Monatsarchiv für Oktober 2010

Alles eine Frage des Charakters

29. Oktober 2010

Er sieht nicht gut aus. Und nein, er ist auch nicht wirklich gut drauf. Wie auch? Immerhin hat der Mann nach eigener Aussage das erste Mal seit 20 Jahren als Trainer ein Spiel verpasst. Zudem ist seine Mannschaft dabei im DFB-Pokal in Frankfurt mit 2:5 untergegangen. Und das sah man ihm auch an. Armin Veh ist noch immer nicht komplett gesund. Eine Grippe setzt dem HSV-Coach seit Mittwoch ordentlich zu. „Aber während Mittwoch wirklich gar nichts ging, ist mein Kopf jetzt wieder klar“, sagt Veh.

Allerdings dürfte ihm die Personalsituation doch noch einige Kopfschmerzen bereiten, denn: Nach Ruud van Nistelrooy, Eljero Elia, Dennis Aogo, Dennis Diekmeier und Marcell Jansen fällt für Köln definitiv auch Zé Roberto aus. Der Brasilianer leidet an einer Magen-Darm-Grippe, konnte heute schon nicht trainieren. Eine Namenskette von Ausfällen, wie wir sie in Hamburg fast schon gewohnt sind. Mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: Ze Robertos Ausfall stellt Armin Veh vor ungeahnte Schwierigkeiten.

Entsprechend genervt reagierte er heute auf unsere Fragen, wer denn links hinten spielt und wer die Mittelfeldposition von Zé übernimmt. Geantwortet hat er, dass er „sicherlich nicht viele Möglichkeiten habe – aber immer noch genügend“. Denn, und daran ließ er heute keine Zweifel aufkommen, auch bei ihm neigt sich die Geduld mit der Mannschaft gen Ende: „Wir reden hier seit Wochen, alle haben den gleichen Anspruch und sprechen von einer großen Mannschaft. Aber wenn wir diesen Anspruch haben, müssen wir in Köln gewinnen. Wir müssen gewinnen, wenn diese Truppe noch was erreichen will. Egal, wer aufläuft.“

Dafür setzt Veh Akzente. Verbal zumindest. Sein Assistent Michael Oenning hatte vorgelegt, der Cheftrainer zog nach. Ob das was bringt, bleibt abzuwarten. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich ob dieser Personalsituation sogar die eine oder andere positive Veränderung ergeben kann. „Die Spieler, die jetzt nachrücken, müssen sich zeigen, die wollen beweisen, dass sie gut sind“, formuliert Joris Mathijsen das, was ich auch denke. Und der Niederländer fügte hinzu: „Das kann für uns als Mannschaft auch gut sein.“

Zumindest in Köln. Denn auch wenn die Rheinländer einen neuen Trainer haben und unter der Woche beim Pokal-Sieg gegen München 1860 (3:0) etwas Selbstvertrauen tanken konnten, sind sie für mich noch immer das schwächste Team der Liga. Einige von Euch werden sich erinnern, es ist ja auch nach zu lesen: Ich hatte Köln vor dem ersten Bundesliga-Spiel unter jenen Klubs vermutet, die absteigen werden. In der Analyse von Podolski und Co. schlägt bei mir die fehlende Kölner Qualität den Effekt des Trainertauschs. Und wenn dieser HSV, der für sich selbst ja einen Champions-League-Platz beansprucht, dort nicht gewinnen sollte, kann man diese Saison abhaken. Das weiß Armin Veh, das wissen die Spieler. Insofern, und damit bin ich wieder bei Oenning von gestern: Dieses Spiel ist tatsächlich ein Charaktertest.

