Monatsarchiv für Oktober 2010

Jetzt bitte die richtigen Schrauben nachziehen

31. Oktober 2010

Es ist schon Wahnsinn, was hier manchmal abgeht. Und das meine ich komplett positiv. Das ist Leidenschaft. Und genau wie Ihr, bin auch ich ein leidenschaftlicher Fußballer, von der (meiner) ersten Stunde an. Das hat uns unfassbar viele, schöne Stunden gebracht. Für viele von uns schon auf dem Platz als Spieler. Aber genauso neben dem Platz. Bei mir waren es einst Uwe Seeler, Charly Dörfel und Co., später Kevin Keegan, Horst Hrubesch, Thomas von Heesen, Thomas Doll und letztlich auch die aktuelle HSV-Konstellation, die mir viel Freude bereitet haben. Oder eben auch Frust, Trauer und manchmal gar Verärgerung. Das ist in keiner Phase der letzten HSV-Jahrzehnte ausgeblieben. Das ist eben der kleine Nachteil, wenn man sich emotional so sehr an einen Fußballverein bindet.

Aber man (frau natürlich auch) lernt mit den Jahren, mit den Ereignissen umzugehen, sie zu verarbeiten und einzuordnen. Dazu gehört der Jubel, ganz klar. Nichts macht ein Fan lieber. Aber dazu gehört es einfach auch, klar und ohne Umschweife Fehler anzusprechen. Eben so, wie nach dem gestrigen Spiel. Wer in dem Spiel noch positive Ansätze (außer bei dem Youngster Son) hervorhebt, verklärt die Situation. Denn: Ein Klub, der wie der HSV den Anspruch formuliert, Champions League spielen zu wollen, der unterwirft sich im gleichen Atemzug auch einem sehr hohen Anspruch von außen. Und dieser kann nicht, auch nicht im Entferntesten, mit einer Niederlage in Köln erreicht sein. Egal, ob dabei ein Babak Rafati pfeift… Ich verstehe Fans, die immer positiv bleiben wollen. Optimismus ist wichtig. Aber das allein wäre als Analyse zu einseitig. Das wäre populistisch. Nichts anderes.

Deshalb habe ich gestern klar formuliert, was mir missfallen hat. Angefangen bei Drobny, der natürlich noch keine Sicherheit hat. Der aber als erfahrener Mann mit der Situation umzugehen wissen muss. Und dafür war er mir bei den vielen Flanken zu untätig. Er blieb auf der Linie kleben, traute sich nicht, alles vor ihm wegzuräumen auf dem Weg zum Ball. Ich hätte erwartet, dass er mit seinen 1.92 Metern dominanter auftritt. Ich bin mir wie die meisten hier auch sicher, dass er das kann. Ich weiß auch, dass er ein guter Typ ist, ein Teamplayer – aber in der Form ist er eben auch Teil einer langen Fehlerkette, die Spiele wie gegen lediglich aggressiv spielende, fußballerisch stark limitierte Kölner verlieren lässt. Das gehört in einer Analyse angesprochen.

Dass nach dem Spiel Heiko Westermann davon spricht, er und seine Kollegen hätten einen couragierten Auftritt hingelegt, verbuche ich ihm zuliebe mal unter dem Begriff „Zweckoptimismus“. Ich hoffe, dass er sich als Kapitän dazu berufen sah, das Positive zu suchen und der Mannschaft Mut zuzusprechen. Sollte er allerdings auch intern, im intimeren Kreis mit Mitspielern und Trainerteam, diese Auffassung von dem Spiel in Köln vertreten, würde ich mir Sorgen machen. Noch mehr als mir sein Auftritt in Köln (er war an allen drei Gegentoren beteiligt, dazu noch fast ein Eigentor) bereits macht.

Nein, das darf es nicht sein. Hier gehören Worte hin, die klar machen, was falsch läuft. Das kann man in vielen Worten versuchen, das kann man aber auch wie Armin Veh nach dem Spiel machen. Der sagte nur: „Wir haben den Anspruch, oben mitzuspielen. Dafür musst du in Köln gewinnen. Das haben wir nicht geschafft. Insofern genügen wir unseren eigenen Ansprüchen nicht.“

Trotzdem müssen solchen Worten Taten, in schlimmeren Fällen sogar konzeptionelle Veränderungen folgen. Ihr schreibt immer wieder mal, der HSV bräuchte jetzt den Neuanfang, der HSV solle auf junge Talente setzen. Das ist ein sehr reizvoller Gedanke. Zumal, wenn man sieht, wie beispielsweise ein Sidney Sam gestern bei Bayer Leverkusen aufdreht und die gesamte Schalke-Abwehr narrt. Solche Spieler würden uns in Hamburg sicher auch guttun. Allerdings, so formulierte es der Vorstand, koalierten bei Sam die sportlichen Qualitäten nicht mit den Menschlichen. Da sollen alte Verfehlungen Sams im Internat letztlich zum Zerwürfnis mit dem Vorstand geführt haben.

Abgehakt. Dieser HSV hat andere Sorgen. Sollte wieder ein internationaler Wettbewerb verpasst werden, müssen Spieler verkauft werden. Das hat Sportchef Bastian Reinhardt bereits klar gesagt. Deshalb sollten umso dringender und schnell nach Lösungen suchen, nicht weitere Fragen aufwerfen. Zumal am kommenden Sonnabend mit Hoffenheim und dem anschließenden Auswärtsspiel in Dortmund zwei sehr schwere Aufgaben bevorstehen.

