Tagesarchiv für den 17. Oktober 2010

Letzte Meldung: Doll geht

17. Oktober 2010

Zum Schluss des Tages eine Meldung, die mir gar nicht so recht schmeckt: Thomas Doll wird sich wieder auf die Suche nach einem neuen Job begeben müssen. Morgen in den Mittagsstunden wird der frühere HSV-Publikumsliebling und -Trainer gemeinsam mit dem Präsidenten von Genclerbirligi in der türkischen Hauptstadt Ankara vor die Mannschaft treten und den Abschied verkünden. Die Trennung erfolgt im beiderseitigen Einvernehmen, denn nicht nur der Klub-Chef, der in der Vergangenheit immer schon schnell den einen oder anderen Trainer vor die Tür gesetzt hat, sondern auch Doll wollte die Trennung. Sein Klub steht in der ersten türkischen Liga nach acht Spielen mit acht Punkten auf Platz 13: Zwei Siege, zwei Unentschieden, vier Niederlagen. Die heutige 2:3-Heimniederlage gegen Antalyaspor bestärkten sowohl die Vereins-Boss als auch den Trainer, die Reißleine zu ziehen. Thomas Doll hat nun einen großen Wunsch: “So schnell wie möglich wieder im deutschsprachigen Raum einen Trainer-Job bekommen. Am liebsten natürlich in Deutschland.”
In der Bundesliga hatte Doll zuletzt Borussia Dortmund trainiert, davor den HSV.

22.07 Uhr

Viel Lob für den netten Herrn Benjamin

17. Oktober 2010

An der Torwand hatte er nur einen Treffer – bei sechs Versuchen, es gab einen glatten 1:3-Gang gegen einen Mainzer Jugendfußballer, aber: Ansonsten war der Auftritt von HSV-Trainer Armin Veh im ZDF-Sportstudio nachhaltig und äußerst gelungen. Mein Freund Peter aus dem Westen der Republik, der im Sommer eher gegen die Verpflichtung des Trainers war, rief mich heute recht früh an, um mir seine Begeisterung mitzuteilen: „Jetzt weiß ich auch, warum du so von Veh schwärmst. Der Mann ist ja unglaublich authentisch, der ist geradeaus, der sagt was er denkt, der hat die HSV-Mannschaft in Mainz super eingestellt, der hat ganz einfach Klasse.“ Sag ich ja schon lange . . . Danke, Peter. Wobei Armin Veh ja nicht nur einen großen Auftritt in Sachen HSV hatte, sondern auch in einer ganz besonderen Hinsicht: Der HSV-Coach rügte seinen neuen Stuttgarter Trainerkollegen Jens Keller wegen dessen Kritik am ehemaligen VfB-Coach Christian Gross. Veh rügte sogar in ganz scharfer Form. „Das geht ja gar nicht“, sagte Veh gleich zweimal und mochte seinen Ärger so gar nicht verbergen.

Veh weiter: „Wenn Keller als Gross-Assistent einige Sachen angesprochen hat, die nach seiner Meinung falsch liefen, und wenn Keller dann nicht gehört worden sei, dann hätte er seinen Posten aufgeben müssen. Und nicht jetzt nachkarten.“ Dazu regte sich Veh auch über Kellers angebliches Eingeständnis auf, er habe schon lange darauf hingearbeitet, Cheftrainer zu werden. Keller hatte nach seinem Aufstieg zum Cheftrainer (erstes Spiel: 2:2 auf Schalke) bemängelt, dass Gross sehr dominant gewesen sei, weshalb ihm „in gewissen Bereichen die Hände gebunden“ gewesen waren. Er habe zwar einige Dinge angesprochen, aber „nicht immer das Gehör gefunden“, betonte er und warf Gross damit mangelnde Teamarbeit vor. Ein Co-Trainer könne aber nur so weit eingreifen, wie dies der Chef zulasse . . .

Ich muss sagen: Armin Veh hat mit seiner Kritik an Keller völlig Recht. So weit hat sich ein Co-Trainer noch nie (meines Wissens) oder nur höchst selten mal aus dem Fenster gelehnt. Und deswegen tut es mir sehr gut, wenn ein Mann wie Veh seine Meinung dazu ganz geradeaus sagt – und dazu noch vor einem Millionen-Publikum. Kompliment, Herr Veh!
Dass der VfB-Manager Fredi Bobic Partei für Keller ergriff (heute im Sport-1-Doppelpass), das ehrt den ehemaligen Nationalstürmer zwar, aber viel retten konnte er in meinen Augen damit nicht.

