Tagesarchiv für den 15. Oktober 2010

Ben-Hatira über den dritten Bildungsweg

15. Oktober 2010

Die Mannschaft ist abgehoben. Mit dem Flieger in Richtung Tabellenführer. Ich kann nur hoffen, dass sich das auch morgen hält – zumindest was die Richtung in der Tabelle betrifft, schließlich hat Mainz jetzt schon beachtliche zehn Punkte Vorsprung auf den HSV. Und der Anspruch der Mannen von Trainer Armin Veh muss ganz eindeutig der sein, oben anzuknüpfen, den Abstand klein zu halten.

Apropos Mainz. Ich weiß nicht, was Ihr davon haltet, aber mir ging das Theater um den „übertriebenen“ oder doch „angemessenen“ Torjubel der Mainzer ziemlich auf die Nerven. Heute hatten wir, deswegen greife ich das Thema doch noch mal kurz auf, Joris Mathijsen bei uns in der Runde, der von einem meiner Kollegen genau darauf angesprochen wurde. Joris, das muss ich vielleicht dazu sagen, ist ein Fußballarbeiter. Bei ihm weiß man, was man nie bekommt. Aber man weiß auch, was er konstant abzuliefern in der Lage ist. Wenn der zum Training kommt, trägt er nicht selten seine Sporttasche wie andere ihren Aktenkoffer zur Arbeit. Kein Gucci-Umhängetäschchen, keine Brillis, die einem von jeder freien Körperstelle entgegenblinken. Er ist, das kann man sicher so sagen, eine vorbildliche Einstellung zu seinem Beruf. Und er ist einer, der sich von Modeerscheinungen nicht blenden lässt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der irgendwann mal mit gelben Schuhen auf den Platz geht. Das würde nicht zu seiner Art passen. Ebenso wenig begeistert ihn, und damit komme ich wieder zum FSV Mainz, eine besondere Performance nach einem Tor. „Ich mache mir da einfach keine Gedanken“, sagt er. Ihn ärgere das Gegentor eh schon genug, als dass er sich über irgendwas andere Gedanken machen wolle. Aber, und so kenne ich das noch aus meiner Amateurzeit, wenn irgendwer es übertreibt, arrogant zu werden, bekommt er es zu spüren. Ob er sich eine bestimmte Rache für den Fall eines Gegentores in Mainz ausgedacht hat? Immerhin feiern die Mainzer Jungspunde ihre Tore zumeist, indem sie eine Boygroup an der Eckfahne imitieren. „Nein“, so Joris‘ trockene Antwort, „gegen uns werden sie keinen einzigen Grund zum Feiern haben.“ So kann man das lästige Thema auch abhaken, oder?

Taktisch wird das Erfolgserlebnis in Mainz, auch das hatten wir gestern schon, zum ersten Mal in dieser Saison mit der Raute versucht. Fraglich ist nur, ob die Raute bei allen Spielern schon im (Herzen sowieso . . .) Kopf ist. Im Training war zwar schon ordentlich Tempo drin. Das wiederum ist bei verkürzten Spielfeldern allerdings fast immer so, also nichts Ungewöhnliches. Aber wer sich Piotr Trochowski anhörte und ansah, der darf zumindest gespannt sein. Als Zentraloffensiver wird schließlich viel an ihm hängen. Heute im Training wirbelte er, ich muss es leider sagen (weil es mir auch „Scholle“ bestätigt hat!), wie in seinen guten Tagen als Ersatz von Rafael van der Vaart.

Vor der Einheit hatte er uns schon angekündigt, dass er die Mainz-Partie als seine große Chance sieht. Die Zehn sei ja noch frei und immer noch seine absolute Lieblingsposition hatte „Troche“ gesagt. Und dabei wirkte er auf mich nicht so übertrieben selbstsicher wie bereits das eine oder andere Mal zuvor. Nein, Trochowski wirkte fokussiert. Er wirkte sogar ein wenig devot auf mich, so, als hätte er eingesehen, dass diese Chance in Mainz eine von wahrscheinlich nicht mehr allzu vielen beim HSV sein wird.