Einige Lösungen bedingen sich aus den Rückkehrern. Ruud van Nistelrooy sollte bis dahin seine Knieprobleme überwunden haben. Auch Marcell Jansen könnte, sofern der gebrochene, linke kleine Zeh wieder in den Schuh passt, wieder mitwirken. Und, das ist vielleicht die wichtigste Rückkehr, Zé Roberto müsste seinen grippalen Infekt bis zum Hoffenheim-Spiel komplett auskuriert und körperliche Defizite wieder aufgearbeitet haben. Womit ich einen kleinen Einwurf machen muss: Ich hatte Trochowski gestern abgesprochen, seine Chance im zentralen Mittelfeld genutzt zu haben. Anschließend habe ich – auch weil ich kein Supertalent oder Carmen Nebel gucken wollte – das ganze HSV-Spiel noch mal in der Wiederholung komplett angesehen. Und ich muss sagen, dass Troche nach vorn einige gute Szenen hatte, die mir im ersten Moment gestern durchgerutscht sein könnten. Dennoch bleibe ich bei meiner Gesamtbeurteilung, dass es zu wenig ist. Troche hat alle Qualitäten, besser: er hat alle Voraussetzungen. Er ruft sie aber noch immer zu selten ab.

Da geht von Zé Roberto an guten Tagen mehr Gefahr aus. Für mich ist der Brasilianer, der gegen Bayern zuletzt zwar auch nicht seinen besten Tag hatte, aber dort offensichtlich schon grippegeschwächt ins Spiel gegangen war, das Kreative Herz des Teams. Hat Zé einen guten Tag, ist der HSV gut. Meistens zumindest. Fällt Zé ab, wie in der letzten Phase von Bruno Labbadia, geht beim HSV kaum etwas. Ein Vakuum, das Troche hätte füllen sollen, dies aber nicht ausreichend schafft.

Zudem kehrt David Jarolim zurück. Der Tscheche war in Köln schon im Kader, hat bis zum Hoffenheim-Spiel noch eine Woche, um wieder topfit zu werden. Hier steht Veh vor einer nicht ganz einfachen Aufgabe. Lässt er den vor seiner Verletzung unumstrittenen Jarolim wieder ran, oder versucht er, Gojko Kacars latenten Aufwärtstrend aus der Köln-Partie zu konservieren?

Und während Jansen selbstverständlich sofort wieder auf die linke Verteidigerposition rücken würde, muss sich Veh bei van Nistelrooys Rückkehr auch wieder mit dem Gedanken auseinandersetzen, das System wieder auf zwei Spitzen umzustellen. Zwar könnte Veh auch Guerrero herausnehmen und Petric auf die zentrale Position hinter der einzigen Spitze stellen – zumindest würde er so das System nicht neuerlich umbauen müssen. Aber ich glaube, dass das intern neue Probleme gäbe. Denn Vehs Grundsatz, ausschließlich nach Leistung zu gehen, konnte Petric mit drei Treffern in den letzten zwei Spielen sicher entsprechen.

Bleibt das Hauptproblem: die Abwehr. Ihr hattet gefragt, warum Besic außen nicht mal eine Chance bekommt. Ich glaube, dass das nichts ist, was wir Veh vorwerfen sollten. Vielmehr glaube ich, dass der Trainer sein Talent schützen will. Schließlich ist Besic ein Innenverteidiger. Würde man den Jungen nun auf einer für ihn ungewohnten Position debütieren lassen, könnte man ihn schnell verheizen. Und das wäre zu schade. Denn auch ich glaube, dass Besic mal ein richtig Guter wird. Allerdings am ehesten als Innenverteidiger. Und beim HSV wohlgemerkt. Auch wenn Veh diese beiden Posten momentan noch mit zwei Nationalspielern fest besetzt hat.

Womit ich mal wieder bei Westermann bin. Für den tut es mir wirklich leid, denn ich halte ihn für einen tadellosen Sportsmann, den ich jede Charakterfrage bestehen lassen würde. Dennoch, das weiß er selbst sicherlich auch, ist er fußballerisch limitiert. Er hat seine Stärken im Zweikampf, eigentlich auch in der Luft. Er schlägt schöne Diagonalpässe á la Jerome Boateng. Und er ist normalerweise torgefährlich bei Standards. Aber ihm fehlt die Übersicht im Offensivspiel, er ist kein Kreativer. Kommt er einmal mit dem Ball in Fahrt, dann läuft er sich fest oder spielt einen Fehlpass. Er wirkt dann auf mich zu oft wie ein Schlittschuhläufer, der nicht bremsen kann und dafür in die Bande fährt. Heiko muss wieder dahin kommen, Bälle zu gewinnen und sie sicher abzuspielen. Er muss, und das gilt für alle in der Mannschaft, wieder dahin kommen, seine Qualitäten optimal in die Mannschaft einzubauen. Um gut zu sein, muss er nicht mehr machen. Aber es darf eben auch nicht weniger sein.

Das wiederum zählt im Übrigen für alle im Team. In jedem Team. Es ist so allgemeingültig, dass es schon fast als Phrase bezeichnet werden kann. Aber es ist eben doch wahr. Ein wirklich gutes Spiel hat mehr Bausteine, als ein einzelner Spieler einbringen kann. Die besten Mannschaften sind die, die vom prädestinierten Zweikämpfer bis zum Edeltechniker alle Spektren ausreichend abdecken. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die Spanier. Jahrzehntelang hatten sie mit die besten Fußballer, spielten einen begeisternden Kombinationsfußball. Sie gewannen aber keine Titel. Denn ihr System hatte den Haken, dass es zu wenig Wert auf Verteidigung und gute Abwehrspieler gelegt hatte. Statt effektiv zu spielen war Ästhetik Trumpf. Inzwischen spielen dort Typen wie Carles Puyol in der Abwehr – spezialisierte Zweikämpfer eben. Und plötzlich sind sie nicht mehr aufzuhalten.

