Tagesarchiv für den 29. Oktober 2010

Alles eine Frage des Charakters

29. Oktober 2010

Er sieht nicht gut aus. Und nein, er ist auch nicht wirklich gut drauf. Wie auch? Immerhin hat der Mann nach eigener Aussage das erste Mal seit 20 Jahren als Trainer ein Spiel verpasst. Zudem ist seine Mannschaft dabei im DFB-Pokal in Frankfurt mit 2:5 untergegangen. Und das sah man ihm auch an. Armin Veh ist noch immer nicht komplett gesund. Eine Grippe setzt dem HSV-Coach seit Mittwoch ordentlich zu. „Aber während Mittwoch wirklich gar nichts ging, ist mein Kopf jetzt wieder klar“, sagt Veh.

Allerdings dürfte ihm die Personalsituation doch noch einige Kopfschmerzen bereiten, denn: Nach Ruud van Nistelrooy, Eljero Elia, Dennis Aogo, Dennis Diekmeier und Marcell Jansen fällt für Köln definitiv auch Zé Roberto aus. Der Brasilianer leidet an einer Magen-Darm-Grippe, konnte heute schon nicht trainieren. Eine Namenskette von Ausfällen, wie wir sie in Hamburg fast schon gewohnt sind. Mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: Ze Robertos Ausfall stellt Armin Veh vor ungeahnte Schwierigkeiten.

Entsprechend genervt reagierte er heute auf unsere Fragen, wer denn links hinten spielt und wer die Mittelfeldposition von Zé übernimmt. Geantwortet hat er, dass er „sicherlich nicht viele Möglichkeiten habe – aber immer noch genügend“. Denn, und daran ließ er heute keine Zweifel aufkommen, auch bei ihm neigt sich die Geduld mit der Mannschaft gen Ende: „Wir reden hier seit Wochen, alle haben den gleichen Anspruch und sprechen von einer großen Mannschaft. Aber wenn wir diesen Anspruch haben, müssen wir in Köln gewinnen. Wir müssen gewinnen, wenn diese Truppe noch was erreichen will. Egal, wer aufläuft.“

Dafür setzt Veh Akzente. Verbal zumindest. Sein Assistent Michael Oenning hatte vorgelegt, der Cheftrainer zog nach. Ob das was bringt, bleibt abzuwarten. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich ob dieser Personalsituation sogar die eine oder andere positive Veränderung ergeben kann. „Die Spieler, die jetzt nachrücken, müssen sich zeigen, die wollen beweisen, dass sie gut sind“, formuliert Joris Mathijsen das, was ich auch denke. Und der Niederländer fügte hinzu: „Das kann für uns als Mannschaft auch gut sein.“

Zumindest in Köln. Denn auch wenn die Rheinländer einen neuen Trainer haben und unter der Woche beim Pokal-Sieg gegen München 1860 (3:0) etwas Selbstvertrauen tanken konnten, sind sie für mich noch immer das schwächste Team der Liga. Einige von Euch werden sich erinnern, es ist ja auch nach zu lesen: Ich hatte Köln vor dem ersten Bundesliga-Spiel unter jenen Klubs vermutet, die absteigen werden. In der Analyse von Podolski und Co. schlägt bei mir die fehlende Kölner Qualität den Effekt des Trainertauschs. Und wenn dieser HSV, der für sich selbst ja einen Champions-League-Platz beansprucht, dort nicht gewinnen sollte, kann man diese Saison abhaken. Das weiß Armin Veh, das wissen die Spieler. Insofern, und damit bin ich wieder bei Oenning von gestern: Dieses Spiel ist tatsächlich ein Charaktertest.

In der Kabine soll es entsprechend auch unter den Spielern hitzige Debatten gegeben haben. „Ich erzähle nicht, was wir intern besprechen“, sagt Joris Mathijsen, „aber natürlich waren die letzten Spiele Thema. Wir wissen doch auch, dass wir nicht eben noch Weltklasse und im nächsten Moment Kreisklasse spielen können.“ Ein Problem, das der Vize-Weltmeister nicht nur auf die aktuelle Mannschaft, sondern auf den HSV generell bezieht. „Ich bin schon ein paar Jahre hier, und es ist oft das Gleiche: Uns fehlt die Konstanz.“

Worte. Richtige Worte. Aber endlich auch mal Einsichten, die zu Verbesserungen führen? Ich gebe zu, ich zweifle daran. Mir bleibt nur die Hoffnung auf Besserung. Die dürfte auch bei Euch dominant sein.

Allerdings, und das trifft auf mich und einige Kollegen gleichermaßen zu, wir alle rätseln, wie Armin Veh in Köln spielen lassen will. Im Training verzichtete der Trainer heute auf ein Abschlussspiel, das uns ansonsten immer einen hundertprozentigen Einblick in die Startelf beim kommenden Spiel ermöglichte. Ich glaube, dass Veh selbst noch nicht sicher ist, wie er in Köln spielen lassen will.

