Tagesarchiv für den 20. Oktober 2010

Ze spielt bis 40 – aber für wen?

20. Oktober 2010

„Wie soll das erst werden, wenn wir mal Erfolg haben?“ Sagte mir eben gerade ein Mitarbeiter des HSV, als wir gemeinsam auf den Ansturm blickten, der sich vor großen Tor der Imtech-Arena aufgebaut hatte. Mindestens 300 Fans standen dort in freudiger Erwartung auf die Mannschaft, Und am Trainingsplatz warteten mindestens ebenso viele. Der HSV ist „in“. Zwei Siege in Folge haben es möglich gemacht, und wer weiß, vielleicht gibt es am späten Freitag ja bereits den dritten Erfolg in Serie? Es kommen doch nur die Bayern . . . Und die haben mir im Champions-League-Spiel gegen „Klusch“ (Cluj), in dem sie dem Gegner das Tore schießen überlassen haben (alle fünf!), ganz gewiss keinen großen Schrecken eingejagt. Obwohl ich natürlich weiß, dass solch Quervergleiche ganz gewaltig hinken. Unabhängig davon: Ich könnte mich sehr gut mit einem dritten Sieg in Serie anfreunden.

„Wir spielen zu Hause, das Stadion ist ausverkauft. Ich habe versucht, noch Karten zu kaufen, aber es gibt keine mehr. Wir müssen dieses so wichtige Spiel gewinnen, ganz klar, und obwohl ich denke, dass die Chancen 50:50 stehen, so sehe ich einen kleinen Vorteil doch auf unserer Seite, weil wir ein Heimspiel haben“, sagt Ze Roberto, der zwei Tage nicht trainiert hat (Adduktoren-Probleme), heute aber wieder eingestiegen ist. Der 36-jährige Brasilianer spielte einst sechs Jahre für den FC Bayern, bezeichnet diesen Aufenthalten in München als seine „beste Zeit als Fußball-Profi“, doch er setzt sich nun zu 100 Prozent für den HSV ein. Für den Fall, dass er ein Tor gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber erzielen sollte, hat er sich kein Jubel-Verbot auferlegt: „Ich jubele immer, wenn ich ein Tor geschossen habe, denn ich schieße ja selten ein Tor, ich bin kein Torjäger. Also werde ich auch diesmal jubeln. Ich muss jubeln, das ist normal, selbst wenn es ein Tor gegen Bayern sein sollte.“

Gegen Bayern würde „der große Ze“ zur Not auch nur „mit einem Bein spielen“, aber er würde dabei sein. Unter allen Umständen. Und er sagt: „Die zwei Tage Pause haben mir gut getan, ich denke, dass ich absolut fit in dieses Spiel gehen werde, ich wurde von der medizinischen Abteilung sehr gut gepflegt.“ Ze Roberto sagt auch: „Für uns kommen jetzt drei ganz wichtige Spiele: Bayern, dann der Pokal in Frankfurt, dann in Köln. Wir haben aber jetzt genügend Selbstvertrauen, wir können alle Aufgaben schaffen. Und es wäre so wichtig, wenn wir das schaffen würden, denn dann bleiben wir oben in der Tabelle, halten Anschluss an die Spitze und haben noch alle Chancen.“