Deswegen funktionierte der HSV mit einem Olic, deswegen funktionierte er mit einem Reinhardt. Beides keine Alleskönner. Ganz im Gegenteil. Aber eben Spezialisten. Und die fehlen dem HSV im Moment. Zum einen verletzungsbedingt, weswegen gerade in der Abwehr zu oft umgebaut und entsprechend improvisiert werden muss. Zum anderen, weil systematisch wie personell generell zu viel improvisiert wird. Angefangen in der Vorbereitung mit Petric als Rechtsaußen bis hin zu Robert Tesche in Köln als Außenverteidiger.

Der HSV muss sich grundsätzlich Gedanken machen. Denn offensichtlich scheint auch bei der Kaderplanung einiges schiefgelaufen zu sein. Ein Beispiel ist Lennard Sowah. Im Sommer als großes Talent aus der Premier League zum HSV geholt, ist er Veh nicht mal gut genug, um ihn die Reservebank auf 18 Mann auffüllen zu lassen. Stattdessen nahm Veh nur 17 Spieler mit. Und das obwohl Sowah ein gelernter Linksverteidiger ist. Warum? Ganz einfach: weil Sowah als Wunsch Urs Siegenthalers zum HSV kam. Der einst designierte HSV-Sportchef soll seinen Kopf mit aller Macht durchgesetzt haben, obgleich Veh von Beginn an gegen Sowahs Verpflichtung gewesen sein soll – und sie somit von Beginn an zum Scheitern verurteilt war.

Und eine Verpflichtung, die erahnen lässt, dass bei der Kaderplanung einiges schief gelaufen ist. Die Konstellation, mit Siegenthaler, Veh ab Mai mit dem Neuling Reinhardt war nicht optimal. Klar. Aber wie oft hören und sagen wir trotzdem noch, dieser Kader hat mächtig Potenzial? Dabei stützen wir unsere Meinungen auf die Namen der Spieler. Wir beschreiben die individuelle Klasse eines jeden Einzelnen im Team und summieren. Aber, da wiederhole ich mich – Achtung, Phrasenschwein!! – die besten elf machen längst nicht die beste Elf. Hier müssen schon im Winter die richtigen Schrauben festgezogen werden. Wenn das nicht passiert, droht uns nach den letzten, im Endeffekt erfolgreichen Jahren, ein böser Zerfall. Wer auf Champions-League-Niveau denkt, muss auch entsprechend arbeiten. Das gilt für die Spieler, dafür werden und wurden sie heftig kritisiert. Aber es gilt ganz sicher auch für die Vereinsoberen. Denn bei denen beginnt eine gute Saison. Mit der Kaderplanung.

In der Hoffnung auf Besserung: Nur der HSV!

Durchgefallen – HSV verliert 2:3 in Köln

30. Oktober 2010

Ich hatte Euch meine Freude vor Spielbeginn mitgeteilt – Veh würde in Köln stürmen lassen hatte ich der Aufstellung entnommen. Allerdings hatte ich zuerst auf Raute mit Kacar als alleinigen Sechser getippt – am Ende spielte Veh mit einer Spitze, drei offensiven Mittelfeldspieler dahinter sowie zwei Sechsern – Kacar und Trochowski. Eine Idee, die so gar nicht aufgehen sollte. Im Gegenteil. Diese Niederlage ist ein Nackenschlag, es ist fast schon ein Trommelwirbel von Faustschlägen ins Gesicht eines jeden Fans. Und es macht eine Vermutung zur traurigen Gewissheit: der HSV steckt in der Krise. Und im grauesten Mittelmaß.

Dabei reichte den Kölnern ein reiner Willensakt. Zuerst Son, unmittelbar danach Pitroipa – ich hatte den Fernseher kaum angeschaltet, da lagen die beiden schon. Umgetreten von Kölnern, die von Beginn an so aggressiv spielten wie wahrscheinlich noch nie in dieser Saison. Dass dabei sogar die frühe Führung heraussprang, hatten sie jedoch der – mal wieder – bei Standards unsortierten HSV-Defensive zu verdanken. Westermann, eigentlich geholt als Garant in der Luft, verliert das Kopfballduell gegen Geromel, dahinter lassen Tesche und Mathijsen Novakovic ungedeckt und der trifft zum 1:0 (11.). Und plötzlich war sie wieder da, die fast spieltägliche Angst vor Standards. Zumindest bei mir.

Es spricht allerdings für die Moral des HSV – und gegen die Tretertaktik des FC -, dass sie wiederkamen, sogar in Führung gingen. Zuerst hatte Mathijsen seinen Fehler in der Abwehr mit einem schönen Kopfball wieder gut gemacht, den Brecko Petric auf den Kopf servierte (15.). Danach der große Auftritt des kleinen Son. Einen schönen Pass von Kacar erläuft der 18-Jährige und lupft ihn über den Kölner Keeper. Mit welcher Coolness er das machte, insbesondere wie er dann den Dropkick aus 15 Metern bombensicher einnetzte (23.) – das ist schon beeindruckend.

Weniger beeindruckend anschließend, wie Kacar den Ball nicht aus der Gefahrenzone bringen kann, Guerrero in Bedrängnis anspielt, und der Peruaner vergeblich auf Freistoß spekuliert. Dazu kommt noch ein mehr als fragwürdiges Stellungsspiel von Westermann, der sich von Podolski überlaufen lässt. Dessen Querpass kann Novakovic völlig ungedeckt über Drobny hinweg stolpern – das 2:2.

Und, obwohl ich bei den Toren Tesche mit in der jeweiligen Fehlerkette gesehen habe, gefiel er mir bis dahin, weil er körperlich voll gegen die mit allen Mitteln kämpfenden Kölner hielt. Rincon auch – allerdings produzierte mir der Venezolaner zu viele Fouls und dementsprechend Standards rund um den eigenen Sechzehner.

