Tagesarchiv für den 25. Oktober 2010

Zittern um Stars – und das Hoffen auf neue, eigene Stars

25. Oktober 2010

Der Montag ist für die meisten von uns ein eher unbeliebter Tag. Es ist meistens der Auftakt der langen, ungeliebten Arbeitswoche. Das schöne freie Wochenende mit der Familie findet hier oft ein jähes Ende. Das gilt allerdings nicht für mich. Zumindest heute nicht. Zwar ist auch mein Wochenende beendet, aber dafür hat die Arbeitswoche sehr nett begonnen. Gründe dafür waren ein entspannter, zu Scherzen aufgelegter Armin Veh, Frank Rost, das erste längere Gespräch mit dessen Vertreter Jaroslav Drobny seit seinem Wechsel im Sommer. Und Tomas Rincon. Aber der Reihe nach.

Armin Veh, der meiner Meinung nach gestern im Doppelpass bei Sport1 eine hervorragende Figur abgegeben hatte, präsentierte sich auch heute wieder voller Elan. Er lachte viel, er scherzte und er versuchte sich als Wahrsager. Wie der HSV in Frankfurt spielt? „Wenn ich jetzt 2:0 sage, was ich sagen würde, und wir spielen am Ende auch so, dann muss ich das jedes Mal machen. Deshalb lasse ich das lieber gleich ganz.“ Schließlich würde er auch nie Toto spielen. „Da liege ich grundsätzlich falsch. Aber da gewinnen ja eh meist nicht die, die Ahnung haben, sondern die ohne“, so Vehs nicht ganz ernst gemeinte Erklärung.

Der HSV-Trainer hatte auch allen Grund, gut drauf zu sein. Schließlich hatte sich am Vormittag ein möglicher Langzeitverletzter per genauer Diagnose zum doch nur kurzfristig verletzten verbessert: Frank Rost. Bei dem Torwart wurde „nur“ ein Teilabriss des rechten Außenbandes diagnostiziert. Er wird zwei Wochen ausfallen – und trotzdem die Nummer eins bleiben, wie sein Trainer gestern verriet. „Er ist und bleibt die Nummer eins. Zumal, wenn Frank normal fit zurückkommt. Aber wer weiß schon, was morgen ist?“

Morgen ist Dienstag. Und das ebenso sicher wie Drobny die ersatzweise Nummer eins ist. Der sympathische Tscheche wird, sofern nichts dramatisches mehr passieren sollte, am Mittwoch im DFB-Pokal bei Eintracht Frankfurt im Tor stehen. Ebenso wie am Sonnabend in Köln und nächste Woche daheim gegen Hoffenheim. Drei Spiele in Folge. Genau so, wie Armin Veh sie ihm übrigens – auch wenn er sich Zeitpunkt und Umstände sicher anders vorgestellt hatte – vorausgesagt hatte.

Egal wie, für Drobny ist das kein Grund, ein Fass aufzumachen. Der Mann mit der Schuhgröße 50 bleibt bescheiden. Er hatte sich auch nach der Bekanntgabe von Rost als Gewinner auf der Torwartposition vorbildlich sportlich präsentiert. Wie? Er schwieg und trainierte ordentlich. „Mehr konnte ich ja auch nicht machen“, sagt er heute. Er sei „natürlich ein wenig enttäuscht gewesen“, aber er habe die Entscheidung vom Trainer letztlich akzeptiert. Worte, die sicherlich jeder Profi wählen würde, wenn er nichts falsch machen will. Aber Drobny nehme ich sie ab. Dieser 192 Zentimeter große Hüne mit einem Vertrag bis 2013 hat mich überzeugt. Menschlich vor allem. Und das schon seit Wochen.

Im Training, das knapp 20 Minuten später als geplant begann, fehlten dann allerdings einige Spieler. Marcell Jansen musste mit einem Bruch seines kleinen, linken Zehs passen, Ruud van Nistelrooy seine Knieschmerzen auskurieren. Zwar gab Veh bei Jansen Entwarnung („Da gibt es eine schmerzstillende Spritze, dann geht das in Frankfurt schon“), allerdings wird es bei Ruud richtig eng. Sollte er ausfallen, wäre Heung Min Son im Pokal dabei. Zwar nicht von Beginn an, das würden Paolo Guerrero und Mladen Petric machen, dafür aber als echte Alternative. Dass er schon wieder soweit ist, deutete er an, als er im Training beim Abschlussspiel drei Mal einnetzen konnte. Mehr als jeder andere.

Ebenfalls gestern nicht dabei waren erneut David Jarolim sowie Zé Roberto. Und während „Jaro 1“ wohl weder in Frankfurt noch am Wochenende in Köln spielen können wird, soll Zé rechtzeitig zum Pokalspiel fit werden.

