Tagesarchiv für den 26. Oktober 2010

Frankfurt wird ein harter Gang

26. Oktober 2010

Klaus Toppmöller zum 1. FC Köln? Dieses Gerücht hält sich seit ein paar Tagen sehr hartnäckig. Und ich muss zugeben, mit vielem hatte ich bei den Rheinländern gerechnet, aber damit nicht. Nicht, dass ich Toppi nicht mag, im Gegenteil. Klaus Toppmöller ist ein sehr, sehr netter Kerl. Ein Fußballverrückter, das mag ich. Aber er war eben auch sehr lange raus. So lange, dass ich nicht mehr an sein Comeback in der Ersten Bundesliga geglaubt hatte.

Zumal Toppi seit seinem Engagement beim HSV bundesweit nicht den allerbesten Ruf genießt, hier ewig nicht als Trainer gehandelt wurde. Ihm wurde unterstellt, Trainingseinheiten nicht vorbereitet zu haben. Und er soll das eine oder andere Mal lieber in seiner Heimat bei seiner eigenen Sportsbar in Rivenich geblieben sein, als in Hamburg zu trainieren. Vorwürfe, die ich nicht bestätigen kann, die aber aus dem Klubumfeld kamen und sich lange hielten. Wobei, sicherer als diese Behauptungen ist sein Engagement in Köln ja nicht. Auch das ist noch ein Gerücht. Ein ebenso hartnäckiges wohlgemerkt. Aber mich würde es eh freuen, den alten Lehrmeister mit der unbekümmerten Schnauze bald wieder zu sehen. Am liebsten schon am Sonnabend gegen den HSV.

Gleiches gilt im Übrigen für Heribert Bruchhagen, den ich für einen exzellenten Mann seines Faches halte. Ich hatte mich letzte Saison einmal lange mit dem Vorstandsvorsitzenden unseres morgigen Pokalgegners unterhalten. Damals hatte sein Trainer Michael Skibbe öffentlich gerade mächtig Stimmung gegen ihn und den gesamten Vorstand gemacht. Ich hatte ihn daraufhin gefragt, warum er sich das alles gefallen lässt. Warum er seinen Coach noch nicht vor die Tür gesetzt hat. Immerhin wäre ein solches Szenario in Hamburg undenkbar. Oder kann sich jemand vorstellen, was passieren würde, wenn ein HSV-Trainer öffentlich Bernd Hoffmann attackiert?

Nun denn, Bruchhagen blieb am Telefon gelassen, er lachte sogar. Und er hat ganz trocken geantwortet: „Weil Skibbe seinen Job einfach gut macht. Der Rest ist mir egal.“ Punkt. Und Bruchhagen hatte Recht, er bewies sogar richtig Weitblick, indem er sein eigenes Ego beispielhaft weit zurückstellte. Heute hat die Eintracht eine starke Mannschaft zusammen. Hinten spielen sie gewiss nicht den filigransten Fußball mit Maik Franz und Marco Russ. Aber sie stehen unheimlich kompakt. Sie schöpfen ihre Möglichkeiten aus. Auch dank Skibbe.

Zudem haben sie mit Patrick Ochs den Außenverteidiger der Liga, den ich dem jeweiligen HSV-Sportchef schon seit Jahren ans Herz lege. Bislang allerdings noch ohne Erfolg. Leider. Denn erstens hat der HSV meines Erachtens noch immer rechts in der Viererkette Nachholbedarf. Und zweitens wird Ochs, der als tadelloser Charakter und als Teamplayer gilt, von Jahr zu Jahr besser. Achtet mal darauf.

Egal wie, wir haben in Hamburg auch gute Leute. Sehr viele, sehr gute sogar, auch wenn mit David Jarolim, und Ruud van Nistelrooy zwei der besten ausfallen, zudem auch der zuletzt gut spielende Collin Benjamin (Knieprobleme) passen muss. Allerdings, das Thema hatten wir ja vor den letzten beiden Spielen zur Genüge: der HSV hat auch mit diesen Ausfällen noch eine Mannschaft, die sich namentlich großartig liest. Und, das nur für die Statistiker unter uns: Unter Florian Meyer als Schiedsrichter – der gute Mann pfeift uns auch morgen – hat Mladen Petric drei Tore in vier Spielen geschafft. Der Kroate gilt ohnehin als Garant in DFB-Pokalspielen: zehn Tore steuerte der Mann mit der Rückennummer zehn in seinen insgesamt 14 Pokalspielen bei. Und er ist morgen von Beginn an dabei.