Womit wir schnell in der zweiten Halbzeit sind. Keine acht Minuten waren gespielt, da hatten die Kölner schon wieder zwei Eckbälle sowie drei Freistöße. Ein Problem, das sich durch die gesamte Saison zu ziehen scheint. Diesmal blieben sie allerdings ohne Folgen für den HSV. Im Gegenteil. Der HSV hatte zwei, drei richtig gute Freistoßsituationen, die Trochowski einmal auf den am zweiten Pfosten ungedeckten Petric und zwei Mal in die gegnerische Mauer setzte. Am gefährlichsten war allerdings ein Freistoß, den Westermann fast im eigenen Kasten untergebracht hätte. Eine bezeichnende Szene für das Spiel des HSV, das am Ende sogar noch mit Novakovics drittem Treffer und der zweiten Niederlagen binnen vier Tagen bestraft wurde.

Eine Niederlage, die alarmieren muss. Köln spielte engagiert, okay. Aber sehr viel mehr auch nicht. Und trotzdem reichte es. Weil dieser HSV wackelt – und immer häufiger auch fällt. Die Unsicherheit ist deutlicher denn je zu erkennen. Angefangen bei Jaroslav Drobny, der zwar keinen großen Fehler machte, allerdings bei seinen Faustabwehren nicht den sichersten Eindruck hinterließ. Und, das ist das bitterste für ihn, unter dem Strich stehen zwei Spiele von Beginn an – und acht (!) Gegentreffer.

An denen darf sich allerdings erneut Heiko Westermann eine wesentliche Teilschuld zuschreiben. So sehr ich ihn nach dem Lautern- und dem Bayern-Spiel für die neue Sicherheit in der Abwehr gelobt hatte, so sehr muss ich sein Stellungsspiel, insbesondere die Absprache mit seinen Nebenleuten kritisieren. Er war an allen drei Toren beteiligt. Zuerst verlor er das entscheidende Kopfballduell, dann lässt er sich überlaufen und am Ende hat er Novakovic nicht mehr in Blick, der völlig frei zum Sieg der Kölner einschieben kann. Das ist nicht der Heiko Westermann, der er selbst sein will und den wir uns erhofft hatten. Dass ausgerechnet jetzt sein Nebenmann, in den letzten Jahren so etwas wie die personifizierte Konstanz, Joris Mathijsen, mitwackelt, zeigt, in welchen Schwierigkeiten der HSV steckt.

Da helfen auch engagierte, allerdings oft auch kopflose Leistungen der Aushilfs-Außen Tesche und Rincon nichts. Den beiden mag ich zumindest heute noch die wenigsten Vorwürfe machen, schließlich spielten beide notgedrungen auf für sie eher ungewohnten Positionen. Fraglich ist allerdings, wann der HSV sein meiner Meinung nach seit Jahren wiederkehrendes Problem personell ausbessert. Oder kann mir von Euch jemand sagen, wann wir das letzte Mal auf den Außen wirklich gut standen?

Allein das bereits aufgezählte reicht schon, um Spiele zu verlieren. Trotzdem reihen sich im Mittelfeld nahezu alle Spieler in diese Fehlerkette mit ein. Son wusste mit seinem Tor zu begeistern, ansonsten tauchte er jedoch nahezu wirkungslos ab. Genau wie Trochowski, der bis auf einen schönen Pass auf Guerrero in der zweiten Halbzeit, nur durch vergeben Freistöße seine Chancen, das muss so konstatiert werden, mal wieder nicht nutzen konnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er am kommenden Sonnabend gegen Hoffenheim von Beginn an aufläuft. Zumal bis dahin Zé Roberto wieder fit sein sollte.

Gleiches gilt für Kacar, der bemüht war, einen schönen Pass auf Son spielte, letztlich aber zu wenig für die Offensive tat. Er machte kein schlechtes Spiel, damit mich bitte keiner falsch versteht. Aber er ging letztlich mit unter. Genau wie Pitroipa, der für mich offensiv noch die meisten Akzente setzte. Er wurde am Anfang getreten und gejagt, aber er ließ sich nicht entmutigen. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob er selbst immer weiß, was er mit dem Ball macht, er sorgt seit Wochen für Unruhe beim Gegner. Das ist okay.

Womit wir bei unserem Angriff sind. Paolo Guerrero begann nominell als Zehner, war allerdings mit zwei Großchancen diesbezüglich Spitzenreiter im eigenen Team. Petric, der einen Treffer beisteuern konnte, war weniger auffällig. Und diesmal muss die Frage erlaubt sein, warum Veh am Ende Guerrero und nicht den abbauenden Son herunternahm. Ein Test? Schließlich wurde das Spiel in Köln ja offiziell zu Charaktertest ausgerufen. Allein, ich glaube nicht daran. Schließlich lieferte das Spiel vor wie auch nach Guerreros Auswechslung schon die klare Antwort. Und die heißt: Test nicht bestanden, die Mannschaft ist durchgefallen. Wenn das Thema nicht zu ernst wäre, würde ich sagen: wenigstens im Durchfallen war die Mannschaft ein echtes Kollektiv…

18.04 Uhr.

Son von Beginn an dabei!!

30. Oktober 2010

Wow!! Das ist ne Überraschung! Veh lässt in Köln stürmen. Mit Heung Min Son in der Startelf. Aber seht selbst:

Drobny – Rincon, Westermann, Mathijsen, Tesche – Son, Kacar, Trochowski, Pitroipa – Guerrero, Petric.

Ich freu mich auf das Spiel!

Nur der HSV!

14.19 Uhr

Alles eine Frage des Charakters

29. Oktober 2010

Er sieht nicht gut aus. Und nein, er ist auch nicht wirklich gut drauf. Wie auch? Immerhin hat der Mann nach eigener Aussage das erste Mal seit 20 Jahren als Trainer ein Spiel verpasst. Zudem ist seine Mannschaft dabei im DFB-Pokal in Frankfurt mit 2:5 untergegangen. Und das sah man ihm auch an. Armin Veh ist noch immer nicht komplett gesund. Eine Grippe setzt dem HSV-Coach seit Mittwoch ordentlich zu. „Aber während Mittwoch wirklich gar nichts ging, ist mein Kopf jetzt wieder klar“, sagt Veh.