So, nun aber zu einem viel erfreulicherem Thema: HSV.
Ich gehörte zum (großen?) Lager der Skeptiker. Ein Sieg in Mainz? Der war für mich fast unmöglich. Aber dann endlich einmal konzentriert, diszipliniert und mit dem ersten Auge in der Defensive. Da möchte man sagen: „Na bitte, es geht doch!“ Die Null stand erstmalig – und erst im achten Spiel. Armin Veh, das muss noch gesagt sein, lobte im Zweiten Mainz 05 und gab zu, dass der Tabellenführer auch hätte gewinnen können. Das zeichnet den Realisten Veh eben auch aus, er erkennt auch die guten Sachen an, die beim Gegner passieren. Im Gegensatz zu 05-Trainer Tuchel, der meinte, dass seine Mannschaft die Mehrzahl an besseren Chancen gehabt hätte. Die habe ich aber nicht erkennen können.

Wo fange ich an? Mit dem Duo der Innenverteidigung? Heiko Westermann und Joris Mathijsen waren vielleicht zum ersten Mal in dieser Saison ein Pärchen, das eingespielt und harmonisch wirkte. Beide ergänzten sich wunderbar, bauten kaum einmal einen Fehler, lagen auch in Sachen Aufbauspiel nicht so oft daneben wie schon in einigen Spielen zuvor gesehen. Das war eine runde Vorstellung des Abräumkommandos, daran sollten sich beide Spieler künftig orientieren. Motto: Gemeinsam sind wir stark.

Anfangen möchte ich aber doch erst mit Collin Benjamin. Der dienstälteste HSV-Profi, seit zehn Jahren im Verein, hatte in der vergangenen Saison nicht einen Bundesliga-Einsatz. Nach dem 3:1-Sieg gegen Guingamp am 27. August 2009 musste er wegen eines Kreuzbandrisses pausieren. Über ein Jahr dauerte diese Durststrecke, dann, am 2. Oktober 2010, der erste klitzekleine Einsatz, vier Minuten im Spiel gegen den 1, FC Kaiserslautern, eingewechselt für Jonathan Pitroipa. Und danach fragte nicht wenige Hamburger: „Warum hat Benjamin nicht eigentlich für Ze Roberto hinten links verteidigt? Damit der Brasilianer dann ins Mittelfeld aufrücken könne?“ Gute Frage.

Gegen (und in) Mainz durfte „Collo“ dann tatsächlich ran. Zur Halbzeit wurde er für den formschwachen Guy Demel eingewechselt. Und überzeugte. Armin Veh lobte den 32-Jährigen aus Namibia: „Er hat seine Sache wirklich gut gemacht, zumal wenn man bedenkt, dass er ja kaum Spielpraxis hat. Ich hatte aber keine Bedenken, ihn zu bringen, denn im Training gibt er immer 100 Prozent. Das geht auch gar nicht anders, denn sonst kann man solche Sachen wie nun in Mainz gar nicht abliefern.“ Dann verteilte der Coach noch ein Extra-Lob: „Collin gehört zu jenen Spielern, bei denen man weiß, was man bekommt. Er leistet ehrliche und anständige Arbeit.“ Und Veh ergänzte dann noch ein nicht unwichtiges Detail: „Er ist kein Spieler, der hinter dem Rücken des Trainers arbeitet.“ Was man ja sehr, sehr oft vor allem den Ersatzleuten nachsagt.

Collin Benjamin war nach den 45 Minuten am Bruchweg natürlich zufrieden. Er stellte fest: „Natürlich fehlt mir die Spielpraxis, aber ich bin wie ein kleines Kind. Ich freue mich auf jedes Training und erst recht über jeden Einsatz.“ Dann bekannte der Routinier aber auch: „Natürlich ist die Situation nicht einfach, das ist doch klar, aber ich halte mich immer bereit und hoffe auf meine Chance.“ Die Mini-Chance, die er gegen Kaiserslautern erhielt, wurde bekanntlich mit einem 2:1-Sieg für den HSV gekrönt. Schelmisch lächelnd sagte der bei vielen HSV-Fans unglaublich beliebte „Collo“ in Mainz: „Wenn Benjamin kommt, dann ist immer etwas los.“

Zum „Dreier“ in Mainz befand der Abwehrspieler: „Wir haben darauf gehofft, dass wir dieses Signal setzen können. Der Sieg beim Tabellenführer bringt uns allen ein gutes Gefühl – und er gibt Selbstvertrauen. Der FC Bayern kann kommen.“