„Zittern um die Stars“ könnte daher eine berechtigte Zeile lauten. Dabei setze ich momentan wieder darauf, dass der HSV neue Stars entwickelt. Ich hoffe es wenigstens. Zum einen auf dem Platz bei den Profis, wo sich ein Tomas Rincon gerade in den Fokus spielt. Genauso wie Drobny. Oder bald auch Son wieder. Zum anderen aber in der Jugend, besser gesagt: beim gesamten Nachwuchs. Denn während die A-Jugend weiter schwächelt, scheint sich zumindest die U23 gefangen zu haben. Das Team von Rodolfo Cardoso gewann gestern in Meuselwitz mit 2:1 (doppelter Torschütze war Pressel) und rangiert auf dem siebten Rang.

Hinzu kommt, dass sich der HSV in der Nachwuchsarbeit neu aufgestellt hat. Mit Paul Meier ist ein erfahrener neuer Leiter gefunden worden, der von einem Psychologen, Athletiktrainern sowie von Christofer Clemens als neuen Chefscout unterstützt wird. Letzterer ist übrigens wie auch Meier ein ehemaliger Mitarbeiter von Urs Siegenthaler. Und seine Vita liest sich ebenso viel versprechend wie die Meiers.

Denn der heute 58-Jährige Schweizer kennt sich aus mit Neuaufbauten. In Liechtenstein hatte er sich für den Nationalverband um die U-17- und die U-19-Nationalmannschaften gekümmert. Bei knapp 36 000 Einwohnern insgesamt ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen. Aber Meier bewies mit Innovation, Fleiß und „sehr, sehr viel Arbeit“, wie er sagt, Geschick. „Ich habe mir die Spieler angeguckt, ihr Leistungsniveau eingestuft und sie außerhalb Liechtensteins bei Schweizer Vereinen untergebracht.“ So garantierte Meier den Jugendlichen täglich hochqualitative Gegner im Training – und entwickelte die Talente so optimal.

Ähnlich innovativ – zumindest für HSV-Verhältnisse – geht Meier bei seiner neuen Aufgabe in Hamburg vor. Es wurden alle Spieler gesichtet, jeder erhielt ein Leistungszertifikat. Dabei wird unterschieden in Spieler mit der Aussicht, Profi zu werden und in Spieler, die noch nicht so weit sind, im Gegenzug aber einen geordneten Trainingsablauf auf vernünftigem Niveau garantieren. „Die Spieler mit der Perspektive zum Profi sind wie Projekte zu betrachten. Deshalb nennen wir sie ‚Projektspieler’. Diese erhalten zusätzlich zu ihren normalen Einheiten noch zwei oder drei individuelle Trainingseinheiten pro Woche ganz speziell auf ihre Schwächen und Stärken ausgelegt.“

Sollten sich diese Spieler nicht wie gewünscht weiterentwickeln, würden sie allerdings den Status „Projektspieler“ auch wieder verlieren können. Ebenso wie sich Spieler für den Status „Projektspieler“ aufdrängen können. Dafür soll es jährlich oder gar halbjährlich neue Bestandsaufnahmen im gesamten Jugendbereich geben. „Das entwickelt eine Eigendynamik. Die Konkurrenz motiviert“, weiß Meier. Und ich gebe ihm Recht. Wer sich einmal eins der neu eingeführten „Montagspiele“ in Ochsenszoll angeguckt hat, der weiß, wovon Meier spricht. Denn da spielen immer die, die am Wochenende nicht zum Einsatz kamen, getestet werden sollen oder aus sonstigen Gründen unter besonderer Beobachtung stehen – und diese Spiele sind oft hitziger und anspruchsvoller als so manches Punktspiel.

Und auch wenn sich Meiers Philosophie zugegebenermaßen hart anhört, ist sie wahrscheinlich der einzige Weg, damit endlich mal wieder ein Talent von den Paul-Hauenschild-Plätzen in Norderstedt als Stammspieler der Profimannschaft in die Imtech-Arena einläuft. So, wie es in München gerade Badstuber und Müller vorgemacht haben. Und eben so, wie es in Hamburg in den letzten Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen ist (nehmen wir mal so spät zugewanderte wie Hasan Salihamidzic oder auch Collin Benjamin raus).

Auf jeden Fall, und das muss ich aus meiner ersten Begegnung mit Clemens und vor allem Meier resümieren, es ist (mal wieder) ein hoffnungsvoller Neustart. Ob und inwieweit der fruchtet, werden wir sicherlich erst in einigen Jahren abschließend beurteilen können. Aber all denen, die jetzt berechtigt Kritik äußern, dass der HSV seine Zeit hier verschlafen hat, denen sei gesagt: Ihr habt zu großen Teilen Recht. Aber der HSV verschläft zumindest jetzt keine weitere Sekunde mehr. Hoffentlich.

Nur der HSV!

19.40 Uhr.