Tagesarchiv für den 8. Oktober 2010

“Uns Uwe” macht allen Dampf

8. Oktober 2010

„Wenn Uwe so etwas sagt, dann hat das immer Gewicht . . .“ Hat mir heute ein großer HSVer zugeflüstert. Uwe Seeler hat gesprochen, und demzufolge rauscht es im Blätterwald. Ganz gewaltig sogar. Und wenn das große Mittelstürmer-Idol so etwas sagt, dann ist das meistens erst der Anfang. „Uns Uwe“ geht voran, ich denke mal, dass sich in den nächsten Tagen auch einige andere HSV-Größen aus der Deckung wagen und noch nachlegen werden. Motto: „Recht hat der Dicke ja . . .“

Wer es immer noch nicht weiß, um was es geht, denn nicht alle lesen oder bekommen ja Hamburger Zeitungen, hier ein kleiner Ausschnitt von den Seelerschen Ausführungen. Im Interview mit ARD-Mann Gerhard Delling kritisierte der Ehrenspielführer:

„Fußball ist ein Mannschaftssport. Beim HSV ist noch keine Mannschaft zu sehen.“
„Unsere Probleme sind hausgemacht, das ärgert mich. Ein Verein muss ein Konzept haben, aber ganz ehrlich, ich erkenne nicht, was man will und was nicht. Wenn man sagt, dass man über zwei oder drei Jahre eine Mannschaft aufbauen will, dann steckt dahinter ein Konzept. Ich sehe so etwas aber nicht. Beim HSV gibt es jedes Jahr einen neuen Trainer, jedes Mal geht alles bei Null wieder los.“
„Der HSV muss sich einig werden: Wer ist für den Sport, wer für das Geschäft verantwortlich. Wenn alles in einer Hand liegt, wird es schwierig.“
„Selbst wenn es Personalprobleme gibt, stelle ich solche Qualität nicht auf die linke Verteidigerposition. Im Mittelfeld fehlen uns Leute, und Ze Roberto spielt links hinten – das muss mir mal einer erklären.“
„Es geht nicht, dass man einen Mladen Petric, der in der vergangenen Saison noch unser Torjäger war, nun auf die Bank setzt. Das kann man nicht machen.“
„Gegen Kaiserslautern hat sich die eine Hälfte der Mannschaft zu wenig bewegt, die andere Hälfte gar nicht.“
Wenn man weiß, was die Profis verdienen, das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt übrigens schon lange nicht mehr, muss man erwarten können, dass die Spieler zumindest 90 Minuten marschieren.“
„Wenn ich Elia so sehe, dann kriegst du ja einen Schreck.“
„Armin Veh sollte bald sagen: Es gibt nur eine Mannschaft, so bin ich am stärksten.“

Letzteres würde Veh wohl auch sehr gerne, aber er kann es bislang noch nicht. Der HSV-Coach sagt: „Eine Stammformation muss man eben erst einmal haben. Und wenn man die hat, dann kann man die anderen Spieler auch wegschicken . . .“ Veh weiter: „Wer hat denn eine Stammformation? Meistens die Klubs, die erfolgreich spielen. Und die keine verletzten Spieler haben, die keine Spieler mit Form-Problemen haben. Dann hat man einen Stamm. Aber wenn an nicht so erfolgreich spielt, verletzte Spieler hat, dann hat man keinen Stamm. Außerdem: Der Stamm ist bei mir immer der gesamte Kader. Und aus dem versuche ich dann, die besten Spieler heraus zu nehmen.“

Zum Thema Ze Roberto befand Armin Veh (noch einmal): „Uwe Seeler hat mit der Stammformation sicher auch Recht, aber die Chance auf eine Stammformation hatte ich ja gar nicht. Hinten links fiel von Beginn an Dennis Aogo aus, dann spielte dort Marcell Jansen, aber der fiel dann auch aus – so musste ich innerhalb der Mannschaft immer wieder verschieben. Wir hatten ja immer wieder personelle Probleme. Und das ändert sich ja auch nicht. Jetzt fällt David Jarolim wieder aus, auch Mladen Petric ist verletzt – da muss man dann eben immer wieder schustern. Es sei denn, man hat nie einen Verletzten, und man hat auch keine formschwachen Spieler.“ Veh weiter: „Man hat eine Stammformation immer dann, wenn man gewinnt. Es gibt ja keinen Trainer, der seine Mannschaft unverändert lässt, auch wenn sie viermal in Folge nicht gewonnen hat. Das wird so nicht funktionieren.“