In der Kabine soll es entsprechend auch unter den Spielern hitzige Debatten gegeben haben. „Ich erzähle nicht, was wir intern besprechen“, sagt Joris Mathijsen, „aber natürlich waren die letzten Spiele Thema. Wir wissen doch auch, dass wir nicht eben noch Weltklasse und im nächsten Moment Kreisklasse spielen können.“ Ein Problem, das der Vize-Weltmeister nicht nur auf die aktuelle Mannschaft, sondern auf den HSV generell bezieht. „Ich bin schon ein paar Jahre hier, und es ist oft das Gleiche: Uns fehlt die Konstanz.“

Worte. Richtige Worte. Aber endlich auch mal Einsichten, die zu Verbesserungen führen? Ich gebe zu, ich zweifle daran. Mir bleibt nur die Hoffnung auf Besserung. Die dürfte auch bei Euch dominant sein.

Allerdings, und das trifft auf mich und einige Kollegen gleichermaßen zu, wir alle rätseln, wie Armin Veh in Köln spielen lassen will. Im Training verzichtete der Trainer heute auf ein Abschlussspiel, das uns ansonsten immer einen hundertprozentigen Einblick in die Startelf beim kommenden Spiel ermöglichte. Ich glaube, dass Veh selbst noch nicht sicher ist, wie er in Köln spielen lassen will.

Auf jeden Fall nahm er nur 17 Leute mit. Lennard Sowah ist noch immer nicht dabei. Angesichts der dramatischen Situation auf seiner angestammten Position links hinten eine Ohrfeige. Nein, mehr als das. Armin Veh spricht seinem Sommer-Zugang, der auf dringende Empfehlung des damals designierten Sportchefs Urs Siegenthaler gekommen war, die sportliche Tauglichkeit ab. „Er ist noch nicht so weit“, hatte Veh schon in der Vorbereitung gesagt. Dass Sowah allerdings so gar keine Alternative ist, das wissen jetzt auch die letzten unter uns.

Womit die Frage nach der Position links in der Viererkette noch immer nicht geklärt ist. Während ich zuerst daran dachte, dort entweder Robert Tesche (er spielte auch in der Vorbereitung oft hinten links) oder Tomas Rincon einzusetzen, bauen einige Kollegen auf den jungen Muhamed Besic. Wie ich finde völlig berechtigt. Wenn nicht jetzt, wann dann? Der Junge hat in den Trainingseinheiten bislang zu gefallen gewusst. Er zählt für mich neben Heung Min Son als DAS momentane Talent. „Er ist eine Alternative“, hatte Veh zuletzt über den Abwehrmann gesagt. Auch schon in Köln?

Ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn die Kollegen Recht behielten. Ich wäre wirklich gespannt, wie er sich auf Bundesligaebene im Wettkampf bewährt. Und wenn ich ein solches Talent habe, wann werfe ich es dann, wenn es wirklich überall brennt, ins kalte Wasser. Die personelle Situation (und nicht nur die!) ist doch fast schon dramatisch zu nennen. Schlechter als zuletzt Jansen (gehandicapt durch seinen Zehbruch) oder auf der rechten Seite Guy Demel macht der Junge das sicher auch nicht. Ich hoffe, dass Armin Veh den Mut hat – und, dass Besic das zeigt, was er im Training seit Wochen andeutet.

Dann könnte auch Tomas Rincon im Mittelfeld seine Scharte wieder auswetzen. Wie ich den Venezolaner kenne, wird er darauf brennen, allen zu zeigen, dass die schwache Partie in Frankfurt eine Ausnahme war. Außerdem dürfte es bei den nicht durch Spielwitz sondern maximal durch Einsatz geprägten Kölnern vermehrt darauf ankommen, gegenzuhalten. Das könnte ein gerade erst wieder genesener David Jarolim allein nicht.

Allerdings ist es auch möglich, dass Veh sein System wieder (notgedrungen) auf zwei Sechser umstellt. Das wiederum könnte ein Jarolim im Verbund mit Rincon oder – was ich mir vorstellen kann – mit Gojko Kacar. Trochowski würde wieder auf links gehen, Pitroipa rechts, Guerrero als hängende Spitze und Petric davor.

