Tagesarchiv für den 3. Oktober 2010

Ergebnisse sind das A und O

3. Oktober 2010

Herzlichen Glückwunsch! Nicht zum 2:1-Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern. Nein, diesmal stelle ich den Fußball hinten an. Es geht um die deutsche Einheit. An einem Tag wie heute freue ich mich, gebe ich zu, ganz besonders über die Wiedervereinigung, denn ich hatte vor 22 Jahren (und davor) nie gedacht, dass ich das alles noch einmal erleben dürfte. Es war einfach herrlich, ohne Grenzstationen zum Fußball in den Osten fahren zu können, ich habe es genossen, Städte und Vereine wie zum Beispiel Dresden, Leipzig, Zwickau, Dessau, Erfurt, Suhl, Magdeburg, Brandenburg und Cottbus sehen und erleben zu können. Und wenn ich gestern das ZDF-Sportstudio gesehen habe, als Eduard Geyer und Reiner Calmund über die Wiedervereinigung und die damit verbundenen Erlebnisse sprachen, da fiel mir eines auf: Das erste Länderspiel nach der Grenzöffnung war ja das Qualifikationsspiel der DDR in Wien gegen Österreich. Ein Punkt hätte der deutschen Mannschaft gereicht, aber es gab, so glaube ich, eine 0:5-Packung. Es war auf jeden Fall derbe.

Die DDR spielte damals in einem Adidas-Trikot, das blau-weiß gesprenkelt war. Zum ersten und zum letzten Mal gab es dieses Trikot für die DDR-Nationalmannschaft – und ich habe ein solches, genau aus dem Spiel in Wien, bei mir daheim. Geschenkt hat es mir damals Rico Steinmann, der seinerzeit beim Chemnitzer FC spielte, später beim 1. FC Köln. In diesem blau-weißen Trikot verschoss Steinmann noch einen Elfmeter, so dass die Mannschaft nicht zu WM fahren durfte und konnte.

Und, bei der Gelegenheit: Heute, beim Auslaufen der Spieler im Volkspark, traf ich Willi Zschorsch. HSV-Experten werden es wissen: Der Willi war erst Ordner beim HSV, dann Zeugwart in der Happel-Ära. Zu jener Zeit hatte Zschorsch, der heute 76 ist, schon Kontakt zu einem großen HSV-Fan aus der DDR. Und dieser „Sigi“ ist zurzeit gerade zu Besuch bei Willi. Die Geschichte, die sich dahinter verbirgt: 1987, als der HSV in Berlin im Pokalfinale gegen die Stuttgarter Kickers stand, meldete sich Zschorsch bei Ernst Happel für einen Abend ab: „Trainer, ich gehe mal kurz in den Osten Berlins, da treffe ich mich mit einem großen HSV-Fan.“ Als Happel das hörte, griff er in seine Tasche, öffnete den Geldbeutel, zog einen 50-Mark-Schein heraus und drückte ihn dem Willi in die Hand: „Hier, trinkt ein Bier auf den HSV.“ Zschorsch gab dem „Sigi“ später den Fünfziger, und dem glühenden HSV-Fan schossen sofort die Tränen in die Augen. Ja, so war das damals, und so war auch Ernst Happel.

So, verzeiht mir diesen kleinen Ausflug in die DDR, jetzt komme ich auf den HSV. Herzlichen Glückwunsch. Zu diesem glücklichen Erfolg. Ich fuhr abends mit einem Kollegen aus der Arena, wir waren beide immer noch etwas sprachlos, und als wir auf den Autobahnzubringer bogen, sagte mein Nebenmann plötzlich: „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich nach einem HSV-Sieg so enttäuscht aus dem Volkspark fahre wie heute . . .“ Und er sprach mir damit so was von aus der Seele.