Probleme hatte der HSV bislang auf der Position hinter Ruud van Nistelrooy. Da wurden Paolo Guerrero, Piotr Trochowski, Mladen Petric und Eljero Elia gewogen und für zu leicht befunden. Armin Veh: „Die Zehner-Position ist die einzige, wo oft gewechselt wurde, weil ich mit den Leistungen nicht zufrieden war, aber ansonsten haben wir doch relativ oft versucht, mit der gleichen Mannschaft zu spielen. Und zu Ze: Das liegt mir auch am Herzen, wenn er dort hinten spielt, dann passt es mir überhaupt nicht. Weil das auch nicht unser Spiel ist, das müssen wir dann nämlich umstellen. Das ist wie ein Puzzle, das man neu zusammensetzen muss – aber du bist nicht derjenige, der agiert, sondern der, der reagiert. Eben weil du verletzte Spieler oder auch formschwache Spieler hast.“

Und die hat der HSV nun einmal, da beißt die Maus keinen Faden ab. Ich beneide Veh nicht um seinen Job. Ich möchte aber irgendwann einmal das erreichen, was auch Uwe Seeler gefordert hat. Und das sind zweierlei Dinge: Ersten möchte ich einmal Kontinuität auf dem Trainerposten. Und zweitens möchte ich Spieler, die sich den Hinter aufreißen. Auch dann, wenn sie mal grottig spielen. Otto Rehhagel (den ich nicht mag, gebe ich zu) hat mir einst imponiert, als er die Bremer übernahm. War es sogar in der Zweiten Liga? Egal. Er sagte auf jeden Fall eines: „Jeder Spieler spielt mal schlecht, aber ich verlange dann auch, dass er sich 90 Minuten verausgabt, alles gibt. Ich möchte den Zuschauern ehrlichen Fußball präsentieren, und das wäre dann auf jeden fall ehrlicher Fußball. Wenn jeder Spieler 90 Minuten alles gibt – egal wie schlecht er auch spielt.“

Das auf die HSV-Mannschaft übertragen – das wäre es dann für mich. Aber, und da bin ich ganz bei Uwe Seeler, gibt beim HSV immer jeder Spieler auch alles? Und, was mich auch beschäftigt, ließe sich auch jeder Spieler von Armin Veh so richtig viel Dampf machen lassen? Wenn Veh ihn von außen antreibt, motiviert, ihm Beine macht? Auch da beschleichen mich leichte Zweifel. Da haben es die Herren Tuchel und Klopp im Moment wohl ein wenig einfacher.

Im Moment noch. Im nächsten Jahr wird alles anders. Beim HSV. Wenn es keine „Millionenden“ mehr gibt für (Welt-)Stars, wenn junge, hungrige, namenlose Talente gekauft werden müssen, weil ein kleines Loch in der Kasse klafft. Auf diese Zeiten freue ich mich schon . . .

Dass diese jungen Spieler dann schon aus dem eigenen (HSV-)Stall kommen, darf bezweifelt werden, aber auch das ist natürlich (m)eine Hoffnung. Ganz große Hoffnung sogar. Das Stichwort heißt doch „Ausbildung“. Und, auch da kann ich mich nur wiederholen, setze ich auf die von Urs Siegenthaler „eingesetzten“ Christopher Clemens (Scout) und Paul Meier (Nachwuchs-Chef), die es nun richten sollen. Die der Nachwuchsarbeit Dampf machen sollen. Und hoffentlich auch an den richtigen Bändern ziehen, um endlich einmal von diesem unsäglichen (aber jahrzehntelang treffenden) Begriff „Geldvernichtungsmaschine Ochsenzoll“ wegzukommen.

