Tagesarchiv für den 27. Oktober 2010

2:5 – Pokal-Debakel in Frankfurt

27. Oktober 2010

Der HSV ist draußen, der HSV hat fertig, der HSV wird auch in dieser Saison keinen Titel gewinnen! Welch ein Jammer! Mit 2:5 kam die Mannschaft im DFB-Pokal bei der Frankfurter Eintracht unter die Räder, es war ein Debakel. Die fragwürdige Hamburger Pokaltradition fand somit einen weiteren denkwürdigen Tiefpunkt. Es wird nun an den Verantwortlichen liegen, wie schnell sie diese Mannschaft, die teilweise ein absolut chaotisches Defensivverhalten an den Tag gelegt hat, wieder auf die Beine stellen kann. Am Sonnabend wartet Köln, mit einer derartigen Einstellung muss aus HSV-Sicht Schlimmes befürchtet werden, denn der FC wird wie um sein Leben laufen – und ob das der HSV auch kann? Da habe ich nach diesem Auftritt meine ganz großen Zweifel.

Das Unheil nahm schon vorher seinen Lauf: Armin Veh musste mit einer schweren Grippe im Bett bleiben, für ihn saß Assistent Michael Oenning auf dem Platz des Cheftrainers. Trotz allem hatte ich in den ersten Minuten den Eindruck, dass die Mannschaft für ihren erkrankten Coach kämpfen und laufen würde. Aber dieser Zustand dauerte nur fünf Minuten an. Dann ging es schon wieder drunter und drüber.

Wobei ich mich frage: Wer hat eigentlich noch Angst vor dieser HSV-Abwehr?

Und, auch noch eine wichtige Frage: Muss der HSV im gegnerischen Stadion immer auf Gedeih und Verderb stürmen?

Das ist doch kopf- und sorglos! Wie steht diese Hamburger Defensive? Löchrig wie ein Schweizer Käse. Natürlich hatte Tomas Rincon auf der Sechs nicht seinen besten Tag, aber der Kämpfer musste doch auch von einem Frankfurter zum nächsten hecheln. So viele (große) Löcher, wie da zu stopfen waren, kann Rincon (allein) auch nicht zulaufen. Das war dramatisch. Und amateurhaft zugleich. Der HSV schenkte zudem viele, viele Bälle gleich wieder her, und er rannte auch immer wieder in schöner Regelmäßigkeit in sein Verderben. Frankfurt stand oft mit allen elf Spielern in der eigenen Hälfte – und lauerte als Heimmannschaft auf Konter. So spielt man mit „Studenten“. Und beim HSV klappte dazu das Umschalten überhaupt nicht. Langsam und behäbig ging das alles. Ehe da alle Spieler begriffen hatten, dass es längst schon wieder in die andere Richtung geht, waren die Hessen schon am Hamburger Strafraum. Wahnsinn! Und irgendwie auch lehrreich. Sollten sich die HSV-Profis mal auf Video ansehen, wie schnell und leichtfüßig das bei der Eintracht ging. Das waren nicht nur Schnelligkeit und Ideen, sondern auch Herz und Engagement.

Und mit Überblick. Das kommt ja noch hinzu: Nachdem Jaroslav Drobny gerade noch gegen Gekas retten konnte, standen nach einem Ze-Roberto-Freistoß Heiko Westermann und Joris Mathijsen am Fünfmeterraum frei, vor dem Kopfball hätten sie Nikolov fragen können, wohin er die Kugel denn haben möchte – aber dann stören sich beide Hamburger, Chancen dahin (7.). Symptomatisch.

Und der Anfang des Hamburger Chaos. In der 13. Minute der Anfang vom Ende: Der eingewechselte Caio stürmt los, im Abstand von zehn Metern der HSV-Begleitservice, Mathijsen muss die linke Seite im Auge haben, weil Marcell Jansen nicht so schnell nach hinten kam. Und weil keiner angriff, riskierte Caio einen Schuss aus 23 Metern, der Ball rutscht ihm noch mustergültig über den „Schlappen“ – unhaltbar für Jaroslav Drobny fliegt die Kugel ins Netz – 1:0 für Frankfurt.

Acht Minuten später: Guy Demel steht gegen zwei Frankfurter in der Defensive, Jonathan Pitroipa kommt erst in letzter Sekunde zurück, aber da flankt Altintop schon. In der Mitte stehen Westermann und Mathijsen gegen Gekas. Gegen den „Riesen“ Gekas. Und wer kommt an den Ball? Richtig! Der Grieche köpft ihn ins Tor. Es ist unfassbar. Wieder nicht zu halten für Drobny. Aber wie schlimm ist denn wohl eine solche Defensivleistung?

