Tagesarchiv für den 23. Oktober 2010

Der Trend ist positiv!

23. Oktober 2010

Der Tag danach – das klingt irgendwie nach Katerstimmung. Und zumindest beim HSV trifft das zu. Das 0:0 war den Spielern nicht genug, sie trauerten auch heute noch der großen Chance nach, die Bayern zu schlagen und tabellarisch weiter zu distanzieren. Zudem hatte es gestern einige angeschlagene und verletzte Spieler gegeben. Aber der Reihe nach.

Frank Rost, dessen kuriose Auswechslung ich gestern als amateurhaft angeprangert hatte, erklärte uns glaubhaft, er habe anfangs gedacht, die Verletzung sei nicht so schlimm. Die ersten Bewegungen nach der Behandlung in der 15. Minute seien „völlig okay“ gewesen, sagte er. Erst unmittelbar vor der Auswechslung habe er den richtigen Schmerz gespürt. Jetzt, das fügte er hinzu, wartet er erstmal die Kernspintomografie am Montag ab. Rost: „Ich glaube aber, dass ich die nächsten zwei Wochen wohl ausfallen werde.“

Sein Mannschaftskamerad und Konkurrent, Jaroslav Drobny, schwieg gestern. Der Tscheche, der mannschaftsintern ob seines Humors sehr beliebt ist, punktet weiter. Ohne Worte. Denn die hatte er auch in den Momenten nicht verloren, in denen Kritik an Rost laut wurde. Vielmehr entpuppt sich der Zugang von Hertha BSC menschlich wie sportlich als glatte Eins. Auch die spontane Einwechslung nahm er gelassen. „Das war kein Problem. Ich dachte, Frank kann weitermachen“, hatte er nach dem Spiel erklärt, weshalb er sich nicht warm gemacht hatte, nachdem Rost das erste Mal behandelt worden war. „Aber ich hatte in der Halbzeit ja genug Zeit, mich fit zu machen.“

Wie er seinen Einstand beurteilte, zeigt zudem, welch sportsmännischer Natur „Jaro“ ist: „Ich hatte ja nichts zu tun, weil unsere Defensive großartig verteidigt hat. Aber es werden sicher auch noch andere Spiele kommen.“ Ganz sicher sogar. Wohl mit ihm.

Und mit Ruud van Nistelrooy. Der Niederländer, der gestern nach einem Schlag aufs Knie raus musste, gab heute Entwarnung. Ebenso wie Marcell Jansen, der einen Schlag auf seinen bereits lädierten Zeh bekommen hatte.

Apropos Jansen. Marcell hatte nach dem Spiel offene Worte gefunden. Zum einen fand er seine Leistung „bärenstark“, zum anderen die Platzverhältnisse „katastrophal“. „Seit ich nach Hamburg gewechselt bin, sage ich immer wieder das Gleich: dieser Rasen ist ein Nachteil für uns.“ Eine Erklärung lieferte er auch gleich mit: „Wir haben die Philosophie, über die spielerische Qualität Partien für uns zu entscheiden. Und je schlechter der Boden, desto schwieriger wird die Umsetzung.“

Dabei, und das muss ich hier unbedingt klarstellen: Die aufopferungsvoll kämpfenden Platzwarte beim HSV sind schuldlos. Es ist und bleibt das Problem der zu geringen Sonnen- und Luftzufuhr in dem für Fans sensationellen, aber für den Rasen katastrophalen Stadion. Wenn jemand das Abschlusstraining, beziehungsweise den Boden nach dem Abschlusstraining gesehen hätte, hätte nie geglaubt, dass der hinzukriegen wäre. Und doch schafften es die Greenkeeper beim HSV. Aber es ist eben ein Kampf gegen Windmühlen für die Jungs. Löcher stopfen in der Gewissheit, am kommenden Wochenende wieder das gleiche Problem zu haben. Die einzige Lösung ist ein kostspieliger, aber eben notwendiger Austausch des Geläufs.

Viel tauschen muss Veh dagegen nicht. Morgen haben seine Profis frei, am Montag geht es in die Vorbereitung auf das DFB-Pokalspiel in Frankfurt am Mittwoch. Und, darüber täuscht ein 0:0 gegen Schalke vielleicht etwas hinweg, die Hessen sind gut drauf. Ich habe mir heute die Partie zu großen Teilen angeguckt, weil ich neugierig war, was auf den HSV zukommt.

