Tagesarchiv für den 14. Oktober 2010

Mit der Raute in Mainz

14. Oktober 2010

Liebe „Matz-abber“. Heute beginnt für unseren HSV-Blog eine neue Zeit. Seit Wochen war es schon kein Geheimnis mehr, dass uns mein „Ersatzmann“ Christian Pletz nicht mehr zur Verfügung stehen wird. Jetzt ist diese Trennung vollzogen, „Pletzi“ geht ab sofort andere berufliche Wege – und ich habe dafür Verständnis. Er ist ein junger Mann, der jetzt seine Weichen für die Zukunft stellen muss, er hat die Zeichen der Zeit erkannt und gehandelt. Obwohl ich es sehr bedauere, denn „Matz ab“ verliert einen wirklich erstklassigen Mann. Für mich war Pletz seit Jahren der beste Hamburger Fußball-Journalist, er war für mich wie ein „fußballerischer Sohn“, mit dem ich stets auf einer Wellenlänge lag – ich danke ihm für seine großartige Arbeit, der er für Matz ab geleistet hat, und ich wünsche ihm auf diesem Wege alles, alles Gute für seinen weiteren Weg.

Der neue Mann neben mir (hey, wie das klingt, Frau M. könnte nachdenklich werden!) ist ab sofort Marcus „Scholle“ Scholz. Die Trainingskiebitze, die seit Monaten für „Matz ab“ spionieren, kennen ihn, ich möchte ihn nun allen schnell einmal vorstellen. „Scholle“ ist 35 Jahre alt, arbeitet seit elf Jahren als HSV-Reporter für das Hamburger Abendblatt, und er hat selbst Fußball gespielt, sehr erfolgreich sogar. Er war jahrelang Kapitän des heutigen Oberliga-Klubs TSV Niendorf, für den er in der Liga 15 Jahre gespielt hat. Heute ist Marcus Scholz (nebenberuflicher und unbezahlter) Manager „seines“ TSV, er hat viel Fußball-Sachverstand und kennt den HSV haargenau. Ich freue mich auf diese Zusammenarbeit, „Scholle“ wird mir vom Training berichten, ich werde darüber schreiben, „Scholle“ wird aber auch dann voll einspringen, wenn ich Urlaub machen – oder krankheitsbedingt einmal ausfallen sollte (was seit dem 6. August 2009 nie passiert ist). Bitte bringt Marcus Scholz jenes Vertrauen entgegen, das Ihr einst auch Christian Pletz geschenkt habt. Vielen Dank.

Zum aktuellen HSV-Geschehen. Wenn ich der heutigen Vorstellung von Armin Veh trauen darf, bin ich sehr optimistisch. Nicht, dass ich es sonst nicht wäre, nein, ich wurde heute nur noch einmal in meinem Optimismus bestärkt. Mit einem Lächeln und scherzend überging der HSV-Coach in der Pressekonferenz heute seine wirklich arge Personalnot. Veh strahlte stattdessen Siegessicherheit aus, gab sich in allem was er sagte betont zuversichtlich. Mladen Petric, David Jarolim, Eric-Maxim Choupo-Moting und Eljero Elia (um seine Ferse zu schonen bekam die „Rakete“ heute einen Gipsverband verpasst) fallen am Sonnabend beim FSV Mainz definitiv aus. Drei absolute Leistungsträger plus der zuletzt nicht minder formstarke „Choupo“, das ist für jeden Trainer hart. Eigentlich. Außer für Veh. Dessen trockener Kommentar: „Das macht mir die Aufstellung leichter. Es sind ja nicht mehr so viele da . . .“

Und als hätten die wieder mal mehr als 400 bei bescheidenem Wetter ausharrenden Trainingskiebitze (Respekt!) es auch gehört, strahlten auch sie Optimismus aus. Immer wieder hörte ich, „Mainz schaffen wir trotzdem.“ Getreu dem Motto: „Mainz ist einfach fällig.“

