Tagesarchiv für den 1. Oktober 2010

“Ein bisschen Druck ist drauf”

1. Oktober 2010

Das war eine nette Szene. Heute sprach Tomas Rincon zu uns. Zum zweiten Mal. Beim ersten Mal hat er geschwitzt, geschwitzt und geschwitzt. Vor Aufregung. Diesmal war er schon gelassener. Er kann schon sehr gut Deutsch, lernt einmal die Woche. Auf die Frage eines lieben Kollegens, wann Rincon nun mal sein erstes Tor für den HSV schießt, antwortete der Mann aus Venezuela: „Ich denke jede Nacht vor dem Einschlafen daran.“ Ich erinnerte mich prompt, dass ein „Matz-abber“, der in dieser Woche neben mir beim Training stand, gesagt hatte: „Gegen Kaiserslautern schießt Rincon sein erstes Tor.“ Als ich dem wackeren Kämpfer das sagte, bekreuzigte er sich sofort. Herrlich. Und wenn es dann noch wahr werden sollte – nicht auszudenken. Aber Rincon wird morgen hinten rechts zum Einsatz kommen, denn Guy Demel, den eine Magen-und-Darm-Grippe von den Beinen geholt hat, trainierte auch heute nicht mit.

Aber Rincon hatte ich Euch ja schon in dieser Woche angekündigt, war fest davon ausgegangen, dass er, egal ob Demel nun krank ist oder nicht, hinten rechts spielen würde. Woran ich aber nie gedacht habe, das ist eine wirkliche Überraschung: Armin Veh zieht für das Spiel gegen Aufsteiger Kaiserslautern Robert Tesche aus dem Ärmel. Kein Gojko Kacar, nein, Robert Tesche. Und ich muss sagen, dass ich das auch nachvollziehen kann. Tesche hat nicht nur in dieser Woche gut trainiert, er trainiert schon seit einigen Wochen sehr gut. Und so auffällig, wie es einst bei Eric-Maxim Choupo-Moting war, bevor ihn Veh in die Stamm-Elf beförderte. Und der eigentlich auf dem Sprung stehende Kacar, den Armin Veh zuletzt ganz nah vor einem Einsatz gesehen hatte, der hat für meine Begriffe eben nicht so gut trainiert, als dass er sich für diesen Sonnabend aufgedrängt hätte.

Dazu passt, dass Kacar heute beim Abschlusstraining eine Chance ausließ, von der jeder Fußballer träumt: Zehn Meter vor dem Tor von Jaroslav Drobny freistehend zum Schuss kommend, die Kugel aber mindestens 15 Meter daneben setzend. Es ehrt den Serben, dass er sich danach die Hände vor das Gesicht hielt. Kacar ist aber, obwohl er nicht zum HSV-Stammpersonal gehört, zu seiner Nationalmannschaft berufen worden, die gegen die Faröer und gegen Italien spielen muss. Bei Holland sind die drei HSV-Profis Joris Mathijsen, Eljero Elia und Ruud van Nistelrooy (Glückwunsch, er ist erneut dabei!) berufen worden, es geht gegen Moldawien und Schweden. Keine Berufung dagegen gab es für Piotr Trochowski. Während Marcell Jansen und Heiko Westermann zur Nationalmannschaft fahren, bleibt „Troche“ draußen. Schon wurde heute im Volkspark gefragt und gewitzelt: „Für immer?“ Abwarten. Es liegt an Trochowski selbst, ob er sich beim HSV und beim DFB wieder zurückkämpfen wird – und kann. Er wird allen eine Antwort geben müssen, allen. Für morgen aber ist erst einmal die Bank für ihn vorgesehen.

Davon ist Tomas Rincon nun erst einmal runter. Jetzt kommt einer von den „jungen Wilden“ zum Einsatz, einer, der rennt, der klotzt, der grätscht, der alles gibt. Ein Kerl, der richtig zur Sache geht. Und solche „Typen“ sind in der jetzigen Situation genau richtig. Und er hat ja inzwischen gelernt, dass man sein Temperament auch zügeln kann (und muss): „Ich achte schon darauf, mir keine Gelbe Karte einzufangen, aber dennoch werde ich kämpfen, das ist mein Spiel.“ Und dann fügt er an: Man kann nicht immer nur schönen Fußball spielen wollen, es muss auch zur Sache gehen, Fußball ist Spaß, es muss aber auch gearbeitet werden.“ Genau! Hau rein, Tomas. Und kämpfe auch um den Platz in der Start-Formation. Auch wenn es nicht dein Lieblingsposten ist, dort hinten rechts. Aber wenn es nicht anders geht, dann muss es eben auch hinten rechts gehen. Guy Demels Lieblingsposten ist und war es ja auch nicht . . . Und vielleicht skandieren die HSV-Fans im Norden ja diesmal bei jeder Rincon-Ballberührung ein nett gemeintes: „Tommmmmmmmmmiiiiieeee!“