Übrigens, eine nette kleine Geschichte am Rande, wie der Mensch Collin Benjamin „tickt“. Wurde mir kürzlich von meinem lieben Kollegen Lars Pegelow (NDR 90,3) erzählt: Nach dem Spiel in Bremen rief ihn seine Frau (also Frau P.) an und bat darum, dass er noch schnell einige Windeln kaufen müsse. Das in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag! Leichter gesagt als getan. Lars P. klapperte kurz vor Mitternacht diverse Möglichkeiten (wie Tankstellen) ab, aber nirgendwo gab es Windeln. Holland in Not! An einer weiteren Tankstelle traf er den gerade tankenden „Collo“. Das „Unternehmen Windeln“ kam zur Sprache, und „Collo“ sagte zu Pegelow: „Ich glaube, wir haben zu Hause die richtige Größe, die ihr benötigt, fahr’ mir mal hinterher.“ Gesagt, getan, Windeln übergeben – das Kind war gerettet, und die Nachtruhe der Familie P. ebenfalls. Ja, so ist er, der Herr Benjamin, einfach ein netter Kerl, unkompliziert, ehrlich, freundlich und hilfsbereit. Er passt einfach.

Und er dürfte wohl recht gute Chancen haben, in der Mannschaft zu bleiben. Gegenüber Guy Demel hat er nun auf jeden Fall einen Vorsprung herausgespielt. Zumal Armin Veh zur Leistung Demels befand: „Es war nicht sein Tag.“ Nett umschrieben.

Einen sehr guten Tag hatte dagegen in Mainz Paolo Guerrero erwischt. Ich berichtete es Euch schon in der Woche zuvor: Paolo war einfach super drauf im Training, er sprühte vor Spiellust, und er schoss Tore, Tore, Tore. Diese Form rettete er nun ganz offenbar mit in das Sonnabend-Spiel, nicht von ungefähr war er zur Stelle, als Ze Roberto den Ball in der 89. Minute zur Mitte legte. Da kam schon Freude auf. Kann Guerrero diese Form konservieren, dann dürfte es Mladen Petric schwer haben, auf Anhieb wieder einen Platz in der Mannschaft zu finden. Apropos Petric: Der Kroate trainierte an diesem Sonntag mit Ball (und Reha-Trainer Markus Günther). Zum Spiel am Freitag gegen die Bayern könnte es durchaus mit einem Comeback klappen. Gleiches gilt für David Jarolim, der heute am Vormittag ebenfalls mit Günther (und mit Ball) trainierte (danke Benno Hafas).

Letzter Punkt von mir ist heute Ze Roberto. „Er ist unsere Lebensversicherung, denn er ist entscheidenden Momenten immer da“, lobte Collin Benjamin den HSV-Oldie (ältester Feldspieler) nach dem Mainz-Spiel. Ich habe den „großen Ze“ ebenfalls gelobt, was mir die Frage eines Users einbrachte, ob das mein Ernst sei? War er. Kann ich nur noch einmal bekräftigen. Armin Veh hat in der vergangenen Woche gesagt, dass er liebend gerne „drei Ze“ hätte – mir wäre lieber, der HSV hätte elf (Ze). Der 36-jährige Brasilianer hat nicht nur die nötige und vorbildliche Einstellung zu seinem Beruf, er hat die Erfahrung, er spielt clever, mit Auge, arbeitet sehr gut nach vorne und (!) nach hinten, und er ist immer noch super schnell und dazu äußerst elegant am Ball. Siehe das Tor in Mainz. Das ist Extraklasse. Und das ist ebenfalls mein voller Ernst.

Am Montag wird übrigens um 16 Uhr im Volkspark trainiert.

16.15 Uhr (als Frankfurt 1:0 in Lautern in Führung ging)

Kleine Anmerkung: Ich beuge mich, ich nehme die “Ze’s” zurück. Und bin auf diesem Wege froh, dass mein “Jawoll” von gestern nicht ebenso kritisiert wurde wie einige “nix” (statt nichts) und, und, und. Ich hatte mir erlaubt, “salopp” zu sein, aber habe dabei nicht an den lieben Axel Springer gedacht. Der große Verleger, den ich einmal noch persönlich im Hamburger Verlagsgebäude sehen durfte, möge mir verzeihen. Und die vielen User, die sich durch meine Schreibe gestört fühlten, ebenfalls.
Das habe ich am Sonntag um 22.16 Uhr ergänzt. Ich wünsche allen “Matz-abbern” einen wunderschönen Wochenbeginn.