Dabei ist es eine echt linke Sache mit den Verletzungen. Sogar im wahrsten Sinne des Wortes: Zuletzt musste Zé Roberto hinten links aushelfen, weil nach Dennis Aogo (er braucht nach seiner Schambein-Operation am Montag noch eine unbestimmte Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen) auch Marcell Jansen ausgefallen war. Zé Roberto spielte auf dieser für ihn ungewohnten Position sehr stark, was auch nicht anders zu erwarten war, aber er fehlte natürlich im Mittelfeld. Euch, der Mannschaft und auch dem Trainer. Ohne die genialen Dribblings und das kluge Aufbauspiel des Brasilianers schien das Kreative im HSV-Spiel komplett zu fehlen. 70 für uns Zuschauer echt harte Minuten gegen Kaiserslautern unterstrichen diese These. Ich könnte jetzt sogar anfangen zu philosophieren, dass das Aus von Bruno Labbadia beim HSV zu einem ganz wesentlichen Teil auch an dessen schlechtem Verhältnis zum „großen Ze“ gelegen hat, der daraufhin nicht mehr an seine Leistungsgrenze kam, aber das würde jetzt zu weit führen. Immerhin aber hat Ze aber in der Sport-Bild über den jetzigen Coach des HSV gesagt: „Er ist ein Weltklasse-Trainer.“ Und wenn Ze so etwas sagt, dann sollten alle einmal aufhorchen . . .

Armin Veh ist sich seinerseits auch der Bedeutung seines Team-Oldies absolut bewusst: „Ich hätte gern zwei Ze Robertos, oder sogar drei“, scherzte Veh heute sogar. Zum Glück, und das fügte er sofort hinzu, hat sich Marcell Jansen nach seinem verschleppten Infekt wieder gesund gemeldet. Topfit sogar. Der Nationalspieler sagte: „Ich hatte den Infekt schon gegen Bremen, meinte es gut und habe nicht nur gespielt, sondern den Infekt auch verschleppt. Aber jetzt bin wieder voll auf der Höhe.“

Dass er seine Fitness auf der eher ungeliebten Position hinten links zeigen wird, stört Jansen dabei kaum. Im Gegenteil, er freut sich auf das Spiel bei den in sieben Spielen noch verlustpunktfreien Mainzern. Er denkt sogar schon einen Schritt weiter, schon an das Spiel am kommenden Freitag gegen Bayern München: „Wir haben jetzt zwei Spiele vor uns, in denen wir uns positionieren können.“ Wie wichtig schon allein die Partie in Mainz ist, hatte vorher schon Veh klar gemacht: „Ich rede ungern von Schlüsselspielen, aber dieses Spiel ist schon äußerst wichtig für uns.“ Immerhin gibt es Selbstvertrauen, wenn man beim Tabellenführer gewinnt. Und der HSV würde zur Spitze aufschließen. Oder besser gesagt: Zuerst einmal zum dritten Rang, der immerhin die Qualifikation zur Champions League bedeuten würde. Veh: „Und wir lassen den eh schon riesigen Abstand zu den ersten beiden Klubs nicht noch größer werden.“

Der Coach ist und bleibt eben Realist. Er verwundert den einen oder anderen schon mal, weil er sich bei seinen Aussagen offensichtlich nie um die Konsequenzen schert. Er kritisiert öffentlich und schonungslos einzelne Spieler. Das Beispiel mit Piotr Trochowski nach der Bremen-Partie habt Ihr wahrscheinlich alle noch parat. Aber Veh „spinnt“ eben nicht, er verstellt sich auch nicht, er legt seinen Finger in die Wunde – und wenn es die eigene ist. Heute stellte er beispielsweise noch einmal klar, dass er den Mainzer Trainer Thomas Tuchel nicht persönlich kritisieren wollte, als der auf den Stadionzaun geklettert war: „Der wird auch noch andere Zeiten erleben“. Heute hatte Veh die Größe, das Thema noch mal gerade zu rücken: „Ich habe nie etwas dagegen gehabt, dass der Thomas auf den Zaun springt, das möchte ich noch mal klipp und klar sagen. Ich bin der Letzte, der das kritisiert. Ich bin ja nicht der Oberlehrer, das steht mir auch nicht zu.“