Er selbst sagt über seine erneute Chance, die er morgen bekommen wird: „Ich muss, das weiß ich sehr gut, 100 Prozent geben.“ Denn er weiß: „Guy Demel und Dennis Diekmeier, die dort hinten spielen könnten, sind sehr gut Spieler.“ Ein Lob für die „Konkurrenz“, auch das zeichnet Tomas Rincon aus. Er ist ein Teamplayer. Zum Spiel am Sonnabend befragt meinte Rincon: „Wir haben alle begriffen, dass wir besser verteidigen müssen. Darüber ist in dieser Woche viel und oft gesprochen worden, und ist verteidigen sind nicht nur die Verteidiger gemeint, sondern alle. Auch die Stürmer.“ Übrigens: Tomas Rincon spielt nun mit Venezuela in Mexiko und in Bolivien. Das sind wieder Weltreisen für ihn. Auch die gilt es, körperlich gut zu verarbeiten.

Das gilt natürlich für alle Nationalspieler, auch wenn sie nicht ganz so weit reisen müssen wie Rincon. Aber an Reisen und Nati wollte Joris Mathijsen heute noch nicht denken: „Erst einmal nur der HSV.“ Auf die Frage der Brisanz, die über dieser Begegnung liegt, sagt der Niederländer nach kurzer Überlegung: „Ja, es ist schon ein bisschen Druck drauf.“ Dann sagt er weiter: „Ja, wir müssen gewinnen. Und ich weiß, dass man nach vier sieglosen Spielen natürlichen einen Erfolg braucht, aber du brauchst auch einen weiteren Erfolg, wen du fünf Spiel in Folge gewonnen hast.“ Druck ist immer drauf. Aber morgen vielleicht doch noch etwas mehr, denn nach Kaiserslautern geht es nach Mainz, dann kommen die Bayern. Zwei Spiele, in denen es nicht unbedingt gegen potenzielle Punktelieferanten geht.

Joris Mathijsen: „Wir wissen, dass wir einen Sieg brauchen, so müssen wir das Spiel auch angehen.“

Dass inzwischen die Defensive des HSV ins Gespräch gekommen ist, nimmt Mathijsen relativ gelassen, denn er weiß genau, dass eine solche Kritik kommt, wenn man so viele Gegentore wie der HSV fängt. Er sagt aber auch: „Darüber wird jetzt gesprochen, darüber wurde letzten Saison gesprochen, darüber wurde auch bei Huub Stevens schon gesprochen. Alle haben gemeckert, aber alle wissen auch, dass die ganze Mannschaft verteidigen muss. Es ist doch mittlerweile ein anderer Fußball geworden. Und wenn dann einige Leute nicht mitmachen, dann wird der Druck so groß, dann . . .“ Er spricht nicht weiter. Alle wissen aber, was hinter diesem „dann“ kommen sollte. Er spricht weiter: „Wir haben die ganze Woche über analysiert, und irgendwann müssen wir es eben auch kapieren. Trotz allem müssen wir ehrlich sein, dass wir auch viele persönliche Fehler machen. Das ist Fakt, so ist es nun einmal.“ Dann sagt er auch noch etwa sehr Richtiges. „Es kann nicht sein, dass wir in jedem Spiel drei, vier Tore schießen müssen, um zu gewinnen.“ Treffer! Ein 1:0 gegen Kaiserslautern würde mir persönlich schon absolut genügen. Packt es an!

Und mit dieser Startelf des HSV ist morgen zu rechnen: Rost; Rincon, Westermann, Mathijsen, Ze Roberto; Jarolim Tesche; Pitroipa, Elia; Choupo-Moting, van Nistelrooy. Wer dabei Marcell Jansen vermisst, dem sei gesagt: Der Nationalspieler, der noch ein wenig blass um die Nase war, trainierte zwar heute mit, aber nach seiner Stirnhöhlenentzündung reicht es wohl noch nicht für 90 Minuten, deswegen geht es zunächst nur auf die Bank.

Zwei Kleinigkeiten noch zum Schluss: Über Änis Ben-Hatira, der kürzlich mit den Profis trainieren sollte (dann aber verletzt ausfiel) sagte Armin Veh noch: “Er hat zuletzt viele gute Spiele gezeigt, ich will ihn sehen, daran kann man auch erkennen, dass auch gute Leistungen bei der Zweiten registriert werden.” Gut so.

Und dann noch zu den ganz Ungeduldigen: Ich wiederhole es gerne noch einmal und noch einmal und noch einmal: Wer neu bei “Matz ab” schreibt, der muss freigegeben werden. Das ist nicht nur bei “Matz ab” so. Sollten sich aber alle merken. Und: Wenn ich, wie heute geschehen, am Nachmittag beim HSV-Training bin, dann kann ich nicht gleichzeitig freigeben. Dann kann gepöbelt werden wie ein Kesselflicker, es hilft alles nichts, dann müssen auch die ganz Ungeduldigen unter Euch (Babbi) eben ein wenig warten. Angekommen?

19.49 Uhr