Egal wie, Veh steht vor einer schwierigen Aufgabe. Oder nicht? Immerhin dürfte er nichts mehr ansagen müssen, die Mannschaft steht und nimmt sich für die Niederlage in Frankfurt in die Pflicht. „Wir haben so viele Fehler gemacht, haben dadurch so viele offene Fragen hinterlassen, dass wir in der Pflicht sind, sie alle zu beantworten. In Köln!“, hatte Co-Trainer Michael Oenning gefordert. Und Veh setzte heute nach. „Wir haben viel geredet, weniger gezeigt“, klagt er leere Worthülsen seiner Spieler an, „wenn ich nur noch rede, es auf dem Platz aber nicht zeige, dann mache ich alles falsch“, sagte ein sichtlich verärgerter Veh weiter und deutet an, was er verlangt: „Wir können glücklich sein, dass wir schon am Sonnabend in Köln zeigen dürfen, dass wir es auch auf dem Platz können.“

Na denn. Sein Wort in (des Fußball-)Gottes Ohr. Ich bin gespannt. Der Worte sind genug gewechselt . . .

PS: Der von mir angekündigte Bananen-Produzent des HSV, der am nächsten Freitag zum “Matz-ab”-Treffen in die Raute kommen wird, ist nicht Manfred Kaltz! Und dazu möchte ich noch einen weiteren Gast ankündigen: Es kommt ein verdienter Spieler, der einst mit dem vielleicht löängsten Anlauf der HSV-Bundesliga-Geschichte ein ganzu wichtiges Tor erzielen konnte. Die Auflösung folgt (schon am Sonnabend in der Print-Ausgabe des Abendblattes).

In der Hoffnung auf einen schönen 1:0-Sieg in Köln wünsche ich Euch ein wunderschönes und erfolgreiches Wochenende.

19.19 Uhr

Oenning: “Es liegt allein an uns”

28. Oktober 2010

Der Tag danach – oha, ich habe ein Déja-vu! Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Diesmal ist der Tag danach wirklich besch. . . eiden. Und daran konnten auch Michael Oennings rhetorisch feine und sehr ehrliche Ausführungen nichts ändern. Im Gegenteil, sie offenbarten die wahre Dimension des HSV-Problems. „In Frankfurt ging es um viele Kleinigkeiten, und die haben wir falsch gemacht. Jetzt muss die Mannschaft in Köln eine Reaktion zeigen, Das liegt allein an uns“, sagte Oenning und schob den für mich entscheidenden Satz nach: „Womit wir wieder bei der Charakterfrage sind . . .“

Der Co-Trainer, der auch heute den erkrankten Armin Veh ersetzte, ist wie sein Chef. Ein Mann offener Worte. Ob der HSV nach dem Aus im Pokal nur noch ein Mittelmaß-Klub sei? Oenning: „Das kann man so sehen, wenn man es will.“ Ob beim HSV zwischen dem anfangs der Saison formulierten Titelwunsch und dem sportlich bislang gezeigten der so oft zitierte „himmelweite Unterschied“ läge? Oenning: „Zwischen beiden Dingen liegt eine Diskrepanz. Das muss man so sehen. Klar.“

So erfrischend ehrlich die Worte des ehemaligen Nürnberg-Cheftrainers auch waren, so Besorgnis erregend sind sie zugleich. Die Charakterfrage wird gestellt. Am zehnten Spieltag wiederholt sich, was wir hier im Blog – und was generell im HSV-Umfeld in den letzten Jahren – am meisten diskutiert wurde: Ist es der mangelhafte Charakter der Spieler, der diesen HSV nicht an die Leistungs- und somit Erfolgsgrenze kommen lässt?

