Tagesarchiv für den 28. Oktober 2010

Oenning: “Es liegt allein an uns”

28. Oktober 2010

Der Tag danach – oha, ich habe ein Déja-vu! Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Diesmal ist der Tag danach wirklich besch. . . eiden. Und daran konnten auch Michael Oennings rhetorisch feine und sehr ehrliche Ausführungen nichts ändern. Im Gegenteil, sie offenbarten die wahre Dimension des HSV-Problems. „In Frankfurt ging es um viele Kleinigkeiten, und die haben wir falsch gemacht. Jetzt muss die Mannschaft in Köln eine Reaktion zeigen, Das liegt allein an uns“, sagte Oenning und schob den für mich entscheidenden Satz nach: „Womit wir wieder bei der Charakterfrage sind . . .“

Der Co-Trainer, der auch heute den erkrankten Armin Veh ersetzte, ist wie sein Chef. Ein Mann offener Worte. Ob der HSV nach dem Aus im Pokal nur noch ein Mittelmaß-Klub sei? Oenning: „Das kann man so sehen, wenn man es will.“ Ob beim HSV zwischen dem anfangs der Saison formulierten Titelwunsch und dem sportlich bislang gezeigten der so oft zitierte „himmelweite Unterschied“ läge? Oenning: „Zwischen beiden Dingen liegt eine Diskrepanz. Das muss man so sehen. Klar.“

So erfrischend ehrlich die Worte des ehemaligen Nürnberg-Cheftrainers auch waren, so Besorgnis erregend sind sie zugleich. Die Charakterfrage wird gestellt. Am zehnten Spieltag wiederholt sich, was wir hier im Blog – und was generell im HSV-Umfeld in den letzten Jahren – am meisten diskutiert wurde: Ist es der mangelhafte Charakter der Spieler, der diesen HSV nicht an die Leistungs- und somit Erfolgsgrenze kommen lässt?

Ich behaupte – einmal mehr – ja! Beispiele dafür zu nennen ist fast schon überflüssig, so deutlich sind sie. Guerrero, Petric, Elia (auch wenn er bislang verletzt ist – bei ihm ist es ein grundsätzliches Problem!) – die Liste ist mit verschiedenen Vorfällen beliebig weit fortzuführen. Mir scheint fast, als sei die Mannschaft altklug, als wüssten die Spieler immer schon vor dem Trainer alles. Und vor allem: Die Herren Profis denken, sie wissen es besser. Wochenlang predigte Armin Veh die defensive Kompaktheit. Ohne Erfolg. Ich erinnere da nur an das Bundesligaspiel in Frankfurt, das Derby in Bremen oder zuletzt der Kick hier gegen Lautern. Spiele, die so gar nicht so waren, wie Veh es vorher gefordert hatte.

Allein die außergewöhnlich hohe individuelle Klasse bewahrte den HSV vor Schlimmerem. Siege täuschten darüber hinweg, dass die mannschaftliche Geschlossenheit noch unterentwickelt ist. Dass der Mannschaft dadurch Sicherheit fehlt. Eben jene Sicherheit, die ich seit Huub Stevens hier nicht mehr gesehen beziehungsweise nicht mehr verspürt habe. Ich wurde, als ich diesen Umstand hier zuletzt anmahnte, ebenfalls ermahnt: „Das ist wenig hilfreich.“ Was aber bitteschön ist hilfreich? Wenn man die Dinge nicht beim Namen nennt? Das hilft niemandem. Unter Huub Stevens wurde sicher nicht der schönste Fußball gespielt, aber die Defensive stand zumeist. Führte der HSV, war ich mir fast immer sicher, dass das Spiel auch gewonnen wird. Der HSV hätte unter dem Niederländer gestern in Frankfurt wahrscheinlich auch nicht gewonnen, aber, da bin ich mir sicher, die Mannschaft hätte sich nicht 2:5 abschießen lassen. Dafür hatten die Spieler zu viel Respekt vor den Konsequenzen des autoritären und von einigen Spielern als „harter Hund“ bezeichneten Trainers.

