpassender Zeit wieder so richtig gut geworden – sollte der HSV die (miese) Pokal-Tradition nun am Main fortsetzen wollen? Hoffentlich nicht. Ich hoffe vielmehr darauf, dass Armin Veh seinen Mannen klar machen kann, welche große Chance ein DFB-Pokalfinale jedem Spieler bietet. Ruhm, Ehre und Geld. Dazu eventuell ein internationaler Start – von der unglaublichen und ganz besonderen Atmosphäre, die rund um dieses Endspiel in der Hauptstadt herrscht, einmal abgesehen.

Vielleicht schafft es Veh ja auch, in einem Crash-Kurs Jonathan Pitroipa zu einem Torschützen zu verwandeln. Ich sehe den guten „Piet“ immer noch auf Jörg Butt zulaufen, ich sehe die Zuschauer von den Sitzen aufspringen, ich sehe den Schuss, ich sehe Butts ausgefahrenes linkes Bein – und ich sehe einen Pfostenschuss, den Pfostenschuss überhaupt. Mein Gott, das waren Sekunden für die Ewigkeit, „Piet“ hätte sich mit diesem Tor unsterblich machen können – aber er schaffte es wieder einmal nicht. Kommentar Pitroipa: „Ich lasse den Kopf trotzdem nicht hängen . . .“ Dabei hatte er versprochen: „Wenn ich einmal treffe, dann ist auch der Knoten geplatzt, dann treffe ich auch mehrfach.“ Leider hat er nach seinem herrlichen Tor in Bremen sein Versprechen nicht halten können. Aber in Frankfurt besteht ja die nächste Möglichkeit, eine „Serie“ zu starten. Und verdient hätte es das „Eichhörnchen“, das von meiner platonischen „Freundin“ Ingrid W. auch „Hase“ oder „Häschen“ genannt wird, allemal, denn er ist mit seinen Dribbelkünsten der überragende Mann in der HSV-Offensive. Aber, wie sagt mein Kollege Babak M. immer so schön treffend (und nach solchen vergebenen Chancen auch total passend): „Wenn Pitroipa auch noch Tore schießen könnte, dann würde er bei Inter Mailand oder Real Madrid spielen.“ Stimmt wohl.

Einen kleinen Abstecher möchte ich auch noch zu den Bayern machen. Die haben wirklich zu klagen, denn die vielen Verletzten erinnern mich an den HSV der vergangenen Saison. Ich glaube aber, die Münchner hat es diesmal fast noch schlimmer erwischt. Das ist Pech. Warum sich aber der liebe Herr Rummenigge gleich nach dem Spiel wieder über die Ansetzung (am Freitag in Hamburg) beschwert, ist mir rätselhaft. Das passt gar nicht zum FC Bayern. Die haben früher doch nie gejammert! „Offensichtlich scheint irgendein Mann bei der DFL Interesse daran zu haben, den FC Bayern nicht mehr an einem Sonnabend spielen zu lassen. Aber ich habe Herrn Seifert von der DFL bereits Bescheid gegeben“, sagte der FCB-Vorstandsvorsitzende nach dem 0:0. Zur Erinnernung: Bayern spielte am Dienstag in der Champions League gegen Cluj. Am Mittwoch, und jetzt wird es kurios, spielten Schalke und Werder ebenfalls in der Champions League, und beide Vereine mussten doch tatsächlich schon wieder am Sonnabend antreten. Das ist doch reine Schikane! Da wird doch mit den Kräften der Profis Schindluder getrieben! Schalke und Werder hatten, wie auch die Bayern, nur einige „läppische“ Tage zur Erholung. Und mussten beide auch auswärts antreten. Und? Hat einer von beiden Klubs gejammert? Nein!

Da müssten die Bayern (oder nur der Herr Rummenigge) schon wieder ein wenig souveräner werden. Zumal der HSV, als er noch international tätig war, auch gelegentlich nur zwei Tage zwischen Europa League und Bundesliga Zeit gehabt hat. Aber das wird leider vergessen. Jeder denkt eben nur an sich.

So, ganz zum Schluss noch ein ins Ländle. Da räumte der Präsident Erwin Staudt (Chef des VfB Stuttgart) ein, dass die Personalpolitik des abstiegsbedrohten Bundesligisten vor dieser Saison nicht glücklich gewesen ist. „Ein paar Fehleinkäufe waren sicherlich dabei“, sagte der 62-Jährige dem Magazin „Focus“. „Dies versuchen wir nun zu verbessern“.

Das nur ganz, ganz kurz zum Thema Bastian Reinhardt, wenn Ihr versteht, was ich meine.

16.36 Uhr

Der Trend ist positiv!

23. Oktober 2010

Der Tag danach – das klingt irgendwie nach Katerstimmung. Und zumindest beim HSV trifft das zu. Das 0:0 war den Spielern nicht genug, sie trauerten auch heute noch der großen Chance nach, die Bayern zu schlagen und tabellarisch weiter zu distanzieren. Zudem hatte es gestern einige angeschlagene und verletzte Spieler gegeben. Aber der Reihe nach.

Frank Rost, dessen kuriose Auswechslung ich gestern als amateurhaft angeprangert hatte, erklärte uns glaubhaft, er habe anfangs gedacht, die Verletzung sei nicht so schlimm. Die ersten Bewegungen nach der Behandlung in der 15. Minute seien „völlig okay“ gewesen, sagte er. Erst unmittelbar vor der Auswechslung habe er den richtigen Schmerz gespürt. Jetzt, das fügte er hinzu, wartet er erstmal die Kernspintomografie am Montag ab. Rost: „Ich glaube aber, dass ich die nächsten zwei Wochen wohl ausfallen werde.“

Sein Mannschaftskamerad und Konkurrent, Jaroslav Drobny, schwieg gestern. Der Tscheche, der mannschaftsintern ob seines Humors sehr beliebt ist, punktet weiter. Ohne Worte. Denn die hatte er auch in den Momenten nicht verloren, in denen Kritik an Rost laut wurde. Vielmehr entpuppt sich der Zugang von Hertha BSC menschlich wie sportlich als glatte Eins. Auch die spontane Einwechslung nahm er gelassen. „Das war kein Problem. Ich dachte, Frank kann weitermachen“, hatte er nach dem Spiel erklärt, weshalb er sich nicht warm gemacht hatte, nachdem Rost das erste Mal behandelt worden war. „Aber ich hatte in der Halbzeit ja genug Zeit, mich fit zu machen.“

Wie er seinen Einstand beurteilte, zeigt zudem, welch sportsmännischer Natur „Jaro“ ist: „Ich hatte ja nichts zu tun, weil unsere Defensive großartig verteidigt hat. Aber es werden sicher auch noch andere Spiele kommen.“ Ganz sicher sogar. Wohl mit ihm.

Und mit Ruud van Nistelrooy. Der Niederländer, der gestern nach einem Schlag aufs Knie raus musste, gab heute Entwarnung. Ebenso wie Marcell Jansen, der einen Schlag auf seinen bereits lädierten Zeh bekommen hatte.

Apropos Jansen. Marcell hatte nach dem Spiel offene Worte gefunden. Zum einen fand er seine Leistung „bärenstark“, zum anderen die Platzverhältnisse „katastrophal“. „Seit ich nach Hamburg gewechselt bin, sage ich immer wieder das Gleich: dieser Rasen ist ein Nachteil für uns.“ Eine Erklärung lieferte er auch gleich mit: „Wir haben die Philosophie, über die spielerische Qualität Partien für uns zu entscheiden. Und je schlechter der Boden, desto schwieriger wird die Umsetzung.“

Dabei, und das muss ich hier unbedingt klarstellen: Die aufopferungsvoll kämpfenden Platzwarte beim HSV sind schuldlos. Es ist und bleibt das Problem der zu geringen Sonnen- und Luftzufuhr in dem für Fans sensationellen, aber für den Rasen katastrophalen Stadion. Wenn jemand das Abschlusstraining, beziehungsweise den Boden nach dem Abschlusstraining gesehen hätte, hätte nie geglaubt, dass der hinzukriegen wäre. Und doch schafften es die Greenkeeper beim HSV. Aber es ist eben ein Kampf gegen Windmühlen für die Jungs. Löcher stopfen in der Gewissheit, am kommenden Wochenende wieder das gleiche Problem zu haben. Die einzige Lösung ist ein kostspieliger, aber eben notwendiger Austausch des Geläufs.

Viel tauschen muss Veh dagegen nicht. Morgen haben seine Profis frei, am Montag geht es in die Vorbereitung auf das DFB-Pokalspiel in Frankfurt am Mittwoch. Und, darüber täuscht ein 0:0 gegen Schalke vielleicht etwas hinweg, die Hessen sind gut drauf. Ich habe mir heute die Partie zu großen Teilen angeguckt, weil ich neugierig war, was auf den HSV zukommt.

Und ich kann Euch sagen, dass es ein ganz, ganz harter Gang wird in Frankfurt. Nicht nur, weil es ein Auswärtsspiel ist. Nein, sondern wegen der spielerischen Klasse der Frankfurter. Gegen Schalke hätten die Jungs von Trainer Michael Skibbe gewinnen müssen. Sie waren über das gesamte Spiel hinweg die bessere Mannschaft.

Aber Angst haben muss der HSV nicht. Wenn das Spiel gegen Bayern eine Lehre hatte, dann die, dass der HSV in der Bundesliga auf Augenhöhe mit den besten ist. Immerhin fehlten nur ein paar Zentimeter, und der HSV hätte den Meister geschlagen. Und er wäre in der Tabelle bis auf den dritten Platz geklettert. Und – nein, ich höre lieber auf, mich zu ärgern. Ich richte meinen Blick lieber nach vorn.

