Tagesarchiv für den 22. Oktober 2010

0:0 – aber Rost und van Nistelrooy verletzt

22. Oktober 2010

Das war ein Feiertag für Hamburg, die Bayern waren da! Es war ein lebhaftes Spiel, es war viel drin, wenn es auch nie hochklassige zuging – aber der HSV, der die besseren Tormöglichkeiten hatte, musste am Ende leider mit dem 0:0 zufrieden sein. Die Bayern wurde auf Distanz gehalten, aber so richtig Fisch und Fleisch war diese Nullnummer dann doch nicht. Mit einem Sieg hätte sich die Veh-Mannschaft noch einmal für die Spitze interessant machen können, so aber blieb unter dem Strich stehen, dass noch einiges zu tun ist, um sich berechtigte Hoffnungen auf einen Spitzenplatz (nicht die Spitze!) machen zu dürfen. Schlecht für den HSV und für das Pokalspiel am Mittwoch in Frankfurt: Frank Rost und Ruud van Nistelrooy verletzten sich, mussten ausgewechselt werden – ihr Ausfall droht nun in der kommenden Woche – und damit wäre dieses 0:0 dann wirklich sehr bitter erkauft.

0:0 zur Pause, aber mit viel, viel Aufregung. Da war schon Zunder drin, meine Herren! Das begann schon vor dem Anpfiff: Riesiger Beifall für Ivica Olic, aber Pfiffe für Jörg Butt. Ich hatte es mir gewünscht, dass der ehemalige HSV-Keeper nicht so empfangen worden wäre, aber die meisten wissen eben noch immer nicht, warum Butt einst den HSV verließ. Ich will es schnell noch einmal (nett) umschreiben, so dass es eigentlich alle begreifen müssten. Also: Ein Arbeitnehmer namens Butt bekommt von seinem Arbeitgeber ein Angebot, den Vertrag zu verlängern. Das lehnt Butt aber ab. Er ist einer der Minderverdienenden in der Firma, er hat Leistung gebracht, er möchte mehr. Bis dahin noch ganz legitim. Dann geht aber der Arbeitgeber mit den Zahlen, die sich der Arbeitnehmer Butt so als sein künftiges Gehalt vorstellt, an die Öffentlichkeit. Das ist dann nicht mehr legitim. Nicht mehr so ganz jedenfalls. Nein, geht überhaupt nicht, das ist ja klar. Und was macht Butt? Der sucht sich einen anderen Arbeitgeber, wie er zu seinem alten Arbeitgeber – was nicht hat? Genau: Vertrauen. Das ist nicht nur legitim, sondern auch ganz verständlich. Und wenn nun jemand wirklich aufgebracht reagiert (von Euch), dann muss ich sagen, der Vorsitzende des ehemaligen Arbeitgebers von Jörg Butt war nicht Bernd Hoffmann. Also bitte, das muss beachtet werden, Hoffmann war damals noch nicht in Amt und Würde.

Zurück zum Spiel. Der Rasen im Volkspark sehr glatt, Freund und Feind rutschten. Und während sie links und rechts zur Seite kegelten, ging Schiedsrichter Manuel Gräfe ganz ruhig und gelassen (wie ein Bär) über das Spielfeld, der Berliner ließ (international üblich) viel, viel durchgehen. Zuerst profitierte Paolo Guerrero davon (11.), der Schweinsteiger sehr, sehr rustikal umtrat – von vorne, nicht von hinten. Der Peruaner mit der neuen Guerilla-Kampffrisur protestierte gegen den Pfiff, hatte aber großes Glück, dass es kein Gelb gab. Entschuldigt hat sich der HSV-Stürmer bei seinem früheren Kollegen aber auch nicht.