So, nun habe ich mich wieder einmal ein wenig „verquatscht“. Sorry. Ich wollte noch einmal auf Frank Rost eingehen. Der „Trapper“ unerstellte mir ja, dass der Keeper ein „Liebling“ von mir sei. Im Radio würden sie dazu sagen: „Tolle Aussage, aber leider total falsch.“ Ich erkläre es hier hoch und heilig: Frank Rost ist kein Liebling von mir. Und: Auch Piotr T. ist kein Liebling von mir, auch wenn das hier niemand glauben mag. Ich habe mit „Troche“ zum letzten Mal vor (!) der WM in Südafrika gesprochen, seit dieser Zeit gab es nicht ein Gespräch, natürlich auch kein Treffen. Ich glaube, dass wir uns nicht einmal „Hallo“ gesagt haben.
Um bei diesem Thema zu bleiben: Ich habe, das gebe ich zu, in dieser Mannschaft drei Lieblinge: Nummer eins: David Jarolim, weil er ganz einfach ein Vorbild-Profi und ein unwahrscheinlich herzlicher Mensch ist, von dem ich zudem zu 100 Prozent weiß, dass er die Raute fest in seinem Herzen trägt (das wird irgendwann in ferner Zeit ein Nähkästchen). Nummer zwei: Ruud van Nistelrooy. Ein Weltstar zum Anfassen, ohne Star-Gehabe, ohne Allüren, aber mit kernigen Ansichten zum Thema Fußball. Und die Nummer drei: Collin Benjamin. Er ist das Urgestein, immer zuverlässig, ohne den kleinsten Hauch von Arroganz. Solche Männer braucht der Klub.

Zum Thema Rost noch einmal zurück: Ich glaube, dass sich die Nummer eins schon einmal besser gefühlt hat. Weil er nicht besser gehalten hat, sondern souveräner. Aber ist es nicht so: Frank Rost wurden doch in diesem Jahr die Zähne gezogen. Er hat oft seinen Mund aufgemacht und dabei viele unbequeme Sachen gesagt. Diese Dinge haben vor allem der Vereinsführung nicht immer gepasst. Er hat es deswegen gesagt, weil er Änderungen herbeiführen wollte. Er hat Sachen öffentlich angeprangert, die er besser intern gesagt hätte. Dafür ist er abgewatscht worden. Und um solche Rostschen Exkurse in Zukunft zu verhindern (oder einzudämmen), wurde Jaroslav Drobny verpflichtet. Hat seit dem Sommer noch irgendjemand auch nur einen Ton von Frank Rost gehört? Nein. Ich sehe Frank Rost nur lächeln, oft strahlt er sogar. So, als hätte er viel, viel Weichspüler zu sich genommen. Aber hat sich schon jemand (von den HSV-Offiziellen, Trainern oder auch Fans) mal die Frage gestellt, ob sich dieser „neue“ Frank Rost auch zu 100 Prozent mit dieser Rolle identifizieren kann? Ob er sich so wohl fühlt, dass er auch 100 Prozent Leistung abrufen kann? Sollte sich vielleicht jeder einmal hinein denken – und sich dann auch fragen.

Armin Veh hat übrigens noch einmal das angekündigt, das er bereits vor der Saison gesagt hatte: „Frank Rost wird keine 34 Bundesliga-Spiele zwischen den Pfosten des HSV-Tores stehen, weil auch Jaroslav Drobny einige Spiele bekommen wird.“ Dieser Zeitpunkt rückt nun offenbar näher, denn nun bekräftigte Veh: „Es könnte gut sein, dass ich demnächst einmal Drobny in das Tor stellen werde, es kann dann sein, dass ich ihn dreimal spielen lasse.“ Die Begründung, warum der Trainer das machen will, folgte zugleich: „Erstens habe ich es vor der Saison verkündet, zweitens habe ich zwei Torhüter, die sich absolut auf Augenhöhe befinden, und drittens wird Drobny so für seine sehr guten Trainingsleistungen belohnt.“