Optimistisch im Übrigen. Denn der Trend der letzten Wochen ist absolut positiv. Gegen Lautern nicht schön und glücklich gewonnen, wurde Mainz in einem sehr ansehnlichen Spiel geschlagen, während Bayern zwar keinen Sieg einbrachte – dafür aber zeigte, wozu unsere Defensive in der Lage ist.

Da scheint Heiko Westermann sich endgültig eingelebt zu haben. Der frisch gebackene Vater – sein zweites Kind wurde Mitte der Woche gesund auf die Welt gebracht – war für mich gestern ganz stark. Zwar hatte er den einen oder anderen Stolperer am Ball dazwischen, aber wie er die Zweikämpfe annahm, antizipierte und gewann – das war eines Nationalspielers würdig. Mein Glückwunsch! Gleiches gilt für Joris Mathijsen. Der Niederländer holte sich gestern schon sehr früh Gelb ab – gegen eine Topmannschaft wie Bayern für einen Innenverteidiger ein schweres Handicap. Trotzdem zog er sich aus keinem Zweikampf. Im Gegenteil, er wirkte „heiß wie Frittenfett“.

Womit ich die Überleitung zu einem der sympathischsten HSVer der letzten 30 Jahre gefunden hätte. Collin Benjamin hatte gestern einen guten Tag. Er konnte sicherlich nicht jeden Angriff von Thomas Müller unterbinden, aber er engte dessen Kreise beachtlich ein. Vor dem Spiel hatte ich insbesondere vor diesem Duell großen Respekt, denn ich bin ein großer Fan von Müllers Spielweise. Der spielt schnörkellos und hat trotzdem eine extreme Effizienz nach vorn. Auch gestern hätte er trotz Collos starkem Spiel eigentlich getroffen – hätte Rost nicht eine genialere Reaktion gezeigt.

Eine schwache Reaktion hatte gestern Paolo Guerrero gezeigt. Der war nicht einverstanden mit seiner – meiner Meinung nach absolut vertretbaren – Auswechslung und hatte wutentbrannt eine Kamerabande weggetreten. Heute hingen hat Paolo gut reagiert und sich bei Trainer Armin Veh entschuldigt. „Ich glaube, die Sache ist damit erledigt“, hofft er.

Ich glaube, das sollte sie auch sein. Schließlich ist Paolo in einer nicht ganz einfachen Situation, die er mit seinem Flaschenwurf zwar selbst eingeläutet hatte. Allerdings sollte der Flaschenwurf irgendwann auch mal Geschichte sein und nicht zu einer Generalverurteilung des Peruaners genutzt werden. Denn was unter der Woche mit ihm passiert war, ist schon grenzwertig. Weil er mit seinem Wagen 20 Zentimeter eines Behindertenparkplatzes eingenommen hatte, wurde er öffentlich als „Parkrambo“ gerüffelt. Und, damit Ihr mich nicht falsch versteh, ich heiße das keinesfalls gut. Im Gegenteil. Ich finde nur, dass hier etwas maßvoller geurteilt werden sollte. Zumal in diesem speziellen Fall sogar deutlich zu erkennen war, dass der Behindertenparkplatz von einem Autofahrer problemlos genutzt werden konnte.

Egal wie, wir sollten Maß bewahren und Paolo sollte sich wieder nur auf Fußball konzentrieren. Wie schön das sein kann, hat er ja nicht zuletzt in Mainz erfahren. Ein wenig mehr Mainz, ein wenig weniger Sinalco und Kamerabande und alle sind glücklich.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

19.20 Uhr

0:0 – aber Rost und van Nistelrooy verletzt

22. Oktober 2010

Das war ein Feiertag für Hamburg, die Bayern waren da! Es war ein lebhaftes Spiel, es war viel drin, wenn es auch nie hochklassige zuging – aber der HSV, der die besseren Tormöglichkeiten hatte, musste am Ende leider mit dem 0:0 zufrieden sein. Die Bayern wurde auf Distanz gehalten, aber so richtig Fisch und Fleisch war diese Nullnummer dann doch nicht. Mit einem Sieg hätte sich die Veh-Mannschaft noch einmal für die Spitze interessant machen können, so aber blieb unter dem Strich stehen, dass noch einiges zu tun ist, um sich berechtigte Hoffnungen auf einen Spitzenplatz (nicht die Spitze!) machen zu dürfen. Schlecht für den HSV und für das Pokalspiel am Mittwoch in Frankfurt: Frank Rost und Ruud van Nistelrooy verletzten sich, mussten ausgewechselt werden – ihr Ausfall droht nun in der kommenden Woche – und damit wäre dieses 0:0 dann wirklich sehr bitter erkauft.

0:0 zur Pause, aber mit viel, viel Aufregung. Da war schon Zunder drin, meine Herren! Das begann schon vor dem Anpfiff: Riesiger Beifall für Ivica Olic, aber Pfiffe für Jörg Butt. Ich hatte es mir gewünscht, dass der ehemalige HSV-Keeper nicht so empfangen worden wäre, aber die meisten wissen eben noch immer nicht, warum Butt einst den HSV verließ. Ich will es schnell noch einmal (nett) umschreiben, so dass es eigentlich alle begreifen müssten. Also: Ein Arbeitnehmer namens Butt bekommt von seinem Arbeitgeber ein Angebot, den Vertrag zu verlängern. Das lehnt Butt aber ab. Er ist einer der Minderverdienenden in der Firma, er hat Leistung gebracht, er möchte mehr. Bis dahin noch ganz legitim. Dann geht aber der Arbeitgeber mit den Zahlen, die sich der Arbeitnehmer Butt so als sein künftiges Gehalt vorstellt, an die Öffentlichkeit. Das ist dann nicht mehr legitim. Nicht mehr so ganz jedenfalls. Nein, geht überhaupt nicht, das ist ja klar. Und was macht Butt? Der sucht sich einen anderen Arbeitgeber, wie er zu seinem alten Arbeitgeber – was nicht hat? Genau: Vertrauen. Das ist nicht nur legitim, sondern auch ganz verständlich. Und wenn nun jemand wirklich aufgebracht reagiert (von Euch), dann muss ich sagen, der Vorsitzende des ehemaligen Arbeitgebers von Jörg Butt war nicht Bernd Hoffmann. Also bitte, das muss beachtet werden, Hoffmann war damals noch nicht in Amt und Würde.

Zurück zum Spiel. Der Rasen im Volkspark sehr glatt, Freund und Feind rutschten. Und während sie links und rechts zur Seite kegelten, ging Schiedsrichter Manuel Gräfe ganz ruhig und gelassen (wie ein Bär) über das Spielfeld, der Berliner ließ (international üblich) viel, viel durchgehen. Zuerst profitierte Paolo Guerrero davon (11.), der Schweinsteiger sehr, sehr rustikal umtrat – von vorne, nicht von hinten. Der Peruaner mit der neuen Guerilla-Kampffrisur protestierte gegen den Pfiff, hatte aber großes Glück, dass es kein Gelb gab. Entschuldigt hat sich der HSV-Stürmer bei seinem früheren Kollegen aber auch nicht.

In der 15. Minute bewahrte Frank Rost den HSV vor dem 0:1, er zeigte bei Müllers 16-Meter-Schuss eine Super-Parade, der ball hätte bestens gepasst. Es war leider die letzte Glanztat von Rost, der Sekunden später nach einem Eckball hart von Schweinsteiger angegangen wurde und zu Boden ging. Ein klares Foul. Der Bayern-Spieler wurde von Gräfe ermahnt, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre (früher?), nämlich sich zu entschuldigen. „Schweini“ läuft hin, gibt dem am Boden liegenden Rost einen Klaps und läuft wieder weg – natürlich unter Pfiffen. Das sah wenig kollegial aus. Aber so ist es wohl, wenn der Nord-Süd-Gipfel auf dem Programmplan steht.

Gelb sah später Joris Mathijsen, weil er Gomez unsanft zu Boden befördert haben soll (23.). Aber war da wirklich etwas? Oder ist der Bayern-Stürmer nur unglücklich ausgerutscht? Egal, Gelb ist Gelb.

Der HSV hatte schwungvoll begonnen, aber nach zehn, 15 Minuten war das Selbstvertrauen, was nach dem Mainz-Sieg offenbar vorhanden war, schon ein wenig aufgebraucht. Bayerns Ersatzmannschaft kam besser ins Spiel, das fortan ausgeglichen war. Beim HSV tauchten Marcell Jansen und Ze Roberto ab, und Tomas Rincon spielt die Pässe, die ich genau von Piotr Trochowski erwartet hatte – der aber spielt fast wie eine dritte Spitze, für meine Bergriffe einen Tick zu offensiv. Das gab sich dann aber noch vor dem Halbzeitpfiff.

Schade war, dass Jonathan Pitroipa nicht öfter die Eins-gegen-eins-Situation gegen Pranjic (der früh Gelb gesehen hatte) gesucht hat, über diese Seite wäre Bayern sicher verwundbar gewesen. Bis zum Halbzeitpfiff passierte jedenfalls nichts mehr. Wobei der gute „Piet“ in der 30. Minute einmal mehr unter Beweis stellte, dass er kein „Killer“ ist. Da stand Pitroipa frei vor Butt, stand links am Fünfmeterraum-Eck – und statt zu schießen passte er noch zur Mitte – Chance dahin. Dass muss der Dribbelkünstler, der als einziger Hamburger für gelegentlichen Wirbel sorgte, noch lernen. Möglichst schnell.

Gut begonnen hatte Guerrero, aber er ließ auch schnell nach. Er ist oft zu behäbig, so langsam am Ball, den er glaubt, ganz sicher behaupten zu können – und plötzlich ist die Kugel dann weg. Da muss mehr, viel mehr Effektivität (und Explosivität) in sein Spiel.

