Monatsarchiv für Oktober 2010

Jetzt bitte die richtigen Schrauben nachziehen

31. Oktober 2010

Es ist schon Wahnsinn, was hier manchmal abgeht. Und das meine ich komplett positiv. Das ist Leidenschaft. Und genau wie Ihr, bin auch ich ein leidenschaftlicher Fußballer, von der (meiner) ersten Stunde an. Das hat uns unfassbar viele, schöne Stunden gebracht. Für viele von uns schon auf dem Platz als Spieler. Aber genauso neben dem Platz. Bei mir waren es einst Uwe Seeler, Charly Dörfel und Co., später Kevin Keegan, Horst Hrubesch, Thomas von Heesen, Thomas Doll und letztlich auch die aktuelle HSV-Konstellation, die mir viel Freude bereitet haben. Oder eben auch Frust, Trauer und manchmal gar Verärgerung. Das ist in keiner Phase der letzten HSV-Jahrzehnte ausgeblieben. Das ist eben der kleine Nachteil, wenn man sich emotional so sehr an einen Fußballverein bindet.

Aber man (frau natürlich auch) lernt mit den Jahren, mit den Ereignissen umzugehen, sie zu verarbeiten und einzuordnen. Dazu gehört der Jubel, ganz klar. Nichts macht ein Fan lieber. Aber dazu gehört es einfach auch, klar und ohne Umschweife Fehler anzusprechen. Eben so, wie nach dem gestrigen Spiel. Wer in dem Spiel noch positive Ansätze (außer bei dem Youngster Son) hervorhebt, verklärt die Situation. Denn: Ein Klub, der wie der HSV den Anspruch formuliert, Champions League spielen zu wollen, der unterwirft sich im gleichen Atemzug auch einem sehr hohen Anspruch von außen. Und dieser kann nicht, auch nicht im Entferntesten, mit einer Niederlage in Köln erreicht sein. Egal, ob dabei ein Babak Rafati pfeift… Ich verstehe Fans, die immer positiv bleiben wollen. Optimismus ist wichtig. Aber das allein wäre als Analyse zu einseitig. Das wäre populistisch. Nichts anderes.

Deshalb habe ich gestern klar formuliert, was mir missfallen hat. Angefangen bei Drobny, der natürlich noch keine Sicherheit hat. Der aber als erfahrener Mann mit der Situation umzugehen wissen muss. Und dafür war er mir bei den vielen Flanken zu untätig. Er blieb auf der Linie kleben, traute sich nicht, alles vor ihm wegzuräumen auf dem Weg zum Ball. Ich hätte erwartet, dass er mit seinen 1.92 Metern dominanter auftritt. Ich bin mir wie die meisten hier auch sicher, dass er das kann. Ich weiß auch, dass er ein guter Typ ist, ein Teamplayer – aber in der Form ist er eben auch Teil einer langen Fehlerkette, die Spiele wie gegen lediglich aggressiv spielende, fußballerisch stark limitierte Kölner verlieren lässt. Das gehört in einer Analyse angesprochen.

Dass nach dem Spiel Heiko Westermann davon spricht, er und seine Kollegen hätten einen couragierten Auftritt hingelegt, verbuche ich ihm zuliebe mal unter dem Begriff „Zweckoptimismus“. Ich hoffe, dass er sich als Kapitän dazu berufen sah, das Positive zu suchen und der Mannschaft Mut zuzusprechen. Sollte er allerdings auch intern, im intimeren Kreis mit Mitspielern und Trainerteam, diese Auffassung von dem Spiel in Köln vertreten, würde ich mir Sorgen machen. Noch mehr als mir sein Auftritt in Köln (er war an allen drei Gegentoren beteiligt, dazu noch fast ein Eigentor) bereits macht.

Nein, das darf es nicht sein. Hier gehören Worte hin, die klar machen, was falsch läuft. Das kann man in vielen Worten versuchen, das kann man aber auch wie Armin Veh nach dem Spiel machen. Der sagte nur: „Wir haben den Anspruch, oben mitzuspielen. Dafür musst du in Köln gewinnen. Das haben wir nicht geschafft. Insofern genügen wir unseren eigenen Ansprüchen nicht.“

Trotzdem müssen solchen Worten Taten, in schlimmeren Fällen sogar konzeptionelle Veränderungen folgen. Ihr schreibt immer wieder mal, der HSV bräuchte jetzt den Neuanfang, der HSV solle auf junge Talente setzen. Das ist ein sehr reizvoller Gedanke. Zumal, wenn man sieht, wie beispielsweise ein Sidney Sam gestern bei Bayer Leverkusen aufdreht und die gesamte Schalke-Abwehr narrt. Solche Spieler würden uns in Hamburg sicher auch guttun. Allerdings, so formulierte es der Vorstand, koalierten bei Sam die sportlichen Qualitäten nicht mit den Menschlichen. Da sollen alte Verfehlungen Sams im Internat letztlich zum Zerwürfnis mit dem Vorstand geführt haben.