Gut, da gebe ich Euch natürlich Recht, das sind wieder erst einmal nur Worte. Worte, die auf dem Platz bestätigt werden müssen. Aber dass er es ernsthaft angeht, zeigte auch seine heutige Einheit. Im Spiel ständig um den Spielaufbau bemüht, war er als letzter Feldspieler mit Torwart Frank Rost noch 30 Minuten nach Trainingsende auf dem Platz und schoss auf das Tor. Ich kann nur für uns alle hoffen, dass er endlich mal wieder bis nah an seine Leistungsgrenze geht und kommt. Denn dann, da bin ich mir ganz sicher, werden sich alle HSV-Fans – egal ob Freund oder Kritiker des kleinen Billstedters – morgen ab ca. 17.15 Uhr alle zusammen freuen. Über seine Leistung – und einen Erfolg in Mainz. Und seien wir ehrlich: Trochowski kann am Bruchweg doch besten Anschauungsunterricht nehmen, denn der Mainzer Lewis Holtby hat es ähnlich wie „Troche“ in den Beinen und zauberte zuletzt Fußball vom Allerfeinsten auf den Rasen. Könnte man sich eventuell etwas von absehen – sach ich mal (würde „Dittsche“ sagen).

Ich weiß allerdings noch nicht, ob ich mich über etwas anderes freuen oder wundern soll – und darf? Im Trainingsspiel, das in der B-Elf mit Eric-Maxim Choupo-Moting und Änis Ben-Hatira zwei Rückkehrer hatte, rochierten in der vermeintlichen Startelf Gojko Kacar und Zé Roberto. Nicht, dass mich eine solche Rochade nervös macht, im Gegenteil, ich halte viel von derartigen Überraschungsmomenten. Nein, mich beunruhigte eher der etwas blutarme Auftritt Kacars. Er war zwar immer bemüht, aber ihm fehlte eindeutig noch die Abstimmung mit seinen Kollegen. Immer wieder falsche Laufwege, dazu ungewöhnlich viele Fehlpässe –das alles wirkte ziemlich flau. Der Schock von Genua? Oder doch nur die Tatsache, dass er immer noch nicht bei 100 Prozent ist?

Kacar ist jedenfalls noch immer nicht annähernd da, wo er bei Hertha BSC leistungstechnisch war. Eben noch nicht da, wo ihn der HSV, wo ihn die Fans alle haben wollen. Schließlich wird dem introvertierten Serben große Torgefahr nachgesagt. Schussstark soll er sein. Das allerdings zeigte er bislang weder bei seinen wenigen Einsatzminuten noch im Training. Im Gegenteil. Selbst nach Trainingsende, wo niemand mehr wirklich zusah und er absolut keinen Druck mehr hatte, verzog er die Bälle reihenweise. Zum Glück war er zuvor – wie schon gegen Lautern – nach einer Ecke wenigstens mit dem Kopf gefährlich, als er die Torlatte traf. Ich hoffe einfach, dass er sich über seine Torgefahr bei Standards wieder mehr Selbstvertrauen holt und zu der Stütze wird, die er einst in Berlin war.

Womit der Übergang zum „Großen Ze“ hergestellt wäre. Der Mannschafts-Oldie Ze Roberto zeigte im Training einmal mehr wie es geht. Kaum Ballverluste, offensiv wie defensiv verteilte er die Kugel sicher, gewann seine Zweikämpfe, schlug brandgefährliche Ecken – die besten beiden im Abschlussspiel -, wovon eine wie gesagt an die Latte ging, während die zweite von Heiko Westermann problemlos an Jaroslav Drobny vorbei eingeköpft werden konnte. Kurzum: Ze Roberto war wieder der Mittelpunkt des A-Teams, auffälliger als der große Ruud, auffälliger als „Troche“. Und das mit einer eleganten Leichtigkeit, die mich darüber hinwegsehen ließ, dass bei ihm sogar noch deutlich mehr drin wäre. Im Gegenteil, er macht mich neugierig darauf, was er in einem so wichtigen Spiel wie morgen gegen Mainz abrufen wird.