In der 15. Minute bewahrte Frank Rost den HSV vor dem 0:1, er zeigte bei Müllers 16-Meter-Schuss eine Super-Parade, der ball hätte bestens gepasst. Es war leider die letzte Glanztat von Rost, der Sekunden später nach einem Eckball hart von Schweinsteiger angegangen wurde und zu Boden ging. Ein klares Foul. Der Bayern-Spieler wurde von Gräfe ermahnt, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre (früher?), nämlich sich zu entschuldigen. „Schweini“ läuft hin, gibt dem am Boden liegenden Rost einen Klaps und läuft wieder weg – natürlich unter Pfiffen. Das sah wenig kollegial aus. Aber so ist es wohl, wenn der Nord-Süd-Gipfel auf dem Programmplan steht.

Gelb sah später Joris Mathijsen, weil er Gomez unsanft zu Boden befördert haben soll (23.). Aber war da wirklich etwas? Oder ist der Bayern-Stürmer nur unglücklich ausgerutscht? Egal, Gelb ist Gelb.

Der HSV hatte schwungvoll begonnen, aber nach zehn, 15 Minuten war das Selbstvertrauen, was nach dem Mainz-Sieg offenbar vorhanden war, schon ein wenig aufgebraucht. Bayerns Ersatzmannschaft kam besser ins Spiel, das fortan ausgeglichen war. Beim HSV tauchten Marcell Jansen und Ze Roberto ab, und Tomas Rincon spielt die Pässe, die ich genau von Piotr Trochowski erwartet hatte – der aber spielt fast wie eine dritte Spitze, für meine Bergriffe einen Tick zu offensiv. Das gab sich dann aber noch vor dem Halbzeitpfiff.

Schade war, dass Jonathan Pitroipa nicht öfter die Eins-gegen-eins-Situation gegen Pranjic (der früh Gelb gesehen hatte) gesucht hat, über diese Seite wäre Bayern sicher verwundbar gewesen. Bis zum Halbzeitpfiff passierte jedenfalls nichts mehr. Wobei der gute „Piet“ in der 30. Minute einmal mehr unter Beweis stellte, dass er kein „Killer“ ist. Da stand Pitroipa frei vor Butt, stand links am Fünfmeterraum-Eck – und statt zu schießen passte er noch zur Mitte – Chance dahin. Dass muss der Dribbelkünstler, der als einziger Hamburger für gelegentlichen Wirbel sorgte, noch lernen. Möglichst schnell.

Gut begonnen hatte Guerrero, aber er ließ auch schnell nach. Er ist oft zu behäbig, so langsam am Ball, den er glaubt, ganz sicher behaupten zu können – und plötzlich ist die Kugel dann weg. Da muss mehr, viel mehr Effektivität (und Explosivität) in sein Spiel.

Um mehr Professionalität müsste auch der HSV bemüht sein. Der Torwartwechsel in der 42. Minute war eine Farce. Und total amateurhaft. Nach einer Bayern-Chance ging Frank Rost vom Feld. Er hatte dabei kurz das Wechselzeichen zur Bank gegeben – als er schon ging! Auf der Bank hatte bis dahin Jaroslav Drobny eisern und fest gesessen. Weil sich alle einige waren: Rost spielt auf jeden Fall weiter? Bitter war es in jedem Fall. Rost (der sich am rechten Knie verletzte) hätte, so wäre es profihaft gewesen, zu Boden gehen müssen, um sich dann pflegen und dann auswechseln zu lassen, in genau dieser Zeit hätte sich dann Drobny warm machen können, nein, müssen.

Das, liebe Leute vom HSV, war amateurhaft hoch fünf! Immerhin: Zur Pause, als alle in der Kabine waren, machte sich dann Drobny doch noch warm! Das war dann doch profihaft – aber viel zu spät.

Der mit einer Zeh-Verletzung ins Spiel gegangene Marcell Jansen musste sich dann (aus der Entfernung) noch eine Veh-Standpauke a la Trochowski vom Trainer anhören. Weil er Nationalspieler den Ball am HSV-Strafraum leichtfertig „verdaddelt“ hatte. Der Coach lag damit sicher richtig, obwohl Jansen viele Argumente hatte, die er auch deutlich anzeigte und zu verstehen gab. Falsch war seine Aktion aber in jedem Fall, doch es blieb zur Pause beim 0:0. Keine gutes Spiel, aber mit Spannung und Biss.

