Tagesarchiv für den 2. Oktober 2010

Das ging gerade noch einmal gut

2. Oktober 2010

Puhh! Das ging gerade noch einmal gut. Zur Halbzeit gab es noch ein gellendes Pfeifkonzert für den HSV, doch am Ende strahlten alle. Nach 90 Minuten wurde dann ein mühevoller und auch ein wenig glücklicher 2:1-Erfolg über den 1. FC Kaiserslautern bejubelt und gefeiert. Es läuft noch immer nicht rund beim HSV, es geht immer noch zu viel schief beim HSV, aber der rapide Sturz nach vier sieglosen Spielen in Folge wurde mit diesem Erfolg gebremst. Und ein gutes Nebenprodukt gibt es zudem zu registrieren, denn der HSV steht wieder vor dem Nachbarn, dem Aufsteiger St. Pauli. Dennoch: Nach diesem Sieg sollten die Verantwortlichen nicht alle Fehler der Mannschaft vergessen, sondern deutlich ansprechen, denn es gibt noch viel, sehr, sehr viel zu tun. In 14 Tagen geht es ´zum Tabellenführer nach Mainz, dann kommen die Bayern. Bis dahin muss sich vieles bessern, auch wenn die meisten Spieler mit ihren Nationalmannschaften unterwegs sein werden.

Nach zwei Minuten und 17 Sekunden lag der Ball schon im HSV-Tor. Das darf doch alles nicht wahr sein. Der flinke Ilicevic lief Tomas Rincon auf und davon, Heiko Westermann konnte den Lauterer nur mit einem Foul bremsen – Freistoß, 18 Meter vor dem Tor. Und drin! Lakic schnippelt die Kugel rein, Frank Rost steht wie erstarrt. Welch ein Start!

Was gab es nicht vorher für Optimisten. 3:1 für den HSV, das war das Resultat, was ich immer wieder hörte. Gerade so, als sei der 1. FC Kaiserslautern gar kein Gegner. Aber so kann es dann gehen. Die HSV-Krise, die der Kicker in der Woche beschrieben hat, dauert an. So bitter die Wahrheit auch für die meisten HSV-Anhänger klingen mag. Es ist der Wurm drin. Und dass das frühe 0:1 dann nicht gerade das Selbstvertrauen stärkt, das dürfte jedem klar sein. Die Verunsicherung nahm stetig zu, die Hamburger Fehlpässe auch.

Hinten steht der HSV einfach nicht mehr souverän genug. Das Mittelfeld ging unter, und nach vorne kam zunächst kaum etwas. Symptomatisch für all diese Unzulänglichkeiten die 22. Minute. Westermann spielten einen halbhohen Rückpass auf Rost, es war klar, dass der Keeper damit seine Schwierigkeiten bekommen würde – und natürlich. Prompt spielte Rost den Ball in die Füße von Ilicevic. Der quirlige Pfälzer hob die Kugel auf das verwaiste HSV-Tor – Latte! Glück, viel Glück für den HSV.

„Aufwachen, aufwachen, aufwachen!“ So hallte es vornehmlich aus dem Nordwesten. Kurzzeitig fruchteten diese Weckrufe sogar, denn ein Ze-Roberto-Freistoß prallte an den Pfosten des Lauterer Tores (25.). Und drei Minuten später hätte Ruud van Nistelrooy eigentlich das 1:1 machen müssen, aber er köpfte den Ball aus vier Metern daneben.

Diese beiden Möglichkeiten aber können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der HSV krampfhaft bemüht ist, einen richtigen Plan für dieses Spiel zu finden. Von Bestform ist die Mannschaft von Armin Veh meilenweit entfernt. Vieles wirkte wie Stückwerk, da griff kein Rad ins nächste, da stand nie auch keine Einheit auf dem Rasen. Jeder HSV-Spieler ist nur darauf bedacht, keine Fehler zu machen. Die Verantwortung wird auf den Nebenmann abgeschoben. Zehn Feldspieler auf dem Rasen, die mit einer roten Hosen und einem weißen Trikot alle gleich gekleidet sind, das ist das Verbindende.

Hinten wirkt es oft zu amateurhaft, ungelenk, zu brav, zu bieder. Souveränität? Was ist das? Und dass ein Mittelfeld mit David Jarolim und Robert Tesche keine spielerischen Glanzstücke nach vorne bringt, dürfte jedem klar sein. Es fehlte der Mann, der Ideen im Spiel nach vorne entwickelt. Tesche, der im Training zuletzt gute Leistungen gezeigt hatte, ist viel zu einfach gestrickt. Im Zweifel quer oder zurück. Training ist eben nicht alles. Aber ich will diese Vorstellung dennoch nicht an ihm festmachen. Er kommt neu in diese Ansammlung von Verunsicherten hinein, was soll er da groß bewegen? Da sind andere gefragt, jene Mitspieler, die nun wieder zur Nationalmannschaft fahren, um dort Bestleistungen abzurufen. Im Mittelfeld war erst immer dann etwas wie Zug zum gegnerischen Tor zu sehen, wenn sich Ze Roberto von hinten links löste und mit nach vorne ging.