Um mehr Professionalität müsste auch der HSV bemüht sein. Der Torwartwechsel in der 42. Minute war eine Farce. Und total amateurhaft. Nach einer Bayern-Chance ging Frank Rost vom Feld. Er hatte dabei kurz das Wechselzeichen zur Bank gegeben – als er schon ging! Auf der Bank hatte bis dahin Jaroslav Drobny eisern und fest gesessen. Weil sich alle einige waren: Rost spielt auf jeden Fall weiter? Bitter war es in jedem Fall. Rost (der sich am rechten Knie verletzte) hätte, so wäre es profihaft gewesen, zu Boden gehen müssen, um sich dann pflegen und dann auswechseln zu lassen, in genau dieser Zeit hätte sich dann Drobny warm machen können, nein, müssen.

Das, liebe Leute vom HSV, war amateurhaft hoch fünf! Immerhin: Zur Pause, als alle in der Kabine waren, machte sich dann Drobny doch noch warm! Das war dann doch profihaft – aber viel zu spät.

Der mit einer Zeh-Verletzung ins Spiel gegangene Marcell Jansen musste sich dann (aus der Entfernung) noch eine Veh-Standpauke a la Trochowski vom Trainer anhören. Weil er Nationalspieler den Ball am HSV-Strafraum leichtfertig „verdaddelt“ hatte. Der Coach lag damit sicher richtig, obwohl Jansen viele Argumente hatte, die er auch deutlich anzeigte und zu verstehen gab. Falsch war seine Aktion aber in jedem Fall, doch es blieb zur Pause beim 0:0. Keine gutes Spiel, aber mit Spannung und Biss.

Ausgeglichen ging es im zweiten Durchgang zunächst weiter, aber nach einer Stunde kam der HSV besser ins Spiel. In der 61. Minute schickte Armin Veh für Guerrero (der es zunächst nicht fassen konnte) Mladen Petric auf den Rasen, und der Kroate wurde mit viel Beifall bedacht. Nach meiner Berechnung (ein Scherz) hätte Petric erst sieben Minuten später kommen dürfen, um dann das erlösende 1:0 zu schießen. . . Schoss er es deswegen nicht?

„Wir woll’n Bayern siegen sehn“, sangen die Münchner Fans im Nord-Westen, aber daraus wurde nichts.

Beim HSV gefiel mir an diesem Abend Tomas Rincon am besten, der Kämpfer aus Venezuela war in seinem Element, war überall zu finden und ging gelegentlich, wenn es denn sein musste, rustikal zur Sache. Und einige Male musste es eben mal sein. Stark auch wieder Joris Mathijsen, während sein Nebenmann, Heiko Westermann, diesmal doch den einen oder anderen Stockfehler parat hatte. Letztlich aber ließ aber ließ er nach hinten auch nicht viel anbrennen. Gut aus der Affäre zog sich Collin Benjamin, der es immerhin mit dem gefährlichen Müller zu tun hatte. „Collo“, der Wikinger, hatte den Nationalstürmer aber eigentlich ganz gut unter Kontrolle, allerdings kann man einen solchen Mann auch nie ganz ausschalten. Links war Jansen das Handicap mit dem linken Zeh noch anzumerken, er fand lange Zeit überhaupt nicht ins Spiel, dann auch nicht so sehr souverän. Er wollte in der Schlussphase, als er fix und fertig war, so gerne ausgewechselt werden, aber das ging dann nicht mehr. . .

Übrigens: Drobny konnte sich nicht mehr auszeichnen, die bayern schossen nicht auf sein Tor. Tomas Rincon habe ich erwähnt, Pitroipa begann für mich überragend, aber er schaltete recht bald einige Gänge zurück. Ze Roberto war diesmal gar nicht da, er war mindestens zwei Klassen schlechter als noch zuletzt in Mainz. Dass Veh den Brasilianer auf dem Rasen ließ, lag wohl daran, dass der Coach ganz auf die Routine seines ältesten Feldspielers setzte. Piotr Trochowski lief auch seiner Mainz-Form hinterher, er wirkte irgendwie auf mich gehemmt, auch wenn sich der kleine Billstedter im zweiten Durchgang etwas steigern konnte.

Vorne, wie schon gesagt, startete Guerrero sehr gut, aber er ließ auch schnell nach. Und sein Nebenmann? Ruud van Nistelrooy hatte viele sehr gute Szenen, aber in den entscheidenden Szene, als er kurz vor dem Abschluss stand, fehlte ihm das Glück. Und es kam für ihn auch noch Pech hinzu: In der 71. Minute musste der Niederländer mit einer Zerrung im linken Oberschenkel vom Platz, für ihn kam Eric-Maxim Choupo-Moting.

Zweimal stand der HSV noch vor dem 1:0, zweimal riesige Chancen. Nach einem Doppelpass mit Petric stand Trochowski vor Butt, der aber konnte halten (75.). Und in der 81. Minute zeigte noch einmal Petric sein großes Können, als er Pitroipa mit einem Sahne-Pass auf die Reise schickte. „Piet“ lief allein auf Jörg Butt zu, traf aber dann nur den Pfosten. „Rudi“, da waren wir uns alle auf der Tribüne einig, hätte den gemacht. Hätte.

Kurios noch eine Szene in der 86. Minute. Langer Pass von Ze, der den Ball von links nach rechts spielte. Dort bemühten sich Pitroipa und Choupo-Moting um die Kugel – und Louis van Gaal lief wie ein Hase hinter dem Mann an der Linie her: „Abseits! Abseits! Abseits!“ Und was machte der Linienrichter? Er zeigte dem Bayern-Trainer an, welcher der beiden HSV-Spieler tatsächlich im Abseits stand. Interessante Szene.

22.34 Uhr

Update vor dem Spitzenspiel: Die Bayern wandern durch den Regen – und tippen einen 3:0-Sieg

22. Oktober 2010

Um Euch die Zeit bis zum Anpfiff ein wenig zu vertreiben, habe ich mich noch mal ans Telefon gehängt. Und während beim HSV routinierte Ruhe eingekehrt ist, die erste elf eigentlich feststeht, sind die Profis des großen Südkonkurrenten noch etwas gespannter. Daniel van Buyten konnte die Reise nicht mit antreten, dafür ist der ehemalige Publikumsliebling Ivica Olic dabei. Gut möglich, dass er heute in seinem alten Wohnzimmer zum Einsatz kommt.
Vorher hieß es aber auch für ihn: Schirme raus und los! Die Bayern zogen heute Mittag um die Alster. Nicht zum Shoppen, so viel Zeit hatten sie dann doch nicht. Nur ein kurzer Spaziergang, ehe es zum Mittagessen und der anschließenden Mittagsruhe ins „Le Meridien“ ging. „Wir sind sehr gut drauf“, verriet mir ein Spieler, den ich hier lieber nicht nennen möchte, um ihm möglichen Ärger zu ersparen. Aber er führte auch glaubhaft aus, dass die Bayern das vergangene Wochenende sowie das 3:2 in der Champions League sehr gut verarbeitet haben. „Die Stimmung ist top“, erzählte er, „hier wurde sogar schon ein 3:0 getippt. Für uns natürlich. Torschützen: Mathijsen, Westermann und Jarolim“, erzählte er mir, und neben seiner Lache war auch das Lachen ein oder zwei Umstehender zu hören, die offenbar zugehört hatten.
Aber, da sind sich alle Bayern sicher, heute Abend wird es ein ganz harter Gang. Sie wissen um die Stärke der HSV-Mannschaft. „Da sind einige Spieler im Team, die ein Spiel allein entscheiden können“, hatte mir Niko Kovac, ein Kenner beider Klubs, vorgestern am Telefon gesagt. Das sei die große Stärke des HSV. Und der Grund, weshalb die Bayern so großen Respekt haben. Nikos plausible Erklärung: „Schließlich ist der HSV so deutlich unausrechenbarer als noch zu meiner Zeit in Hamburg.“
Und das, obwohl beim HSV die Aufstellung klar zu sein scheint. Für Demel rückt Benjamin auf rechts hinten, davor agiert Pitroipa von Beginn an für Kacar. Der Rest ist wie beim 1:0-Sieg in Mainz gleich. Und trotzdem unausrechenbar.

Ich halte es jetzt mal mit Collin Benjamin: Ich bin schon heiß wie Frittenfett!

In diesem Sinne: Nur der HSV!

5 Stunden und 26 Minuten vor Anpfiff

Die Bayern sind schon da

21. Oktober 2010

Bayern kommt. Besser gesagt, seit 18 Uhr sind sie schon da, wohnen im schicken Le Meridien an der Alster. Allerdings waren es keine Hunderte mehr, die die Münchener am Flughafen empfingen. So, wie es früher durchaus mal vorkam. Nein, anfangs dachte ich sogar, der Glanz früherer Tage sei verflogen. Aber da habe ich mich selbst reingelegt. Inzwischen weiß ich, es ist nicht der Glanz der Bayern, der verflogen ist. Es ist der eigene Glanz, der die Bayern im direkten Duell nicht alles überstrahlen lässt. Der HSV hat aufgeholt. Sportlich. Finanziell. Und nicht wenige, auch ich zähle mich dazu, sehen diesen HSV im morgigen Nord-Süd-Klassiker sogar einen Hauch vorn. Immerhin haben wir nicht nur Hamburger Schietwetter sondern auch ein Heimspiel vor der besten Kulisse und in dem schönsten Stadion Deutschlands. Das alles nimmt dem einst übermächtigen Gegner zwar oberflächlich betrachtet etwas Reiz, nicht aber der Partie an sich. Ich erwarte ein Duell zweier Mannschaften, die beide zeigen werden, dass sie ganz oben in die Tabelle gehören. Ich freue mich auf einen hochinteressanten Fußballabend.

