Tagesarchiv für den 13. Oktober 2010

Vater und Son wieder vereint

13. Oktober 2010

Sie sind wieder vereint: Vater und Son. Ruud van Nistelrooy hat seit heute seinen „Sohn“ an seiner Seite, denn Heung Min Son trainiert seit diesem Mittwoch wieder mit der Mannschaft. Der Südkoreaner war wieder mit Freude dabei, machte alles mit, schoss und köpfte schon wieder munter auf das Tor – und hatte ganz offenbar keine Schmerzen dabei. Es mögen 400 Trainingskiebitze gewesen sein, die sich besonders über den herrlichen Sonnenschein und das Comeback dieser Saison freuten. Die Nationalspieler des HSV sind gesund wieder nach Hamburg zurückgekehrt, van Nistelrooy, der am Dienstag gegen Schweden nicht gespielt hat, und Gojko Kacar, der mit den Serben in Genua gegen Italien nur sieben Minuten „in den Knochen“ hatte, denn dann wurde die Partie abgebrochen, trainierten voll mit, Joris Mathijsen und Heiko Westermann ließen sich nicht auf dem Trainingsrasen sehen.

Stichwort Kacar. 16 Verletzte, darunter ein italienischer Polizist, gab es im Zusammenhang mit den Vorkommnissen in Genua. Der HSV-Profi gab zu: „Ich bin immer noch geschockt. Meine Teamkollegen und die Spieler von Italien, wir sind alle überrascht von dem, was da passiert ist. Für uns begann das schon weit vor dem Spiel, denn einige serbischen Fans kamen vor der Abfahrt in den Mannschaftsbus und schrieen einige Spieler von uns an.“ Unglaubliche Zustände. Man stelle sich nur vor, dass es in dem Bus zu Handgreiflichkeiten gekommen wäre. Viele Nationalmannschaften werden wohl daraus ihre Lehren ziehen und künftig nur unter Personalschutz vom Hotel in den Bus steigen und dann in das Stadion fahren.

Der Zorn vieler serbischer Fans richtete sich vor allem gegen Nationaltorwart Vladimir Stojkovic, der gerade von Roter Stern Belgrad zu Partizan Belgrad gewechselt ist. Er wurde im Bus so massiv beschimpft, dass er von vornherein auf seinen Einsatz verzichtet hatte. Es kam also schon im Mannschaftsbus zu einem Torwartwechsel. Auch Feldspieler standen unter Schock.

„Das war ein schlechtes Spiel, das wir da abgegeben haben“, sagt Kacar, der über die Stimmung im Team sagt: „Wir waren nach diesen Vorfällen aber nicht nur geschockt, wir wollten die Situation auch zu unseren Gunsten nutzen, wir waren voller Adrenalin und haben uns gesagt, dass wir nun die nötige Aggressivität nutzen wollen, um Italien zu besiegen.“ Doch schon in der Aufwärmphase beider Mannschaften flogen aus dem serbischen Block, in dem 1600 „Fußball-Fans“ standen, immer wieder Raketen und Feuerwerkskörper auf das Spielfeld. Deswegen wurde das Spiel erst mit einer Verspätung von 35 Minuten vom schottischen Schiedsrichter Craig Thomson angepfiffen. Als aber nach sieben Minuten eine weitere Rakete abgefeuert wurde, die den italienischen Keeper am Bein getroffen hatte, brach der Unparteiische das Spiel sofort ab. „Ich habe ihn noch gefragt, um es nicht doch noch eine Chance gäbe, wenn wir die Fans beruhigen könnten, doch er sagte nur Finish, Finish, Finish. Es gab keinen weiteren Versuch, das Spiel noch einmal aufzunehmen“, sagt Gojko Kacar.

Die gesamte serbische Mannschaft ging an den serbischen Block, um für Ruhe zu sorgen, aber alle Spieler waren chancenlos. Diese skandalösen Vorfälle hatten sich schon beim EM-Qualifikationsspiel Serbien gegen Estland (1:3) am Freitag angedeutet. Einen Tag vor der Parade von Homosexuellen in Belgrad gab es auch während des Länderspiels Pfiffe und Proteste gegen die Veranstaltung. Am Tag danach, bei der so genannten „Love-Parade“, gab es dann auch schwere Ausschreitungen in Belgrad, es gab Straßenkämpfe mit der Polizei. Und mit dieser aggressiven Stimmung im Rücken traten die Fans dann offenbar die Reise nach Genua an. Das Ergebnis war der Spielabbruch. Und ein handfester Skandal im europäischen Spi´tzenfußball.

„Schade, ich hatte mich so sehr auf dieses Spiel gefreut, auf ein Spiel gegen Italien habe ich mein ganzes Leben lang gewartet“, sagt Gojko Kacar, dem der Schock noch immer deutlich anzusehen ist. Der HSV-Spieler wirkt sehr blass, müde und äußerst nachdenklich. Er sagt: „Ein paar Spieler von uns haben wirklich große Angst gehabt. Ich bin nun drei Jahre in der Nationalmannschaft, in dieser Zeit hat es aber nie solche Probleme gegeben.“

Wesentlich erfreulicher ist Heiko Westermann von der Länderspiel-Tour nach Hamburg zurückgekehrt. Zwei Siege, zwei Spiele über 90 Minuten – und das zweite Kind der Familie Westermann ist in der Zeit, als der Papa 4000 Kilometer von zu Hause entfernt war, auch nicht zur Welt gekommen. Das ist Timing. Nun wird Heiko Westermann darauf hoffen, dass er auch beim Mainz-Spiel am Sonnabend dabei sein kann, denn eines steht für ihn fest: „Ich will auf jeden Fall bei der Geburt dabei sein.“ Hoffentlich passiert das dann nicht an diesem Sonnabend.

