Tagesarchiv für den 5. Oktober 2010

Sechs Feldspieler, sechs Offizielle

5. Oktober 2010

Wegen Überfüllung geschlossen! Das trifft aber zurzeit nicht auf den HSV zu, im Gegenteil. Heute tummelten sich sechs Feldspieler und sechs Offizielle auf dem Trainingsrasen im Volkspark herum. Collin Benjamin, Muhamed Besic, Ze Roberto, Robert Tesche, Dennis Diekmeier und Lennard Sowah. Auf der „Gegenseite“ standen: Armin Veh, Co-Trainer Reiner Geyer, Leistungsdiagnostiker Manfred Düring, Co-Trainer Michael Oenning, Torwart-Trainer Ronny Teuber (der einmal zeigte, dass er sehr wohl mit dem Ball jonglieren kann) sowie Physiotherapeut Uwe Eplinius. Dazu bewegten sich die Torhüter Jaroslav Drobny und Tom Mickel in der schönsten Herbstsonne über den Rasen, es sahen 150 Trainingskiebitze zu, die ab und an das Gelände verließen, um sich ein Eis zu holen. Der Eisverkäufer in seinem roten Auto machte an diesem 5. Oktober 2010 das Geschäft seines Lebens, er hätte eigentlich ein Schild an seine Scheibe hängen können: Wegen Überfüllung geschlossen . . .

Aber: Grundsätzlich bedauere ich Armin Veh. Wie soll er seine Mannschaft unter solchen Umständen vernünftig trainieren, wenn gerade sechs Feldspieler mitmachen? Guy Demel, Marcell Jansen und Paolo Guerrero liefen durch den Volkspark, Dennis Aogo, Mladen Petric, Heung Min Son und Tunay Torun sind noch länger verletzt, fallen auch noch länger aus, ihr Zustand ist unverändert. Piotr Trochowski weilte mit Genehmigung der Vereinsführung und des Trainers in Berlin, um sich – gemeinsam mit der Nationalmannschaft – das Silberne Lorbeerblatt abzuholen. Auf die Frage, die ganz sicher kommt, wieso „Troche“ denn das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland erhielt, nur kurz die Antwort: Für den großartigen Einsatz der deutschen Fußballer bei der WM in Südafrika 2010. David Jarolim war wegen seines Muskelfaserrisses zur Kernspintomografie, Frank Rost war auch nicht auf dem Rasen zu sehen, aber ich denke mal (da es keine Erklärung dafür gab), dass der Keeper im Kraftraum gearbeitet hat.

Übrigens, bei der Gelegenheit: Am Mittwoch wird um 10 und um 16 Uhr trainiert, Donnerstag und Freitag jeweils um 10 Uhr, das Wochenende ist dann frei.

Wir hatten heute das Vergnügen, mit Armin Veh sprechen zu können. Oder plaudern zu können. Schon mal ein wenig über Mainz, und auch über dies und das und jenes. „Mainz hat eine junge Mannschaft, die lacht, die läuft, die sich freut, die mit Begeisterung bei der Sache ist – und die gewinnt. Mainz hat einen Lauf“, sagt Veh und fügt an: „21 Punkte nach sieben Spieltagen, das ist schon mal eine Hausnummer. Wenn sie 21 Punkte nach dem achten Spieltag hätten, wäre es mir auch recht. Dann wüsste ich nämlich, dass wir 14 Punkte haben.“ Kann dies Mainzer Mannschaft aber die Sensation schaffen, kann 05 in dieser Saison Meister machen? Veh: Das glaube ich nicht. Für mich ist Borussia Dortmund ein ganz heißer Kandidat, die schätze ich ganz stark ein. Eine junge Mannschaft, die haben noch nichts erreicht, die geben 90 Minuten Gas, haben dazu auch noch richtig Qualität – die haben schon was, die jungen Dortmunder. Die erinnern mich an meine Stuttgarter Meistermannschaft, das war es ähnlich, die hat auch mit Begeisterung und Leidenschaft Berge versetzt. Nein, Mainz glaube ich nicht, aber Dortmund könnte es schaffen.“