Dass beide Mannschaften dabei die eine oder andere Umbaumaßnahme gegenüber ihrer vermeintlichen Top-Elf vornehmen müssen, stört mich nicht. Im Gegenteil. Trotz etlicher Ausfälle zählen beide Klubs zu den Teams, die auch mit der zweiten Reihe eine vermeintlich erste Elf aufstellen. In Mainz schaffte das der HSV, die Bayern gegen Hannover (3:0) und Cluj (3:2). Die Umstellungen brachten sogar neue Helden hervor. Beim HSV waren es Paolo Guerrero mit dem späten Siegtreffer und Piotr Trochowski, der nicht nur für Armin Veh „ein sehr gutes Spiel gemacht hat, weil er zuvor auch gut trainiert hat“. Zudem haben beide das Ärgernis nach dem Bremen-Spiel verarbeitet, als Veh ihn noch auf dem Platz direkt nach Schlusspfiff arg zusammenstauchte. „Ich war schon sauer“, gab Troche heute zu. Immerhin habe er nicht absichtlich Fehler machen wollen. Es sei auch nicht der beste Moment gewesen, so direkt nach dem Spiel und auf dem Platz vor laufenden Kameras. Troche weiter: „Aber wir haben darüber gesprochen und es war schon zwei Tage danach komplett ausgeräumt.“

Zumindest legte sich Veh heute schon sehr früh auf seine Offensive mit Guerrero neben Ruud van Nistelrooy und Trochowski dahinter in der zentralen Offensive fest. „Es gibt keinen Grund etwas zu ändern“, so Veh klar. Selbst die Rückkehr von Mladen Petric, der sich in den beiden letzten Heimspielen gegen die Bayern jeweils mit einem Treffer zum Matchwinner hervorhob, ändert daran nichts. Veh: „Es ist schön, dass er wieder gesund ist. Er wird in den Kader rücken.“ Das übrigens für Änis Ben-Hatira. „Aber“, betonte Veh heute, „Mladen wird nicht von Beginn an spielen.“

Stattdessen war gestern der bereits komplett abgeschriebene Mario Gomez großes Thema. Der hatte, nachdem in der Nationalelf Torschütze, endlich auch in der Bundesliga seine Tore gemacht. Und wie! Zuerst Hannover mit drei Treffern erlegt, traf er – zugegebenermaßen glücklich angeschossen – auch gegen die Rumänen in der Champions League. „Der ist kräftig, schnell, beidbeinig schussstark, groß und kopfballstark. Er hat alles, was ein guter Stürmer braucht“, sagt Veh, der Gomez einst zum Durchbruch in der Bundesliga verhalf. Gomez’ erstes Bundesligaspiel war übrigens vor sechs Jahren und fünf Monaten – in Hamburg gegen den HSV. Gutes Omen: Gomez verlor bei seiner Premiere dank der Treffer von Stefan „Paule“ Beinlich und Nico Hoogma mit 1:2.

Soviel zur Vergangenheit. Sicher schöne Erinnerungen – aber die Gegenwart ist nicht schlechter. Zumindest, wenn ich das letzte Spiel und das heutige Training als Maßstab nehme. Einzige Ausnahme: der Rasen. Wie der schon wieder aussah nach der knapp 38-minütigen (!!) Einheit bei Dauerregen – eine Katastrophe! Da wird Greenkeeper Reiner Reißner, der zusammen mit fünf weiteren Helfern gleich nach dem Training die gröbsten Löcher stopfte, heute Abend noch die eine oder andere Extraschicht einlegen müssen, um die Hälfte zur Nordkurve hin wieder in Schuss zu bekommen.

In Schuss ist dafür wieder Collin Benjamin. Der sympathische Allrounder wusste gestern im Training nach seinen drei Tagen Pause (er hatte Knieprobleme) zu überzeugen. Ihr erinnert Euch, er sagte, er sei „heiß wie Frittenfett“, er würde „sogar mit nur einem halben Bein gegen Bayern auflaufen“ wollen, hatte er angekündigt. Immerhin ist es morgen für den dienstältesten HSV-Spieler das erste Spiel von Beginn an seit dem 34. Spieltag 2008/2009 in Frankfurt.

Vor ihm spielt, so zeichnete es sich heute im Training ab, Jonathan Pitroipa wieder. Wie schon vor dem Mainz-Spiel befürchtet, bestätigte Gojko Kacar beim FSV seine vorausgegangene „Leistung“ im Abschlusstraining am vergangenen Freitag. Konsequenz ist die Rolle des Reservisten, die er sich mit Petric, dem in Mainz wieder formschwachen Guy Demel, Robert Tesche, Maxim Choupo-Moting und Jaroslav Drobny und Muhamed Besic teilen darf.

Apropos Besic. Der 18-Jährige, der in der Vorbereitung alle begeistert hatte, wurde in der Woche von Veh als Rechtsverteidiger getestet. Und er machte seine Aufgabe so gut, dass Veh ihn auf dieser Position sogar „eine echte Alternative“ nannte. Eine Ohrfeige für Guy Demel, der Ritterschlag für den jungen bosnischen Jugendnationalspieler, der auch intern zu begeistern weiß. Im Training immer einer der fleißigsten, ist Besic lernwillig. Komplimente nimmt er an, sie freuen ihn sicher auch. Aber er ruht sich nicht darauf aus. „Der zieht immer durch“, lobt Abwehrchef Joris Mathijsen, „und auch wenn das eigentlich der normale Weg für einen Jungen ist, ist das heutzutage nicht zwingend selbstverständlich.“

Gegenbeispiele wie Änis Ben-Hatira (der sich inzwischen gefangen hat!) oder einst auch Marek Heinz, der zwar alles im Fuß, aber leider zu wenig im Kopf hatte (zumindest auf den Fußball bezogen), gibt es ausreichend. Mathijsen: „Besic zeigt, dass er dabei bleiben will. Er verdient es sich sogar.“ Mehr Kompliment geht kaum.

Trotzdem reicht es für Besic noch nicht für die Startelf. Die dürfte für Euch erkennbar sein. Das Schema: Rost – Benjamin, Westermann, Mathijsen, Jansen – Pitroipa, Rincon, Trochowski, Zé Roberto – Guerrero, van Nistelrooy. Mal wieder eine Anreihung exzellenter Namen. Wenn man sich die Bayern gegenüberstellt, wird auch dem letzten Fußballliebhaber klar sein, dass morgen ein echtes Spitzenspiel ansteht. Das Ganze liest sich noch besser als vor dem Duell beim Tabellenführer und bis dahin „Sieben-Mal-Hintereindersieger“ Mainz, oder?

Egal wie, die Einschätzung von Veh, dass die Chancen bei 50:50 liegen teile ich nicht ganz. Aber es wird ein harter Gang. Für beide Mannschaften, das ist sicher. Trochowski, der – Fußballer sind eben abergläubisch – zusammen mit Mathijsen wie nach jedem erfolgreichen Spieltag auch heute wieder die Presserunde besuchte, sagte ganz klar: „Die Bayern haben in den letzten Jahren gemerkt, dass wir ihnen Probleme machen. Aber wenn wir glauben, dass es leicht wird, weil es bei denen noch nicht so rund läuft, dann täuschen wir uns. Die sind deutlich besser, als der Tabellenstand es aussagt.“

Immerhin sind die Bayern, für die meisten Experten neben Borussia Dortmund noch immer der absolute Topfavorit auf den Meistertitel, im Moment nur Zehnter. „Sie sind und bleiben das Aushängeschild des deutschen Fußballs“, schwärmte Veh heute. Der Rekordmeister sei zudem immer in der Lage eine Serie zu starten. Eine Siegesserie wohlgemerkt. Womit Veh genau den Reiz hervorgehoben hat, den der FC Bayern immer mitliefert: Siege über den Besten, den vermeintlich Übermächtigen sind immer die schönsten. Auch wenn sie vielleicht eigentlich gar nicht mehr übermächtig sind.

In diesem Sinne, nur der HSV!

19.22 Uhr.

Ze spielt bis 40 – aber für wen?

20. Oktober 2010

„Wie soll das erst werden, wenn wir mal Erfolg haben?“ Sagte mir eben gerade ein Mitarbeiter des HSV, als wir gemeinsam auf den Ansturm blickten, der sich vor großen Tor der Imtech-Arena aufgebaut hatte. Mindestens 300 Fans standen dort in freudiger Erwartung auf die Mannschaft, Und am Trainingsplatz warteten mindestens ebenso viele. Der HSV ist „in“. Zwei Siege in Folge haben es möglich gemacht, und wer weiß, vielleicht gibt es am späten Freitag ja bereits den dritten Erfolg in Serie? Es kommen doch nur die Bayern . . . Und die haben mir im Champions-League-Spiel gegen „Klusch“ (Cluj), in dem sie dem Gegner das Tore schießen überlassen haben (alle fünf!), ganz gewiss keinen großen Schrecken eingejagt. Obwohl ich natürlich weiß, dass solch Quervergleiche ganz gewaltig hinken. Unabhängig davon: Ich könnte mich sehr gut mit einem dritten Sieg in Serie anfreunden.