Heute ist das anders. Armin Veh gibt seinen Führungsspielern die lange Leine, was solange förderlich ist, wie die Mannschaft gewinnt. Allerdings haben Teile der Mannschaft die Freiheiten offenbar falsch aufgefasst, falsch interpretiert. Und statt ein höheres Maß an Eigenverantwortung zu entwickeln, verlässt sich die heutige Mannschaft auf ihr zweifellos großes Potenzial. Frei nach dem Motto: „Wir sind eh gut genug. Das klappt schon! Wenn nicht jetzt, dann später.“ Ein Gedanke, den Ausnahmekönner wie Zé Roberto, Mladen Petric und auch Ruud van Nistelrooy auch haben können – allerdings muss das dann auch auf dem Platz gezeigt werden. Ansonsten beschummelt sich jeder selbst. Vor dem Spiel in Mainz, nur ein beispiel, hieß es von Paolo Guerrero: „Wir haben mehr fußballerische Qualität.“ Beim Spitzenreiter wurde diese dann auch prompt gezeigt, aber wo bleibt der Beweis, wenn es gegen die Bundesliga-Grauzone geht?

Ich weiß gar nicht, ob ihm bewusst war, was er da genau sagte, aber Piotr Trochowski brachte es direkt nach dem Spiel auf den Punkt: „Egal was du dir auch vornimmst, es bringt nichts, wenn nicht alle zusammen spielen. So fangen wir wieder bei Null an.“

Treffer. Auch wenn sich „Troche“ damit bei seinen Kollegen nicht nur beliebt macht – es saß trotzdem. Seine Kritik an der fehlenden mannschaftlichen Geschlossenheit gepaart mit Oennings Charakterfrage lässt bei mir die Erkenntnis zu: der HSV steckt in einer Krise. Das ist nicht populistisch, weil der HSV gerade böse unter die Räder gekommen ist und sich die Gelegenheit bietet, nein, das ist ein trauriger Fakt. Der HSV trat in Hessen einfach nur blamabel auf, da war nicht ein Hauch von Einheit zu erkennen, da lief alles munter durcheinander, das war ein absoluter (und der viel zitierte) Hühnerhaufen. Selten habe ich einmal einen so desorientierten HSV erlebt. Und sollte jetzt auch noch gegen den 1. FC Köln, bei der wohl schlechtesten Mannschaft der Ersten Liga, am Sonnabend etwas schief laufen, werden in Hamburg sicher auch erstmals die handelnden Personen diskutiert. Dann könnte aus der Krise leicht auch ein Chaos werden,

Aber warten wir das noch mal ab. Ehrliche Worte wurden von den Protagonisten ja jetzt schon gesprochen, das ist wenigstens ein Anfang. Dazu kann die Mannschaft schon am Sonnabend in ihre Lernfähigkeit unter Beweis stellen. „In Frankfurt war das zu wenig, das war schlecht“, hatte Oenning analysiert, „da haben wir viele kleine Fragen offen gelassen, die es jetzt allesamt in Köln zu beantworten gilt.“ Allerdings, und das sieht sicher auch der Interims-Cheftrainer so, ein gutes Spiel wird nicht reichen, um die Charakterfrage positiv für die Spieler ausgehen zu lassen. Dafür haben sie zu viel Kredit verspielt. Dafür laufen sie ihren eigenen Ansprüchen auch zu weit hinterher.

Nein, erst zur Winterpause werden wir ein richtiges Fazit ziehen können. Ein gültiges. Und dem werden sich Spieler, Trainer und sicherlich auch der Vorstand stellen müssen. Ohne Ausnahme. Auch wenn das bedeutet, dass im Anschluss einige unpopuläre Entscheidungen getroffen werden müssen.