Dafür kommt viel auf ihn zu. Sowohl was die nächsten beiden Gegner Mainz und Bayern München betrifft als auch personell und taktisch. Für das Spiel in Mainz beispielsweise kokettiert der Coach mit einer erneuten Systemumstellung. Zwar versuchte er es bei der Pressekonferenz noch zu verheimlichen, aber er musste sich dann doch eingestehen: „Wahrscheinlich müssen wir anders spielen. Ich lasse auch so trainieren, insofern ist es eh nicht mehr lange geheim. Ich müsste euch eigentlich aussperren, unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren, aber dann würdet ihr Journalisten mich zum Spinner erklären und die Fans mich als unfreundlich. Ich weiß also, dass ich als Trainer – egal was ich mache – immer der Depp bin.“

Also macht er kein Geheimnis. Würde auch irgendwie nicht zu seiner geraden, sonst immer unverblümt ehrlichen Art passen. Ob er mit zwei Spitzen – wie zuletzt gegen Lautern – oder doch lieber wieder drei Offensiven hinter dem einzigen Angreifer Ruud van Nistelrooy spielen lassen wird? Eben so wie in den ersten sechs Ligaspielen? „Die Mannschaft macht das System“, konterte Veh unsere Frage – allerdings ohne dafür ins Phrasenschwein einzuzahlen. Was er meinte ist aber auch klar: Er kann sein Lieblingssystem mit nur einer Spitze und drei Offensiven dahinter eben nur so lange spielen lassen, wie er das nötige Personal dafür auf der Liste der gesunden Spieler hat. Noch ginge es zwar: Paolo Guerrero könnte wieder reinkommen als zweite Spitze, Jansen spielt hinten links, zentral agieren Zé und Rincon, links daneben Trochowski. Der Rest bliebe gleich.

Allerdings betonte Veh nun, dass Jonathan Pitroipa nach seinen Oberschenkelproblemen noch nicht bereit sei für 90 Minuten, und gerade die Außen müssten bei dem 4-2-3-1-System viel Druck erzeugen. Das würde ohne den verletzten Elia und ohne einen komplett fitten Pitroipa jedoch sehr schwer – also lässt er es gleich.

Deshalb baute er schon heute im Training um. Für mich mit einer kleinen Überraschung: Veh ließ die Raute im Mittelfeld spielen. Er übte mit Trochowski als „Zehner“ hinter den beiden Spitzen van Nistelrooy und Guerrero. Da Trochowski allerdings bekannte Schwächen im Defensivverhalten hat, würde eine solche Umstellung bedeuten, dass der ebenfalls eher offensiv ausgelegte Zé Roberto aus der Zentrale nach links rückt, während sich der bekanntermaßen zweikampfstarke Tomas Rincon um die Defensive im Mittelfeld kümmern könnte. Im Mainzer Fall um den Shootingstar Lewis Holtby. Rechts im Mittelfeld ließ Veh Gojko Kacar statt Jonathan Pitroipa ran. Wobei Kacar sicher nicht den „Flügelflitzer“ geben, sondern sich eher ein wenig mehr um die Defensive kümmern wird. Würde auch Sinn machen, wenn man den „Mainzer Spaß- und Sturm-Verein“ zuletzt so frisch, frech und unbekümmert aufspielen sah.

Die altbekannte Raute im Mittelfeld könnte also ihr Comeback feiern. dem 4-2-3-1-System, der „Flachen vier“ gegen Lautern also die dritte taktische Formation im achten Spiel. Das ist ganz sicher alles andere als optimal, dennoch liest sich die vermutliche Aufstellung, so finde ich, immer noch toll: Rost – Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen – Kacar, Rincon, Trochowski, Ze Roberto – Guerrero, van Nistelrooy. Große Namen, die mir großen Appetit auf dieses Spitzenspiel machen. Und Namen, die mich auch optimistisch stimmen. Meine Stimmung wird besser, ich denke optimistischer – der HSV wird beim Spitzenreiter nicht verlieren.

Übrigens: Was sich nach dem heutigen Training abspielte, das habe ich noch nie erlebt. Autogrammjäger ohne Ende. Sie alle bestürmten die HSV-Stars, die teilweise vom Ordnungsdienst “gerettet” werden mussten. Die Spieler stehen eben hoch im Kurs. Und noch größer dürfte der Andrang dann werden, wenn am Sonnabend Mainz geschlagen wird. Wenn. Aber wie sagte Heiko Westermann zuletzt: “Nicht Worte, nicht Sprüche, nein, wir müssen Taten auf dem Platz für uns sprechen lassen.”
Wir bitten darum.

18.59 Uhr