„Wir spielen zu Hause, das Stadion ist ausverkauft. Ich habe versucht, noch Karten zu kaufen, aber es gibt keine mehr. Wir müssen dieses so wichtige Spiel gewinnen, ganz klar, und obwohl ich denke, dass die Chancen 50:50 stehen, so sehe ich einen kleinen Vorteil doch auf unserer Seite, weil wir ein Heimspiel haben“, sagt Ze Roberto, der zwei Tage nicht trainiert hat (Adduktoren-Probleme), heute aber wieder eingestiegen ist. Der 36-jährige Brasilianer spielte einst sechs Jahre für den FC Bayern, bezeichnet diesen Aufenthalten in München als seine „beste Zeit als Fußball-Profi“, doch er setzt sich nun zu 100 Prozent für den HSV ein. Für den Fall, dass er ein Tor gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber erzielen sollte, hat er sich kein Jubel-Verbot auferlegt: „Ich jubele immer, wenn ich ein Tor geschossen habe, denn ich schieße ja selten ein Tor, ich bin kein Torjäger. Also werde ich auch diesmal jubeln. Ich muss jubeln, das ist normal, selbst wenn es ein Tor gegen Bayern sein sollte.“

Gegen Bayern würde „der große Ze“ zur Not auch nur „mit einem Bein spielen“, aber er würde dabei sein. Unter allen Umständen. Und er sagt: „Die zwei Tage Pause haben mir gut getan, ich denke, dass ich absolut fit in dieses Spiel gehen werde, ich wurde von der medizinischen Abteilung sehr gut gepflegt.“ Ze Roberto sagt auch: „Für uns kommen jetzt drei ganz wichtige Spiele: Bayern, dann der Pokal in Frankfurt, dann in Köln. Wir haben aber jetzt genügend Selbstvertrauen, wir können alle Aufgaben schaffen. Und es wäre so wichtig, wenn wir das schaffen würden, denn dann bleiben wir oben in der Tabelle, halten Anschluss an die Spitze und haben noch alle Chancen.“

Er spielt am Freitag, wie er sagt, gegen seine „alten Kameraden“. Darauf freut er sich. Und er weiß auch: „Wenn ein Gegner nach Hamburg kommt, dann kommt er in den meisten Fällen, um zu mauern, um zu kontern, die warten immer alle nur auf unsere Fehler. Bayern aber spielt überall Fußball, auch in Hamburg. Die spielen attraktiv für das Publikum, die Medien, für alle – ich mag solche Spiele viel, viel lieber.“ Unterschätzen wird Ze Roberto „seine Bayern“ ganz sicher nicht, obwohl natürlich mit Ribery, Robben, van Bommel und zum Beispiel auch Klose einige große Stars fehlen werden. Ze aber sagt auch: „Bayern hat natürlich viel Qualität im Kader, alle Spieler sind Nationalspieler, die sind alle sehr, sehr gut, da muss man nicht darauf hoffen, dass die schlechter sind. Für mich ist Bayern nach wie vor der große Meisterschaftsfavorit.“ Und der HSV? Vor dem Werder-Spiel sagte er optimistisch, dass er noch an den Titelgewinn mit dem HSV glaubt. Und nun? Ze: „Man muss immer positiv denken. Unser Ziel ist, an jedem Spieltag zu gewinnen, um oben zu bleiben. Und daraus ergibt sich dann automatisch, wo man landet. Wir müssen am Freitag nur höllisch darauf aufpassen, dass Bayern hier nichts holt, denn sollten die noch einen Lauf bekommen, dann sind die sehr, sehr gefährlich. Ich weiß das, ich kenne das genau. Bayern darf nicht nach oben kommen – wir wollen nach oben.“

Dass Bayern-Spiel gegen Cluj hat er sich nicht angesehen („Ich kenne die Bayern sehr gut“). Für ihn ist es Nord gegen Süd, ein Spiel mit Derby-Charakter, ein echter Klassiker. Die Tagesform wird entscheiden. Und seine Form war zuletzt ganz hervorragend, er ist der beste HSV-Profi, wenn es darum geht, Tore vorzubereiten. Ihm macht es zurzeit auch großen Spaß. Er kommt voller Freude zum Training, und er glänzt in den Spielen wie in besten Tagen. Wie lange will er noch? Ze Roberto: „Ich habe immer noch Freude an dem Job, ich will noch weiter machen, ich kann noch nicht sagen, wann ich aufhören will, aufhören werde. Ich kann mir vorstellen, bis 40 zu spielen.“ Auch beim HSV? Ze Roberto sagt lächelnd: „Beim HSV ist eine gute Frage.“ Ende, Mehr sagt er nicht dazu. Aber vielleicht wäre ein Titelgewinn ja ein gutes, vielleicht sogar das beste Argument für den HSV, ihn an der Elbe zu halten. Vielleicht. Und eventuell sorgt ja ein Sieg am Freitag gegen die Bayern für einen großen Lauf des HSV.

Apropos Lauf. Zuletzt war Marcell Jansen nicht gerade sehr gut zu Fuß. In Mainz hatte ihm am Sonnabend ein Mainzelmännchen auf den linken kleinen Zeh getreten. Nach 20 Minuten war das der Fall, aber Jansen gab weiter Gas, hat es erst so richtig nach dem Abpfiff gespürt. Und dann im Training. Gestern zog er sich ja den Stiefel sofort aus, um sich den Fuß mit Eis verpacken zu lassen. Und heute? Jansen: „Der Zeh pocht schon noch, aber er macht jeden Tag Fortschritte. So langsam geht er in die normale Form zurück und sieht nicht mehr aus wie eine Presswurst. Nein, es ist eine Prellung, es ist zum Glück nichts gebrochen, und ich kann von Tag zu Tag mehr mit ihm machen.“

Auch Marcell Jansen hat einst für den FC Bayern gespielt, auch für ihn ist es ein besonderes Spiel, aber er sagt auch: „Selbst in einem so wichtigen Spiel gibt es dann ja auch nur drei Punkte. Aber wir freuen uns drauf, Freitag, ein Flutlichtspiel, volle Hütte, super Atmosphäre, es ist einfach ein geiles Spiel.“ Und dann ergänzte er noch: „Wir müssen uns auf uns konzentrieren, was wir spielen können, wir müssen einfach Bock auf diese 90 Minuten haben – ähnlich wie in Mainz, als wir es erzwungen haben. Natürlich mit einem Quäntchen Glück, aber das braucht man eben mal.“

Den 1:0-Sieg beim Tabellenführer lobt Jansen übrigens noch einmal rückblickend: „Das war das erste Spiel, in dem ich wieder einmal ein richtig gutes Gefühl hatte. Auch wenn es Situationen gab, in denen es eng wurde, aber da muss man ja auch sagen, dass Mainz wirklich eine sehr gute Mannschaft hat. Ich fand aber bei uns, dass es wieder einen Tick besser und harmonischer als vorher war, wir standen auch kompakter.“ Jansen lobt dann die eigene Truppe weiter: „Und wir hatten auch wieder mehr Zielstrebigkeit im Spiel, wir haben uns etliche Tormöglichkeiten erarbeitet. Und zudem haben wir uns hinten in jeden Ball reingeworfen, damit es nicht gefährlich wird. Das hat mir viel besser gefallen, als vorher, Mainz hat gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und das müssen wir am Freitag jetzt noch unterstreichen.“ Mit einem Dreier.

Doch Marcell Jansen macht sich nicht nur im Hinblick auf das Bayern-Spiel so seine Gedanken, er denkt auch weiter. Ein Vorbild-Profi, wenn Ihr mich fragt. Denn er sagt: „Wichtig ist, dass wir das Potenzial, und wir haben ja jetzt einen noch größeren Kader, der in der Breite noch besser geworden ist, auch tatsächlich nutzen, dass wir nun Erfolge einfahren. Und wenn dann noch für die Entwicklung in den nächsten Jahren ein Konzept dahinter steht, wird das ganz entscheidend sein, ob der HSV auch weiterhin so interessant bleibt, wie er jetzt ist.“ Keine Panik, an diesem Konzept wird schon seit Monaten gearbeitet, es werden Strukturen geschaffen, die genau das zum Ziel haben: Der HSV muss nicht nur interessant bleiben, er muss noch interessanter werden. Und daran wird schon, dann kann ich Marcell Jansen und jeden skeptischen Fan beruhigen. Ich glaube, dass der HSV sich immer mehr besser aufstellt, um für die (harte) Zukunft (ohne den finanziellen Background) gewappnet zu sein. Dieser kurze Abstecher sei mir schnell einmal gestattet.

Zum heutigen Training, das von mächtigen Regenschauern gestört wurde: In der A-Elf tauchte hinten rechts in der Viererkette Muhamed Besic auf. Als Platzhalter? Für Collin Benjamin? Der konnte heute nämlich nicht trainieren, weil sich seine Knieschmerzen (links) doch schlimmer entwickelt haben, als er tags zuvor gedacht hatte. Jetzt wird es eng. Für „Collo“, den Wikinger, der sich ja auf Biegen und Brechen in die A-Elf kämpfen wollte. Sollte er morgen nicht trainieren (16 Uhr, in der Arena, unter Ausschluss der Öffentlichkeit) können, dürfte Armin Veh eine kleines Problem haben. Doch Besic? Eher nicht. Obwohl das Talent auch gestern schon in der Stamm-Elf hinten verteidigte, hinten links. Ich denke, dass Veh gegen die Bayern dann doch auf Routine setzen würde, wieder den formschwachen Guy Demel bringen würde, auch wenn der Coach von solcherlei Gedanken im Moment vielleicht gar nichts wissen will . . .

Die Raute der A-Mannschaft spielte übrigens mit Tomas Rincon, Ze Roberto, Jonathan Pitroipa und Piotr Trochowski. Also „Piet“ für Gojko Kacar. Im Training wurden diesmal Torschüsse (nach Flanken) geübt, und den meisten Applaus der Kiebitze heimste sich diesmal – nein, nicht Ruud van Nistelrooy – ein, sondern Tomas Rincon. Er schoss und traf wie ein „Wilddieb“.

Zum Abschluss (danke Benno Hafas) gab es dann noch ein Schießen von der Strafraumgrenze. Abwechselnd standen Frank Rost und Jaroslav Drobny im Tor, wer als Schütze traf, der durfte in die Kabine. Und, wer waren die ersten Spieler die gehen durften? Ein kleiner Tipp von Euch?