Ausbaufähig schien zuletzt auch das Verhältnis von Frank Rost und Trainer Armin Veh. Da war im Sommer die Verpflichtung von Drobny, die bereits Spannungen erzeugte. Und jetzt hatte Veh, sicher etwas unbedacht, Spekulationen um einen Torwartwechsel vor dem Mainz-Spiel angeheizt. Aber, das habe ich zumindest gehört, alle müssen sich keine Sorgen machen, dass sich dort eine neue Baustelle aufgetan hat. Im Gegenteil. Angeblich haben sich beide in dieser Woche ausgesprochen und der Trainer seine Aussage („Drobny trainiert gut, er wird ganz sicher auch noch seine Spiele bekommen“) der jetzigen Nummer eins erklärt. Und wie ich Frank Rost als tadellosen Sportsmann und Teamplayer kenne, ist die Sache damit aus der Welt.

Am Ende noch eine für mich positive Überraschung: Heute nominierte Veh überraschend Änis Ben-Hatira für seinen Kader, ich habe es bereits angemerkt. Der Junge, der sich nach seinem gescheiterten Engagement beim MSV Duisburg auch beim FSV Mainz im Sommer drei Wochen erfolglos in Europa im Probetraining angeboten hatte, hatte zuletzt durch starke Leistungen bei der U-23-Mannschaft von Rodolfo Cardoso auf sich aufmerksam gemacht. Jetzt ist er wieder dabei. Ich hoffe sehr, dass der Edeltechniker endlich begriffen hat, dass Fußball harte Arbeit und nicht nur Spaß am Ball ist. Sollte er das nach seinen „verwirrten“ Jahren verinnerlicht haben, traue ich ihm den Sprung in den Profikader zurück auch zu. Für mich war Änis Ben-Hatira immer eines der größten Talente des HSV, deswegen war ich schon ein wenig enttäuscht, dass er aus dieser Veranlagung so wenig gemacht hat. Nun drücke ich ihm die Daumen, dass er es noch auf dem „dritten Bildungsweg“ schaffen wird.

Neben Änis sind auch Drobny, Collin Benjamin, Robert Tesche, Jonathan Pitroipa, Choupo und Muhamed Besic als Ersatzspieler dabei. Letztgenannter ist so eine Art Backup für den Fall, dass Heiko Westermanns hochschwangere Frau doch noch vor dem Spiel entbinden muss und der Kapitän kurzfristig abreist. Sollte das nicht so sein, können wir von folgender Startaufstellung ausgehen: Rost – Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen – Kacar, Rincon, Trochowski, Ze Roberto – Guerrero, van Nistelrooy.

Übrigens eine erste Elf, die Mathijsen wie folgt beschrieb: „Wenn ich sehe, was wir trotz der insgesamt sieben bitteren Ausfälle für eine Mannschaft auf dem Platz haben, habe ich keine Angst. Das sind alles große Namen. Das ist eine erste Elf, die für sich den Anspruch haben muss, in der Bundesliga ganz weit oben zu stehen.“ Sein Wort in (des Fußball-)Gottes Ohr.

Bleibt mir eigentlich nur noch, uns allen ein tolles HSV-Wochenende zu wünschen. Am besten schon heute mit einem überraschenden Punktgewinn der Kölner gegen den BVB.

Ganz zum Schluss noch etwas zum Fußball allgemein: In Barmbek feiert an diesem Sonnabend ein ganz Großer der deutschen Schiedsrichterei seinen 75. Geburtstag: Klaus Ohmsen vom SC Urania. Herzlichen Glückwunsch auch von dieser Stelle, „Jung’ Kerrdl“, und alles Gute für die Zukunft. Ohmsen leitete einst, zu Beginn der Bundesliga-Zeit, 131 Bundesliga-Spiele und pfiff zahlreiche Länderspiele, hatte zudem noch viele, viele andere internationale Einsätze. Und er war, das kann ich als einer, der ihn schon lange Jahre kennt, beurteilen, immer ein feiner Mensch (zum Anfassen), der das Herz auf dem rechten Fleck trägt, der Humor besitzt, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat, der auch über sich selbst lachen kann. Von Ohmsens Güte gibt es heute kaum noch Leute in der deutschen und europäischen Schiedsrichter-Gilde. Lieber Klaus, trage die 75 mit Würde, Du bist ein ganz Großer des Fußballs in Hamburg.

19.31 Uhr

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