Tagesarchiv für den 6. Oktober 2010

Torun tippt 2:1 – für die Türkei

6. Oktober 2010

„Ich habe auf jeden Fall ein gutes Gefühl.“ Und das gute Gefühl gilt nicht allein dem EM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen die Türkei, sondern seiner Gesundheit. Tunay Torun befindet sich auf dem Wege der Besserung. Der Kreuzbandriss ist verheilt, es geht mit dem jungen Türken stetig bergauf, am Freitag wird er deshalb nicht beim Spiel in Berlin sein, sondern in Augsburg. Dort lässt sich Torun bei dem Arzt, der ihn vor Monaten wieder „zusammengeflickt“ hat, das Knie untersuchen. Und wenn der Arzt dann grünes Licht gibt, dann steigt der 20-Jährige so langsam wieder ins Mannschaftstraining ein. Ganz vorsichtig, zunächst noch nicht alles mitmachend, aber die Belastungen immer steigernd. Schmerzen verspürt er heute nicht mehr, nur „hier und da zwickt es abends einmal, aber das ist ganz normal“.

Dass Torun das Länderspiel verpasst, das ist ärgerlich für ihn, aber er wird es verschmerzen: „Ich kann die erste Halbzeit noch auf dem Flughafen sehen, aber bekomme das Ende des Spiels dann nicht mehr mit. Leider. Aber es geht nicht anders, und das Knie geht eindeutig vor“, sagt Torun. Mit dem Knie in Augsburg, mit dem Herzen aber wird er trotz allem am Freitag in Berlin sein. Diplomatisch äußert sich der HSV-Profi, dessen Vertrag im nächsten Sommer auslaufen wird, wenn es um den Spielausgang geht: „Ich denke, dass beide Mannschaften bislang gut gespielt hat, beide Teams sind personell gut besetzt, ich hoffe, dass sich am Ende beide Länder für die EM qualifizieren werden – die Türkei als Gruppenerster. Ich glaube auch, dass die Türkei am Freitag 2:1 gewinnen wird. Da wir in Berlin ja Heimvorteil haben werden . . .“ Die deutsche Hauptstadt ist zugleich auch die Hauptstadt der in Deutschland lebenden Türken. Obwohl Torun auch sagt: „Egal, in welcher Stadt in Deutschland dieses Spiel stattfinden würde, es wäre immer ein Heimspiel für die Türkei – weil wir einfach zu fußballverrückt sind.“

2012, die EM, ein Ziel auch für Tunay Torun? Der türkische U-21-Nationalspieler sagt: „Ich möchte mich in erster Linie beim HSV wieder herankämpfen, ich möchte zur alten Form zurückkommen, vielleicht sogar noch besser sein, dann wird man sehen. Irgendwann möchte ich schon einmal in der türkischen A-Mannschaft spielen.“ Seine ersten fußballerischen Schritte will er in diesem Jahr dann zunächst bei der Regionalliga-Mannschaft von Rodolfo Cardoso machen, um wieder in Form zu kommen, dann wird ganz sicher auch über eine eventuelle Vertragsverlängerung gesprochen. Torun: „Die Klub-Führung hat mir signalisiert, dass sie mit mir verlängern wollen. Ich warte ab, habe aber auch keine Zukunftsängste.“ Irgendwie wird es schon weitergehen für ihn, wenn ein Vertrag ausläuft, hat der Spieler meistens die besseren Karten. Auch trotz eines Kreuzbandrisses.

Wieder etwas bessere Karten hält seit dem Spiel gegen Kaiserslautern Guy Demel in Händen. Weil Trainer Armin Veh dem Demel-Ersatz Tomas Rincon keine gute Benotung zukommen ließ („Er hat sicher nicht gut gespielt“), und weil der Kämpfer aus Venezuela auf Länderspiel-Weltreise ist. Das wirft Rincon wieder zurück, so dass für das Mainz-Spiel wieder mit „Guiiiiiiiiiiiiiee“ hinten rechts zu rechnen ist. Der Abwehrspieler steht nach seiner Viruserkrankung nun wieder im Training, und er fühlt sich wieder besser, nicht mehr so schlapp und müde wie noch vor einigen Tagen. Und wenn er sportlich über sich selbst spricht, dann sieht er sich etwas anders, als es zurzeit in der Öffentlichkeit gesehen wird. Demel sagt über seine Form: „Ich bin nicht ganz zufrieden mit mir, aber ich sehe meine Form so wie die Entwicklung der Mannschaft. Mal gut gespielt, mal nicht so gut gespielt – aber die Saison ist noch lang, das wird sicher noch besser.“

