Tagesarchiv für den 16. Oktober 2010

Paolo macht ganz Hamburg froh

16. Oktober 2010

Jawoll! Der HSV hat es gepackt. Und er hat sich die Mainzer gepackt, den bisher in sieben Spielen siegenden Tabellenführer. Ein traumhafter Nachmittag für alle HSV-Fans, denn der 1:0-Sieg am Bruchweg sorgt nicht nur für wichtige drei Punkte, er sorgt auch dafür, dass die Mannschaft endlich einmal viel Selbstvertrauen tankt, er sorgt für eine neue Sichtweise, dass nämlich nicht nur die Offensive zählt, sondern auch die Defensive, und er sorgt dafür, dass es nun am kommenden Freitag einen richtigen „Kracher“ im Volkpark gibt, denn dann kommen bekanntlich die Bayern. Und denen werden hier nun die Lederhosen ausgezogen! Die Saison kann nun beginnen, und ich glaube, sie beginnt nun auch erst für den HSV.

Bevor ich mit dem Spiel beginne, möchte ich einen kleinen Schlenker auf die personelle Situation des HSV machen: David Jarolim, Mladen Petric, Dennis Aogo, Eljero Elia, Eric-Maxim Choupo-Moting, Jonathan Pitroipa und Dennis Diekmeier verletzt oder auf jeden Fall nicht restlos fit, und dennoch kann der HSV eine so gute Mannschaft aufstellen: Rost, Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen, Rincon, Kacar, Ze Roberto, Trochowski, Guerrero, van Nistelrooy. Das sollte ruhig einmal erwähnt werden, auch wenn es sicher nicht von jedem HSV-Fan auch anerkannt wird. Wenn früher ein Reihe solcher guter Spieler ausgefallen, dann hätten alle vom „letzten Aufgebot“ des HSV gesprochen und geschrieben. So ändern sich die Zeiten.

Das gilt auch für das Spiel der Veh-Truppe. Diesmal wurde nicht nur munter drauf los gestürmt, sondern auch mit einem Auge (mindestens) an die Defensive gedacht. Und trotz allem gab es gute Chancen für die Hamburger. Die Einstellung und die Taktik stimmten, das Engagement war da – und deswegen konnten die Mainzer nicht von Beginn an ihren Spaß-Fußball zelebrieren, sondern musste sich erst einmal gedulden. Der HSV machte das richtig gut. Meine Befürchtungen gingen deshalb schon in Richtung Wolfsburg und Bremen, weil es in beiden Fällen ja auch gut lief, aber dann nach 90 Minuten doch nur eine Niederlage quittiert werden musste.

Die ersten Möglichkeiten hatte der HSV. Bei einem 20-Meter-Freistoß standen drei HSV-Profis um den Ball herum, Piotr Trochowski schoss letztlich und setzte die Kugel weit, weit über das Tor (7.). Ich schreibe es deswegen, weil ich in solchen Situationen einfach mehr Professionalität erwarte. Wenn sich drei Spieler um einen solchen Schuss „streiten“, dann denke ich immer: Einer schießt jetzt, bevor es der Nebenmann macht. Und demzufolge fehlt dann die Konzentration. Die wird nur darauf gelegt, dass „ich nun schießen muss“. Und im modernen Fußball, wenn die Spiele so ausgeglichen sind, dann muss man die Standards einfach viel besser – und konzentrierter – nutzen. Um den zweiten Freistoß, diesmal aus 24 Metern, „kümmerte“ sich dann Ruud van Nistelrooy, aber auch der Niederländer schoss vorbei, wenn es auch etwas besser aussah als der Trochowski-Versuch (12.).

Es dauerte immerhin bis zur 25. Minute, bis die Mainzer ihre erste Chance hatten. Aber die war dann auch sehr, sehr gut. Nach einem katastrophalen Fehlpass von Tomas Rincon (nur er und nicht Guy Demel hatte die Schuld am folgenden Konter) stand Holtby frei, doch Frank Rost hielt den 16-Meter-Schuss hervorragend, nur Ecke statt 1:0. Es war aber die einzige Szene, in der die HSV-Defensive ein wenig unsortiert wirkte, ansonsten spielten (fast) alle diszipliniert und souverän. Einziger Schwachpunkt war – wieder einmal – Demel. Er deckte auf Sicht, was einem Begleitservice nahe kam, und er leistete sch viele, viel Unkonzentriertheiten. In der 38. Minute, als Demel wieder einmal einen Ball ins Aus gespielt hatte, da erhob sich Armin Veh von der Bank, er hatte ganz offensichtlich die Nase voll und gab Collin Benjamin die Anweisung: „Mach dich mal warm.“

Dass Benjamin dann erst zum zweiten Durchgang kam, das lag wohl daran, dass sich kurz vor dem Seitenwechsel Rincon verletzt hatte (umgeknickt) und kurzzeitig ein anderer Wechsel drohte.

Was mir beim HSV gefiel mir in Halbzeit eins nicht nur die Defensive, sondern besonders zwei Männer, die ganz vorne angesiedelt waren: Paolo Guerrero und Ruud van Nistelrooy. Der Peruaner hatte vorher ja davon gesprochen, dass der HSV gegenüber Mainz „mehr Qualität“ hätte, und ich hatte den Eindruck, dass Guerrero das auch beweisen wollte. Alles, fast alles, was er unternahm, hatte Hand und Fuß. Stark am Ball, stark im Dribbling, stark als Ballverteiler. Genau so gut der Auftritt von „RvN“. Er eroberte vorne unglaublich viele Bälle, und er behauptete sich immer clever und geschickt, wenn es darum ging, an der Kugel zu bleiben. Das hatte tatsächlich viel, viel Qualität, und das hat auch wirkliche Klasse.