So viel zum Thema Statistiken. Das soll erstmal reichen. Denn gerade der Pokal hat – wieder fünf Euro ins Phrasenschwein, ich weiß! – seine eigenen Gesetze, Statistiken zählen hier nicht. Zum Glück – denn in zwei Duellen mit den Frankfurtern verloren wir beide. Und beide Male in Frankfurt.

Und damit sich dies nicht wiederholt, wird es in Frankfurt darauf ankommen, wieder so kompakt wie zuletzt zu stehen. Und zwar besser als am zweiten Spieltag, wo wir in der Commerzbank-Arena mit einer gehörigen Portion Glück 3:1 gewonnen haben. Hintergrund: Die Frankfurter hatten damals vor dem Ausgleich mehrfach gute Gelegenheiten, das zweite Tor nachzulegen. Sie vergaben ihre Möglichkeiten aber kläglich. Wobei ich mir damals sicher war, nach einem zweiten Gegentreffer wäre der HSV in diesem Spiel wahrscheinlich nicht mehr zurückgekommen. Und auch diesmal wird es ein ganz harter Gang.

Auch wenn sich seither einiges verändert, vieles verbessert hat. Damals standen wir hinten beispielsweise nicht so gut, wie in den letzten beiden Spielen nach der Systemumstellung Vehs. „Das ist normal“, bestätigt Heiko Westermann, „Joris und ich waren anfangs noch nicht so eingespielt. Jetzt schon.“ Zudem lässt HSV-Trainer Veh im Mittelfeld wieder mit einer Raute spielen, wobei Tomas Rincon als reiner Abräumer agiert, anders als die eher über das Spielerische kommenden Jarolim und Zé Roberto zuvor als „Doppelsechs“. „Das kommt der gesamten Defensive zugute“, lobt Westermann den zweikampfstarken Venezolaner, „wir haben es in den letzten beiden Spielen besser umgesetzt, weil wir alle besser defensiv arbeiten.“

Auch weil es defensiv so gut aussah, versuchte Armin Veh heute alles. Alles, um nach dem sicheren Ausfall von Benjamin, der schon im Training aussetzte, nicht noch mehr in der Viererkette verändern zu müssen. Ein Vorhaben, das heute fast schon dramatische Züge annahm. Denn bereits nach fünf Minuten, als gerade einmal ein paar harmlose Warmmachübungen absolviert worden waren, wollte Marcell Jansen das Training abbrechen. Erst eine längere Unterredung mit dem Trainerteam sowie ein Gespräch zwischen Jansen, Veh und Mannschaftsarzt Nikolai Linewitsch brachte die Wende. Jansen wechselte die Schuhe und trainierte durch. Dabei schonte er seinen linken Fuß, agierte insgesamt sehr vorsichtig und schoss nur mit der linken Innenseite (der kleine Zeh ist gebrochen) oder dem rechten Fuß. Er reist zwar trotzdem mit nach Frankfurt, dennoch dürfte sein Einsatz morgen zumindest fraglich sein.

Offen wäre auch, wer für Jansen nach dem Langzeitausfall von Dennis Aogo hinten links ran dürfte? Muhamed Besic, dem Veh zuletzt attestiert hatte, er sei für die Viererkette schon „eine echte Alternative“? Oder zieht Veh lieber Zé Roberto wieder zurück? Im letztgenannten Fall müsste das linke Mittelfeld neu besetzt werden. Alternativen hierfür gibt es mit Maxim Choupo-Moting, Änis Ben-Hartira oder auch Gojko Kacar. Wobei, und das macht diese Auflistung deutlich – Veh müsste links Kompromisse eingehen.

