Tagesarchiv für den 19. Oktober 2010

“Heiß wie Frittenfett”

19. Oktober 2010

Beim Training war heute wieder einmal der Teufel los. Auf dem Rasen und auf den Rängen. Mein Gott, was sind da für Zuschauer! 400? 500? Auf jeden Fall eine Menge. Über eine solche Zahl würde sich so mancher Viertliga-Klub die Hände reiben, von der Oberliga abwärts ohnehin. Und auf dem Trainingsplatz ging es auch munter und kunterbunt zur Sache. Zuerst ein Spiel „fünf gegen drei“, später dann neun gegen neun. Erst ohne Tore, zum Abschluss dann mit Torhütern. Da spielte dann eine Art Stamm gegen die Reservisten, wobei Joris Mathijsen, Marcell Jansen, Mladen Petric und Eric-Maxim Choupo-Moting nicht in der A-Zehn spielten. Dort durfte zum Beispiel Muhamed Besic mitmachen, und er machte seine Sache gewiss nicht schlecht.

Der Stamm gewann am Ende 4:1, wobei es mehrfach donnernden Applaus gab – vor allen Dingen bei den Toren. Für diejenigen, die das 1:0 nicht gesehen haben: Es wäre für mich, wenn es jemand gefilmt hätte, das Tor des Jahres 2010. Ruud van Nistelrooy lief wie einst Felix Neureuther Slalom, umkurvte fünf bis sechs Gegenspieler, zum Schluss auch noch Keeper Jaroslav Drobny und schoss ein. Die Leute draußen waren nicht mehr zu halten – welch ein Treffer! Bilderbuchartig. Nachdem Piotr Trochowski und Paolo Guerrero auf 3:0 erhöht hatten, gab es erneut viel Beifall, denn nach einem Doppelpass mit Guerrero netzte van Nistelrooy noch einmal ein. Den Schlusspunkt setzte aber ein „Reservist“: Jansen schnitt den Ball aus weiter Entfernung mit seinem schwachen rechten Fuß ins lange Eck, unhaltbar für den etwas zu weit vor dem Gehäuse stehenden Frank Rost. Gab ebenfalls viel Applaus. Und nicht wenige Fans staunten laut: „Was war das denn? Jansens rechter Fuß? Den hat er doch sonst nur, damit er nicht umkippt . . .“

Zur Verletzten-Situation: David Jarolim und Miroslav Stepanek (ja, den gibt es auch noch!) liefen heute gemeinsam am Rande des Trainingsplatzes, anschließend trainierte Jarolim mit Reha-Trainer Markus Günther und schon mit dem Ball. Ich denke aber, es wird nach dem Muskelfaserriss noch nicht für Bayern (von Anfang an) reichen. Ze Roberto fehlte auch heute wieder, soll aber morgen wieder einsteigen – den Brasilianer plagen (kleinere) Adduktoren-Schmerzen. Tunay Torun ging heute vorzeitig in die Kabine, was aber nichts bedeuten soll, es ist nur eine Art Schonung, denn es war ja erst tag zwei, an dem er nach seinem Kreuzbandriss wieder im Training stand. Marcell Jansen zog nach dem Training spontan seinen linken „Buffer“ aus und ließ sich den Fuß verbinden (Eis-Verband), denn der dicke Zeh schmerzt.

Etwas größere Sorgen mache ich mir noch um Collin Benjamin. Der hatte am Vortag einen Zusammenprall zu verkraften, humpelte einige Zeit, machte dann aber weiter. Heute kehrten die Schmerzen zurück, so dass er aufgeben musste. Aber „Collo“, der alte Kämpfer, will nicht aufgeben: „Ich habe die Verletzung ein bisschen unterschätzt, heute morgen konnte ich nicht richtig laufen. Deswegen bin ich dann etwas früher vom Training in die Kabine gegangen. Aber ich will am Freitag spielen, und wenn ich mit nur einem Bein auflaufen würde, ich will.“ Zwei Tage sind noch Zeit. Und er scherzt: „Ich bereite mich immer so auf ein Spiel vor, als wenn ich zum Einsatz komme – und dann wird eich meistens enttäuscht.“ Und lacht. Aber fügt ernsthaft hinzu: „Aber für Freitag kann ich mir, so denke ich, schon berechtigte Hoffnungen auf einen Einsatz machen. Ich gehe davon aus, dass ich spiele.“