Es waren Muhamed Besic, Piotr Trochowski, Ruud van Nistelrooy und Jonathan Pitroipa. Hoffentlich wird ihr Schusspulver bis Freitag nicht feucht . . . Bei dem Wetter.

17.47 Uhr

“Heiß wie Frittenfett”

19. Oktober 2010

Beim Training war heute wieder einmal der Teufel los. Auf dem Rasen und auf den Rängen. Mein Gott, was sind da für Zuschauer! 400? 500? Auf jeden Fall eine Menge. Über eine solche Zahl würde sich so mancher Viertliga-Klub die Hände reiben, von der Oberliga abwärts ohnehin. Und auf dem Trainingsplatz ging es auch munter und kunterbunt zur Sache. Zuerst ein Spiel „fünf gegen drei“, später dann neun gegen neun. Erst ohne Tore, zum Abschluss dann mit Torhütern. Da spielte dann eine Art Stamm gegen die Reservisten, wobei Joris Mathijsen, Marcell Jansen, Mladen Petric und Eric-Maxim Choupo-Moting nicht in der A-Zehn spielten. Dort durfte zum Beispiel Muhamed Besic mitmachen, und er machte seine Sache gewiss nicht schlecht.

Der Stamm gewann am Ende 4:1, wobei es mehrfach donnernden Applaus gab – vor allen Dingen bei den Toren. Für diejenigen, die das 1:0 nicht gesehen haben: Es wäre für mich, wenn es jemand gefilmt hätte, das Tor des Jahres 2010. Ruud van Nistelrooy lief wie einst Felix Neureuther Slalom, umkurvte fünf bis sechs Gegenspieler, zum Schluss auch noch Keeper Jaroslav Drobny und schoss ein. Die Leute draußen waren nicht mehr zu halten – welch ein Treffer! Bilderbuchartig. Nachdem Piotr Trochowski und Paolo Guerrero auf 3:0 erhöht hatten, gab es erneut viel Beifall, denn nach einem Doppelpass mit Guerrero netzte van Nistelrooy noch einmal ein. Den Schlusspunkt setzte aber ein „Reservist“: Jansen schnitt den Ball aus weiter Entfernung mit seinem schwachen rechten Fuß ins lange Eck, unhaltbar für den etwas zu weit vor dem Gehäuse stehenden Frank Rost. Gab ebenfalls viel Applaus. Und nicht wenige Fans staunten laut: „Was war das denn? Jansens rechter Fuß? Den hat er doch sonst nur, damit er nicht umkippt . . .“

Zur Verletzten-Situation: David Jarolim und Miroslav Stepanek (ja, den gibt es auch noch!) liefen heute gemeinsam am Rande des Trainingsplatzes, anschließend trainierte Jarolim mit Reha-Trainer Markus Günther und schon mit dem Ball. Ich denke aber, es wird nach dem Muskelfaserriss noch nicht für Bayern (von Anfang an) reichen. Ze Roberto fehlte auch heute wieder, soll aber morgen wieder einsteigen – den Brasilianer plagen (kleinere) Adduktoren-Schmerzen. Tunay Torun ging heute vorzeitig in die Kabine, was aber nichts bedeuten soll, es ist nur eine Art Schonung, denn es war ja erst tag zwei, an dem er nach seinem Kreuzbandriss wieder im Training stand. Marcell Jansen zog nach dem Training spontan seinen linken „Buffer“ aus und ließ sich den Fuß verbinden (Eis-Verband), denn der dicke Zeh schmerzt.

Etwas größere Sorgen mache ich mir noch um Collin Benjamin. Der hatte am Vortag einen Zusammenprall zu verkraften, humpelte einige Zeit, machte dann aber weiter. Heute kehrten die Schmerzen zurück, so dass er aufgeben musste. Aber „Collo“, der alte Kämpfer, will nicht aufgeben: „Ich habe die Verletzung ein bisschen unterschätzt, heute morgen konnte ich nicht richtig laufen. Deswegen bin ich dann etwas früher vom Training in die Kabine gegangen. Aber ich will am Freitag spielen, und wenn ich mit nur einem Bein auflaufen würde, ich will.“ Zwei Tage sind noch Zeit. Und er scherzt: „Ich bereite mich immer so auf ein Spiel vor, als wenn ich zum Einsatz komme – und dann wird eich meistens enttäuscht.“ Und lacht. Aber fügt ernsthaft hinzu: „Aber für Freitag kann ich mir, so denke ich, schon berechtigte Hoffnungen auf einen Einsatz machen. Ich gehe davon aus, dass ich spiele.“

Er weiß, dass er dafür am Mittwoch und Donnerstag uneingeschränkt trainieren muss. Bleibt abzuwarten, wie sich das linke Knie über Nacht entwickelt. Und ob er dann, wenn es gehen sollte, auch tatsächlich zum Einsatz kommen wird, steht ja auch noch nicht fest. Vom Trainer hat Benjamin diesbezüglich noch nichts gehört: „Nach dem Spiel kam er zu mir und klatschte mit mir ab, schrie dabei ein wenig lauter: ‚Heeeyyyyyy . . .’ Ich habe das Gefühl, er ist ein Mann weniger Worte.“ Über Armin Veh sagt Collin Benjamin: „Für mich ist er ein neuer Trainer, der sich ein Bild gemacht hat, als er hier angefangen hat. Da ich letzte Saison gar nicht gespielt hatte, wusste er sicher nicht genau, wo und wie er mich einstufen sollte. Dass ich nun aber die Chance bekommen habe, dass ich gezeigt habe, dass man sich auf mich verlassen kann, das finde ich gut. Ich muss nur weiter Gas geben. Und wenn mir das gelingt, dann werde ich wohl noch einige Spiele machen.“

Der Liebling vieler HSV-Fans blickt nun wieder optimistischer in die Zukunft. Benjamin, der Mann aus Namibia, inzwischen 32 Jahre alt und seit zehn Jahren beim HSV (Er sagt: „Davon vier Jahre in der Reah – es ist ein Wunder, dass ich noch spielen kann“), hat nie das Gespräch mit dem Trainer gesucht. Er wollte sich ganz einfach nicht in die Mannschaft „quatschen“. Er sagt: „Warum sollte ich zu ihm gehen, irgendwelche Fragen stellen? Ich muss nur mein Ding machen, mehr nicht.“ Typisch „Collo“. Er ist Realist durch und durch. Und hält die Regeln ein, die sich der Fußballsport selbst gegeben hat.

Gegen Kaiserslautern vor eineinhalb Wochen durfte er in den letzten vier Minuten ran, es war so etwas wie eine Art von „Wiederauferstehung“. Im Mai 2009 hatte er sein letztes Bundesliga-Spiel bestritten, im August 2009 erlitt er einen Kreuzbandriss. Trotz allem, er hat den Kurz-Einsatz gegen die Pfälzer nicht genossen. Er kann ihn bis heute nicht genießen, obwohl es ein Zeichen war, dass es wieder bergauf geht mit ihm. Benjamin sagt aber: „Ich hatte gegen Kaiserslautern noch einige Minuten, aber ich hatte nicht eine Ballberührung mehr. Dafür bekomme ich nicht mal die Siegprämie . . .“ Er gibt dann zu: „Natürlich, ich habe mich kurz gefreut, aber so richtig freuen konnte ich mich dann doch nicht, Alter. Keinen Ball mehr berührt, nur auf dem Platz gestanden. Das war zwar ein geiles Gefühl, weil ich das so lange nicht hatte, aber für mich zählen diese vier Minuten ganz einfach nicht.“

Gegen Mainz waren es dann schon 45 Minuten. In der 35. Minute kam Armin Veh zu ihm und fragte: „Collo, wie sieht es aus, kannst du rein?“ Er sagte nur: „Natürlich kann ich das, ich bin heiß wie Frittenfett.“ Benjamin begann einst im Sturm, spielte eine Art Rechtsaußen. Dann ging er ins Mittelfeld, nun spielt er hinten rechts. Zufrieden mit dieser Entwicklung? „Ja, absolut, das ist schon cool, ich fühle mich wohl dort.“ Dann fügt er scherzend an: „Ich habe doch schon alles gespielt, ich weiß doch selbst nicht mehr, wo ich mich wohl fühle. Als Rechtsaußen habe ich früher getanzt, und ich habe getroffen, war so dünn wie Jonathan Pitroipa.“

Manchmal, gibt er zu, „habe ich keinen Bock zu trainieren“. Dann sprudelt es aber aus ihm heraus: „Wenn ich dann aber auf dem Platz stehe, dann macht es plopp, und es geht, ich habe Lust, dann geht es einfach so. Und ich genieße diese Zeit, es ist doch toll, Fußball zu spielen, das auch als Beruf zu haben.“ Er will es noch längere Zeit auskosten, auf dem Platz zu sein, hinter dem Ball her zu laufen: „Ich habe oft im Bus mit Ze Roberto darüber gesprochen, habe ihn gefragt, warum er sich das noch antut, aber er hat gesagt: ‚Ich muss, ich will, ich kann nicht einfach nur zu Hause sitzen und nichts tun.’ So geht es mir auch. Und ich bin doch erst 32 Jahre alt. Wenn ich irgendwann einmal meine Knie in der Hand habe, dann werde ich sagen es geht nicht mehr.“ Aber erst dann. Bis dahin wird er kämpfen. Nicht nur um dieses Spiel am Freitag, sondern um noch viele, viele Spiele mit dem HSV mehr.