Allerdings dürfte ihm die Personalsituation doch noch einige Kopfschmerzen bereiten, denn: Nach Ruud van Nistelrooy, Eljero Elia, Dennis Aogo, Dennis Diekmeier und Marcell Jansen fällt für Köln definitiv auch Zé Roberto aus. Der Brasilianer leidet an einer Magen-Darm-Grippe, konnte heute schon nicht trainieren. Eine Namenskette von Ausfällen, wie wir sie in Hamburg fast schon gewohnt sind. Mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: Ze Robertos Ausfall stellt Armin Veh vor ungeahnte Schwierigkeiten.

Entsprechend genervt reagierte er heute auf unsere Fragen, wer denn links hinten spielt und wer die Mittelfeldposition von Zé übernimmt. Geantwortet hat er, dass er „sicherlich nicht viele Möglichkeiten habe – aber immer noch genügend“. Denn, und daran ließ er heute keine Zweifel aufkommen, auch bei ihm neigt sich die Geduld mit der Mannschaft gen Ende: „Wir reden hier seit Wochen, alle haben den gleichen Anspruch und sprechen von einer großen Mannschaft. Aber wenn wir diesen Anspruch haben, müssen wir in Köln gewinnen. Wir müssen gewinnen, wenn diese Truppe noch was erreichen will. Egal, wer aufläuft.“

Dafür setzt Veh Akzente. Verbal zumindest. Sein Assistent Michael Oenning hatte vorgelegt, der Cheftrainer zog nach. Ob das was bringt, bleibt abzuwarten. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich ob dieser Personalsituation sogar die eine oder andere positive Veränderung ergeben kann. „Die Spieler, die jetzt nachrücken, müssen sich zeigen, die wollen beweisen, dass sie gut sind“, formuliert Joris Mathijsen das, was ich auch denke. Und der Niederländer fügte hinzu: „Das kann für uns als Mannschaft auch gut sein.“

Zumindest in Köln. Denn auch wenn die Rheinländer einen neuen Trainer haben und unter der Woche beim Pokal-Sieg gegen München 1860 (3:0) etwas Selbstvertrauen tanken konnten, sind sie für mich noch immer das schwächste Team der Liga. Einige von Euch werden sich erinnern, es ist ja auch nach zu lesen: Ich hatte Köln vor dem ersten Bundesliga-Spiel unter jenen Klubs vermutet, die absteigen werden. In der Analyse von Podolski und Co. schlägt bei mir die fehlende Kölner Qualität den Effekt des Trainertauschs. Und wenn dieser HSV, der für sich selbst ja einen Champions-League-Platz beansprucht, dort nicht gewinnen sollte, kann man diese Saison abhaken. Das weiß Armin Veh, das wissen die Spieler. Insofern, und damit bin ich wieder bei Oenning von gestern: Dieses Spiel ist tatsächlich ein Charaktertest.

In der Kabine soll es entsprechend auch unter den Spielern hitzige Debatten gegeben haben. „Ich erzähle nicht, was wir intern besprechen“, sagt Joris Mathijsen, „aber natürlich waren die letzten Spiele Thema. Wir wissen doch auch, dass wir nicht eben noch Weltklasse und im nächsten Moment Kreisklasse spielen können.“ Ein Problem, das der Vize-Weltmeister nicht nur auf die aktuelle Mannschaft, sondern auf den HSV generell bezieht. „Ich bin schon ein paar Jahre hier, und es ist oft das Gleiche: Uns fehlt die Konstanz.“

Worte. Richtige Worte. Aber endlich auch mal Einsichten, die zu Verbesserungen führen? Ich gebe zu, ich zweifle daran. Mir bleibt nur die Hoffnung auf Besserung. Die dürfte auch bei Euch dominant sein.

Allerdings, und das trifft auf mich und einige Kollegen gleichermaßen zu, wir alle rätseln, wie Armin Veh in Köln spielen lassen will. Im Training verzichtete der Trainer heute auf ein Abschlussspiel, das uns ansonsten immer einen hundertprozentigen Einblick in die Startelf beim kommenden Spiel ermöglichte. Ich glaube, dass Veh selbst noch nicht sicher ist, wie er in Köln spielen lassen will.

Auf jeden Fall nahm er nur 17 Leute mit. Lennard Sowah ist noch immer nicht dabei. Angesichts der dramatischen Situation auf seiner angestammten Position links hinten eine Ohrfeige. Nein, mehr als das. Armin Veh spricht seinem Sommer-Zugang, der auf dringende Empfehlung des damals designierten Sportchefs Urs Siegenthaler gekommen war, die sportliche Tauglichkeit ab. „Er ist noch nicht so weit“, hatte Veh schon in der Vorbereitung gesagt. Dass Sowah allerdings so gar keine Alternative ist, das wissen jetzt auch die letzten unter uns.

Womit die Frage nach der Position links in der Viererkette noch immer nicht geklärt ist. Während ich zuerst daran dachte, dort entweder Robert Tesche (er spielte auch in der Vorbereitung oft hinten links) oder Tomas Rincon einzusetzen, bauen einige Kollegen auf den jungen Muhamed Besic. Wie ich finde völlig berechtigt. Wenn nicht jetzt, wann dann? Der Junge hat in den Trainingseinheiten bislang zu gefallen gewusst. Er zählt für mich neben Heung Min Son als DAS momentane Talent. „Er ist eine Alternative“, hatte Veh zuletzt über den Abwehrmann gesagt. Auch schon in Köln?

Ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn die Kollegen Recht behielten. Ich wäre wirklich gespannt, wie er sich auf Bundesligaebene im Wettkampf bewährt. Und wenn ich ein solches Talent habe, wann werfe ich es dann, wenn es wirklich überall brennt, ins kalte Wasser. Die personelle Situation (und nicht nur die!) ist doch fast schon dramatisch zu nennen. Schlechter als zuletzt Jansen (gehandicapt durch seinen Zehbruch) oder auf der rechten Seite Guy Demel macht der Junge das sicher auch nicht. Ich hoffe, dass Armin Veh den Mut hat – und, dass Besic das zeigt, was er im Training seit Wochen andeutet.

Dann könnte auch Tomas Rincon im Mittelfeld seine Scharte wieder auswetzen. Wie ich den Venezolaner kenne, wird er darauf brennen, allen zu zeigen, dass die schwache Partie in Frankfurt eine Ausnahme war. Außerdem dürfte es bei den nicht durch Spielwitz sondern maximal durch Einsatz geprägten Kölnern vermehrt darauf ankommen, gegenzuhalten. Das könnte ein gerade erst wieder genesener David Jarolim allein nicht.

Allerdings ist es auch möglich, dass Veh sein System wieder (notgedrungen) auf zwei Sechser umstellt. Das wiederum könnte ein Jarolim im Verbund mit Rincon oder – was ich mir vorstellen kann – mit Gojko Kacar. Trochowski würde wieder auf links gehen, Pitroipa rechts, Guerrero als hängende Spitze und Petric davor.

Egal wie, Veh steht vor einer schwierigen Aufgabe. Oder nicht? Immerhin dürfte er nichts mehr ansagen müssen, die Mannschaft steht und nimmt sich für die Niederlage in Frankfurt in die Pflicht. „Wir haben so viele Fehler gemacht, haben dadurch so viele offene Fragen hinterlassen, dass wir in der Pflicht sind, sie alle zu beantworten. In Köln!“, hatte Co-Trainer Michael Oenning gefordert. Und Veh setzte heute nach. „Wir haben viel geredet, weniger gezeigt“, klagt er leere Worthülsen seiner Spieler an, „wenn ich nur noch rede, es auf dem Platz aber nicht zeige, dann mache ich alles falsch“, sagte ein sichtlich verärgerter Veh weiter und deutet an, was er verlangt: „Wir können glücklich sein, dass wir schon am Sonnabend in Köln zeigen dürfen, dass wir es auch auf dem Platz können.“

Na denn. Sein Wort in (des Fußball-)Gottes Ohr. Ich bin gespannt. Der Worte sind genug gewechselt . . .

PS: Der von mir angekündigte Bananen-Produzent des HSV, der am nächsten Freitag zum “Matz-ab”-Treffen in die Raute kommen wird, ist nicht Manfred Kaltz! Und dazu möchte ich noch einen weiteren Gast ankündigen: Es kommt ein verdienter Spieler, der einst mit dem vielleicht löängsten Anlauf der HSV-Bundesliga-Geschichte ein ganzu wichtiges Tor erzielen konnte. Die Auflösung folgt (schon am Sonnabend in der Print-Ausgabe des Abendblattes).

In der Hoffnung auf einen schönen 1:0-Sieg in Köln wünsche ich Euch ein wunderschönes und erfolgreiches Wochenende.

19.19 Uhr

Oenning: “Es liegt allein an uns”

28. Oktober 2010

Der Tag danach – oha, ich habe ein Déja-vu! Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Diesmal ist der Tag danach wirklich besch. . . eiden. Und daran konnten auch Michael Oennings rhetorisch feine und sehr ehrliche Ausführungen nichts ändern. Im Gegenteil, sie offenbarten die wahre Dimension des HSV-Problems. „In Frankfurt ging es um viele Kleinigkeiten, und die haben wir falsch gemacht. Jetzt muss die Mannschaft in Köln eine Reaktion zeigen, Das liegt allein an uns“, sagte Oenning und schob den für mich entscheidenden Satz nach: „Womit wir wieder bei der Charakterfrage sind . . .“

Der Co-Trainer, der auch heute den erkrankten Armin Veh ersetzte, ist wie sein Chef. Ein Mann offener Worte. Ob der HSV nach dem Aus im Pokal nur noch ein Mittelmaß-Klub sei? Oenning: „Das kann man so sehen, wenn man es will.“ Ob beim HSV zwischen dem anfangs der Saison formulierten Titelwunsch und dem sportlich bislang gezeigten der so oft zitierte „himmelweite Unterschied“ läge? Oenning: „Zwischen beiden Dingen liegt eine Diskrepanz. Das muss man so sehen. Klar.“

So erfrischend ehrlich die Worte des ehemaligen Nürnberg-Cheftrainers auch waren, so Besorgnis erregend sind sie zugleich. Die Charakterfrage wird gestellt. Am zehnten Spieltag wiederholt sich, was wir hier im Blog – und was generell im HSV-Umfeld in den letzten Jahren – am meisten diskutiert wurde: Ist es der mangelhafte Charakter der Spieler, der diesen HSV nicht an die Leistungs- und somit Erfolgsgrenze kommen lässt?

Ich behaupte – einmal mehr – ja! Beispiele dafür zu nennen ist fast schon überflüssig, so deutlich sind sie. Guerrero, Petric, Elia (auch wenn er bislang verletzt ist – bei ihm ist es ein grundsätzliches Problem!) – die Liste ist mit verschiedenen Vorfällen beliebig weit fortzuführen. Mir scheint fast, als sei die Mannschaft altklug, als wüssten die Spieler immer schon vor dem Trainer alles. Und vor allem: Die Herren Profis denken, sie wissen es besser. Wochenlang predigte Armin Veh die defensive Kompaktheit. Ohne Erfolg. Ich erinnere da nur an das Bundesligaspiel in Frankfurt, das Derby in Bremen oder zuletzt der Kick hier gegen Lautern. Spiele, die so gar nicht so waren, wie Veh es vorher gefordert hatte.