Rechts hingegen nahm heute schon Guy Demel seine zuletzt an Benjamin verlorene Position in der Viererkette ein. Und er machte es zumindest im Training, das Veh in die Imtech-Arena verlegt hatte, recht ordentlich. Allerdings dürfte der HSV-Trainer insbesondere von Demel nach dessen zuletzt gezeigten schwachen Vorstellungen in Frankfurt mehr als von anderen erwarten. Fraglich bleibt für mich, wie der (oftmals zu) sensible Ivorer mit diesem Druck umzugehen weiß.

Etwas überraschend war nicht nur für mich, dass Petric, obwohl Ruud van Nistelrooy wegen seiner Knieprobleme definitiv ausfallen wird und auch im Training dementsprechend nicht mitwirkte, im Abschlusstraining zuerst nur in der B-Elf agierte. Erst zum Abschlussspiel beorderte Veh seinen Angreifer ins A-Team. Ich glaube, nachdem sich Petric nach dem untersagten Wechsel gen VfB Stuttgart häufiger das Recht herausgenommen hatte, seine Interessen öffentlich zu machen und den Verein eben so zu kritisieren, will Veh ihm zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Und dafür lässt der erfahrene Trainer keine Gelegenheit aus. Auch heute nicht.

Trotzdem, oder besser: schon deshalb erwarte ich für morgen auch bei dem technisch brillanten Linksfuß eine Reaktion. Er ist zu stolz, um seinen Kritikern neue Nahrung zu geben. Er muss einfach ein gutes Spiel machen, um allen zu zeigen, wie wichtig er ist. Auch wenn er selbst von dem ganzen Trouble offiziell gar nichts wissen will, sich bedeckt hält. „Ich denke nicht zurück und auch nicht daran, was im Winter passieren könnte“, hakt Petric alle schwelenden Gerüchte ab. Zwar gibt er zu „in einer wirklich schwierigen Situation“ zu stecken. „Aber ich habe mich bislang mein ganzes Leben durchkämpfen müssen. Aufgeben gibt es für mich nicht.“

Schon gar nicht vor seinen ersten Einsatz von Beginn an seit dem Wolfsburg-Spiel am fünften Spieltag. „Mich interessiert nur dieses Spiel, sonst wirklich gar nichts.“ Auch nicht, dass sich heute wieder Stuttgarts Manager Jochen Schneider zur Personalie Petric geäußert hat. „Ausschließen kann ich hier nichts“, war dessen Antwort auf die Frage, ob sich die Schwaben im Winter erneut um eine Verpflichtung von Mladen Petric kümmern würden. „Das ist mir egal“, so Petric, „ich bin einfach erstmal nur froh, wieder auf dem Platz zu stehen. Und ich freue mich darüber, wieder ganz vorne spielen zu dürfen.“

Stattdessen freut sich Petric auf einen alten Bekannten: Theofanis Gekas. Mit dem Griechen hat er zwar noch nie in einem Team gespielt, dafür aber vor drei Jahren im Hotel im Griechenland-Urlaub gewohnt. „Wir haben ein paar Mal gequatscht und die Nummern ausgetauscht. Seitdem haben wir Kontakt“, so Petric.

Gute Nachrichten gab es vom HSV-Team-Oldie Zé Roberto. Der Mittelfeldchef konnte nach seinem grippalen Infekt heute wieder voll mitmachen. Zwar wirkte er noch lange nicht so spritzig wie zuletzt und hatte ungewöhnlich viele Stockfehler bei ungewöhnlich wenigen Ballkontakten, allerdings ist Zé auch dafür bekannt, sich seine Kräfte auf die Pflichtspiele hin ausgerichtet sehr gut einteilen zu können.

Insofern bin ich heute insgesamt sicherlich nicht euphorisch. Ich würde auch lügen, wenn ich behaupten würde, so optimistisch zu sein wie vor den letzten beiden Spielen gegen Mainz und Bayern München. Aber ich hoffe auf eine Reaktion der Mannschaft. Sie kann, und das ist das (wohl einzig) Positive an solch schwierigen Personalsituationen, in Frankfurt zeigen, inwieweit sie schon als Einheit funktioniert.

Und das mit folgender, möglicher Startelf: Drobny – Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen – Pitroipa, Rincon, Trochowski, Zé Roberto – Guerrero, Petric. Immer noch eine sensationelle erste Elf, oder?? Aber das hatte ich ja schon…

In diesem Sinne: Nur der HSV!

16.32 Uhr