Tagesarchiv für den 4. Oktober 2010

Von 75, 80, 90 Prozent – und mehr

4. Oktober 2010

Meine Güte. So schlecht war der 2:1-Sieg des HSV gegen Kaiserslautern nun auch wieder nicht, als dass jetzt wieder aus allen Rohren geschossen werden muss. Ätzend, mit welchen Ausdrücken und Begriffen hier wieder HSV-Fans gegen HSV-Fans zu Werke gehen, aber das muss wohl so sein. Genau so der Herr Architekt, der bei solchem Schlagabtausch sofort seine Chance wittert, um wieder einige ganz alte Hüte über Schwule und das Schwulsein im Allgemeinen los zu werden. Wie primitiv ist das denn? Schlimm genug, dass dann immer noch einige User voll darauf eingehen und immer kräftig mitmachen. Motto: Herr Lehrer, ich weiß wer noch schwul ist . . . Wirklich ganz, ganz erbärmlich. Es geht hier um den HSV. Und um Fußball. Nicht um Arschlöcher, Idioten, Spinner, Schwule und was sonst noch. Hier lesen doch nicht nur Rentner mit, sondern auch Kinder, was sollen bloß die von solchen „Erwachsenen“ halten?

So, zum Fußball. Vielen Dank sage ich all denjenigen, die sich ernsthaft und ideenreich mit meiner Frage, warum die letzten Trainer keinen dauerhaften Erfolg für den HSV brachten, auseinander gesetzt haben. Da waren sehr gute Ansätze zu lesen – und auch viel Wahres. Hoffentlich lesen die HSV-Verantwortlichen auch in dieser (mich total störenden) Länderspiel-Pause mit.

In zwölf Tagen geht es gegen Mainz. Schließt sich dann der Kreis? Wenn Eljero Elia auf Noveski trifft? Vielleicht ein Anlass für den immer noch schwächelnden HSV-Flitzer, sich an jene Form zu erinnern, die er vor diesem bösen Tritt gehabt hat. Immer wieder wurde ich in den letzten Wochen gefragt, was mit Elia sei. Ob er private Probleme hat? Was ihn belasten könnte? Ich weiß es nicht. Aber wenn wir die Frage an den HSV weitergegeben haben, dann wurde uns versichert, dass privat alles mit ihm in Ordnung sei. Es sei einfach nur zuviel auf den jungen Mann eingestürzt, aber das würde sich bald geben. Aber wie lange warten wir nun schon darauf? Vielleicht jedoch hilft ihm ein Erfolgserlebnis bei seiner Nationalmannschaft ja wieder mal auf die Füße. Zu hoffen wäre es jedenfalls.

Bis dahin soll ja auf jeden Fall Marcell Jansen (Stirnhöhlenentzündung) wieder fit sein, wenn sich nicht noch etwas anders einstellt, und auf David Jarolim (Muskelfaserriss) wird noch gehofft. Obwohl der HSV von einer Zwangspause von zwei bis drei Wochen spricht. Ich habe kein gutes Gefühl, dass „Jaro“ bis zum Mainz-Spiel wieder fit ist, aber es gibt hier ja auch die Meinung, dass es besser wäre, wenn der Tscheche nicht mitspielen würde. Wieso man zu dieser Einschätzung kommen kann, ist mir zwar schleierhaft, aber es ist eben wie es ist. Jeder hat seine eigenen Ansichten über den Fußball und die Art, die er liebt.

Dass ein Gojko Kacar nun von den meisten HSV-Anhänger in den höchsten Tönen gelobt wird, das ist zwar erfreulich in meinen Augen (lieber viel Lob als ständiger Verriss), aber trifft eben auch nicht voll den Punkt. Wie sagte Armin Veh nicht nach dem Lautern-Spiel? „Gojko ist zurzeit bei 75 Prozent, bis zum Mainz-Spiel ist er dann vielleicht bei 90.“ Diese Zahlen stören mich. Sogar erheblich. Wieso ist ein Gojko Kacar, der sogar schon mit im Trainingslager in Längenfeld war, immer noch bei nur 75 Prozent, und warum kommt er nicht demnächst auf 100 – sondern geht erst den Umweg über die 90? Was stimmt da nicht? Wenn sich alle Spieler mit ihrer Fitness so viel Zeit lassen würden, dann hätte der HSV wahrscheinlich mit der Weihnachtsauslieferung der Post eine Mannschaft, die (fast) bei 100 Prozent ist.