Bei der 2:3-Niederlage in Bremen stand Guy Demel am langen Pfosten und sah zu, als Werders Stürmer Almeida das Siegtor schoss. Heute sagt Demel dazu: „Es war, so denke ich, ein Fehler, dass ich in der Szene vor dem Tor stehen geblieben bin. Es war sicher eine Kette von Fehlern, aber ich weiß, dass ich hätte da sein müssen, als Almeida an den Ball kam. Ich dachte, der Ball würde nicht bei ihm ankommen – aber man soll wohl nicht denken . . .“ Besser wäre es gewesen, wenn Demel durchgelaufen wäre, um den Portugiesen beim Torabschluss zu behindern. Der Mann von der Elfenbeinküste dazu rückblickend: „Das sollte nicht passieren, aber es kann mal passieren. Dennoch denke ich, dass ich nicht schlecht gespielt habe.“ Dann sagt Demel an die Hamburger Presse gerichtet: „Ihr habt mich schlecht gesehen, und da bin ich nicht einverstanden mit euch. Es war ein Fehler, es war vielleicht sogar ein großer Fehler von mir, aber das heißt nicht, dass ich schlecht gespielt habe.“ Dann fügt Guy Demel noch hinzu: „Zu meinem Spiel gehört Laufbereitschaft, Zweikämpfe, viele Pässe nach vorne – und da kann man doch nicht sagen, dass ich schlecht war. Natürlich, ich hatte ein, zwei Fehler drin, ich bin auch nicht ganz zufrieden mit mir, aber schlecht war ich trotz allem nicht.“ Dann nennt er sogar noch einen gewichtigen Zeugen: „Torsten Frings hat zu mir nach dem Spiel gesagt, dass wir in Bremen sehr gut gespielt haben . . .“

Dass die Defensivarbeit derzeit beim HSV schwach ist, das hat auch Guy Demel erkannt, denn er sagt: „Wir bekommen einfach zu viele Gegentore, das müssen wir besser machen, das können wir auch besser machen, denn in unserer Mannschaft steckt sehr viel Potenzial. Wir müssen noch Geduld haben, wir werden daran arbeiten, wir müssen die individuellen Fehler abstellen, und wir müssen schneller umschalten, damit wir nicht ständig so großen Druck in unserem Strafraum zu bekommen.“

Ganz andere Sorgen hat sicherlich derzeit Romeo Castelen. Erst hatte er jahrelang mit seinem linken Knie Probleme, musste mehrfach daran operiert werden, nun in diesem Sommer war es das rechte Knie. Aber der Niederländer, ein kleiner Mann, aber ein riesiger Mensch, lässt sich nicht entmutigen, er kämpft weiter. Castelen will es sich beweisen, und er will es den Hamburgern zeigen, dass er noch immer ein guter Fußballer ist. Mein Kollege Alexander Laux wird zu diesem Thema einen großen Bericht ins Abendblatt stellen, deswegen werde ich nur kurz auf dieses Thema eingehen.

Castelen konnte seine Krücken schon wieder in die Ecke stellen, und er wird sich nach dieser Woche auch von der Schiene, die sein Knie strecken soll, trennen. Und dann wird er mit der Reha beim HSV beginnen. „Ich werde hart arbeiten, aber ich werde es langsam angehen lassen. Damit ich nicht wieder einen Rückschlag bekomme. Vom Kopf her bin ich jetzt ruhiger geworden.“ Auch deshalb, weil der US-Doktor ihm gesagt hat, dass er wieder wird Fußball spielen können. „Wenn man die Reha aufnimmt, dann hat man immer die Hoffnung, dass es schnell gehen könnte – ich hoffe aber darauf, dass ich noch in dieser Saison wieder für den HSV spielen werde.“

Woher nimmt dieser Mann, der so viele Rückschläge erlitten hat, nur die Kraft? Er sagt: „Mir hilft Gott, mir hilft meine Familie, auch der Verein und viele Leute, mit denen ich gar nicht gerechnet habe“, sagt Romeo Castelen, der jeden Tag in der Bibel liest und auch dadurch stets Kraft tankt, um sich gegen vielen Verletzungen stemmen zu können. Zu jenen Leuten an die er nicht unbedingt gedacht hat, zählt auch der Augsburger Stürmer Nando Rafael. Castelen sagt: „Wir haben früher einmal gegeneinander gespielt, einmal, danach nie wieder, aber er schickte mir nun ein Buch über Gott, dass mir bei der Genesung helfen und Kraft geben soll. Das ist doch einmalig, dass er an mich denkt und mir hilft.“ In der Tat. So viel Menschlichkeit ist im oft so eiskalten Profi-Sport doch etwas Seltenes. Aber, diese Hilfsaktion belegt es eindrucksvoll, so etwas gibt es dennoch. Bravo!

Darüber hinaus bewundere ich Romeo Castelen, den 27-jährigen Flügelflitzer, der bei den HSV-Fans nach wie vor unheimlich beliebt ist – weil er ein Profi zum Anfassen ist, nett und unkompliziert. Ich drücke ihm ganz fest die Daumen, dass er das Comeback, das er schon so oft in Angriff genommen hat, diesmal auch tatsächlich schafft, und ich bin sicher, dass es die meisten „Matz-abber“ auch tun werden.