Aber zurück zur Mannschaft, zum aktuellen Geschehen, das personell keine Besserung mit sich bringt. Im Gegenteil. Ze Roberto erlitt einen Rückschlag und liegt mit einem Infekt flach. Sein Einsatz ist ebenso „sehr fraglich“ (so Oenning) wie der von Ruud van Nistelrooy (Knie) und der von Marcell Jansen. Dessen gebrochener Zeh hatte nach dem Spiel (und nachdem die schmerzstillenden Mittel nachgelassen hatten) noch mehr Probleme als vorher gemacht. Zudem ist der Einsatz von Collin Benjamin (Knie) „50:50“, wie HSV-Medien-Chef Jörn Wolf sagt.

Nur gut ist, und damit komme ich zu der einzigen positiven Nachricht von heute, dass David Jarolim wieder gesund. Der Tscheche, den ein Muskelfaserriss außer Gefecht gesetzt hatte, trainierte gestern mit den acht gesunden Reservisten (Son, Besic, Torun, Kacar, Choupo-Moting, Tesche, Sowah und Ben-Hatira). Und er hielt durch, wirkte beim Spiel auf kleine Tore schon sehr beweglich. Möglich, dass der Tscheche schon in Köln zum Kader gehört.

Womit ich zum zweiten HSV-Tschechen komme. Jaroslav Drobny war sicherlich die „ärmste Sau“ in der Commerzbank-Arena. Entschuldigt diesen Ausdruck, aber schuldlos musste er fünf Mal hinter sich greifen. Verständlich, dass ihm anschließend trotz Startelf-Premiere nicht nach Interviews zumute war. „Fünf Stück zu bekommen ist für einen Torwart natürlich frustrierend“, ließ er über den HSV mitteilen, „aber ich kann ja jetzt nicht zwei Tage lang weinen. Es geht weiter.“

Und das nun beim Tabellenletzten in Köln, bei dem der Baum brennt, der einen neuen Trainer hat, der der Mannschaft richtig Feuer machen wird. Bei einer Kölner Mannschaft, die nach der Beurlaubung (was für ein Schwachsinnswort für einen eigentlichen Rauswurf, oder??) ihres erfolglosen Trainers Zvonimir Soldo im Pokal gerade mit einem 3:0 über 1860 München Selbstvertrauen getankt hat. Ob die Rheinländer im Vorteil sind? „Durch den Heimsieg herrscht da vielleicht mehr Euphorie als bei uns“, sagt Michael Oenning, „aber wir fahren zum Tabellenletzten. Da muss unser Anspruch sein, das Spiel zu gewinnen.“ Punkt. 1:0 für Oenning. Mal sehen, ob die Mannschaft nachziehen kann.

Ich bin gespannt. Nein, besser: Wir sind gespannt. Diesen Bericht habe ich gemeinsam mit meinem Matz-ab-Kollegen Marcus Scholz geschrieben, er war live beim Spiel in Frankfurt, wir stimmen mit der Beurteilung dieses Spiels völlig überein.

So, zum Schluss noch zwei kleine interne Dinge am Rande: Ihr erinnert Euch vielleicht, der Kicker von der Insel. Es gab hier bei „Matz ab“ drei Herren, die hätten den Insel-Kicker einfliegen lassen, sie hätten den Flug und das Hotel bezahlt, aber der junge Fußballer darf, das teilte nun die Insel-Leitung per Brief mit, die Insel nicht verlassen. Das sind harte Sitten, aber es ist so, der Insel-Kicker war in seiner Jugend einige Male unangenehm aufgefallen, so dass er nun ein Verbot hat, auf das Festland zu fliegen. Ja, so kann es gehen.

Dann möchte ich noch einmal an den 5. November erinnern: Das „Matz-ab“-Treffen in der Raute, Beginn um 19 Uhr. Um Euch einmal einen kleinen Vorgeschmack zu geben, wer dort als Gast (es sind auch diesmal Gäste) sitzen wird: Es kommt ein Bananen-Produzent, der für sich reklamiert, diese gelben Dinger „erfunden“ zu haben. Mit diesem Bananen-Produzenten habe ich etwas ganz Spezielles vor, doch darüber werdet Ihr erst an Ort und Stelle aufgeklärt werden. Über weitere Gäste verrate ich demnächst an dieser Stelle mehr. Lasst Euch überraschen.

18.29 Uhr