Und, auch das möchte ich noch einmal schreiben: Kacar war nach seiner Einwechslung (38., für Jarolim) bis zum Halbzeitpfiff nicht zu sehen, begann auch mit dem Wiederanpfiff schwach, legte aber nach seinem Kopfballtor (69.) mächtig zu. Da war er mit einem Male stark. Und genau diese 20 Minuten geben mir die Hoffnung, dass es auch demnächst besser werden könnte mit ihm. Ein Erfolgserlebnis eben. Die sollen ja ungemein stärken. Interessant finde ich ja die Beobachtung, die der „Matz-abber“ „randnotiz“ im Zusammenhang mit Kacar gemacht hat. Für den, der es nicht gelesen hat: Als der HSV nach einer Minus-Szene ausgepfiffen wurde (15.), da sprang der Serbe demonstrativ von der Ersatzbank auf und spendete den Kollegen auf dem Rasen Beifall. Welch eine gute Szene! Dadurch wird auch der Zusammenhalt der Truppe gefördert. Wenn es denn von denen, die über das Spielfeld trotten, registriert wird.

Ich glaube ja wirklich, dass der HSV in Sachen Teamgeist einiges an Nachholbedarf hat. Für mich ist da (immer noch) keine Einheit auf dem Platz. Jeder hat mit sich zu tun, jeder denkt und spielt für sich. Bis auf einige wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel Jarolim, Ze Roberto oder Ruud van Nistelrooy. Aber dieses Thema muss der HSV, vornehmlich aber die Mannschaft selbst in den Griff bekommen. Es kann sehr wohl etwas (mehr) für einen besseren Teamgeist getan werden, aber das ist, wie gesagt, in erster Linie eine Sache der Beteiligten. Vielleicht auch eine Sache der beteiligten Typen, denn wie sagte kürzlich ein HSV-Insider: „Als in der Mannschaft noch eine herrliche Type wie Ivica Olic stand, da war die Mannschaft tatsächlich eine Mannschaft.“ Ja, Olic war eben ein schräger, positiv Verrückter, aber auch in jeder Lebenslage mannschaftsdienlich und vorbildlich, heute jedoch hat die HSV-Mannschaft eben mehr Charakter(Köpfe). Darauf sollte beim Einkaufen ja verstärkt geachtet werden.

Apropos Einkäufe: Heiko Westermann wurde der Mannschaft ja gleich vorgesetzt, als Kapitän, aber der neue „Vorgesetzte“ konnte bislang die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Das muss ganz klar gesagt werden. Der Fachmann staunt, und der Laie wundert sich. Irgendwie ist da noch viel Sand im Westermannschen Getriebe, er leistet sich ganz einfach zu viele „Stockfehler“, aber auch hier setze ich ganz große Hoffnungen in die Nationalmannschaft. Vielleicht stärkt der Abwehrmann ja bei „Jogi“ Löw durch ein oder zwei gute Spiele sein Selbstvertrauen – und damit auch seine Form. Wenn Kacar erst bei 75 Prozent ist, dann ist Westermann für mich auch erst bei höchstens 80.

Wie übrigens auch Nebenmann Joris Mathijsen. Vor der WM war er nicht bei 100 Prozent, während des Aufenthaltes in Südafrika war er voll bei 100 Prozent, und nun fehlen dem Niederländer schon wieder 20 an der dreistelligen Zahl. Aber wieso? Weil es bei einigen Leuten in seinem engsten Umfeld (Defensive) auch nicht so recht laufen will? Oder nagt immer noch die Tatsache an ihm, dass mit Jarolim zwar der alte Kapitän abgesägt wurde, dass aber nicht er sondern Neuling Westermann der Nachfolger wurde? Fest steht: Auch Joris Mathijsen könnte sich gut über sehr gute Spiele mit den Niederlanden allmählich wieder an die 100 Prozent heran kämpfen. Zum Wohle des HSV.