Weil Torhüter ja ohnehin ein beklagenswertes Los haben, denn einer von zwei guten darf ja nur spielen. Auf die Frage, ob Armin Veh so für gute Laune (bei Drobny) sorgen will, sagte der Coach: „Ich bin hier nicht der Gute-Laune-Onkel. Die Spieler verdienen so viel Geld, die dürfen sich selbst bei Laune halten.“ Indem sie gute Leistungen anbieten, so dass sie sich förmlich aufzwingen: Stammformation heißt das Zauberwort. So schließt sich der Kreis.
Herzliche Grüße, Herr Seeler!

So, ganz zum Schluss, weil es mich auch persönlich sehr beschäftig hat, zur 100 000-Euro-Strafe für Paolo Guerrero. Ich finde diese Strafe sehr happig, aber ich frage mich auch, ob Guerrero den von der Flasche getroffenen Herrn wegen Beleidigung verklagt hat? Hat er nach meinen Informationen nicht, angeblich soll es keine „juristische Handhabung“ dafür gegeben haben, denn offenbar weiß niemand, was der pöbelnde Herr dem Peruaner zugerufen hat. Für mich bleibt ein ganz fader Beigeschmack bei dieser Sache, aber sie ist ja nun ein für alle mal abgeschlossen. Und damit Ende.

Zwei Minuten nach meienr Veröffentlichung finde ich in der Agentur eine Entgegnung von HSV-Boss Bernd Hoffmann. Die möchte ich Euch nicht vorenthalten, die DPA schreibt:

HSV-Chef Hoffmann wehrt sich gegen Seeler-Kritik

Nach der Kritik von Fußball-Idol Uwe Seeler am Hamburger SV setzt sich Clubchef Bernd Hoffmann zur Wehr. „Wir sind uns einig, dass wir in den vergangenen Jahren zu viele Trainer hatten und dass Kontinuität auf dieser Position wünschenswert ist“, sagte Hoffmann am Freitag. Tags zuvor hatte Seeler gerügt, der HSV sei konzeptionslos. „Ein Verein muss ein Konzept haben. Wenn man sagt, dass man über zwei oder drei Jahre eine Mannschaft aufbauen will, dann steckt dahinter ein Konzept. Ich sehe so etwas aber nicht. Beim HSV gibt es jedes Jahr einen neuen Trainer, jedes Mal geht alles bei null wieder los.“

In den vergangenen zehn Jahren wurden beim norddeutschen Fußball-Bundesligisten zehn Chef- bzw. Interimstrainer eingesetzt. „Dennoch hatten wir sportliche Erfolge zu verzeichnen. Dazu zählt aber auch eine durchgängige Ausbildung und Spielphilosophie, so wie wir sie in den vergangenen Monaten mit kompetenten Leuten entwickelt haben. Nun ist es die Aufgabe für das neue Team um Sportchef Bastian Reinhardt, dieses Konzept fest im Verein zu verankern“, erwiderte Hoffmann.

Nachdem DFB-Chefscout Urs Siegenthaler vor Saisonstart als Sportlicher Leiter beim HSVabgesagt hatte, wurde Ex-Profi Reinhardt diese Aufgabe übertragen. An seiner Seite sind seit September Christofer Clemens als Scoutingleiter und Paul Meier als Leiter des Leistungszentrums für den Nachwuchs tätig. Seeler monierte, dass es beim HSV eine Vermengung unterschiedlicher Bereiche gibt und klagte indirekt Hoffmann an: „Der HSV muss sich einig werden: Wer ist für den Sport, wer für das Geschäft verantwortlich. Wenn alles in einer Hand liegt, wird es schwierig.“

Trotz der Bilanz von elf Punkten in sieben Spielen sieht Hoffmann den HSVim Soll. „Wir haben eine gute Mannschaft, das hat sich unter Beweis gestellt und wird sich auch im Verlauf der Saison zeigen.“

13.12 Uhr (ergänzt um 13.17 Uhr)