Tagesarchiv für den 21. Oktober 2010

Die Bayern sind schon da

21. Oktober 2010

Bayern kommt. Besser gesagt, seit 18 Uhr sind sie schon da, wohnen im schicken Le Meridien an der Alster. Allerdings waren es keine Hunderte mehr, die die Münchener am Flughafen empfingen. So, wie es früher durchaus mal vorkam. Nein, anfangs dachte ich sogar, der Glanz früherer Tage sei verflogen. Aber da habe ich mich selbst reingelegt. Inzwischen weiß ich, es ist nicht der Glanz der Bayern, der verflogen ist. Es ist der eigene Glanz, der die Bayern im direkten Duell nicht alles überstrahlen lässt. Der HSV hat aufgeholt. Sportlich. Finanziell. Und nicht wenige, auch ich zähle mich dazu, sehen diesen HSV im morgigen Nord-Süd-Klassiker sogar einen Hauch vorn. Immerhin haben wir nicht nur Hamburger Schietwetter sondern auch ein Heimspiel vor der besten Kulisse und in dem schönsten Stadion Deutschlands. Das alles nimmt dem einst übermächtigen Gegner zwar oberflächlich betrachtet etwas Reiz, nicht aber der Partie an sich. Ich erwarte ein Duell zweier Mannschaften, die beide zeigen werden, dass sie ganz oben in die Tabelle gehören. Ich freue mich auf einen hochinteressanten Fußballabend.

Dass beide Mannschaften dabei die eine oder andere Umbaumaßnahme gegenüber ihrer vermeintlichen Top-Elf vornehmen müssen, stört mich nicht. Im Gegenteil. Trotz etlicher Ausfälle zählen beide Klubs zu den Teams, die auch mit der zweiten Reihe eine vermeintlich erste Elf aufstellen. In Mainz schaffte das der HSV, die Bayern gegen Hannover (3:0) und Cluj (3:2). Die Umstellungen brachten sogar neue Helden hervor. Beim HSV waren es Paolo Guerrero mit dem späten Siegtreffer und Piotr Trochowski, der nicht nur für Armin Veh „ein sehr gutes Spiel gemacht hat, weil er zuvor auch gut trainiert hat“. Zudem haben beide das Ärgernis nach dem Bremen-Spiel verarbeitet, als Veh ihn noch auf dem Platz direkt nach Schlusspfiff arg zusammenstauchte. „Ich war schon sauer“, gab Troche heute zu. Immerhin habe er nicht absichtlich Fehler machen wollen. Es sei auch nicht der beste Moment gewesen, so direkt nach dem Spiel und auf dem Platz vor laufenden Kameras. Troche weiter: „Aber wir haben darüber gesprochen und es war schon zwei Tage danach komplett ausgeräumt.“

Zumindest legte sich Veh heute schon sehr früh auf seine Offensive mit Guerrero neben Ruud van Nistelrooy und Trochowski dahinter in der zentralen Offensive fest. „Es gibt keinen Grund etwas zu ändern“, so Veh klar. Selbst die Rückkehr von Mladen Petric, der sich in den beiden letzten Heimspielen gegen die Bayern jeweils mit einem Treffer zum Matchwinner hervorhob, ändert daran nichts. Veh: „Es ist schön, dass er wieder gesund ist. Er wird in den Kader rücken.“ Das übrigens für Änis Ben-Hatira. „Aber“, betonte Veh heute, „Mladen wird nicht von Beginn an spielen.“

Stattdessen war gestern der bereits komplett abgeschriebene Mario Gomez großes Thema. Der hatte, nachdem in der Nationalelf Torschütze, endlich auch in der Bundesliga seine Tore gemacht. Und wie! Zuerst Hannover mit drei Treffern erlegt, traf er – zugegebenermaßen glücklich angeschossen – auch gegen die Rumänen in der Champions League. „Der ist kräftig, schnell, beidbeinig schussstark, groß und kopfballstark. Er hat alles, was ein guter Stürmer braucht“, sagt Veh, der Gomez einst zum Durchbruch in der Bundesliga verhalf. Gomez’ erstes Bundesligaspiel war übrigens vor sechs Jahren und fünf Monaten – in Hamburg gegen den HSV. Gutes Omen: Gomez verlor bei seiner Premiere dank der Treffer von Stefan „Paule“ Beinlich und Nico Hoogma mit 1:2.

Soviel zur Vergangenheit. Sicher schöne Erinnerungen – aber die Gegenwart ist nicht schlechter. Zumindest, wenn ich das letzte Spiel und das heutige Training als Maßstab nehme. Einzige Ausnahme: der Rasen. Wie der schon wieder aussah nach der knapp 38-minütigen (!!) Einheit bei Dauerregen – eine Katastrophe! Da wird Greenkeeper Reiner Reißner, der zusammen mit fünf weiteren Helfern gleich nach dem Training die gröbsten Löcher stopfte, heute Abend noch die eine oder andere Extraschicht einlegen müssen, um die Hälfte zur Nordkurve hin wieder in Schuss zu bekommen.