Ich behaupte – einmal mehr – ja! Beispiele dafür zu nennen ist fast schon überflüssig, so deutlich sind sie. Guerrero, Petric, Elia (auch wenn er bislang verletzt ist – bei ihm ist es ein grundsätzliches Problem!) – die Liste ist mit verschiedenen Vorfällen beliebig weit fortzuführen. Mir scheint fast, als sei die Mannschaft altklug, als wüssten die Spieler immer schon vor dem Trainer alles. Und vor allem: Die Herren Profis denken, sie wissen es besser. Wochenlang predigte Armin Veh die defensive Kompaktheit. Ohne Erfolg. Ich erinnere da nur an das Bundesligaspiel in Frankfurt, das Derby in Bremen oder zuletzt der Kick hier gegen Lautern. Spiele, die so gar nicht so waren, wie Veh es vorher gefordert hatte.

Allein die außergewöhnlich hohe individuelle Klasse bewahrte den HSV vor Schlimmerem. Siege täuschten darüber hinweg, dass die mannschaftliche Geschlossenheit noch unterentwickelt ist. Dass der Mannschaft dadurch Sicherheit fehlt. Eben jene Sicherheit, die ich seit Huub Stevens hier nicht mehr gesehen beziehungsweise nicht mehr verspürt habe. Ich wurde, als ich diesen Umstand hier zuletzt anmahnte, ebenfalls ermahnt: „Das ist wenig hilfreich.“ Was aber bitteschön ist hilfreich? Wenn man die Dinge nicht beim Namen nennt? Das hilft niemandem. Unter Huub Stevens wurde sicher nicht der schönste Fußball gespielt, aber die Defensive stand zumeist. Führte der HSV, war ich mir fast immer sicher, dass das Spiel auch gewonnen wird. Der HSV hätte unter dem Niederländer gestern in Frankfurt wahrscheinlich auch nicht gewonnen, aber, da bin ich mir sicher, die Mannschaft hätte sich nicht 2:5 abschießen lassen. Dafür hatten die Spieler zu viel Respekt vor den Konsequenzen des autoritären und von einigen Spielern als „harter Hund“ bezeichneten Trainers.

Heute ist das anders. Armin Veh gibt seinen Führungsspielern die lange Leine, was solange förderlich ist, wie die Mannschaft gewinnt. Allerdings haben Teile der Mannschaft die Freiheiten offenbar falsch aufgefasst, falsch interpretiert. Und statt ein höheres Maß an Eigenverantwortung zu entwickeln, verlässt sich die heutige Mannschaft auf ihr zweifellos großes Potenzial. Frei nach dem Motto: „Wir sind eh gut genug. Das klappt schon! Wenn nicht jetzt, dann später.“ Ein Gedanke, den Ausnahmekönner wie Zé Roberto, Mladen Petric und auch Ruud van Nistelrooy auch haben können – allerdings muss das dann auch auf dem Platz gezeigt werden. Ansonsten beschummelt sich jeder selbst. Vor dem Spiel in Mainz, nur ein beispiel, hieß es von Paolo Guerrero: „Wir haben mehr fußballerische Qualität.“ Beim Spitzenreiter wurde diese dann auch prompt gezeigt, aber wo bleibt der Beweis, wenn es gegen die Bundesliga-Grauzone geht?

Ich weiß gar nicht, ob ihm bewusst war, was er da genau sagte, aber Piotr Trochowski brachte es direkt nach dem Spiel auf den Punkt: „Egal was du dir auch vornimmst, es bringt nichts, wenn nicht alle zusammen spielen. So fangen wir wieder bei Null an.“