Der DFB-Trip nach Kasachstan war eine kleine Tortur – für alle Beteiligten. Kurios: Die Nationalmannschaft, die am Montag aus Deutschland abgeflogen war, stellte die Uhren nicht um, sondern lebte weiter in der „deutschen Zeit“. Für vier Stunden hielten sich die Spieler nach dem 3:0-Sieg noch im Hotel auf, um 4.30 Uhr (immer noch deutscher Zeit) flog das Team dann in die Heimat zurück – und an Bord des Jets konnte dann eine Mütze voll Schlaf genommen werden. Nicht wirklich angenehm, dieser Abstecher.

Dass Westermann für Deutschland zweimal auf der von ihm ungeliebten Linksverteidiger-Position zum Einsatz kam, nahm er gelassen hin: „Der Bundestrainer hat vorher mit mir gesprochen, mir war das auch irgendwie klar, dass ich dort spielen muss. Der Trainer wollte mich ja eigentlich auch schon bei der Weltmeisterschaft als Linksverteidiger spielen lassen, aber dann habe ich mich ja so verletzt, dass ich nicht dabei sein konnte.“ Beim HSV wird der Kapitän aber nie hinten links zum Einsatz kommen, das ist so mit Trainer Armin Veh abgesprochen, und das sieht auch Westermann so: „Meine Position ist die des Innenverteidigers.“

Ich habe ihn nach den Rasen-Verhältnissen in Astana gefragt, denn es wurde dort ja auch Kunstrasen gespielt. „Wir in Deutschland brauchen keine Kunstrasen-Stadien, in Kasachstan ist das anders. Da gibt es im Winter minus 40 Grad, da wächst kein Rasen. Wir haben in Astana ja in einer Halle gespielt, die auf 15 Grad geheizt war, draußen waren es wohl null Grad. In Kasachstan ist Kunstrasen sinnvoll, aber für Deutschland und die Bundesliga wäre das aber Quatsch“, sagt Westermann. Zu den Bedingungen, auf diesem Rasen spielen zu müssen, befand der Abwehrspieler: „Es ist schon eine Umstellung, ganz klar. Da verspringt dir kein Ball, aber ich finde das gehört zum Fußball, dass auf einem nicht so ebenen Rasen auch mal ein Ball verspringt.“ Alle Nationalspieler haben auf dem weichen Kunstrasen mit Nocken gespielt. Und immer dann, wenn der Ball aufsprang, sah man als Fernsehzuschauer einen schwarzen Punkt. Westermann: „Das ist schwarzes Granulat, sieht aus wie Teer.“ Kurios, dass er auch noch sagt: „Man sollte auf diesem Rasen nicht unbedingt grätschen, denn dann kann es sein, dass am Oberschenkel ein wenig die Tapeten ab sind.“ Man stelle sich mal vor: Künftig werden weltweit alle Länderspiele auf Kunstrasen ausgetragen, und deshalb darf oder wird nicht mehr gegrätscht!

In Mainz wird aber natürlich auf Naturrasen gespielt. Und das ist auch gut so. „Wir gehen nicht als klarer Favorit in diese Partie. Es wird ein schönes Spiel, es sollte sich jeder auf diese 90 Minuten freuen, es ist herrscht immer eine riesige Stimmung in Mainz, und die 05-Mannschaft ist sehr heimstark, spielt ein gutes Pressing, die Mainzer haben einen wunderbaren Lauf, sind sehr gut in der Offensive – wir müssen höllisch gewarnt sein und alle sehr gut mitmachen“, sagt Westermann.

Auch der Nationalspieler spricht davon, dass der HSV vom Namen her besser besetzt ist als Mainz: „Das sieht doch wohl jeder.“ Aber Westermann sagt auch: „Das Ding ist nur, dass man viel sagen kann. Man muss das aber auch auf dem Platz umsetzen, wichtig ist, dass wir unsere Stärke auch auf dem Platz zeigen, wir müssen Taten auf dem Platz für uns sprechen lassen, und nicht Worte in der Zeitung.“ Genau so ist es. Und Fußball-Deutschland wird am Sonnabend ganz sicher nach Mainz blicken, wie sich der HSV dort aus der Affäre ziehen wird. Nicht nur in der Tabelle, sondern auch in Sache Image kann der HSV mit einem Erfolg am Bruchweg einen Satz nach vorne machen.

Schnell noch zur HSV-Verletzten-Lage: Mladen Petric hat heute nicht mit der Mannschaft trainiert, Eljero Elia (Fersenprobleme) und David Jarolim fehlten ebenfalls auf dem Platz, Eric-Maxim Choupo-Moting lief lediglich durch den Volkspark. Ihren Einsatz gegen Mainz schließe ich (fast, bis auf „Choupo“) aus. Dafür mischte aber Jonathan Pitroipa wieder voll mit, seinem Einsatz am Sonnabend dürfte wohl nichts mehr im Wege stehen. Dennis Aogo, der heute eigentlich aus Berlin (Leisten-OP) zurückkehren sollte, ist natürlich auch noch lange kein Thema für einen Einsatz. Ganz am Rande des heutigen Trainings (Aufwärmen, fünf gegen zwei, Spielzüge über die Flügel, Flanken und Torabschluss) drehte heute Tunay Torun seine Runde, er muss sich wohl noch ein wenig gedulden, bevor er wieder mit den Kollegen an den Ball darf. Übrigens: Den Hoch-und-weit-Preis” des Tages verdienten sich diesmal (beim Torabschluss) Marcell Jansen und Collin Benjamin, sie droschen ihre Bälle über den großen Fangzaun in den Volkspark hinein. Ob sie noch gefunden wurden?

19.58 Uhr