Enttäuscht, gebe ich gerne zu, war ich auch über mich. Denn ich hatte in meinem Bericht einen Spieler vergessen, den ich hätte deutlicher herausstellen müssen: Ze Roberto. Der Brasilianer, der dort hinten links ja total verschenkt ist, weil er in meinen Augen der einzig „wahre Zehner“ des HSV ist, trieb seine Mannschaft vornehmlich in der zweiten Halbzeit nach vorne, sorgte auch noch für die Wende. Das habe ich vergessen, ganz besonders zu erwähnen, da habe ich versagt – aber vielleicht langt es ja auch jetzt noch. Kurios fand ich, wenn ich schon mal dabei bin, dass mir einige Male vorgehalten wurde, dass ich den deutschen Nationalspieler Piotr T. für dessen Kurzeinsatz nicht gelobt habe. Und auch dass ich über den Schiedsrichter nichts geschrieben habe. Wenn ich über Piotr T. und den (schlechten) Schiedsrichter schreibe, fliegen mir ja sofort die Protestschreiben so vieler „Matz-abber“ um die Ohren, Motto: „Über den Herrn T will ich hier nichts mehr lesen und am Schiedsrichter lag es ja wohl kaum, dass der HSV so grottig spielte . . .“

Aber um „Eva“ noch einmal zu unterstützen: Der Guido Winkmann passte sich diesmal dem HSV voll und ganz an. Als ich den Herrn vor Jahren einmal beim Spiel Wilhelmshaven gegen St. Pauli erleben durfte, rief mich danach ein einflussreicher Funktionär der Unparteiischen an und fragte mich: „Und, was hat Winkmann für einen Eindruck hinterlassen?“ Ich sagte damals wahrheitsgemäß (und daran erinnere ich mich sehr genau): „Als er sich schon warmlief, da blickte er immer wieder zur Tribüne, um zu kontrollieren, ob er auch wirklich wahrgenommen wird. Für mich lief Winkmann wie ein Gockel über den Platz, alles schien sich nur um ihn zu drehen (drehen zu müssen). Theatralischer geht es nicht mehr. Er wollte und musste im Mittelpunkt stehen, weil er es offenbar genießt.“ Die Antwort des Offiziellen: „Genau das wollte ich hören, weil das auch mein Empfinden ist.“ Und? Es hat sich bis heute nichts daran geändert. Obwohl ich zugeben muss, dass ich Winkmann zwischendurch, nach seinem Erstliga-Aufstieg, schon auf einem ganz guten Weg wähnte. Aber das war einmal. Am Sonnabend habe ich immer vor mich hin gedacht: „Winkmann, dann wink man mal wieder. Zurück zu den Wurzeln – ab zu den Linienrichtern.“

Jetzt aber zum Wesentlichen. „Entscheidend ist immer das Ergebnis. Das war ein nicht so gutes Spiel mit einem guten Resultat – wenn es immer so wäre, dann wäre mir das recht“, sagte Armin Veh nach dem Dusel-Sieg. Dann ergänzte der HSV-Coach: „Kaiserslautern hätte auch gewinnen können, und dann als Trainer eine solche Niederlage kommentieren zu müssen, das ist dann hart. Im Profi-Fußball zählen nur Ergebnisse, die sind entscheidend. Und solche Spiele braucht man auch, um dann auf Dauer erfolgreich zu sein. Auch wenn es ein ganz schwieriges Spiel für uns war, nachdem wir schon nach zwei Minuten schon im Rückstand lagen.“

Positiv war für Veh, dass er den guten Willen seine Mannschaft erkannt hatte: „Die Spieler wollten, sie hatten den Willen, dieses Spiel noch gewinnen zu wollen, wir wollten ihn erzwingen. Von daher ist es mir lieber, wir spielen nicht so gut, aber wir gewinnen.“ Aber Bundesliga-Fußball in Hamburg sollte doch eigentlich ganz anders gehen. Souverän, schön, schwungvoll, mitreißend, begeisternd und dann von einem Dreier gekrönt. Anspruch und Wirklichkeit klaffen da nicht nur zurzeit ein wenig auseinander, das ist schon seit Jahren immer wieder ein Thema. Es geht auf und ab, aber nie stetig auf.

Und da fällt mir noch der vergangene Freitag ein. Da trafen sich ja abends einige „Matz-abber“ zur gemütlichen Runde im Portugiesen-Viertel. Großartig von „Eva“ organisiert (nochmals vielen Dank dafür, liebe Eva!) . Wir sprachen da auch, nebenbei, über Piotr T. und seinen Kummer mit dem HSV. Dass er es seit fünf Trainern nicht geschafft hat, Stammspieler zu werden. Stimmt ja auch. Was aber auch stimmt ist folgende Tatsache: Trotz aller Anstrengungen ist es den fünf Trainern nicht gelungen, den HSV ganz nach oben zu bringen. Weil jeder dieser fünf Trainer „nachtblind“ ist? Oder woran liegt es Eurer Meinung nach? Waren wirklich alle HSV-Trainer unfähig, oder lag es an den Spielern, dem Umfeld, der Stadt? Da würde mich schon mal Eure Meinung interessieren. Denn es ist ja schön und gut, wenn sich ein Spieler in vielen Jahren nicht durchsetzt – aber die Trainer sich im gleichen Maße auch nicht durchsetzen können.