Treffer. Auch wenn sich „Troche“ damit bei seinen Kollegen nicht nur beliebt macht – es saß trotzdem. Seine Kritik an der fehlenden mannschaftlichen Geschlossenheit gepaart mit Oennings Charakterfrage lässt bei mir die Erkenntnis zu: der HSV steckt in einer Krise. Das ist nicht populistisch, weil der HSV gerade böse unter die Räder gekommen ist und sich die Gelegenheit bietet, nein, das ist ein trauriger Fakt. Der HSV trat in Hessen einfach nur blamabel auf, da war nicht ein Hauch von Einheit zu erkennen, da lief alles munter durcheinander, das war ein absoluter (und der viel zitierte) Hühnerhaufen. Selten habe ich einmal einen so desorientierten HSV erlebt. Und sollte jetzt auch noch gegen den 1. FC Köln, bei der wohl schlechtesten Mannschaft der Ersten Liga, am Sonnabend etwas schief laufen, werden in Hamburg sicher auch erstmals die handelnden Personen diskutiert. Dann könnte aus der Krise leicht auch ein Chaos werden,

Aber warten wir das noch mal ab. Ehrliche Worte wurden von den Protagonisten ja jetzt schon gesprochen, das ist wenigstens ein Anfang. Dazu kann die Mannschaft schon am Sonnabend in ihre Lernfähigkeit unter Beweis stellen. „In Frankfurt war das zu wenig, das war schlecht“, hatte Oenning analysiert, „da haben wir viele kleine Fragen offen gelassen, die es jetzt allesamt in Köln zu beantworten gilt.“ Allerdings, und das sieht sicher auch der Interims-Cheftrainer so, ein gutes Spiel wird nicht reichen, um die Charakterfrage positiv für die Spieler ausgehen zu lassen. Dafür haben sie zu viel Kredit verspielt. Dafür laufen sie ihren eigenen Ansprüchen auch zu weit hinterher.

Nein, erst zur Winterpause werden wir ein richtiges Fazit ziehen können. Ein gültiges. Und dem werden sich Spieler, Trainer und sicherlich auch der Vorstand stellen müssen. Ohne Ausnahme. Auch wenn das bedeutet, dass im Anschluss einige unpopuläre Entscheidungen getroffen werden müssen.

Aber zurück zur Mannschaft, zum aktuellen Geschehen, das personell keine Besserung mit sich bringt. Im Gegenteil. Ze Roberto erlitt einen Rückschlag und liegt mit einem Infekt flach. Sein Einsatz ist ebenso „sehr fraglich“ (so Oenning) wie der von Ruud van Nistelrooy (Knie) und der von Marcell Jansen. Dessen gebrochener Zeh hatte nach dem Spiel (und nachdem die schmerzstillenden Mittel nachgelassen hatten) noch mehr Probleme als vorher gemacht. Zudem ist der Einsatz von Collin Benjamin (Knie) „50:50“, wie HSV-Medien-Chef Jörn Wolf sagt.

Nur gut ist, und damit komme ich zu der einzigen positiven Nachricht von heute, dass David Jarolim wieder gesund. Der Tscheche, den ein Muskelfaserriss außer Gefecht gesetzt hatte, trainierte gestern mit den acht gesunden Reservisten (Son, Besic, Torun, Kacar, Choupo-Moting, Tesche, Sowah und Ben-Hatira). Und er hielt durch, wirkte beim Spiel auf kleine Tore schon sehr beweglich. Möglich, dass der Tscheche schon in Köln zum Kader gehört.

Womit ich zum zweiten HSV-Tschechen komme. Jaroslav Drobny war sicherlich die „ärmste Sau“ in der Commerzbank-Arena. Entschuldigt diesen Ausdruck, aber schuldlos musste er fünf Mal hinter sich greifen. Verständlich, dass ihm anschließend trotz Startelf-Premiere nicht nach Interviews zumute war. „Fünf Stück zu bekommen ist für einen Torwart natürlich frustrierend“, ließ er über den HSV mitteilen, „aber ich kann ja jetzt nicht zwei Tage lang weinen. Es geht weiter.“