Allein die außergewöhnlich hohe individuelle Klasse bewahrte den HSV vor Schlimmerem. Siege täuschten darüber hinweg, dass die mannschaftliche Geschlossenheit noch unterentwickelt ist. Dass der Mannschaft dadurch Sicherheit fehlt. Eben jene Sicherheit, die ich seit Huub Stevens hier nicht mehr gesehen beziehungsweise nicht mehr verspürt habe. Ich wurde, als ich diesen Umstand hier zuletzt anmahnte, ebenfalls ermahnt: „Das ist wenig hilfreich.“ Was aber bitteschön ist hilfreich? Wenn man die Dinge nicht beim Namen nennt? Das hilft niemandem. Unter Huub Stevens wurde sicher nicht der schönste Fußball gespielt, aber die Defensive stand zumeist. Führte der HSV, war ich mir fast immer sicher, dass das Spiel auch gewonnen wird. Der HSV hätte unter dem Niederländer gestern in Frankfurt wahrscheinlich auch nicht gewonnen, aber, da bin ich mir sicher, die Mannschaft hätte sich nicht 2:5 abschießen lassen. Dafür hatten die Spieler zu viel Respekt vor den Konsequenzen des autoritären und von einigen Spielern als „harter Hund“ bezeichneten Trainers.

Heute ist das anders. Armin Veh gibt seinen Führungsspielern die lange Leine, was solange förderlich ist, wie die Mannschaft gewinnt. Allerdings haben Teile der Mannschaft die Freiheiten offenbar falsch aufgefasst, falsch interpretiert. Und statt ein höheres Maß an Eigenverantwortung zu entwickeln, verlässt sich die heutige Mannschaft auf ihr zweifellos großes Potenzial. Frei nach dem Motto: „Wir sind eh gut genug. Das klappt schon! Wenn nicht jetzt, dann später.“ Ein Gedanke, den Ausnahmekönner wie Zé Roberto, Mladen Petric und auch Ruud van Nistelrooy auch haben können – allerdings muss das dann auch auf dem Platz gezeigt werden. Ansonsten beschummelt sich jeder selbst. Vor dem Spiel in Mainz, nur ein beispiel, hieß es von Paolo Guerrero: „Wir haben mehr fußballerische Qualität.“ Beim Spitzenreiter wurde diese dann auch prompt gezeigt, aber wo bleibt der Beweis, wenn es gegen die Bundesliga-Grauzone geht?

Ich weiß gar nicht, ob ihm bewusst war, was er da genau sagte, aber Piotr Trochowski brachte es direkt nach dem Spiel auf den Punkt: „Egal was du dir auch vornimmst, es bringt nichts, wenn nicht alle zusammen spielen. So fangen wir wieder bei Null an.“

Treffer. Auch wenn sich „Troche“ damit bei seinen Kollegen nicht nur beliebt macht – es saß trotzdem. Seine Kritik an der fehlenden mannschaftlichen Geschlossenheit gepaart mit Oennings Charakterfrage lässt bei mir die Erkenntnis zu: der HSV steckt in einer Krise. Das ist nicht populistisch, weil der HSV gerade böse unter die Räder gekommen ist und sich die Gelegenheit bietet, nein, das ist ein trauriger Fakt. Der HSV trat in Hessen einfach nur blamabel auf, da war nicht ein Hauch von Einheit zu erkennen, da lief alles munter durcheinander, das war ein absoluter (und der viel zitierte) Hühnerhaufen. Selten habe ich einmal einen so desorientierten HSV erlebt. Und sollte jetzt auch noch gegen den 1. FC Köln, bei der wohl schlechtesten Mannschaft der Ersten Liga, am Sonnabend etwas schief laufen, werden in Hamburg sicher auch erstmals die handelnden Personen diskutiert. Dann könnte aus der Krise leicht auch ein Chaos werden,

Aber warten wir das noch mal ab. Ehrliche Worte wurden von den Protagonisten ja jetzt schon gesprochen, das ist wenigstens ein Anfang. Dazu kann die Mannschaft schon am Sonnabend in ihre Lernfähigkeit unter Beweis stellen. „In Frankfurt war das zu wenig, das war schlecht“, hatte Oenning analysiert, „da haben wir viele kleine Fragen offen gelassen, die es jetzt allesamt in Köln zu beantworten gilt.“ Allerdings, und das sieht sicher auch der Interims-Cheftrainer so, ein gutes Spiel wird nicht reichen, um die Charakterfrage positiv für die Spieler ausgehen zu lassen. Dafür haben sie zu viel Kredit verspielt. Dafür laufen sie ihren eigenen Ansprüchen auch zu weit hinterher.

Nein, erst zur Winterpause werden wir ein richtiges Fazit ziehen können. Ein gültiges. Und dem werden sich Spieler, Trainer und sicherlich auch der Vorstand stellen müssen. Ohne Ausnahme. Auch wenn das bedeutet, dass im Anschluss einige unpopuläre Entscheidungen getroffen werden müssen.

Aber zurück zur Mannschaft, zum aktuellen Geschehen, das personell keine Besserung mit sich bringt. Im Gegenteil. Ze Roberto erlitt einen Rückschlag und liegt mit einem Infekt flach. Sein Einsatz ist ebenso „sehr fraglich“ (so Oenning) wie der von Ruud van Nistelrooy (Knie) und der von Marcell Jansen. Dessen gebrochener Zeh hatte nach dem Spiel (und nachdem die schmerzstillenden Mittel nachgelassen hatten) noch mehr Probleme als vorher gemacht. Zudem ist der Einsatz von Collin Benjamin (Knie) „50:50“, wie HSV-Medien-Chef Jörn Wolf sagt.