Er weiß, dass er dafür am Mittwoch und Donnerstag uneingeschränkt trainieren muss. Bleibt abzuwarten, wie sich das linke Knie über Nacht entwickelt. Und ob er dann, wenn es gehen sollte, auch tatsächlich zum Einsatz kommen wird, steht ja auch noch nicht fest. Vom Trainer hat Benjamin diesbezüglich noch nichts gehört: „Nach dem Spiel kam er zu mir und klatschte mit mir ab, schrie dabei ein wenig lauter: ‚Heeeyyyyyy . . .’ Ich habe das Gefühl, er ist ein Mann weniger Worte.“ Über Armin Veh sagt Collin Benjamin: „Für mich ist er ein neuer Trainer, der sich ein Bild gemacht hat, als er hier angefangen hat. Da ich letzte Saison gar nicht gespielt hatte, wusste er sicher nicht genau, wo und wie er mich einstufen sollte. Dass ich nun aber die Chance bekommen habe, dass ich gezeigt habe, dass man sich auf mich verlassen kann, das finde ich gut. Ich muss nur weiter Gas geben. Und wenn mir das gelingt, dann werde ich wohl noch einige Spiele machen.“

Der Liebling vieler HSV-Fans blickt nun wieder optimistischer in die Zukunft. Benjamin, der Mann aus Namibia, inzwischen 32 Jahre alt und seit zehn Jahren beim HSV (Er sagt: „Davon vier Jahre in der Reah – es ist ein Wunder, dass ich noch spielen kann“), hat nie das Gespräch mit dem Trainer gesucht. Er wollte sich ganz einfach nicht in die Mannschaft „quatschen“. Er sagt: „Warum sollte ich zu ihm gehen, irgendwelche Fragen stellen? Ich muss nur mein Ding machen, mehr nicht.“ Typisch „Collo“. Er ist Realist durch und durch. Und hält die Regeln ein, die sich der Fußballsport selbst gegeben hat.

Gegen Kaiserslautern vor eineinhalb Wochen durfte er in den letzten vier Minuten ran, es war so etwas wie eine Art von „Wiederauferstehung“. Im Mai 2009 hatte er sein letztes Bundesliga-Spiel bestritten, im August 2009 erlitt er einen Kreuzbandriss. Trotz allem, er hat den Kurz-Einsatz gegen die Pfälzer nicht genossen. Er kann ihn bis heute nicht genießen, obwohl es ein Zeichen war, dass es wieder bergauf geht mit ihm. Benjamin sagt aber: „Ich hatte gegen Kaiserslautern noch einige Minuten, aber ich hatte nicht eine Ballberührung mehr. Dafür bekomme ich nicht mal die Siegprämie . . .“ Er gibt dann zu: „Natürlich, ich habe mich kurz gefreut, aber so richtig freuen konnte ich mich dann doch nicht, Alter. Keinen Ball mehr berührt, nur auf dem Platz gestanden. Das war zwar ein geiles Gefühl, weil ich das so lange nicht hatte, aber für mich zählen diese vier Minuten ganz einfach nicht.“

Gegen Mainz waren es dann schon 45 Minuten. In der 35. Minute kam Armin Veh zu ihm und fragte: „Collo, wie sieht es aus, kannst du rein?“ Er sagte nur: „Natürlich kann ich das, ich bin heiß wie Frittenfett.“ Benjamin begann einst im Sturm, spielte eine Art Rechtsaußen. Dann ging er ins Mittelfeld, nun spielt er hinten rechts. Zufrieden mit dieser Entwicklung? „Ja, absolut, das ist schon cool, ich fühle mich wohl dort.“ Dann fügt er scherzend an: „Ich habe doch schon alles gespielt, ich weiß doch selbst nicht mehr, wo ich mich wohl fühle. Als Rechtsaußen habe ich früher getanzt, und ich habe getroffen, war so dünn wie Jonathan Pitroipa.“

Manchmal, gibt er zu, „habe ich keinen Bock zu trainieren“. Dann sprudelt es aber aus ihm heraus: „Wenn ich dann aber auf dem Platz stehe, dann macht es plopp, und es geht, ich habe Lust, dann geht es einfach so. Und ich genieße diese Zeit, es ist doch toll, Fußball zu spielen, das auch als Beruf zu haben.“ Er will es noch längere Zeit auskosten, auf dem Platz zu sein, hinter dem Ball her zu laufen: „Ich habe oft im Bus mit Ze Roberto darüber gesprochen, habe ihn gefragt, warum er sich das noch antut, aber er hat gesagt: ‚Ich muss, ich will, ich kann nicht einfach nur zu Hause sitzen und nichts tun.’ So geht es mir auch. Und ich bin doch erst 32 Jahre alt. Wenn ich irgendwann einmal meine Knie in der Hand habe, dann werde ich sagen es geht nicht mehr.“ Aber erst dann. Bis dahin wird er kämpfen. Nicht nur um dieses Spiel am Freitag, sondern um noch viele, viele Spiele mit dem HSV mehr.