Von Jonathan Pitroipa war diesmal lange Zeit nichs zu sehen, von Eljero Elia auch nicht. Bei ihm wechseln Licht und Schatten einfach zu schnell, und meistens gibt es dann mehr Schatten zu sehen. In der 29. Minuten aber hatte der Niederländer seinen großen Auftritt, als er gleich vier Lauterer austanzte und eine Ecke herausholte. Da gab es viel Beifall für Elia. Weil sich die Hamburger doch danach sehnen, endlich, endlich einmal wieder die „wahre Rakete“ zu sehen.

Amateurhaft übrigens auch die Lage in der 35. Minute. Da verletzte sich Jarolim am rechten Oberschenkel (Zerrung?). Auf der HSV-Bank blieb alles gaaaaaaaaaaaanz ruhig. Mal abwarten. Anstatt Gojko Kacar sofort zum Warmlaufen zu schicken, hieß es: „Gaaaaaaaanz ruhig, erst einmal abwarten.“ Als Jarolim dann zwei Minuten später erwartungsgemäß vom Platz humpelte, gab es einen Kaltstart für den Serben. Das könnte auch profihafter gelöst werden, und zwar gaaaaaaaaanz sicher.

Zur Pause hätte es statt 0:1 auch 1:3 heißen können (Amedick-Kopfball an den Pfosten). Es ein riesiges Pfeifkonzert, es gab viele ratlose Mienen, und auch viele Fans, die nur traurig mit den Köpfen schüttelten. Wo soll, wo wird das enden?

Ich sprach in der Halbzeit mit Schauspieler Olli „Dittsche“ Dittrich. In diesem Monat beginnt er wieder die neue „Dittsche“-Staffel – welch eine Freude! Er sagt: „Ich verstehe das nicht, was sich hier abspielt. Da steht von der Qualität her eine gute HSV-Mannschaft auf dem Rasen, aber diese Qualität wird einfach nicht umgesetzt. Der beste Mann ist Ruud van Nistelrooy. Der gibt immer alles, hält die Bälle super, hängt sich immer rein. Der spielt seine Klasse immer richtig gut aus, aber warum nur er?“

Gute Frage.

In der Tat war van Nistelrooy auch mit Abstand der beste Hamburger. Und er war stets bemüht, alle anderen von seiner „Krankheit“ anzustecken. Besonders in der zweiten Halbzeit wollte er mitreißen, was ihm auch zum Teil gelang. Kacar, dem bis dahin nichts, aber auch wirklich nichts gelungen war, köpfte dann nach einer weiteren Sahne-Flanke von Ze Roberto das erlösende 1:1 (69.). Und plötzlich war der Serbe „da“, er brachte sich ein, war überall, wollte mehr. Was ein Torerfolg nicht alles bewirken kann. Und wenn nicht Sippel einen weiteren Kopfball von ihm sensationell gehalten hätte, wäre der HSV in Führung gegangen.

Das 2:1 folgte aber dennoch. Eine Wahnsinns-Minute. Da kreuzte der Lauterer Moravek zunächst allein vor Rost auf, wagte aber keinen Schuss, sondern wollte den HSV-Keeper umdribbeln – misslungen. Der Ball kam zu Kacar, der riskierte einen großartigen Pass über 40 Meter, genau in den Lauf von Pitroipa – und „Piet“ lief. Bis zur Torauslinie, dann zur Mitte. Und dort löste sich Coupo-Moting von seinem Gegenspieler und „drosch“ den Ball zum 2:1 ein. Nein, er streichelte die Kugel mehr ins Netz, da musste vom Norden eine ganze Bäckerei hinterher geworfen werden, damit dieser Ball nicht verhungert. . .

Statt „Wir woll’n euch kämpfen seh’n“ war nun aus dem Norden zu hören: „Immer wieder HSV.“ Ja, so kann es gehen. Eben noch hinter St. Pauli, nun wieder vorn. Und Hermann Rieger hatte doch noch seinen Geburtstags-Sieg! Ende gut, alles gut. Als die Mannschaft in die Kurven ging, gab es warmen Beifall. Zur Pause hatte es da noch ein wütendes Pfeifkonzert gegeben. Das ist Fußball.

17.40 Uhr (mit Sendeschwierigkeiten)