Und ich kann Euch sagen, dass es ein ganz, ganz harter Gang wird in Frankfurt. Nicht nur, weil es ein Auswärtsspiel ist. Nein, sondern wegen der spielerischen Klasse der Frankfurter. Gegen Schalke hätten die Jungs von Trainer Michael Skibbe gewinnen müssen. Sie waren über das gesamte Spiel hinweg die bessere Mannschaft.

Aber Angst haben muss der HSV nicht. Wenn das Spiel gegen Bayern eine Lehre hatte, dann die, dass der HSV in der Bundesliga auf Augenhöhe mit den besten ist. Immerhin fehlten nur ein paar Zentimeter, und der HSV hätte den Meister geschlagen. Und er wäre in der Tabelle bis auf den dritten Platz geklettert. Und – nein, ich höre lieber auf, mich zu ärgern. Ich richte meinen Blick lieber nach vorn.

Optimistisch im Übrigen. Denn der Trend der letzten Wochen ist absolut positiv. Gegen Lautern nicht schön und glücklich gewonnen, wurde Mainz in einem sehr ansehnlichen Spiel geschlagen, während Bayern zwar keinen Sieg einbrachte – dafür aber zeigte, wozu unsere Defensive in der Lage ist.

Da scheint Heiko Westermann sich endgültig eingelebt zu haben. Der frisch gebackene Vater – sein zweites Kind wurde Mitte der Woche gesund auf die Welt gebracht – war für mich gestern ganz stark. Zwar hatte er den einen oder anderen Stolperer am Ball dazwischen, aber wie er die Zweikämpfe annahm, antizipierte und gewann – das war eines Nationalspielers würdig. Mein Glückwunsch! Gleiches gilt für Joris Mathijsen. Der Niederländer holte sich gestern schon sehr früh Gelb ab – gegen eine Topmannschaft wie Bayern für einen Innenverteidiger ein schweres Handicap. Trotzdem zog er sich aus keinem Zweikampf. Im Gegenteil, er wirkte „heiß wie Frittenfett“.

Womit ich die Überleitung zu einem der sympathischsten HSVer der letzten 30 Jahre gefunden hätte. Collin Benjamin hatte gestern einen guten Tag. Er konnte sicherlich nicht jeden Angriff von Thomas Müller unterbinden, aber er engte dessen Kreise beachtlich ein. Vor dem Spiel hatte ich insbesondere vor diesem Duell großen Respekt, denn ich bin ein großer Fan von Müllers Spielweise. Der spielt schnörkellos und hat trotzdem eine extreme Effizienz nach vorn. Auch gestern hätte er trotz Collos starkem Spiel eigentlich getroffen – hätte Rost nicht eine genialere Reaktion gezeigt.

Eine schwache Reaktion hatte gestern Paolo Guerrero gezeigt. Der war nicht einverstanden mit seiner – meiner Meinung nach absolut vertretbaren – Auswechslung und hatte wutentbrannt eine Kamerabande weggetreten. Heute hingen hat Paolo gut reagiert und sich bei Trainer Armin Veh entschuldigt. „Ich glaube, die Sache ist damit erledigt“, hofft er.

Ich glaube, das sollte sie auch sein. Schließlich ist Paolo in einer nicht ganz einfachen Situation, die er mit seinem Flaschenwurf zwar selbst eingeläutet hatte. Allerdings sollte der Flaschenwurf irgendwann auch mal Geschichte sein und nicht zu einer Generalverurteilung des Peruaners genutzt werden. Denn was unter der Woche mit ihm passiert war, ist schon grenzwertig. Weil er mit seinem Wagen 20 Zentimeter eines Behindertenparkplatzes eingenommen hatte, wurde er öffentlich als „Parkrambo“ gerüffelt. Und, damit Ihr mich nicht falsch versteh, ich heiße das keinesfalls gut. Im Gegenteil. Ich finde nur, dass hier etwas maßvoller geurteilt werden sollte. Zumal in diesem speziellen Fall sogar deutlich zu erkennen war, dass der Behindertenparkplatz von einem Autofahrer problemlos genutzt werden konnte.

Egal wie, wir sollten Maß bewahren und Paolo sollte sich wieder nur auf Fußball konzentrieren. Wie schön das sein kann, hat er ja nicht zuletzt in Mainz erfahren. Ein wenig mehr Mainz, ein wenig weniger Sinalco und Kamerabande und alle sind glücklich.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

19.20 Uhr