Und das nun beim Tabellenletzten in Köln, bei dem der Baum brennt, der einen neuen Trainer hat, der der Mannschaft richtig Feuer machen wird. Bei einer Kölner Mannschaft, die nach der Beurlaubung (was für ein Schwachsinnswort für einen eigentlichen Rauswurf, oder??) ihres erfolglosen Trainers Zvonimir Soldo im Pokal gerade mit einem 3:0 über 1860 München Selbstvertrauen getankt hat. Ob die Rheinländer im Vorteil sind? „Durch den Heimsieg herrscht da vielleicht mehr Euphorie als bei uns“, sagt Michael Oenning, „aber wir fahren zum Tabellenletzten. Da muss unser Anspruch sein, das Spiel zu gewinnen.“ Punkt. 1:0 für Oenning. Mal sehen, ob die Mannschaft nachziehen kann.

Ich bin gespannt. Nein, besser: Wir sind gespannt. Diesen Bericht habe ich gemeinsam mit meinem Matz-ab-Kollegen Marcus Scholz geschrieben, er war live beim Spiel in Frankfurt, wir stimmen mit der Beurteilung dieses Spiels völlig überein.

So, zum Schluss noch zwei kleine interne Dinge am Rande: Ihr erinnert Euch vielleicht, der Kicker von der Insel. Es gab hier bei „Matz ab“ drei Herren, die hätten den Insel-Kicker einfliegen lassen, sie hätten den Flug und das Hotel bezahlt, aber der junge Fußballer darf, das teilte nun die Insel-Leitung per Brief mit, die Insel nicht verlassen. Das sind harte Sitten, aber es ist so, der Insel-Kicker war in seiner Jugend einige Male unangenehm aufgefallen, so dass er nun ein Verbot hat, auf das Festland zu fliegen. Ja, so kann es gehen.

Dann möchte ich noch einmal an den 5. November erinnern: Das „Matz-ab“-Treffen in der Raute, Beginn um 19 Uhr. Um Euch einmal einen kleinen Vorgeschmack zu geben, wer dort als Gast (es sind auch diesmal Gäste) sitzen wird: Es kommt ein Bananen-Produzent, der für sich reklamiert, diese gelben Dinger „erfunden“ zu haben. Mit diesem Bananen-Produzenten habe ich etwas ganz Spezielles vor, doch darüber werdet Ihr erst an Ort und Stelle aufgeklärt werden. Über weitere Gäste verrate ich demnächst an dieser Stelle mehr. Lasst Euch überraschen.

18.29 Uhr

2:5 – Pokal-Debakel in Frankfurt

27. Oktober 2010

Der HSV ist draußen, der HSV hat fertig, der HSV wird auch in dieser Saison keinen Titel gewinnen! Welch ein Jammer! Mit 2:5 kam die Mannschaft im DFB-Pokal bei der Frankfurter Eintracht unter die Räder, es war ein Debakel. Die fragwürdige Hamburger Pokaltradition fand somit einen weiteren denkwürdigen Tiefpunkt. Es wird nun an den Verantwortlichen liegen, wie schnell sie diese Mannschaft, die teilweise ein absolut chaotisches Defensivverhalten an den Tag gelegt hat, wieder auf die Beine stellen kann. Am Sonnabend wartet Köln, mit einer derartigen Einstellung muss aus HSV-Sicht Schlimmes befürchtet werden, denn der FC wird wie um sein Leben laufen – und ob das der HSV auch kann? Da habe ich nach diesem Auftritt meine ganz großen Zweifel.

Das Unheil nahm schon vorher seinen Lauf: Armin Veh musste mit einer schweren Grippe im Bett bleiben, für ihn saß Assistent Michael Oenning auf dem Platz des Cheftrainers. Trotz allem hatte ich in den ersten Minuten den Eindruck, dass die Mannschaft für ihren erkrankten Coach kämpfen und laufen würde. Aber dieser Zustand dauerte nur fünf Minuten an. Dann ging es schon wieder drunter und drüber.

Wobei ich mich frage: Wer hat eigentlich noch Angst vor dieser HSV-Abwehr?