Zum Bayern-Spiel hat Collin Benjamin eine ganz besondere Einstellung: „Das hat angefangen mit Thomas Doll. Vorher haben wir immer gesagt, dass wir dagegen halten müssen, gegen die Bayern, aber bei Doll war das anders. Er hat vorher in der Kabine gesagt: ‚Ey, Jungs, Kaugummi in den Mund, und dann gehen wir da raus und hauen die weg – die nehmen hier nichts mit. Seit dieser Zeit gehen wir alle, auch ich, mit dieser Einstellung in ein Bayern-Spiel. Und man hat ja gesehen, dass es hilft, denn die Bayern haben in den letzten Jahren nicht oft gegen uns gewonnen, das waren keine einfachen Spiele für die gegen den HSV.“

Einfach war es auch einmal nicht für „Collo“ – gegen die Bayern. Am 24. August 2003 traf der HSV im Volkspark auf die Münchner, und Benjamin erhielt von einem gewissen Ze Roberto eine kostenlose Lehrstunde. Der HSV verlor 0:2, aber Benjamin sah von Schiedsrichter Markus Merk die Gelb-Rote Karte. „Collo“ erzählte heute in seiner unnachahmlichen Art, warum: „Ze stand vor mir und machte so ungefähr tausend Übersteiger. Die würde er heute nicht mehr schaffen, aber damals klappte das noch. Und ich habe mir gesagt: ‚Okay, du schlägst jetzt dahin, wo du den Ball zuletzt gesehen hast.’ Aber der Ball war dann doch nicht mehr an jener Stelle, deswegen musste ich gehen.“ Benjamin weiter: „Ze hat diese Szene noch heute als Foto auf seinem Handy, und wenn er das zeigt, dann lacht er immer herzlich.“

Herrlich, dem Allrounder so zuzuhören. Und ihm wäre es sicher auch zu gönnen, wenn er am Sonnabend eine weitere Anekdote erzählen könnte. Eine aus diesem Bayern-Spiel. Das für ihn dann länger als vier Minuten gedauert hätte. Und dazu – natürlich – mit Ballberührung.

Da würde sich wahrscheinlich auch Mladen Petric für Freitag wünschen. Ihm geht es wieder gut, er kann uneingeschränkt trainieren – und hofft auf einen Einsatz. Bei seinem letzten beiden Auftritten in Hamburg gegen die Bayern schoss er jeweils das 1:0-Siegtor. Hattrick? Hätte doch was. Zum dritten Mal das 1:0. „Ich bin startklar“, sagt Petric und fügt an: „Ich bin bereit, los zu legen, Gas zu geben, einfach wieder zu spielen.“ Denkt er an Bayern, denkt er an Tore. Seine Tore: „ Das sind schöne Erinnerungen, zweimal gewonnen, ich hatte das Glück, einmal den Fuß und einmal den Kopf hinzuhalten zu können. Es ist etwa Besonderes, ein Tor gegen die Bayern zu schießen, aber es ist Erinnerung. Am Freitag gibt es ein neues Spiel.“

Eine Favoritenrolle mag Mladen Petric für Freitag keiner Mannschaft zuschieben wollen: „Bei beiden Klubs ist es bislang nicht so rund gelaufen ist. Beide haben einige verletzte Spieler, es ist noch nicht so im Rollen, wie es sein könnte. Wir haben zwar gute Chancen, aber Favorit sind wir sicher nicht. Bayern ist in jeder Saison der Meisterschaftsanwärter Nummer eins.“

Auf die Frage aller Fragen, ob er eventuell in der Winterpause den Verein wechseln wolle, antwortet Mladen Petric ausweichend: „Spekuliert man schön weiter.“ Um dann hinzuzufügen: „Klar wünschte ich mir, mehr auf dem Platz zu stehen, aber im Moment mache ich mir keine Gedanken darüber. Ich war jetzt 14 Tage lang verletzt, jetzt ist es wichtig, zurück zu kommen, da werde ich mir mit solchen Sachen nicht den Kopf zerbrechen. Ich will gute Arbeit abliefern, ordentlich trainieren, mich aufdrängen und dann darauf hoffen, dass ich meine Einsätze bekomme.“

Wäre doch ein schöner Anfang, wenn er damit am Freitag schon beginnen könnte. Und dann mit dem Siegtor. Das hätte doch etwas von einer jener Geschichten, die nur der Fußball schreiben kann. Drücken wir Mladen Petric die Daumen. Und dem HSV.

PS: Bitte beachten! Das Gewinnspiel für das Bayern-Spiel endet an diesem Mittwoch um 14 Uhr. Wegen der Eintrittskarten, die noch an den Mann (oder natürlich auch an die Frau) gebracht werden müssen.

18.33 Uhr

Ruud van Nistelrooy und seine HSV-Ansichten

18. Oktober 2010

Folgende Mail hat mich heute erreicht. Ich darf sie Euch zeigen:

Hallo Dieter,

Nachtrag zum Spiel unseres HSV.

Ich bin immer noch sehr erstaunt über die Entscheidung von Dr. Felix Brych, dass Tor von Ruud van Nistelrooy nicht anzuerkennen. Wenn van Nistelrooy in dieser Szene ein Abwehrspieler gewesen wäre und sein Mainzer Gegenspieler Stürmer, wäre die Entscheidung im Umkehrschluss hundertprozentig nicht Strafstoß.
Allein durch diese Tatsache war die Entscheidung vom Schiedsrichter: Falsch!!

Weiterhin wurde klar, dass es die Abwehrspieler im Zweikampfverhalten wesentlich leichter bei Schiris haben, als ein Stürmer.

Bis dann und einen lieben Gruß, Bernd

Hinter „Bernd“ verbirgt sich tatsächlich ein Bernd, nämlich Bernd Fürstenberg. Er war einst einer der besten Haburger Schiedsrichter, war DFB-Schiedsrichter, pfiff in der Zweiten Liga und war in der Ersten Liga an der Linie. Ich habe ihn früher auch trainiert, beim Wandsbeker FC, denn „Fürste“ war auch zu seiner Zeit einer der besten und gefürchtesten Mittelstürmer der Stadt. Nach seiner aktiven Karriere wurde er Schiri, gefördert, da schließt sich der Kreis, von Hamburgs Vorzeige-Schiedsrichter Klaus Ohmsen, der am Sonnabend gerade 75 Jahre jung geworden ist.

Ich gebe ja zu, ich habe dieses vermeintliche Tor von van Nistelrooy gegen Mainz auch so gesehen, dass man es abpfeifen konnte – aber ich stehe damit immer noch ziemlich allein. Und wie es „RvN“ selbst sieht, das erzählt er hier: „Was soll ich dazu sagen? Es zählt nicht, man kann es nicht mehr ändern, aber es war natürlich ein Tor. So etwas wird nicht oft abgepfiffen. Das war eine falsche Entscheidung, aber zum Glück gewinnen wir dieses Spiel noch. Sonst wäre es wirklich ärgerlich gewesen. Und ich kann es durch unseren Sieg auch schneller vergessen. Aber es wäre natürlich auch schön gewesen, wenn ich mal wieder ein Tor geschossen hätte.“

Mit Gegenspieler Caligiuri hat „Rudi“ später nicht mehr darüber gesprochen, mit dem Schiedsrichter auch nicht: „Wenn das Spiel zu Ende ist, dann rede ich nicht mehr darüber. Dann ist wirklich Schluss und vorbei. Aber noch einmal zu dieser Situation: Mein Gegenspieler stand mit dem Rücken zu mir, ich hatte die bessere Position. Er guckt nach dem Ball, er wusste gar nicht, wo ich war. Wenn so etwas abgepfiffen wird, dann . . .“ Ruud van Nistelrooy hält inne und schweigt. Er hat es fast schon abgehakt, sein Fast-Tor.

Aber es gab ja nicht nur diese eine Szene, über die diskutiert werden kann. In Halbzeit eins lief „RvN“ einmal allein auf Torwart Wetklo zu, versuchte einen Heber, der wie ein „Rohrkrepierer“ vom Mainzer Keeper aufgenommen wurde. Was war da los, Herr van Nistelrooy? Der Niederländer antwortet: „Da war alles los. An dieser Szene war alles falsch. Wenn ich einfach nur draufgehalten hätte, wäre das besser gewesen, aber wenn so ein Heber drin ist, dann ist das natürlich super. So aber war es doppelt so schlimm.“ Dann fügt „Van the man“ noch an: „Im Training versuche ich das auch ganz oft, da klappt es auch öfter, aber am Sonnabend war wohl nicht der richtige Moment dafür.“ Und dann kann er doch schon wieder von Herzen lachen. Wie schön. Und wie gut, dass alle diese Szenen nicht bestraft wurden . . .