Hoffnung keimte auf, als Paolo Guerrero den Ball zur Mitte legte und Mladen Petric auf 1:2 verkürzte (23.), doch weitere Hamburger Chancen blieben ungenutzt. Petric musste das 2:2 machen, traf aber (technisch schwach) mit rechts nur den Pfosten (32.), dann visierte auch Pitroipa noch einmal Aluminium an (42.), das war Pech. Und es kam noch mehr davon hinzu: Sekunden vor dem Halbzeitpfiff wurde wieder nur auf Sicht gedeckt: Jung am Fünfmeterraum zur Mitte, Gekas vor Demel, 1:3. Es sah für mich wie Abseits aus, aber die zehnte Zeitlupe legte sich dann fest: reguläres Tor. Pause.

Es passte zu diesem Tag, dass Petric dann einen Frankfurter Freistoß ins eigene Tor köpfte (64.), und dass der HSV noch einmal Hoffnung schöpfen konnte, denn 120 Sekunden später köpfte Petric einen Trochowski-Freistoß zum 2:4 ein.

Das klingt alles sehr, sehr lebhaft, das war es sicher auch, aber der HSV spielte dabei meistens nur die zweite Geige. Hut ab aber, dass sich die Mannschaft nie aufgab.

Trotz allem muss sich der HSV fragen, wie es weitergehen soll? So gibt es auch am Sonnabend beim Tabellenletzten in Köln eine Pleite.

Wobei ganz klar gesagt werden muss: An Jaroslav Drobny lag es nicht. Der Rost-Vertreter leistete sich zwar auch einige Fehlgriffe, die schreibe ich aber der mangelnden Spielpraxis zu. An den Tore konnte der Tscheche nichts machen.

Demel, der für den verletzten Collin Benjamin in die Mannschaft genommen werden musste, zeigte einmal mehr wenig Licht, viel Schatten. Erst nach dem zweiten Frankfurter Tor, als er zusah wie Altintop die Flanke gab (und Demel wohl auch gerüffelt worden ist), deckte er etwas enger, gestattete er dem Türken nicht mehr ganz so viel Spielraum. Nach vorne aber machte Demel (einmal mehr) nichts, absolut null. Keine Flanke, keine Vorlage – weniger geht nicht.

Westermann und Mathijsen hatten sich in der Innenverteidigung zuletzt sehr gut ergänzt, diesmal fielen sie in schlechte Anfangszeiten zurück. Das war kein bisschen souverän, das war eher eine Einladung an den Gegner, nach Herzenslust zu stürmen (und Tore zu machen). Links in der Viererkette hatte Jansen einen schlechten Tag erwischt, für mich war er gar nicht da, das war weder Fisch noch Fleisch. Er hätte es (mit seinem gebrochenen Zeh) besser sein lassen, aber er wollte der Mannschaft, die ohnehin viele Verletzte hatte, eben helfen, aber das ist falscher Ehrgeiz.

Tomas Rincon erlebte in Frankfurt eine seiner schwärzesten Stunden seit er beim HSV ist. Abhaken, Er kann es doch viel besser. Der Elfmeter, den er gegen Gekas verursachte (86.) und den Altinntop zum 2:5 aus Hamburger Sicht verwandelte, passte zu Rincons Spiel. Leider.

Ze Roberto gehörte zu den HSV-Spielern, die noch gelegentlich gute Szenen anzubieten hatten, Piotr Trochowski spielte für mich gar nicht richtig mit. Erst in Halbzeit zwei kam er ein wenig zur Geltung, aber im Grunde genommen war das wie bei Demel: nichts. Rechts fand auch Pitroipa nicht so richtig statt, er könnte viel mehr, verzettelte sich aber viel zu oft in Einzelaktionen. Meistens musste er dann gegen drei, vier oder fünf Frankfurter kapitulieren.

Petric vorne hatte gute und weniger gute Szene, Er hätte bei den weniger guten oft ein Tor machen können, patzte also immer zur Unzeit – aber das passt im Moment zu seiner Verfassung. Da ist eben noch lange nicht alles das, was mit dem VfB Stuttgart zusammenhängt, auf- und abgearbeitet worden. Der beste Hamburger, wenn man an diesem Tag davon sprechen darf, war für mich Paolo Guerrero. Auch wenn ihm längst nicht alles gelang, er wollte, er versuchte immer wieder etwas, traf dabei aber nicht immer auf Gegenliebe.

Erfreulich für mich an dieser Pleite: Heung Min Son ist wieder da. Der Südkoreaner (kam in der 62. Min. für Jansen) zeigte sein Spielverständnis und seine Lust am Spiel, ist erst Ruud van Nistelrooy wieder dabei, dürfte es noch besser für ihn laufen. Und für den HSV?

21.04 Uhr

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