Und, auch noch eine wichtige Frage: Muss der HSV im gegnerischen Stadion immer auf Gedeih und Verderb stürmen?

Das ist doch kopf- und sorglos! Wie steht diese Hamburger Defensive? Löchrig wie ein Schweizer Käse. Natürlich hatte Tomas Rincon auf der Sechs nicht seinen besten Tag, aber der Kämpfer musste doch auch von einem Frankfurter zum nächsten hecheln. So viele (große) Löcher, wie da zu stopfen waren, kann Rincon (allein) auch nicht zulaufen. Das war dramatisch. Und amateurhaft zugleich. Der HSV schenkte zudem viele, viele Bälle gleich wieder her, und er rannte auch immer wieder in schöner Regelmäßigkeit in sein Verderben. Frankfurt stand oft mit allen elf Spielern in der eigenen Hälfte – und lauerte als Heimmannschaft auf Konter. So spielt man mit „Studenten“. Und beim HSV klappte dazu das Umschalten überhaupt nicht. Langsam und behäbig ging das alles. Ehe da alle Spieler begriffen hatten, dass es längst schon wieder in die andere Richtung geht, waren die Hessen schon am Hamburger Strafraum. Wahnsinn! Und irgendwie auch lehrreich. Sollten sich die HSV-Profis mal auf Video ansehen, wie schnell und leichtfüßig das bei der Eintracht ging. Das waren nicht nur Schnelligkeit und Ideen, sondern auch Herz und Engagement.

Und mit Überblick. Das kommt ja noch hinzu: Nachdem Jaroslav Drobny gerade noch gegen Gekas retten konnte, standen nach einem Ze-Roberto-Freistoß Heiko Westermann und Joris Mathijsen am Fünfmeterraum frei, vor dem Kopfball hätten sie Nikolov fragen können, wohin er die Kugel denn haben möchte – aber dann stören sich beide Hamburger, Chancen dahin (7.). Symptomatisch.

Und der Anfang des Hamburger Chaos. In der 13. Minute der Anfang vom Ende: Der eingewechselte Caio stürmt los, im Abstand von zehn Metern der HSV-Begleitservice, Mathijsen muss die linke Seite im Auge haben, weil Marcell Jansen nicht so schnell nach hinten kam. Und weil keiner angriff, riskierte Caio einen Schuss aus 23 Metern, der Ball rutscht ihm noch mustergültig über den „Schlappen“ – unhaltbar für Jaroslav Drobny fliegt die Kugel ins Netz – 1:0 für Frankfurt.

Acht Minuten später: Guy Demel steht gegen zwei Frankfurter in der Defensive, Jonathan Pitroipa kommt erst in letzter Sekunde zurück, aber da flankt Altintop schon. In der Mitte stehen Westermann und Mathijsen gegen Gekas. Gegen den „Riesen“ Gekas. Und wer kommt an den Ball? Richtig! Der Grieche köpft ihn ins Tor. Es ist unfassbar. Wieder nicht zu halten für Drobny. Aber wie schlimm ist denn wohl eine solche Defensivleistung?

Hoffnung keimte auf, als Paolo Guerrero den Ball zur Mitte legte und Mladen Petric auf 1:2 verkürzte (23.), doch weitere Hamburger Chancen blieben ungenutzt. Petric musste das 2:2 machen, traf aber (technisch schwach) mit rechts nur den Pfosten (32.), dann visierte auch Pitroipa noch einmal Aluminium an (42.), das war Pech. Und es kam noch mehr davon hinzu: Sekunden vor dem Halbzeitpfiff wurde wieder nur auf Sicht gedeckt: Jung am Fünfmeterraum zur Mitte, Gekas vor Demel, 1:3. Es sah für mich wie Abseits aus, aber die zehnte Zeitlupe legte sich dann fest: reguläres Tor. Pause.