Ihr merkt an diesen Schilderungen: Ruud war da. Und wenn er da ist, dann ist das für mich immer ein besonderer Tag, denn der Torjäger hat stets viel Gutes und Interessantes zu sagen. Freut Euch darauf, es ist wie in seinem Spiel: Alles hat Hand und Fuß, was er sagt.
Am Freitag geht es bekanntlich gegen den FC Bayern. Und bei diesem Verein wäre „RvN“ einst fast einmal gelandet. Es war unmittelbar vor seinem Wechsel zu Real Madrid. Damals, 2006, war er sich mit Uli Hoeneß schon einig. Der HSV-Profi gibt zu: „Eigentlich war es schon zu spät, noch zu einem anderen Klub zu gehen, eigentlich war alles schon perfekt mit den Bayern, aber dann kam Real. Und ich habe persönlich bei Uli Hoeneß angerufen und mich dafür entschuldigt, dass ich nicht nach München gehe, das war schwierig für mich, es tat mir schon leid.“

Van Nistelrooy lobt aber seinen Fast-Arbeitgeber: „Bayern ist eine Institution, das sind immer ganz besondere Spiele für mich. Der Klub ist einer von acht, neun Vereinen in Europa, die etwas Besonderes sind. Wie Milan, Inter, Barcelona, Arsenal, Chelsea zum Beispiel. Das sind die Klassiker in Europa.“ Dreieinhalb Jahre in Madrid zu spielen, das war eine Super-Erfahrung für ihn. Er sagt: „Das war eine Erfahrung fürs Leben, es war eine fantastische Zeit, mit vielen großen Erfolgen.“

Und dann klingt es irgendwie kurios, wenn ein Weltstar davon spricht, noch Vorbilder zu haben. Er hat sie aber. Und die stehen sogar mit ihm in einer Mannschaft: Frank Rost (37) und Ze Roberto (36): „Wie gut beide immer noch sind, wie fit beide noch sind, das ist schon etwas Besonderes, das kann man sich nur zum Vorbild nehmen.“ Ihre Verträge laufen aus, der Vertrag von „RvN“ auch. Er hat einst gesagt, dass er sich gegen Ende der Saison entscheiden will, ob er beim HSV bleibt, ob er seine Karriere überhaupt noch fortsetzen will. Heute hat er zu diesem Thema gesagt: „Im Februar oder März sollte das entschieden sein. Dann muss man zusammen eine Entscheidung treffen, das wäre schon gut für alle.“ Und? Wie stehen die Chancen? Er sagt: „Im Moment fühle ich mich gut, keine Frage, ich habe alle Spiele gemacht. Wichtig ist, wie ich mich im nächsten Jahr fühle, und ich möchte erst nach einer Dreiviertel-Saison sehen, wie ich dann denke, ich möchte erst einmal sechs Monate abwarten und dann alles für mich bewerten.“

Es hängt auch mit Sicherheit davon ab, wohin der Weg des HSV gehen wird. Im Moment ist er zufrieden damit, wie es läuft: „Wir müssen nur so weitermachen wie zuletzt. Wir sind in einer Position, die uns alle Möglichkeiten nach oben lässt. Jetzt werden die nächsten Spiele zeigen, ob wir den Weg nach oben weiter beschreiten können. Aber mit 14 Punkten nach acht Spielen, das hätte ich vor dem ersten Spiel unterschrieben und gesagt: Okay, dann mach mal. Wir haben alles selbst in der Hand.“

Dass er inzwischen ein Herz für den HSV hat, daraus macht er keinen Hehl: „Der HSV hat mir die Chance gegeben, dass ich hier spielen kann, das wird bei meiner Entscheidung sicher auch eine große Rolle spielen.“ Vor fast einem Jahr lag van Nistelrooy gesundheitlich am Boden, war lange Zeit verletzt – und der HSV griff trotzdem zu.

Ihr werdet Euch erinnern: Beim Trainingslager in Längenfeld (Österreich) hat „RvN“ seinen neuen Trainer in die Nähe von Sir Alex Ferguson, dem Coach von Manchester United gestellt. In der vergangenen Woche lobte Ze Roberto Armin Veh: „Er ist ein Weltklasse-Trainer.“ Wie sieht Ruud van Nistelrooy heute, nach einigen Monaten weiter, seinen Trainer? „Ich denke noch immer dasselbe über ihn. Es ist eher noch stärker geworden. Er macht ein sehr gutes Training, und er geht persönlich auch großartig mit allen Spielern um. Das ist super. Das ist auch super, mit einem solchen Trainer zu arbeiten. Und mit seinem Trainer-Team. Es passt alles, es klappt gut.“ So spricht ein Profi, der schon vieles, fast schon alles im Fußball erlebt hat. Sollte vielleicht den einen oder anderen HSV-Fan, der immer noch ein Veh-Skeptiker ist, zum Umdenken verhelfen.

In Mainz musste Veh ja die Mannschaft umstellen, auch wieder ein neues System (mit Raute) installieren. Besser für van Nistelrooy? Weil er jetzt doch Hilfe neben sich hat, durch Paolo Guerrero. Der Niederländer sagt: „Alles hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil der Raute ist sicher die Hilfe, aber ich habe in Mainz auch die Flügel vermisst, war in einigen Szene ein wenig desorientiert, habe mich gefragt, wo ich jetzt mit dem Ball hin muss. Das war schwierig. Normal habe ich immer eine Anspielstation auf dem Flügel, das hat diesmal ein wenig gefehlt. Gut wäre es, wenn man beides haben könnte. Starke Mitte, und gute Flügel. Wenn zum Beispiel Ze Roberto über links mit nach vorne stürmen würde. Wenn wir das kombinieren könnten, mal durch die Mitte, mal über die Außen, dann können wir noch besser und noch gefährlicher spielen.“

Dann fügt „RvN“ aber noch hinzu: „Im Moment läuft das schon gut. Und es ist auch mit Paolo da vorne gut, das klappt einfach zwischen uns. Zumal es dann ja auch einen Zehner hinter uns gibt. Der Zehner kann Pässe geben, dann kann ich in die Tiefe gehen, dann stehe ich nicht immer mit dem Rücken zu gegnerischen Tor, sondern sehe das Tor vor mir. Das ist ein großer Vorteil.“

Wobei „RvN“ eben den Zehner angesprochen hat. Den Zehner gab am Sonnabend Piotr Trochowski. Auch für ihn hat der Niederländer ein großes Lob parat.
Ich bitte nun alle darauf zu achten, dass Ruud van Nistelrooy das sagt – und nicht ich:
„Wir wissen, was Piotr kann. Er sagt selbst, dass die Zehn seine Position ist, das kann er jetzt zeigen, das hat er auch schon in Mainz gezeigt, und ich hoffe für ihn, dass er jetzt auch richtig Gas gibt und so konstant spielt, dass er niemals mehr raus geht aus der Mannschaft. Das hoffe ich für ihn. Ich hoffe, dass er sich dort wohl fühlt, dass er sich beweisen kann, dass er mit seinen großen Qualitäten auch der Mannschaft helfen kann.” Da fügt van Nistelrooy noch an: “Er war bislang mal links, mal rechts, dann hat er mal nicht gespielt, aber mit seinen großen Qualitäten gehört er eigentlich immer in die Mannschaft.“

Puuh. Das muss ich erst einmal sacken lassen.

Komme ich zum heutigen Training. Acht Feldspieler der Stammformation trainierten heute mit Leistungsdiagnostiker Manfred Düring, der Rest unter der Leitung von Michael Oenning. Zum Rest gehörten auch Collin Benjamin und Guy Demel, die sich zuletzt ein Spiel geteilt hatten. Im Stamm waren die anderen Mainz-Spieler, es fehlte heute nur Ze Roberto, der etwas an den Adduktoren haben, morgen aber schon wieder mitmischen soll. Bei der „Reservisten“ mischte erstmalig auch Mladen Petric wieder mit, und auch erstmalig nach seinem Kreuzbandriss Tunay Torun. Es geht bergauf. Nur Eljero Elia, David Jarolim und Dennis Diekmeier fehlten.

Der Stamm trainierte eine halbe Stunde ohne Ball, dann ging es rein in den Kraftraum. Bei den Reservisten war auch Änis Ben-Hatira wieder mit von der Partie (finde ich persönlich sehr gut!), und er sorgte prompt für einen kleinen Aufreger, als er gegen Heung Min Son zu rustikal zur Sache ging. Der Südkoreaner, gerade erst von einem Mittelfußbruch genesen, erhielt einen Tritt auf die nun verheilte Stelle und ging für einige Sekunden vor Schmerzen zu Boden – konnte dann aber weitermachen.

So, zwei Dinge noch am Rande: Immer werde ich noch gefragt, ob man als „Matz-abber“ am 5. November in die Raute kommen „darf“? Natürlich. Alle sind herzlich willkommen, mitzubringen ist nur ein wenig gute Laune. Es sind, das kann ich verraten, auch bislang wieder drei Star-Gäste geladen, die auch schon zugesagt haben. Lasst Euch überraschen. Vielleicht verrate ich in der nächsten Woche schon mal mehr, abwarten.

Und noch eines: Es gibt immer wieder Ungeduldige, die mich anherrschen: „Nun gebe mich endlich frei!“ Und es kommt noch oft der Zusatz: „Ich bin kein Architekt, heiße auch nicht Taut, Haering oder Salvisberg . . .“ Ist ja alles schön und gut, aber Ihr sollte wissen: Ich schreibe Euch unter Eure Mail-Adresse zurück. Und wenn meine Mail wieder zurückkommt, dann ist eben nichts mit Freigabe.

20.02 Uhr

Letzte Meldung: Doll geht

17. Oktober 2010

Zum Schluss des Tages eine Meldung, die mir gar nicht so recht schmeckt: Thomas Doll wird sich wieder auf die Suche nach einem neuen Job begeben müssen. Morgen in den Mittagsstunden wird der frühere HSV-Publikumsliebling und -Trainer gemeinsam mit dem Präsidenten von Genclerbirligi in der türkischen Hauptstadt Ankara vor die Mannschaft treten und den Abschied verkünden. Die Trennung erfolgt im beiderseitigen Einvernehmen, denn nicht nur der Klub-Chef, der in der Vergangenheit immer schon schnell den einen oder anderen Trainer vor die Tür gesetzt hat, sondern auch Doll wollte die Trennung. Sein Klub steht in der ersten türkischen Liga nach acht Spielen mit acht Punkten auf Platz 13: Zwei Siege, zwei Unentschieden, vier Niederlagen. Die heutige 2:3-Heimniederlage gegen Antalyaspor bestärkten sowohl die Vereins-Boss als auch den Trainer, die Reißleine zu ziehen. Thomas Doll hat nun einen großen Wunsch: “So schnell wie möglich wieder im deutschsprachigen Raum einen Trainer-Job bekommen. Am liebsten natürlich in Deutschland.”
In der Bundesliga hatte Doll zuletzt Borussia Dortmund trainiert, davor den HSV.

22.07 Uhr

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