Er spielt am Freitag, wie er sagt, gegen seine „alten Kameraden“. Darauf freut er sich. Und er weiß auch: „Wenn ein Gegner nach Hamburg kommt, dann kommt er in den meisten Fällen, um zu mauern, um zu kontern, die warten immer alle nur auf unsere Fehler. Bayern aber spielt überall Fußball, auch in Hamburg. Die spielen attraktiv für das Publikum, die Medien, für alle – ich mag solche Spiele viel, viel lieber.“ Unterschätzen wird Ze Roberto „seine Bayern“ ganz sicher nicht, obwohl natürlich mit Ribery, Robben, van Bommel und zum Beispiel auch Klose einige große Stars fehlen werden. Ze aber sagt auch: „Bayern hat natürlich viel Qualität im Kader, alle Spieler sind Nationalspieler, die sind alle sehr, sehr gut, da muss man nicht darauf hoffen, dass die schlechter sind. Für mich ist Bayern nach wie vor der große Meisterschaftsfavorit.“ Und der HSV? Vor dem Werder-Spiel sagte er optimistisch, dass er noch an den Titelgewinn mit dem HSV glaubt. Und nun? Ze: „Man muss immer positiv denken. Unser Ziel ist, an jedem Spieltag zu gewinnen, um oben zu bleiben. Und daraus ergibt sich dann automatisch, wo man landet. Wir müssen am Freitag nur höllisch darauf aufpassen, dass Bayern hier nichts holt, denn sollten die noch einen Lauf bekommen, dann sind die sehr, sehr gefährlich. Ich weiß das, ich kenne das genau. Bayern darf nicht nach oben kommen – wir wollen nach oben.“

Dass Bayern-Spiel gegen Cluj hat er sich nicht angesehen („Ich kenne die Bayern sehr gut“). Für ihn ist es Nord gegen Süd, ein Spiel mit Derby-Charakter, ein echter Klassiker. Die Tagesform wird entscheiden. Und seine Form war zuletzt ganz hervorragend, er ist der beste HSV-Profi, wenn es darum geht, Tore vorzubereiten. Ihm macht es zurzeit auch großen Spaß. Er kommt voller Freude zum Training, und er glänzt in den Spielen wie in besten Tagen. Wie lange will er noch? Ze Roberto: „Ich habe immer noch Freude an dem Job, ich will noch weiter machen, ich kann noch nicht sagen, wann ich aufhören will, aufhören werde. Ich kann mir vorstellen, bis 40 zu spielen.“ Auch beim HSV? Ze Roberto sagt lächelnd: „Beim HSV ist eine gute Frage.“ Ende, Mehr sagt er nicht dazu. Aber vielleicht wäre ein Titelgewinn ja ein gutes, vielleicht sogar das beste Argument für den HSV, ihn an der Elbe zu halten. Vielleicht. Und eventuell sorgt ja ein Sieg am Freitag gegen die Bayern für einen großen Lauf des HSV.

Apropos Lauf. Zuletzt war Marcell Jansen nicht gerade sehr gut zu Fuß. In Mainz hatte ihm am Sonnabend ein Mainzelmännchen auf den linken kleinen Zeh getreten. Nach 20 Minuten war das der Fall, aber Jansen gab weiter Gas, hat es erst so richtig nach dem Abpfiff gespürt. Und dann im Training. Gestern zog er sich ja den Stiefel sofort aus, um sich den Fuß mit Eis verpacken zu lassen. Und heute? Jansen: „Der Zeh pocht schon noch, aber er macht jeden Tag Fortschritte. So langsam geht er in die normale Form zurück und sieht nicht mehr aus wie eine Presswurst. Nein, es ist eine Prellung, es ist zum Glück nichts gebrochen, und ich kann von Tag zu Tag mehr mit ihm machen.“

Auch Marcell Jansen hat einst für den FC Bayern gespielt, auch für ihn ist es ein besonderes Spiel, aber er sagt auch: „Selbst in einem so wichtigen Spiel gibt es dann ja auch nur drei Punkte. Aber wir freuen uns drauf, Freitag, ein Flutlichtspiel, volle Hütte, super Atmosphäre, es ist einfach ein geiles Spiel.“ Und dann ergänzte er noch: „Wir müssen uns auf uns konzentrieren, was wir spielen können, wir müssen einfach Bock auf diese 90 Minuten haben – ähnlich wie in Mainz, als wir es erzwungen haben. Natürlich mit einem Quäntchen Glück, aber das braucht man eben mal.“