Zwei Sachen brennen mir heute noch unter den Nägeln: Sidney Sam ist die erste „Sache“. Ja, ich gebe zu, mir tränen die Augen, wenn ich ihn jetzt bei Leverkusen von Beginn an (und bis zum Schluss) über den Rasen wieseln sehe. Dieser Wirbelwind hätte dem HSV sehr gut zu Gesicht gestanden, blicken wir im Moment doch voller Neid auf Klubs wie Mainz und Dortmund, bei denen alle Spieler nicht über den Rasen laufen, sondern über den Rasen rasen. Und das kann auch der schnelle Sam bewundernswert gut. Und nebenbei dribbelt er noch so herrlich (und lässig) vor sich hin. Dann, wenn ich das sehe (ja auch kürzlich im Europapokal), freue ich mich still und heimlich und denke bei mir: „Wie schön, dass wir einen so guten Mann auch einst in Hamburg hatten . . .“ Nein, nein, ein Scherz, nur ein ganz blöder Scherz, bitte schreit nicht gleich wieder Zeter und Mordio.

Und die zweite Sache ist die mit Frank Rost. Der sah sich tatsächlich am Sonntag in Lübeck den VfB gegen Red-Bull Salzburg an. Ich meine damit natürlich die Leipziger, den Rasen-Ballsportverein Leipzig. Dass Rost dort war, das hat, so wurde mir versichert, nichts, nichts, aber auch gar nichts mit einem eventuellen Wechsel nach Leipzig oder gar nach Salzburg zu tun. Rost ist „alter“ Leipziger (achtet auch in diesem Beitrag wieder auf Schleichwerbung!), wurde in dieser (immer schöner werdenden) Stadt groß und kennt naturgemäß immer noch etliche Leute von RBL. Nur deswegen war er in Lübeck. Ohnehin wäre es jetzt ja völlig fehl platziert, an einen Vereinswechsel zu denken, oder? Bis zur nächsten Wechselperiode ist es noch viel, viel Zeit, und mal ehrlich, auch wenn hier schon einige „Matz-abber“ starke Zweifel an der Nummer eins des HSV geäußert haben: Was sollte ein Frank Rost denn bei Red-Bull Leipzig? Die Frage stellt sich überhaupt nicht, weder heute noch im Januar.

Ganz zum Schluss noch ein kurzer Blick zurück – und zum Nachbarn. Ihr habt heute (und nachts) schon viel über den ehemaligen HSV-Kämpfer Nigel de Jong geschrieben, ich will Euch einen Meldung von der DPA nicht vorenthalten:

Der niederländische Nationalcoach Bert van Marwijk hat den früheren HSV-Profi Nigel de Jong aus dem Fußball-Kader für die EM-Qualifikationsspiele in Moldau und gegen Schweden gestrichen. Damit reagierte van Marwijk auf das brutale Foul des Mittelfeldspielers von Manchester City, der am Wochenende Hatem Ben Arfa (Newcastle United) mit einem heftigen Tritt einen doppelten Beinbruch zugefügt hatte. „Ich habe den Spielern heute gesagt, dass ich keine andere Wahl hatte“, sagte van Marwijk. Der Ex-Hamburger de Jong war schon in der Vergangenheit wegen übler Fouls aufgefallen, auch im Oranje-Trikot. Zuletzt war der 25- Jährige im WM-Finale gegen Spanien negativ in Erscheinung getreten, als er Xabi Alonso einen Kung-Fu-Tritt versetzte. Referee Howard Webb (England) hatte damals fälschlicherweise keine Rote Karte gezückt. Van Marwijk teilte de Jong den Entschluss im persönlichen Gespräch mit. „In naher Zukunft werde ich noch einmal mit ihm sprechen, jetzt will ich mich mit der Mannschaft aber auf die beiden anstehenden Partien konzentrieren“, sagte der Trainer des Vize-Weltmeisters.

18.00 Uhr