Ausgeglichen ging es im zweiten Durchgang zunächst weiter, aber nach einer Stunde kam der HSV besser ins Spiel. In der 61. Minute schickte Armin Veh für Guerrero (der es zunächst nicht fassen konnte) Mladen Petric auf den Rasen, und der Kroate wurde mit viel Beifall bedacht. Nach meiner Berechnung (ein Scherz) hätte Petric erst sieben Minuten später kommen dürfen, um dann das erlösende 1:0 zu schießen. . . Schoss er es deswegen nicht?

„Wir woll’n Bayern siegen sehn“, sangen die Münchner Fans im Nord-Westen, aber daraus wurde nichts.

Beim HSV gefiel mir an diesem Abend Tomas Rincon am besten, der Kämpfer aus Venezuela war in seinem Element, war überall zu finden und ging gelegentlich, wenn es denn sein musste, rustikal zur Sache. Und einige Male musste es eben mal sein. Stark auch wieder Joris Mathijsen, während sein Nebenmann, Heiko Westermann, diesmal doch den einen oder anderen Stockfehler parat hatte. Letztlich aber ließ aber ließ er nach hinten auch nicht viel anbrennen. Gut aus der Affäre zog sich Collin Benjamin, der es immerhin mit dem gefährlichen Müller zu tun hatte. „Collo“, der Wikinger, hatte den Nationalstürmer aber eigentlich ganz gut unter Kontrolle, allerdings kann man einen solchen Mann auch nie ganz ausschalten. Links war Jansen das Handicap mit dem linken Zeh noch anzumerken, er fand lange Zeit überhaupt nicht ins Spiel, dann auch nicht so sehr souverän. Er wollte in der Schlussphase, als er fix und fertig war, so gerne ausgewechselt werden, aber das ging dann nicht mehr. . .

Übrigens: Drobny konnte sich nicht mehr auszeichnen, die bayern schossen nicht auf sein Tor. Tomas Rincon habe ich erwähnt, Pitroipa begann für mich überragend, aber er schaltete recht bald einige Gänge zurück. Ze Roberto war diesmal gar nicht da, er war mindestens zwei Klassen schlechter als noch zuletzt in Mainz. Dass Veh den Brasilianer auf dem Rasen ließ, lag wohl daran, dass der Coach ganz auf die Routine seines ältesten Feldspielers setzte. Piotr Trochowski lief auch seiner Mainz-Form hinterher, er wirkte irgendwie auf mich gehemmt, auch wenn sich der kleine Billstedter im zweiten Durchgang etwas steigern konnte.

Vorne, wie schon gesagt, startete Guerrero sehr gut, aber er ließ auch schnell nach. Und sein Nebenmann? Ruud van Nistelrooy hatte viele sehr gute Szenen, aber in den entscheidenden Szene, als er kurz vor dem Abschluss stand, fehlte ihm das Glück. Und es kam für ihn auch noch Pech hinzu: In der 71. Minute musste der Niederländer mit einer Zerrung im linken Oberschenkel vom Platz, für ihn kam Eric-Maxim Choupo-Moting.

Zweimal stand der HSV noch vor dem 1:0, zweimal riesige Chancen. Nach einem Doppelpass mit Petric stand Trochowski vor Butt, der aber konnte halten (75.). Und in der 81. Minute zeigte noch einmal Petric sein großes Können, als er Pitroipa mit einem Sahne-Pass auf die Reise schickte. „Piet“ lief allein auf Jörg Butt zu, traf aber dann nur den Pfosten. „Rudi“, da waren wir uns alle auf der Tribüne einig, hätte den gemacht. Hätte.

Kurios noch eine Szene in der 86. Minute. Langer Pass von Ze, der den Ball von links nach rechts spielte. Dort bemühten sich Pitroipa und Choupo-Moting um die Kugel – und Louis van Gaal lief wie ein Hase hinter dem Mann an der Linie her: „Abseits! Abseits! Abseits!“ Und was machte der Linienrichter? Er zeigte dem Bayern-Trainer an, welcher der beiden HSV-Spieler tatsächlich im Abseits stand. Interessante Szene.

22.34 Uhr

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