Tagesarchiv für den 24. Oktober 2010

Veh betrieb beste Eigenwerbung

24. Oktober 2010

Jetzt ist er wieder in aller Munde. Und das wird wohl auch noch eine Weile anhalten. Denn Paolo Guerrero lernt einfach nicht. Ich habe ihn nach seinem Flaschenwurf über Wochen verteidigt, weil ich gedacht hätte, dass er nun weiß, wo es lang zu gehen hat, aber denkste. Leider. Wobei ich dieses leider nicht auf Guerrero beziehen möchte, sondern auf die Tatsachen, dass der Peruaner wieder einmal eine ganz schlechte Image-Werbung für den HSV betrieben hat, und zweitens, was viel schwerwiegender ist: So wird der HSV es nicht schaffen, als Einheit auftreten. Die Mannschaft ist in meinen Augen noch lange keine verschworene Gemeinschaft, und ich hege schon seit vielen Wochen, ja sogar Monaten die Zweifel, ob aus diesem Star-Ensemble überhaupt eine richtig gutes Team werden kann – aber solche Dinge, wie sie sich Guerrero jetzt erlaubt hat, werfen alle Bemühungen (von allen, wenn es sie denn gibt) total über den Haufen. Natürlich ist es nicht mehr so wie früher, zu Sepp Herbergers Zeiten, als es hieß: „Elf Freunde müsst Ihr sein.“ Aber es hilft schon, erfolgreich zu sein, wenn man als verschworener Haufen aufzutreten versteht. Siehe Mainz, siehe Dortmund. Und siehe auch den HSV-Nachbarn. Auch wenn mich heute im Verlaufe dieses Sonntags alle diese Klubs Lügen strafen könne, vielleicht werden.

Armin Veh, der sich über Guerrero aufgeregt hat („Das geht gar nicht, das ist ein Kind“), hat heute, als er zu Gast bei Sport 1 und im „Doppelpass“ war, über seine Spieler gesagt: „Wir haben eine gute Mannschaft und sehr viele gute Einzelspieler. In Hamburg haben wir von den Einzelspielern her mehr Klasse als damals beim VfB Stuttgart, als wir Meister geworden sind. Aber mit dem VfB waren wir als Team richtig gut.“ Treffer, Herr Veh, Volltreffer sogar. Daran wird zu arbeiten sein. Daran musst dringend gearbeitet werden. Nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in der Kabine, sogar im Privatleben, wenn es gilt, gemeinsame Unternehmungen (mit Kind und Kegel) zu starten. Oder auch nur den einen oder anderen Kumpelabend zu organisieren. Auch wenn ich weiß, wie schwer das heutzutage ist, denn „Elf Freunde müsst Ihr sein“ ist arg verstaubt und antiquiert.

Armin Veh hat diese Problematik natürlich auch schon längst erkannt, denn er sagte im „Doppelpass“ auch: „Es ist meine Hauptaufgabe, dass ich es und mein Trainerteam zusammen hinbekommen, dass wir jede Woche als Team auftreten.“ Laut Veh soll es übrigens keine Geldstrafe für den „Übeltäter“ geben, es soll wohl nur – eine weitere- Ermahnung unter vier Augen stattfinden.
Und kurz noch in anderer Sache zum HSV-Coach, und dann bin ich auch am Ende mit dem „Doppelpass“: Armin Veh hat für mich erneut (wie vor einer Woche im ZDF-Sportstudio, wo er nur als V(F)ehl-Schütze an der Torwand unangenehm auffiel!) eine glänzende Figur abgegeben, das war beste Eigenwerbung und auch eine ganz hervorragende Werbung für den HSV.

Um noch einmal zum Bayern-Spiel zurück zu kommen: Zweikampfstärkster Spieler an diesem Abend war Heiko Westermann (72 Prozent), es gab 18:11 Torschüsse für den HSV, aber 49:51 gewonnene Zweikämpfe. Flanken 12:9 für den HSV, Ecken 5:2, und bei den Fouls führt Bayern mit 13:6. Wobei ich beim 23. Mann bin. Der Berliner Manuel Gräfe war diesem Spiel ein großartiger Leiter. Der 37-jährige Sportwissenschaftler spielte einst in der Jugend von Rapide Wedding, seine erste Bundesliga-Begegnung leitet er am 12. September 2004 (Hannover gegen Freiburg). In den ersten Jahren musste Gräfe seine Linie suchen, seit einigen Jahren hat er sie gefunden, er gehört für mich zur absoluten Spitze der deutschen Unparteiischen, weil er Dinge erkennt, aber nie „Zirkus“ macht. Der Mann behält stets die Souveränität, ihn zeichnet eine Bärenruhe aus, und obwohl es gelegentlich den Anschein hat, als würde er über den Platz schleichen, so ist er dennoch meistens auf Ballhöhe. Mit dem Namen Gräfe habe ich mich erstmals während des Hoyzer-Skandals beschäftigt. Zu jener Zeit erfuhr ich, dass Hoyzer und Gräfe die größten Konkurrenten der jungen Berliner Schiedsrichter waren. Erst hatte Robert Hoyzer die Nase vorn, brachte sich selbst aber klassisch zu Fall, Manuel Gräfe war inzwischen auch schon aufgestiegen – und hat nun schon seit geraumer Zeit gezeigt, dass er Klasse als Schiedsrichter hat. Hut ab, Herr Gräfe!