In Schuss ist dafür wieder Collin Benjamin. Der sympathische Allrounder wusste gestern im Training nach seinen drei Tagen Pause (er hatte Knieprobleme) zu überzeugen. Ihr erinnert Euch, er sagte, er sei „heiß wie Frittenfett“, er würde „sogar mit nur einem halben Bein gegen Bayern auflaufen“ wollen, hatte er angekündigt. Immerhin ist es morgen für den dienstältesten HSV-Spieler das erste Spiel von Beginn an seit dem 34. Spieltag 2008/2009 in Frankfurt.

Vor ihm spielt, so zeichnete es sich heute im Training ab, Jonathan Pitroipa wieder. Wie schon vor dem Mainz-Spiel befürchtet, bestätigte Gojko Kacar beim FSV seine vorausgegangene „Leistung“ im Abschlusstraining am vergangenen Freitag. Konsequenz ist die Rolle des Reservisten, die er sich mit Petric, dem in Mainz wieder formschwachen Guy Demel, Robert Tesche, Maxim Choupo-Moting und Jaroslav Drobny und Muhamed Besic teilen darf.

Apropos Besic. Der 18-Jährige, der in der Vorbereitung alle begeistert hatte, wurde in der Woche von Veh als Rechtsverteidiger getestet. Und er machte seine Aufgabe so gut, dass Veh ihn auf dieser Position sogar „eine echte Alternative“ nannte. Eine Ohrfeige für Guy Demel, der Ritterschlag für den jungen bosnischen Jugendnationalspieler, der auch intern zu begeistern weiß. Im Training immer einer der fleißigsten, ist Besic lernwillig. Komplimente nimmt er an, sie freuen ihn sicher auch. Aber er ruht sich nicht darauf aus. „Der zieht immer durch“, lobt Abwehrchef Joris Mathijsen, „und auch wenn das eigentlich der normale Weg für einen Jungen ist, ist das heutzutage nicht zwingend selbstverständlich.“

Gegenbeispiele wie Änis Ben-Hatira (der sich inzwischen gefangen hat!) oder einst auch Marek Heinz, der zwar alles im Fuß, aber leider zu wenig im Kopf hatte (zumindest auf den Fußball bezogen), gibt es ausreichend. Mathijsen: „Besic zeigt, dass er dabei bleiben will. Er verdient es sich sogar.“ Mehr Kompliment geht kaum.

Trotzdem reicht es für Besic noch nicht für die Startelf. Die dürfte für Euch erkennbar sein. Das Schema: Rost – Benjamin, Westermann, Mathijsen, Jansen – Pitroipa, Rincon, Trochowski, Zé Roberto – Guerrero, van Nistelrooy. Mal wieder eine Anreihung exzellenter Namen. Wenn man sich die Bayern gegenüberstellt, wird auch dem letzten Fußballliebhaber klar sein, dass morgen ein echtes Spitzenspiel ansteht. Das Ganze liest sich noch besser als vor dem Duell beim Tabellenführer und bis dahin „Sieben-Mal-Hintereindersieger“ Mainz, oder?

Egal wie, die Einschätzung von Veh, dass die Chancen bei 50:50 liegen teile ich nicht ganz. Aber es wird ein harter Gang. Für beide Mannschaften, das ist sicher. Trochowski, der – Fußballer sind eben abergläubisch – zusammen mit Mathijsen wie nach jedem erfolgreichen Spieltag auch heute wieder die Presserunde besuchte, sagte ganz klar: „Die Bayern haben in den letzten Jahren gemerkt, dass wir ihnen Probleme machen. Aber wenn wir glauben, dass es leicht wird, weil es bei denen noch nicht so rund läuft, dann täuschen wir uns. Die sind deutlich besser, als der Tabellenstand es aussagt.“

Immerhin sind die Bayern, für die meisten Experten neben Borussia Dortmund noch immer der absolute Topfavorit auf den Meistertitel, im Moment nur Zehnter. „Sie sind und bleiben das Aushängeschild des deutschen Fußballs“, schwärmte Veh heute. Der Rekordmeister sei zudem immer in der Lage eine Serie zu starten. Eine Siegesserie wohlgemerkt. Womit Veh genau den Reiz hervorgehoben hat, den der FC Bayern immer mitliefert: Siege über den Besten, den vermeintlich Übermächtigen sind immer die schönsten. Auch wenn sie vielleicht eigentlich gar nicht mehr übermächtig sind.

In diesem Sinne, nur der HSV!

19.22 Uhr.