Abgehakt. Dieser HSV hat andere Sorgen. Sollte wieder ein internationaler Wettbewerb verpasst werden, müssen Spieler verkauft werden. Das hat Sportchef Bastian Reinhardt bereits klar gesagt. Deshalb sollten umso dringender und schnell nach Lösungen suchen, nicht weitere Fragen aufwerfen. Zumal am kommenden Sonnabend mit Hoffenheim und dem anschließenden Auswärtsspiel in Dortmund zwei sehr schwere Aufgaben bevorstehen.

Einige Lösungen bedingen sich aus den Rückkehrern. Ruud van Nistelrooy sollte bis dahin seine Knieprobleme überwunden haben. Auch Marcell Jansen könnte, sofern der gebrochene, linke kleine Zeh wieder in den Schuh passt, wieder mitwirken. Und, das ist vielleicht die wichtigste Rückkehr, Zé Roberto müsste seinen grippalen Infekt bis zum Hoffenheim-Spiel komplett auskuriert und körperliche Defizite wieder aufgearbeitet haben. Womit ich einen kleinen Einwurf machen muss: Ich hatte Trochowski gestern abgesprochen, seine Chance im zentralen Mittelfeld genutzt zu haben. Anschließend habe ich – auch weil ich kein Supertalent oder Carmen Nebel gucken wollte – das ganze HSV-Spiel noch mal in der Wiederholung komplett angesehen. Und ich muss sagen, dass Troche nach vorn einige gute Szenen hatte, die mir im ersten Moment gestern durchgerutscht sein könnten. Dennoch bleibe ich bei meiner Gesamtbeurteilung, dass es zu wenig ist. Troche hat alle Qualitäten, besser: er hat alle Voraussetzungen. Er ruft sie aber noch immer zu selten ab.

Da geht von Zé Roberto an guten Tagen mehr Gefahr aus. Für mich ist der Brasilianer, der gegen Bayern zuletzt zwar auch nicht seinen besten Tag hatte, aber dort offensichtlich schon grippegeschwächt ins Spiel gegangen war, das Kreative Herz des Teams. Hat Zé einen guten Tag, ist der HSV gut. Meistens zumindest. Fällt Zé ab, wie in der letzten Phase von Bruno Labbadia, geht beim HSV kaum etwas. Ein Vakuum, das Troche hätte füllen sollen, dies aber nicht ausreichend schafft.

Zudem kehrt David Jarolim zurück. Der Tscheche war in Köln schon im Kader, hat bis zum Hoffenheim-Spiel noch eine Woche, um wieder topfit zu werden. Hier steht Veh vor einer nicht ganz einfachen Aufgabe. Lässt er den vor seiner Verletzung unumstrittenen Jarolim wieder ran, oder versucht er, Gojko Kacars latenten Aufwärtstrend aus der Köln-Partie zu konservieren?

Und während Jansen selbstverständlich sofort wieder auf die linke Verteidigerposition rücken würde, muss sich Veh bei van Nistelrooys Rückkehr auch wieder mit dem Gedanken auseinandersetzen, das System wieder auf zwei Spitzen umzustellen. Zwar könnte Veh auch Guerrero herausnehmen und Petric auf die zentrale Position hinter der einzigen Spitze stellen – zumindest würde er so das System nicht neuerlich umbauen müssen. Aber ich glaube, dass das intern neue Probleme gäbe. Denn Vehs Grundsatz, ausschließlich nach Leistung zu gehen, konnte Petric mit drei Treffern in den letzten zwei Spielen sicher entsprechen.

Bleibt das Hauptproblem: die Abwehr. Ihr hattet gefragt, warum Besic außen nicht mal eine Chance bekommt. Ich glaube, dass das nichts ist, was wir Veh vorwerfen sollten. Vielmehr glaube ich, dass der Trainer sein Talent schützen will. Schließlich ist Besic ein Innenverteidiger. Würde man den Jungen nun auf einer für ihn ungewohnten Position debütieren lassen, könnte man ihn schnell verheizen. Und das wäre zu schade. Denn auch ich glaube, dass Besic mal ein richtig Guter wird. Allerdings am ehesten als Innenverteidiger. Und beim HSV wohlgemerkt. Auch wenn Veh diese beiden Posten momentan noch mit zwei Nationalspielern fest besetzt hat.