So, zum aktuellen Fußball: Beim Training heute fehlten David Jarolim (Muskelfaserriss) und Dennis Diekmeier. Der Abwehrspieler hat Fußschmerzen, und „Jaro“ hat einen Riss im Oberschenkelübergang erlitten, eine, so der HSV, ganz ungünstige Stelle – was für mich bedeutet, dass wir den Tschechen längere Zeit nicht auf dem Rasen sehen werden. Die Pause wird auf zwei bis vier Wochen beziffert, und dann muss sich der Dauerläufer ja auch erst wieder an die Teamkollegen herankämpfen.

Beim Training waren heute acht Feldspieler: Collin Benjamin, Lennard Sowah, Ze Roberto, Piotr Trochowski, Muhamed Besic, Paolo Guerrero, Guy Demel und Robert Tesche, dazu die Torhüter Frank Rost, Jaroslav Drobny und Tom Mickel. Zuerst gab es heute das „Fünf-gegen-zwei“-Spiel, dann Pässe in jeglicher Form, Kopfballspiel zu zweit, dann wurde sich der Ball halbhoch zugespielt, eine Ballannahme und der Rückpass halbhoch dann mit dem anderen Fuß. Nach einer Stunde stand dann ein Spiel fünf gegen fünf mit Toren auf dem Programmplan. Nachmittags liefen die Spiel dann durch den Volkspark.

Zwei Rekonvaleszenten waren auch am Start: Tunay Torun und Heung Min Son, der heute sogar schon einmal am Ball war. Aber nur sitzende, beziehungsweise liegend. Dann warf ihm Reha-Trainer Markus Günther den Ball zu, und der Koreaner musste sich aufrichten und zurück köpfen. Gut für die Bauchmuskulatur. Nach dem Training stand Son dann absolut im Mittelpunkt, denn die vielen Hamburger Schüler, die zurzeit Ferien genießen, wollten sein Autogramm. Und Son schrieb, schrieb, schrieb und schrieb. Lächelnd und mit einer Engelsgeduld. Und posierte nebenbei auch für viele, viele Fotos mit den jugendlichen Fans. Was mir auffiel: Son schrieb immer seinen vollen Namen aus. Wenn ich da so an den Nationalspieler Özil denke, den ich kürzlich per Fernsehen mal dabei beobachten konnte, wie er seine Autogramme schreibt: nur ein kurzer Haken und weiter geht’s . . .

So, nun werde ich noch schnell „innerbetrieblich“. Der „Matz-abber“ „HoffmannFreund“ fragte mich, warum der zwölfte Bundesliga-Spieltag noch nicht terminiert sei, woran das liegt, ob das auch mit dem Fernsehen zusammenhängt? Ich habe deshalb mit Götz Bender von der DFL telefoniert, der mir sagte: „Wahrscheinlich werden wir den zwölften Spieltag – und dann die gesamte Hinrunde – noch in dieser Woche festlegen, spätestens aber zum Beginn nächster Woche.“ Dass die Fans unter Zeitdruck stehen, um Reisen planen und auch buchen zu können, das weiß die DFL, aber, so Götz Bender: „Manchmal sind uns international die Hände gebunden.“ Wegen der Europapokal-Spiele. Der Mann von der DFL weist aber die Vermutung zurück, dass das Fernsehen schuld an der so späten Terminierung sein könnte: „Wir, die DFL, wir machen die Ansetzungen, wir stehen nicht unter dem Diktat des Fernsehens.“ Gut zu wissen. Und jetzt soll es ja auch mit dem Rest des Jahres schnellstens losgehen. Danke, Herr Bender!

Ein anderes Thema: Kürzlich schrieb ich ja, dass hier auch ehemalige St.-Pauli-Profis mitlesen. Wie Uwe Eikmeier und „Altmeister“ Herbert Kühl. Ich verschwieg Euch dabei den Namen Rolf Höfert, einst Kapitän der „Braunen“ (und in der Jugend mein Gegenspieler, er bei Paloma, ich bei BU). Höfert lebt als Unternehmer schon seit Jahrzehnten in der Schweiz, liest aber täglich „Matz ab“ und schrieb mir heute zum Thema „Reden auf dem Platz“:

Moin Dieter,
alles klar bei Dir? Der HSV hat ja kleinere Probleme, aber Ende der Saison 2010-11
sind sie an mindestens sechster Stelle – und ich gewinne gegen einen guten Freund und großen HSV-Fan
mal wieder 50 Euro. Lese ja viel von Dir, gestern betraf es das „untereinander sprechen, Anweisungen geben auf dem Platz“. Ich kann mich an 1976-77 erinnern, den Bundesliga-Aufstieg mit St. Pauli. Wir hatten ja eine ganz junge Mannschaft mit Mannebach, Oswald, „Buttje“ Rosenfeld und anderen. Da war ich nach dem Spiel oft so kaputt vom Reden, mehr als vom Spielen. Die anderen sind dafür gerannt – die Mischung muss stimmen, und im Moment stimmt die Mischung beim HSV nicht so ganz, denke ich aus der Ferne.
Grüzi aus der sonnigen Schweiz, aber Sonne habt Ihr ja auch, siehe den Eisverkäufer beim HSV-Training.

Rolf Höfert ist durch „Matz ab“ immer auf Ballhöhe . . .

18.18 Uhr