Leidenschaft, Begeisterung, junge Mannschaft, 90 Minuten unterwegs, Berge versetzen? Ich fragte Armin Veh, was den Unterschied zum HSV ausmacht? Die Antwort des Trainers: „Prinzipiell kann man das gar nicht beantworten. Wenn ich an Otto Rehhagels Mannschaften denke, die waren immer recht alt im Durchschnitt, aber hatten auch immer Erfolg. Momentan aber sieht es schon so aus, als würden Mainz oder Dortmund einen anderen Fußball spielen.“ Vehs Erklärungen: „Es will ja keiner mehr hören, aber die WM spielt schon noch immer eine gewisse Rolle, denn die jungen Spieler aus Mainz oder Dortmund nahmen nicht an der WM teil. Und zudem haben jene Mannschaften, die von den Experten ganz oben in der Liga erwartet wurden und werden, einen ganz anderen Druck, unter dem sie spielen. Mainz und Dortmund können frei und unbeschwert aufspielen, aber die Favoriten die gehen schon mit der Belastung, gewinnen zu müssen, in jede Partie.“ So wie zuletzt der FC Bayern in Dortmund. Und dann spielt eben auch ein solcher Favorit nicht unbekümmert auf, sondern denkt (leicht mal) und verkrampft (auch gelegentlich).

Für Armin Veh steht fest: „Das ist eine mentale Sache. Wenn man keinen Druck hat und gewinnt, dann steigert man sich schnell mal in einen Lauf. Das sieht man doch auch, die Begeisterung, wie die sich freuen, wie sie tanzen, wie sie Spaß haben.“ Und dieser Spaß verleiht Mainz und Dortmund im Moment eben Flügel. Während sich der HSV mühsam über die Runden „quält“. Veh sagt über sein Team: „Wir haben zuletzt sicher kein gutes Spiel gemacht, aber ich habe uns gegen Wolfsburg und in Bremen gut gesehen, nur haben wir diese Spiele verloren. Wir standen gegen Kaiserslautern unter Druck, und wir haben die ganze Woche auf dieses Spiel hin trainiert – und dann wird alles bereits nach zwei Minuten mit dem 0:1 über den Haufen geworfen.“ Dann fügt Armin Veh noch ein Beispiel an, wie es auf dem Rasen zuging: „Nach zwei Minuten war alles vergessen, was wir besprochen hatten, da spielte Jonathan Pitroipa Mittelstürmer und Eric-Maxim Choupo-Moting Rechtsaußen. Wir hatten es anders besprochen, aber plötzlich war der Druck noch einmal erhöht, und dann werden Dinge gemacht, die man normal nicht macht. Und da sind wir dann nicht so klar, dass wir trotz eines 0:1 dann unsere Linie durchziehen. Obwohl ich auch zugeben muss, dass wir eigentlich schon so klar sein müssten.“

Meiner Meinung nach fehlt dieser HSV-Mannschaft dann die ordnende Hand auf dem Rasen. Ein Spieler, der zur Ordnung aufruft, und der vorbildlich voran geht. Darüber sprach ich ja kürzlich mit Joris Mathijsen, der ja eine Leitfigur des HSV ist. Ich fragte den Niederländer, ob auf dem Platz mehr miteinander gesprochen werden müsste, und er antwortete – für mich etwas überraschend – wie folgt: „Wenn man auf dem Platz sprechen muss, dann ist etwas schief gelaufen. Das wird alles vorher besprochen, und dann muss es umgesetzt werden. Denn wenn man auf dem Rasen steht und fast 60 000 Zuschauer sorgen für Lärm, dann versteht man einfach nichts.“ Trotz allem bin ich der Meinung, dass mehr miteinander kommuniziert werden müsste, auch während des Spiels. Ich gehe jetzt sehr weit zurück, wenn ich sage, dass ein Uwe Seeler während der 90 Minuten stets für Ordnung auf dem Platz gesorgt hat. „Uns Uwe“ hat gebrüllt, geschrieen, gestikuliert, und er ist zur Not auch mal von Mann zu Mann gelaufen, um wach zu rütteln. Horst Hrubesch hat es später ähnlich gemacht. Aber aus der jüngeren Vergangenheit fallen mir keine solche Führungsspieler mehr ein. Auch diese Typen sterben langsam aber wohl doch sicher aus.

Armin Veh zu diesem Thema: „So ist es, es gibt kaum noch solche Spieler. Da muss man rein wachsen als Spieler. Aber dieses Thema kommt immer wieder auf – wenn es nicht läuft. Dann sagt man, dass ein Spieler fehlt, der mal so richtig auf den Putz haut. Wenn es läuft, braucht man einen solchen Spieler nicht, aber wenn es nicht läuft, dann bräuchte man mehrere Typen davon. Aber es gibt sie nicht mehr.“ Wobei ich denke, dass Ruud van Nistelrooy diese Rolle beim HSV (möglichst bald, möglichst sofort) übernehmen könnte, denn gegen Kaiserslautern gab es bei ihm bereits einige recht gute Ansätze diesbezüglich zu sehen. Veh: „Der Ruud wäre ein solcher Spieler, aber er steht dafür zu weit vorne. Das müsste eigentlich ein Spieler sein, der zentral im Mittelfeld spielt.“ Die aber sind beim HSV ganz sicher keine „Lautsprecher“ und keine Verbal-Akrobaten, um die Kollegen zu führen oder auch mitzureißen. Armin Veh abschließend zu dieser Problematik: „Man muss aber auch nicht immer reden. Man muss ordnen. Eine Mannschaft ist immer nur gut, wenn sie zusammenbleibt. Sobald man auseinander bricht, sobald man Lücken hat, bekommt man immer Probleme.“