Es passte zu diesem Tag, dass Petric dann einen Frankfurter Freistoß ins eigene Tor köpfte (64.), und dass der HSV noch einmal Hoffnung schöpfen konnte, denn 120 Sekunden später köpfte Petric einen Trochowski-Freistoß zum 2:4 ein.

Das klingt alles sehr, sehr lebhaft, das war es sicher auch, aber der HSV spielte dabei meistens nur die zweite Geige. Hut ab aber, dass sich die Mannschaft nie aufgab.

Trotz allem muss sich der HSV fragen, wie es weitergehen soll? So gibt es auch am Sonnabend beim Tabellenletzten in Köln eine Pleite.

Wobei ganz klar gesagt werden muss: An Jaroslav Drobny lag es nicht. Der Rost-Vertreter leistete sich zwar auch einige Fehlgriffe, die schreibe ich aber der mangelnden Spielpraxis zu. An den Tore konnte der Tscheche nichts machen.

Demel, der für den verletzten Collin Benjamin in die Mannschaft genommen werden musste, zeigte einmal mehr wenig Licht, viel Schatten. Erst nach dem zweiten Frankfurter Tor, als er zusah wie Altintop die Flanke gab (und Demel wohl auch gerüffelt worden ist), deckte er etwas enger, gestattete er dem Türken nicht mehr ganz so viel Spielraum. Nach vorne aber machte Demel (einmal mehr) nichts, absolut null. Keine Flanke, keine Vorlage – weniger geht nicht.

Westermann und Mathijsen hatten sich in der Innenverteidigung zuletzt sehr gut ergänzt, diesmal fielen sie in schlechte Anfangszeiten zurück. Das war kein bisschen souverän, das war eher eine Einladung an den Gegner, nach Herzenslust zu stürmen (und Tore zu machen). Links in der Viererkette hatte Jansen einen schlechten Tag erwischt, für mich war er gar nicht da, das war weder Fisch noch Fleisch. Er hätte es (mit seinem gebrochenen Zeh) besser sein lassen, aber er wollte der Mannschaft, die ohnehin viele Verletzte hatte, eben helfen, aber das ist falscher Ehrgeiz.

Tomas Rincon erlebte in Frankfurt eine seiner schwärzesten Stunden seit er beim HSV ist. Abhaken, Er kann es doch viel besser. Der Elfmeter, den er gegen Gekas verursachte (86.) und den Altinntop zum 2:5 aus Hamburger Sicht verwandelte, passte zu Rincons Spiel. Leider.

Ze Roberto gehörte zu den HSV-Spielern, die noch gelegentlich gute Szenen anzubieten hatten, Piotr Trochowski spielte für mich gar nicht richtig mit. Erst in Halbzeit zwei kam er ein wenig zur Geltung, aber im Grunde genommen war das wie bei Demel: nichts. Rechts fand auch Pitroipa nicht so richtig statt, er könnte viel mehr, verzettelte sich aber viel zu oft in Einzelaktionen. Meistens musste er dann gegen drei, vier oder fünf Frankfurter kapitulieren.

Petric vorne hatte gute und weniger gute Szene, Er hätte bei den weniger guten oft ein Tor machen können, patzte also immer zur Unzeit – aber das passt im Moment zu seiner Verfassung. Da ist eben noch lange nicht alles das, was mit dem VfB Stuttgart zusammenhängt, auf- und abgearbeitet worden. Der beste Hamburger, wenn man an diesem Tag davon sprechen darf, war für mich Paolo Guerrero. Auch wenn ihm längst nicht alles gelang, er wollte, er versuchte immer wieder etwas, traf dabei aber nicht immer auf Gegenliebe.

Erfreulich für mich an dieser Pleite: Heung Min Son ist wieder da. Der Südkoreaner (kam in der 62. Min. für Jansen) zeigte sein Spielverständnis und seine Lust am Spiel, ist erst Ruud van Nistelrooy wieder dabei, dürfte es noch besser für ihn laufen. Und für den HSV?

21.04 Uhr

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