Zurück zum Lautern-Spiel. Ich fragte Armin Veh, wieso seine Mannschaft zurzeit alles andere als souverän wirkt. Seine Antwort: „Das ist dadurch bedingt, dass die Mannschaft vorher vier Spiele in Folge nicht gewonnen hatte. Dann spielt man so. Dann fehlt das Selbstvertrauen. Wenn man vorher gute Ergebnisse hatte, wenn man dadurch Selbstvertrauen getankt hat, dann passieren solche Dinge, wie sie uns passiert sind, eben nicht. Die passieren dann, wenn man verunsichert ist. Deswegen ist es ganz wichtig, dass man ein solches Ergebnis wie heute erzielt, Ergebnisse sind das A und O.“

Dann sagte Veh generell noch: „Das war kein gutes Spiel von uns, darüber braucht man nicht reden, es war schwer für uns. Und dass wir einige Fehler gemacht haben, das ist mir nicht verborgen geblieben. Aber es ist, da kann man überall im Sport hinsehen, alles eine mentale Sache.“ Und genau deswegen schätze ich Armin Veh so. Er ist Realist, er spricht alle Dinge offen an, er beobachtet und sieht alles, er ist immer souverän und cool – und, was sehr wichtig ist: Er leidet erstens nicht unter Verfolgungswahn, und er lügt sich nicht in die eigenen Tasche, er macht sich und uns nichts vor. Letzteres ist unheimlich wichtig, so denke ich, denn Veh weiß woran er zu arbeiten hat. Und er wird es tun, davon bin ich überzeugt. Auch wenn ich, das gebe ich gerne zu, inzwischen schon ein wenig desillusioniert bin, weil ich vor der Saison einfach geglaubt habe (sogar überzeugt davon war), dass dieser HSV viel, viel besser Fußball spielen würde. Denken drücht, sagt der Platte.

Und wer nun gleich wieder auf Veh eindreschen will, weil der den guten Ze Roberto hinten links „verkümmern“ lässt, dem sein gesagt: Auch dieses Manko hat Veh erkannt. Und er spricht sogar offen drüber (natürlich): „Darüber müssen wir gar nicht diskutieren, dass Ze ins Mittelfeld gehört, er fehlt uns natürlich dort, nur Aogo ist nicht da, Jansen ist krank – und ich habe keinen dritten Spieler, den ich dort hinstellen kann. Ze spielt hinten links auch gut, hat auch von dort schon viele gute Dinge und einige Tore vorbereitet – aber er fehlt uns schon, natürlich.“ Der Trainer hätte natürlich auch Collin Benjamin gegen Kaiserslautern bringen können, der dann hinten spielt, damit Ze nach vorne rückt, aber diese Variante verwarf der Coach, der zugab: „Das war schon eine Option.“ Statt Benjamin kam dann Robert Tesche.

Und später Gojko Kacar für den verletzten David Jarolim. Veh über den Serben: „Er hatte einige Anlaufschwierigkeiten, als er ins Spiel kam, er wirkte tapsig wie ein Bär, aber er hatte dann auch noch viele gute Situationen. Wir wussten, dass er ein torgefährlicher Mittelfeldspieler ist, und fast hätte er ja auch noch das 2:1 geköpft, doch diesen Ball hielt Sippel fantastisch.“ Veh dann weiter über Kacar: „Er braucht natürlich Spiele, aber vielleicht bekommt er sie ja jetzt. Ein Tor und ein Assist – dann kann man nicht meckern. Obwohl er erst bei 75 Prozent ist. Nun hat er 14 Tage Zeit, dass er dann bei 90 Prozent ist.“

Übrigens: Marcell Jansen hat die beiden EM-Qualifikationsspiele abgesagt, weil er immer noch krank ist: „Da macht es keinen Sinn, zur Nationalmannschaft zu fahren.“

19.52 Uhr