Auf jeden Fall nahm er nur 17 Leute mit. Lennard Sowah ist noch immer nicht dabei. Angesichts der dramatischen Situation auf seiner angestammten Position links hinten eine Ohrfeige. Nein, mehr als das. Armin Veh spricht seinem Sommer-Zugang, der auf dringende Empfehlung des damals designierten Sportchefs Urs Siegenthaler gekommen war, die sportliche Tauglichkeit ab. „Er ist noch nicht so weit“, hatte Veh schon in der Vorbereitung gesagt. Dass Sowah allerdings so gar keine Alternative ist, das wissen jetzt auch die letzten unter uns.

Womit die Frage nach der Position links in der Viererkette noch immer nicht geklärt ist. Während ich zuerst daran dachte, dort entweder Robert Tesche (er spielte auch in der Vorbereitung oft hinten links) oder Tomas Rincon einzusetzen, bauen einige Kollegen auf den jungen Muhamed Besic. Wie ich finde völlig berechtigt. Wenn nicht jetzt, wann dann? Der Junge hat in den Trainingseinheiten bislang zu gefallen gewusst. Er zählt für mich neben Heung Min Son als DAS momentane Talent. „Er ist eine Alternative“, hatte Veh zuletzt über den Abwehrmann gesagt. Auch schon in Köln?

Ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn die Kollegen Recht behielten. Ich wäre wirklich gespannt, wie er sich auf Bundesligaebene im Wettkampf bewährt. Und wenn ich ein solches Talent habe, wann werfe ich es dann, wenn es wirklich überall brennt, ins kalte Wasser. Die personelle Situation (und nicht nur die!) ist doch fast schon dramatisch zu nennen. Schlechter als zuletzt Jansen (gehandicapt durch seinen Zehbruch) oder auf der rechten Seite Guy Demel macht der Junge das sicher auch nicht. Ich hoffe, dass Armin Veh den Mut hat – und, dass Besic das zeigt, was er im Training seit Wochen andeutet.

Dann könnte auch Tomas Rincon im Mittelfeld seine Scharte wieder auswetzen. Wie ich den Venezolaner kenne, wird er darauf brennen, allen zu zeigen, dass die schwache Partie in Frankfurt eine Ausnahme war. Außerdem dürfte es bei den nicht durch Spielwitz sondern maximal durch Einsatz geprägten Kölnern vermehrt darauf ankommen, gegenzuhalten. Das könnte ein gerade erst wieder genesener David Jarolim allein nicht.

Allerdings ist es auch möglich, dass Veh sein System wieder (notgedrungen) auf zwei Sechser umstellt. Das wiederum könnte ein Jarolim im Verbund mit Rincon oder – was ich mir vorstellen kann – mit Gojko Kacar. Trochowski würde wieder auf links gehen, Pitroipa rechts, Guerrero als hängende Spitze und Petric davor.

Egal wie, Veh steht vor einer schwierigen Aufgabe. Oder nicht? Immerhin dürfte er nichts mehr ansagen müssen, die Mannschaft steht und nimmt sich für die Niederlage in Frankfurt in die Pflicht. „Wir haben so viele Fehler gemacht, haben dadurch so viele offene Fragen hinterlassen, dass wir in der Pflicht sind, sie alle zu beantworten. In Köln!“, hatte Co-Trainer Michael Oenning gefordert. Und Veh setzte heute nach. „Wir haben viel geredet, weniger gezeigt“, klagt er leere Worthülsen seiner Spieler an, „wenn ich nur noch rede, es auf dem Platz aber nicht zeige, dann mache ich alles falsch“, sagte ein sichtlich verärgerter Veh weiter und deutet an, was er verlangt: „Wir können glücklich sein, dass wir schon am Sonnabend in Köln zeigen dürfen, dass wir es auch auf dem Platz können.“

Na denn. Sein Wort in (des Fußball-)Gottes Ohr. Ich bin gespannt. Der Worte sind genug gewechselt . . .

PS: Der von mir angekündigte Bananen-Produzent des HSV, der am nächsten Freitag zum “Matz-ab”-Treffen in die Raute kommen wird, ist nicht Manfred Kaltz! Und dazu möchte ich noch einen weiteren Gast ankündigen: Es kommt ein verdienter Spieler, der einst mit dem vielleicht löängsten Anlauf der HSV-Bundesliga-Geschichte ein ganzu wichtiges Tor erzielen konnte. Die Auflösung folgt (schon am Sonnabend in der Print-Ausgabe des Abendblattes).

In der Hoffnung auf einen schönen 1:0-Sieg in Köln wünsche ich Euch ein wunderschönes und erfolgreiches Wochenende.

19.19 Uhr