Den 1:0-Sieg beim Tabellenführer lobt Jansen übrigens noch einmal rückblickend: „Das war das erste Spiel, in dem ich wieder einmal ein richtig gutes Gefühl hatte. Auch wenn es Situationen gab, in denen es eng wurde, aber da muss man ja auch sagen, dass Mainz wirklich eine sehr gute Mannschaft hat. Ich fand aber bei uns, dass es wieder einen Tick besser und harmonischer als vorher war, wir standen auch kompakter.“ Jansen lobt dann die eigene Truppe weiter: „Und wir hatten auch wieder mehr Zielstrebigkeit im Spiel, wir haben uns etliche Tormöglichkeiten erarbeitet. Und zudem haben wir uns hinten in jeden Ball reingeworfen, damit es nicht gefährlich wird. Das hat mir viel besser gefallen, als vorher, Mainz hat gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und das müssen wir am Freitag jetzt noch unterstreichen.“ Mit einem Dreier.

Doch Marcell Jansen macht sich nicht nur im Hinblick auf das Bayern-Spiel so seine Gedanken, er denkt auch weiter. Ein Vorbild-Profi, wenn Ihr mich fragt. Denn er sagt: „Wichtig ist, dass wir das Potenzial, und wir haben ja jetzt einen noch größeren Kader, der in der Breite noch besser geworden ist, auch tatsächlich nutzen, dass wir nun Erfolge einfahren. Und wenn dann noch für die Entwicklung in den nächsten Jahren ein Konzept dahinter steht, wird das ganz entscheidend sein, ob der HSV auch weiterhin so interessant bleibt, wie er jetzt ist.“ Keine Panik, an diesem Konzept wird schon seit Monaten gearbeitet, es werden Strukturen geschaffen, die genau das zum Ziel haben: Der HSV muss nicht nur interessant bleiben, er muss noch interessanter werden. Und daran wird schon, dann kann ich Marcell Jansen und jeden skeptischen Fan beruhigen. Ich glaube, dass der HSV sich immer mehr besser aufstellt, um für die (harte) Zukunft (ohne den finanziellen Background) gewappnet zu sein. Dieser kurze Abstecher sei mir schnell einmal gestattet.

Zum heutigen Training, das von mächtigen Regenschauern gestört wurde: In der A-Elf tauchte hinten rechts in der Viererkette Muhamed Besic auf. Als Platzhalter? Für Collin Benjamin? Der konnte heute nämlich nicht trainieren, weil sich seine Knieschmerzen (links) doch schlimmer entwickelt haben, als er tags zuvor gedacht hatte. Jetzt wird es eng. Für „Collo“, den Wikinger, der sich ja auf Biegen und Brechen in die A-Elf kämpfen wollte. Sollte er morgen nicht trainieren (16 Uhr, in der Arena, unter Ausschluss der Öffentlichkeit) können, dürfte Armin Veh eine kleines Problem haben. Doch Besic? Eher nicht. Obwohl das Talent auch gestern schon in der Stamm-Elf hinten verteidigte, hinten links. Ich denke, dass Veh gegen die Bayern dann doch auf Routine setzen würde, wieder den formschwachen Guy Demel bringen würde, auch wenn der Coach von solcherlei Gedanken im Moment vielleicht gar nichts wissen will . . .

Die Raute der A-Mannschaft spielte übrigens mit Tomas Rincon, Ze Roberto, Jonathan Pitroipa und Piotr Trochowski. Also „Piet“ für Gojko Kacar. Im Training wurden diesmal Torschüsse (nach Flanken) geübt, und den meisten Applaus der Kiebitze heimste sich diesmal – nein, nicht Ruud van Nistelrooy – ein, sondern Tomas Rincon. Er schoss und traf wie ein „Wilddieb“.

Zum Abschluss (danke Benno Hafas) gab es dann noch ein Schießen von der Strafraumgrenze. Abwechselnd standen Frank Rost und Jaroslav Drobny im Tor, wer als Schütze traf, der durfte in die Kabine. Und, wer waren die ersten Spieler die gehen durften? Ein kleiner Tipp von Euch?

Es waren Muhamed Besic, Piotr Trochowski, Ruud van Nistelrooy und Jonathan Pitroipa. Hoffentlich wird ihr Schusspulver bis Freitag nicht feucht . . . Bei dem Wetter.

17.47 Uhr