Zum Bayern-Spiel hat Collin Benjamin eine ganz besondere Einstellung: „Das hat angefangen mit Thomas Doll. Vorher haben wir immer gesagt, dass wir dagegen halten müssen, gegen die Bayern, aber bei Doll war das anders. Er hat vorher in der Kabine gesagt: ‚Ey, Jungs, Kaugummi in den Mund, und dann gehen wir da raus und hauen die weg – die nehmen hier nichts mit. Seit dieser Zeit gehen wir alle, auch ich, mit dieser Einstellung in ein Bayern-Spiel. Und man hat ja gesehen, dass es hilft, denn die Bayern haben in den letzten Jahren nicht oft gegen uns gewonnen, das waren keine einfachen Spiele für die gegen den HSV.“

Einfach war es auch einmal nicht für „Collo“ – gegen die Bayern. Am 24. August 2003 traf der HSV im Volkspark auf die Münchner, und Benjamin erhielt von einem gewissen Ze Roberto eine kostenlose Lehrstunde. Der HSV verlor 0:2, aber Benjamin sah von Schiedsrichter Markus Merk die Gelb-Rote Karte. „Collo“ erzählte heute in seiner unnachahmlichen Art, warum: „Ze stand vor mir und machte so ungefähr tausend Übersteiger. Die würde er heute nicht mehr schaffen, aber damals klappte das noch. Und ich habe mir gesagt: ‚Okay, du schlägst jetzt dahin, wo du den Ball zuletzt gesehen hast.’ Aber der Ball war dann doch nicht mehr an jener Stelle, deswegen musste ich gehen.“ Benjamin weiter: „Ze hat diese Szene noch heute als Foto auf seinem Handy, und wenn er das zeigt, dann lacht er immer herzlich.“

Herrlich, dem Allrounder so zuzuhören. Und ihm wäre es sicher auch zu gönnen, wenn er am Sonnabend eine weitere Anekdote erzählen könnte. Eine aus diesem Bayern-Spiel. Das für ihn dann länger als vier Minuten gedauert hätte. Und dazu – natürlich – mit Ballberührung.

Da würde sich wahrscheinlich auch Mladen Petric für Freitag wünschen. Ihm geht es wieder gut, er kann uneingeschränkt trainieren – und hofft auf einen Einsatz. Bei seinem letzten beiden Auftritten in Hamburg gegen die Bayern schoss er jeweils das 1:0-Siegtor. Hattrick? Hätte doch was. Zum dritten Mal das 1:0. „Ich bin startklar“, sagt Petric und fügt an: „Ich bin bereit, los zu legen, Gas zu geben, einfach wieder zu spielen.“ Denkt er an Bayern, denkt er an Tore. Seine Tore: „ Das sind schöne Erinnerungen, zweimal gewonnen, ich hatte das Glück, einmal den Fuß und einmal den Kopf hinzuhalten zu können. Es ist etwa Besonderes, ein Tor gegen die Bayern zu schießen, aber es ist Erinnerung. Am Freitag gibt es ein neues Spiel.“

Eine Favoritenrolle mag Mladen Petric für Freitag keiner Mannschaft zuschieben wollen: „Bei beiden Klubs ist es bislang nicht so rund gelaufen ist. Beide haben einige verletzte Spieler, es ist noch nicht so im Rollen, wie es sein könnte. Wir haben zwar gute Chancen, aber Favorit sind wir sicher nicht. Bayern ist in jeder Saison der Meisterschaftsanwärter Nummer eins.“

Auf die Frage aller Fragen, ob er eventuell in der Winterpause den Verein wechseln wolle, antwortet Mladen Petric ausweichend: „Spekuliert man schön weiter.“ Um dann hinzuzufügen: „Klar wünschte ich mir, mehr auf dem Platz zu stehen, aber im Moment mache ich mir keine Gedanken darüber. Ich war jetzt 14 Tage lang verletzt, jetzt ist es wichtig, zurück zu kommen, da werde ich mir mit solchen Sachen nicht den Kopf zerbrechen. Ich will gute Arbeit abliefern, ordentlich trainieren, mich aufdrängen und dann darauf hoffen, dass ich meine Einsätze bekomme.“

Wäre doch ein schöner Anfang, wenn er damit am Freitag schon beginnen könnte. Und dann mit dem Siegtor. Das hätte doch etwas von einer jener Geschichten, die nur der Fußball schreiben kann. Drücken wir Mladen Petric die Daumen. Und dem HSV.

PS: Bitte beachten! Das Gewinnspiel für das Bayern-Spiel endet an diesem Mittwoch um 14 Uhr. Wegen der Eintrittskarten, die noch an den Mann (oder natürlich auch an die Frau) gebracht werden müssen.

18.33 Uhr