Apropos: Für Armin Veh könnte es demnächst unruhige Zeiten geben, denn Mainz und Bayern, die nächsten Aufgaben des HSV, dazu das Pokalspiel in Frankfurt, das sind schon hammerharte Aufgaben. Da kann niemand davon ausgehen, dass der HSV alle drei Partien gewinnen muss. Und gerade in Hamburg hat es dann ein Trainer noch etwas unangenehmer, weil der HSV seit Jahrzehnten (ich schreibe extra nicht, wie lange es schon her ist!) keinen Titel mehr geholt hat. Das ist nur vergleichbar mit Schalke 04. Veh flüchtet sich in Galgenhumor: „Es stehen, wir kennen dieses Spielchen ja schon seit Jahren, permanent 16 Klubs in der Krise, es ist ja immer das Gleiche. Aber die Sehnsucht nach einem Titel kann man nur abstellen, indem man mal einen holt. Aber nicht immer nur sprechen, man muss es auch mal tun. Nur in der jetzigen Situation spricht natürlich von uns niemand über den Titel.“ Veh fügt scherzend an: „Vielleicht ist das alle Taktik . . . Ja, wer weiß es schon?

Dann wies Armin Veh noch einmal darauf hin, wie wichtig der (Dusel-)Sieg gegen Lautern war. Der Coach hatte danach gesagt, dass er zwar nicht mit dem Spiel seiner Mannschaft, sehr wohl aber mit dem Sieg einverstanden war. Weil letztlich nur Ergebnisse im (Profi-)Fußball zählen. Heute wiederholte Veh diese Aussage, fügte aber hinzu: „Allein das Ergebnis kann es auch nicht sein. Es ist es zwar, aber will schon noch Fußball sehen, und ich will auch eine Handschrift sehen.“ Seine Handschrift. Aber wie soll die zu sehen sein, wenn er nun über eine Woche lang mit nur sechs Spielern trainiert?

Ganz kurz noch zu Gojko Kacar. Er steht laut Veh zurzeit ja nur bei 75 Prozent. Ihr habt hier mehrfach gefragt, wie das angehen kann, und Armin Veh sagt erklärend: “Gojko ist etwas später ins Trainingslager nach Längenfeld gekommen, er kam auch von der WM. Und: Sind ein Jansen, ein Trochowski, über Aogo müssen wir gar nicht erst reden, und all die anderen denn bei 100 Prozent? Ich sehe das nicht. Ze Roberto oder Ruud van Nistelrooy, die sind bei 100 Prozent, weil die die siebenwöchige Vorbereitung komplett mitgemacht haben. Und dann wären wir auch schon wieder bei Mainz und Dortmund. Diese Spieler waren eben nicht bei der WM und konnten früher mit der Vorbereitung beginnen.” So schließt sich dann der Kreis.

Und dann noch ein kurzer Schlenker zur 100 000-Euro-Strafe für Flaschenwerfer Paolo Guerrero. Der Peruaner, der diese (für mich viel zu hohe) Strafe ohne Prozess akzeptierte, erklärte dazu: “Ich habe mein Bedauern zu diesem Flaschenwurf mehrfach erklärt, jetzt habe ich eine Entscheidung getroffen, um wieder nach vorne zu gucken, um mich auch wieder auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Das ist das Sportliche, die andere Geschichte möchte ich nun hinter mir lassen.” Und das ist dann auch ganz gut so.

So, nun ganz zum Schluss noch einmal kurz in eigener Sache. Für den 5. November, der Tag, an dem Uwe Seeler Geburtstag hat, ist nun das nächste “Matz-ab”-Treffen geplant. Und zwar ist das ein Freitag (vor dem Hoffenheim-Spiel im Volkspark), um 19 Uhr in der Raute. Es war tatsächlich der letzte Termin, an dem noch frei war. Danach sind Skatturniere und Ähnliches geplant, dann auch schon die ersten Weihnachtsfeiern angesetzt.

20.38 Uhr