Womit ich mal wieder bei Westermann bin. Für den tut es mir wirklich leid, denn ich halte ihn für einen tadellosen Sportsmann, den ich jede Charakterfrage bestehen lassen würde. Dennoch, das weiß er selbst sicherlich auch, ist er fußballerisch limitiert. Er hat seine Stärken im Zweikampf, eigentlich auch in der Luft. Er schlägt schöne Diagonalpässe á la Jerome Boateng. Und er ist normalerweise torgefährlich bei Standards. Aber ihm fehlt die Übersicht im Offensivspiel, er ist kein Kreativer. Kommt er einmal mit dem Ball in Fahrt, dann läuft er sich fest oder spielt einen Fehlpass. Er wirkt dann auf mich zu oft wie ein Schlittschuhläufer, der nicht bremsen kann und dafür in die Bande fährt. Heiko muss wieder dahin kommen, Bälle zu gewinnen und sie sicher abzuspielen. Er muss, und das gilt für alle in der Mannschaft, wieder dahin kommen, seine Qualitäten optimal in die Mannschaft einzubauen. Um gut zu sein, muss er nicht mehr machen. Aber es darf eben auch nicht weniger sein.

Das wiederum zählt im Übrigen für alle im Team. In jedem Team. Es ist so allgemeingültig, dass es schon fast als Phrase bezeichnet werden kann. Aber es ist eben doch wahr. Ein wirklich gutes Spiel hat mehr Bausteine, als ein einzelner Spieler einbringen kann. Die besten Mannschaften sind die, die vom prädestinierten Zweikämpfer bis zum Edeltechniker alle Spektren ausreichend abdecken. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die Spanier. Jahrzehntelang hatten sie mit die besten Fußballer, spielten einen begeisternden Kombinationsfußball. Sie gewannen aber keine Titel. Denn ihr System hatte den Haken, dass es zu wenig Wert auf Verteidigung und gute Abwehrspieler gelegt hatte. Statt effektiv zu spielen war Ästhetik Trumpf. Inzwischen spielen dort Typen wie Carles Puyol in der Abwehr – spezialisierte Zweikämpfer eben. Und plötzlich sind sie nicht mehr aufzuhalten.

Deswegen funktionierte der HSV mit einem Olic, deswegen funktionierte er mit einem Reinhardt. Beides keine Alleskönner. Ganz im Gegenteil. Aber eben Spezialisten. Und die fehlen dem HSV im Moment. Zum einen verletzungsbedingt, weswegen gerade in der Abwehr zu oft umgebaut und entsprechend improvisiert werden muss. Zum anderen, weil systematisch wie personell generell zu viel improvisiert wird. Angefangen in der Vorbereitung mit Petric als Rechtsaußen bis hin zu Robert Tesche in Köln als Außenverteidiger.

Der HSV muss sich grundsätzlich Gedanken machen. Denn offensichtlich scheint auch bei der Kaderplanung einiges schiefgelaufen zu sein. Ein Beispiel ist Lennard Sowah. Im Sommer als großes Talent aus der Premier League zum HSV geholt, ist er Veh nicht mal gut genug, um ihn die Reservebank auf 18 Mann auffüllen zu lassen. Stattdessen nahm Veh nur 17 Spieler mit. Und das obwohl Sowah ein gelernter Linksverteidiger ist. Warum? Ganz einfach: weil Sowah als Wunsch Urs Siegenthalers zum HSV kam. Der einst designierte HSV-Sportchef soll seinen Kopf mit aller Macht durchgesetzt haben, obgleich Veh von Beginn an gegen Sowahs Verpflichtung gewesen sein soll – und sie somit von Beginn an zum Scheitern verurteilt war.

Und eine Verpflichtung, die erahnen lässt, dass bei der Kaderplanung einiges schief gelaufen ist. Die Konstellation, mit Siegenthaler, Veh ab Mai mit dem Neuling Reinhardt war nicht optimal. Klar. Aber wie oft hören und sagen wir trotzdem noch, dieser Kader hat mächtig Potenzial? Dabei stützen wir unsere Meinungen auf die Namen der Spieler. Wir beschreiben die individuelle Klasse eines jeden Einzelnen im Team und summieren. Aber, da wiederhole ich mich – Achtung, Phrasenschwein!! – die besten elf machen längst nicht die beste Elf. Hier müssen schon im Winter die richtigen Schrauben festgezogen werden. Wenn das nicht passiert, droht uns nach den letzten, im Endeffekt erfolgreichen Jahren, ein böser Zerfall. Wer auf Champions-League-Niveau denkt, muss auch entsprechend arbeiten. Das gilt für die Spieler, dafür werden und wurden sie heftig kritisiert. Aber es gilt ganz sicher auch für die Vereinsoberen. Denn bei denen beginnt eine gute Saison. Mit der Kaderplanung.

In der Hoffnung auf Besserung: Nur der HSV!

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