Klasse wird ja auch dem Mainzer Publikum nachgesagt. Eine „Bomben-Stimmung“ herrsche immer am Bruchweg. Mir scheint aber, dass das nur dann der Fall ist, wenn Mainz auch vorne liegt. Oder überlegen ist. Wenn das nicht der Fall ist, dann können die 05-Fans auch höchst ungemütlich werden („Ohne Schiri habt ihr keine Chance“). Von wegen „Freudenhaus der Liga“. Ein Beweis dafür: Svensson schob nach einer Mainzer Ecke Guy Demel zur Seite, der gute Schiedsrichter Dr. Felix Brych pfiff die Szene ab – und es gab wütende Pfiffe von den Rängen. Und dazu tobte Trainer Thomas Tuchel wie ein Wilder herum. Dabei war das Foul offensichtlich und der Pfiff nur eine logische Folge. Meine ganz persönliche Meinung: Den Herrn Tuchel sollten sich die Herren Schiedsrichter einmal ganz genau merken, denn der macht da draußen ganz schöne Negativ-Stimmung. Er mag ja ein guter Trainer sein, meinetwegen auch ein sehr guter, aber sein Temperament sollte der gute Mann doch ein wenig mehr zügeln können.

Der HSV hätte zur Pause (0:0) auch führen können, weil van Nistelrooy einmal freistehend mit einem mehr als kläglichen Heber (Torwart Wetklo in die Arme) scheiterte (29.), und weil auch Ze Roberto, der sich eine ganz besondere Fleißnote verdiente, einmal nach hervorragender Vorarbeit von Guerrero und van Nistelrooy nur den Pfosten des Mainzer Gehäuses traf (41.). Das musste eigentlich das 0:1 sein, und unverdient wäre es nicht gewesen.

Ich gebe es zu: Während der Halbzeit habe ich so für mich gedacht: Jetzt spielt der HSV so gut, hält das Geschehen gegen den Spitzenreiter mehr als offen, aber wie das Leben so spielt – am Ende fängt er sich dann doch einen ein . . .

Mainz kam dann ja auch etwas besser und ruckvoller, aber der Ball lag plötzlich im 05-Tor: Flanke von Piotr Trochowski, Kopfball van Nistelrooy, Tor. Denkste. Dr. Brych hatte einen Schubser des Niederländers gegen Caligiuri gesehen, und das konnte er auch tatsächlich so sehen. Dennoch sage ich: Das pfeift nicht jeder Unparteiische. Und fortan wurden sie auch keine Freunde mehr, der Schiedsrichter und Ruud van Nistelrooy (der wegen Meckerns auch später noch Gelb sah).

Mainz wollte, Mainz kam, Mainz biss auch richtig, aber der HSV stand kalt. Und hatte in Rost einen ausgezeichneten Schlussmann. Benjamin spielte für Demel dann auch wesentlich effektiver, hielt seine Seiten meistens auch sauber. Für den „Altmeister“ habe ich mich besonders gefreut, dass er noch einmal zeigen durfte, dass er es noch kann, dass auf ihn Verlass ist. Sollte nicht bei einem einzigen Einsatz bleiben. In der Innenverteidigung standen Joris Mathijsen und Heiko Westermann sehr, sehr souverän. Und was mich besonders begeisterte: Beide waren auch ständig darum bemüht, konzentriert zu bleiben, sich gegenseitig zu helfen. Da kommt doch Freude auf! Und links zeigte sich Marcell Jansen defensiv deutlich verbessert, und er „ackerte“ unglaublich nach vorne – eine runde, eine großartige Vorstellung, Kompliment.

Tomas Rincon leistete sich nur den einen schweren Patzer (25.), war ansonsten ein ausgezeichneter Wachhund für Holtby, kämpfte, zerriss sich, ging mit größtem Einsatz vorbildlich voran. Gojko Kacar hielt sich ein wenig zurück, ich glaube, er musste sich seine Kräfte (die noch nicht da sind) einteilen, sein Wadenkrampf kurz vor Schluss beweist, wie es körperlich um ihn steht. Er muss endlich zulegen – nur in Sachen Fitness, nur da. Wenn er das geschafft hat, dann kann er wirklich eine Stütze werden.

Ze Roberto war für mich über weite Strecken überragend, war hinten und vorne zu finden – und legte (das kann nur er!) das 1:0 mustergültig vor. Dieser „alte“ Brasilianer ist noch auf Jahre hinaus für den HSV unverzichtbar.

Kommen wir zum „Sorgenkind“: Piotr Trochowski. Der Beginn war eher mau, aber er kam, legte ständig zu. Und er spielte eine gute zweite Halbzeit (traf mit einem Eckstoß die Latte), war auch am 1:0 beteiligt. So hat der Nationalspieler weitere Chancen verdient.

Über die Stürmer habe ich alles gesagt, sie haben beide für mich eine erstklassige Vorstellung abgegeben.

Zum Schluss noch der Leckerbissen des Spiels! Was für ein Tor. Trochowski legt in den Lauf von Ze Roberto, der dribbelte sich elegant auf der Torauslinie durch, Rückpass – Paolo Guerrero netzt ein! Ein Bilderbuch-Tor. Und ein nicht unverdientes, denn der HSV hatte für meine Begriffe die Mehrzahl der besseren Tormöglichkeiten. Und Guerrero, der mehrfach unsinnig von den Mainzern ausgepfiffen worden war, hatte sein großes Spiel mit diesem Treffer belohnt. Jetzt geht’s los!

Nur der HSV!

17.39 Uhr