Gleiches gilt für einen HSV-Spieler der besonderen Art: Collin Benjamin. Der Mann aus Namibia erlebt derzeit seinen dritten Frühling. Ich hatte ja einige Bedenken, gebe ich zu, als ich hörte, dass „Collo“ gegen Thomas Müller spielen sollte. Aber meine (bösen) Vorahnungen trafen nicht zu, Benjamin sah eigentlich nur einmal ein wenig schlechter aus, ansonsten hatte er den Nationalspieler (von dem ich immer begeistert bin) sehr gut im Griff. Ich würde mal sagen: Stammplatz gefestigt. Collin Benjamin konnte sich gegen die Bayern, das darf bei diesem Lob nicht unerwähnt bleiben, auch auf die defensiven Augen aus dem Mittelfeld verlassen. Dort hatten die Kollegen ganz offenbar die Aufgabe, immer zu „doppeln“, wenn Müller am Ball ist. Zu 90 Prozent hat das gut geklappt. Kompliment da vor allen an Tomas Rincon, der eine hervorragende Partie gespielt hat, aber das erwähnte ich ja bereits in meinem Bericht nach dem Spiel.

Jetzt bin ich total gespannt auf den kommenden Mittwoch. Das Pokalspiel in Frankfurt. Die Eintracht ist gerade zu anpassender Zeit wieder so richtig gut geworden – sollte der HSV die (miese) Pokal-Tradition nun am Main fortsetzen wollen? Hoffentlich nicht. Ich hoffe vielmehr darauf, dass Armin Veh seinen Mannen klar machen kann, welche große Chance ein DFB-Pokalfinale jedem Spieler bietet. Ruhm, Ehre und Geld. Dazu eventuell ein internationaler Start – von der unglaublichen und ganz besonderen Atmosphäre, die rund um dieses Endspiel in der Hauptstadt herrscht, einmal abgesehen.

Vielleicht schafft es Veh ja auch, in einem Crash-Kurs Jonathan Pitroipa zu einem Torschützen zu verwandeln. Ich sehe den guten „Piet“ immer noch auf Jörg Butt zulaufen, ich sehe die Zuschauer von den Sitzen aufspringen, ich sehe den Schuss, ich sehe Butts ausgefahrenes linkes Bein – und ich sehe einen Pfostenschuss, den Pfostenschuss überhaupt. Mein Gott, das waren Sekunden für die Ewigkeit, „Piet“ hätte sich mit diesem Tor unsterblich machen können – aber er schaffte es wieder einmal nicht. Kommentar Pitroipa: „Ich lasse den Kopf trotzdem nicht hängen . . .“ Dabei hatte er versprochen: „Wenn ich einmal treffe, dann ist auch der Knoten geplatzt, dann treffe ich auch mehrfach.“ Leider hat er nach seinem herrlichen Tor in Bremen sein Versprechen nicht halten können. Aber in Frankfurt besteht ja die nächste Möglichkeit, eine „Serie“ zu starten. Und verdient hätte es das „Eichhörnchen“, das von meiner platonischen „Freundin“ Ingrid W. auch „Hase“ oder „Häschen“ genannt wird, allemal, denn er ist mit seinen Dribbelkünsten der überragende Mann in der HSV-Offensive. Aber, wie sagt mein Kollege Babak M. immer so schön treffend (und nach solchen vergebenen Chancen auch total passend): „Wenn Pitroipa auch noch Tore schießen könnte, dann würde er bei Inter Mailand oder Real Madrid spielen.“ Stimmt wohl.

Einen kleinen Abstecher möchte ich auch noch zu den Bayern machen. Die haben wirklich zu klagen, denn die vielen Verletzten erinnern mich an den HSV der vergangenen Saison. Ich glaube aber, die Münchner hat es diesmal fast noch schlimmer erwischt. Das ist Pech. Warum sich aber der liebe Herr Rummenigge gleich nach dem Spiel wieder über die Ansetzung (am Freitag in Hamburg) beschwert, ist mir rätselhaft. Das passt gar nicht zum FC Bayern. Die haben früher doch nie gejammert! „Offensichtlich scheint irgendein Mann bei der DFL Interesse daran zu haben, den FC Bayern nicht mehr an einem Sonnabend spielen zu lassen. Aber ich habe Herrn Seifert von der DFL bereits Bescheid gegeben“, sagte der FCB-Vorstandsvorsitzende nach dem 0:0. Zur Erinnernung: Bayern spielte am Dienstag in der Champions League gegen Cluj. Am Mittwoch, und jetzt wird es kurios, spielten Schalke und Werder ebenfalls in der Champions League, und beide Vereine mussten doch tatsächlich schon wieder am Sonnabend antreten. Das ist doch reine Schikane! Da wird doch mit den Kräften der Profis Schindluder getrieben! Schalke und Werder hatten, wie auch die Bayern, nur einige „läppische“ Tage zur Erholung. Und mussten beide auch auswärts antreten. Und? Hat einer von beiden Klubs gejammert? Nein!

Da müssten die Bayern (oder nur der Herr Rummenigge) schon wieder ein wenig souveräner werden. Zumal der HSV, als er noch international tätig war, auch gelegentlich nur zwei Tage zwischen Europa League und Bundesliga Zeit gehabt hat. Aber das wird leider vergessen. Jeder denkt eben nur an sich.

So, ganz zum Schluss noch ein ins Ländle. Da räumte der Präsident Erwin Staudt (Chef des VfB Stuttgart) ein, dass die Personalpolitik des abstiegsbedrohten Bundesligisten vor dieser Saison nicht glücklich gewesen ist. „Ein paar Fehleinkäufe waren sicherlich dabei“, sagte der 62-Jährige dem Magazin „Focus“. „Dies versuchen wir nun zu verbessern“.

Das nur ganz, ganz kurz zum Thema Bastian Reinhardt, wenn Ihr versteht, was ich meine.

16.36 Uhr