Nur gut ist, und damit komme ich zu der einzigen positiven Nachricht von heute, dass David Jarolim wieder gesund. Der Tscheche, den ein Muskelfaserriss außer Gefecht gesetzt hatte, trainierte gestern mit den acht gesunden Reservisten (Son, Besic, Torun, Kacar, Choupo-Moting, Tesche, Sowah und Ben-Hatira). Und er hielt durch, wirkte beim Spiel auf kleine Tore schon sehr beweglich. Möglich, dass der Tscheche schon in Köln zum Kader gehört.

Womit ich zum zweiten HSV-Tschechen komme. Jaroslav Drobny war sicherlich die „ärmste Sau“ in der Commerzbank-Arena. Entschuldigt diesen Ausdruck, aber schuldlos musste er fünf Mal hinter sich greifen. Verständlich, dass ihm anschließend trotz Startelf-Premiere nicht nach Interviews zumute war. „Fünf Stück zu bekommen ist für einen Torwart natürlich frustrierend“, ließ er über den HSV mitteilen, „aber ich kann ja jetzt nicht zwei Tage lang weinen. Es geht weiter.“

Und das nun beim Tabellenletzten in Köln, bei dem der Baum brennt, der einen neuen Trainer hat, der der Mannschaft richtig Feuer machen wird. Bei einer Kölner Mannschaft, die nach der Beurlaubung (was für ein Schwachsinnswort für einen eigentlichen Rauswurf, oder??) ihres erfolglosen Trainers Zvonimir Soldo im Pokal gerade mit einem 3:0 über 1860 München Selbstvertrauen getankt hat. Ob die Rheinländer im Vorteil sind? „Durch den Heimsieg herrscht da vielleicht mehr Euphorie als bei uns“, sagt Michael Oenning, „aber wir fahren zum Tabellenletzten. Da muss unser Anspruch sein, das Spiel zu gewinnen.“ Punkt. 1:0 für Oenning. Mal sehen, ob die Mannschaft nachziehen kann.

Ich bin gespannt. Nein, besser: Wir sind gespannt. Diesen Bericht habe ich gemeinsam mit meinem Matz-ab-Kollegen Marcus Scholz geschrieben, er war live beim Spiel in Frankfurt, wir stimmen mit der Beurteilung dieses Spiels völlig überein.

So, zum Schluss noch zwei kleine interne Dinge am Rande: Ihr erinnert Euch vielleicht, der Kicker von der Insel. Es gab hier bei „Matz ab“ drei Herren, die hätten den Insel-Kicker einfliegen lassen, sie hätten den Flug und das Hotel bezahlt, aber der junge Fußballer darf, das teilte nun die Insel-Leitung per Brief mit, die Insel nicht verlassen. Das sind harte Sitten, aber es ist so, der Insel-Kicker war in seiner Jugend einige Male unangenehm aufgefallen, so dass er nun ein Verbot hat, auf das Festland zu fliegen. Ja, so kann es gehen.

Dann möchte ich noch einmal an den 5. November erinnern: Das „Matz-ab“-Treffen in der Raute, Beginn um 19 Uhr. Um Euch einmal einen kleinen Vorgeschmack zu geben, wer dort als Gast (es sind auch diesmal Gäste) sitzen wird: Es kommt ein Bananen-Produzent, der für sich reklamiert, diese gelben Dinger „erfunden“ zu haben. Mit diesem Bananen-Produzenten habe ich etwas ganz Spezielles vor, doch darüber werdet Ihr erst an Ort und Stelle aufgeklärt werden. Über weitere Gäste verrate ich demnächst an dieser Stelle mehr. Lasst Euch überraschen.

18.29 Uhr

2:5 – Pokal-Debakel in Frankfurt

27. Oktober 2010

Der HSV ist draußen, der HSV hat fertig, der HSV wird auch in dieser Saison keinen Titel gewinnen! Welch ein Jammer! Mit 2:5 kam die Mannschaft im DFB-Pokal bei der Frankfurter Eintracht unter die Räder, es war ein Debakel. Die fragwürdige Hamburger Pokaltradition fand somit einen weiteren denkwürdigen Tiefpunkt. Es wird nun an den Verantwortlichen liegen, wie schnell sie diese Mannschaft, die teilweise ein absolut chaotisches Defensivverhalten an den Tag gelegt hat, wieder auf die Beine stellen kann. Am Sonnabend wartet Köln, mit einer derartigen Einstellung muss aus HSV-Sicht Schlimmes befürchtet werden, denn der FC wird wie um sein Leben laufen – und ob das der HSV auch kann? Da habe ich nach diesem Auftritt meine ganz großen Zweifel.

Das Unheil nahm schon vorher seinen Lauf: Armin Veh musste mit einer schweren Grippe im Bett bleiben, für ihn saß Assistent Michael Oenning auf dem Platz des Cheftrainers. Trotz allem hatte ich in den ersten Minuten den Eindruck, dass die Mannschaft für ihren erkrankten Coach kämpfen und laufen würde. Aber dieser Zustand dauerte nur fünf Minuten an. Dann ging es schon wieder drunter und drüber.

Wobei ich mich frage: Wer hat eigentlich noch Angst vor dieser HSV-Abwehr?

Und, auch noch eine wichtige Frage: Muss der HSV im gegnerischen Stadion immer auf Gedeih und Verderb stürmen?

Das ist doch kopf- und sorglos! Wie steht diese Hamburger Defensive? Löchrig wie ein Schweizer Käse. Natürlich hatte Tomas Rincon auf der Sechs nicht seinen besten Tag, aber der Kämpfer musste doch auch von einem Frankfurter zum nächsten hecheln. So viele (große) Löcher, wie da zu stopfen waren, kann Rincon (allein) auch nicht zulaufen. Das war dramatisch. Und amateurhaft zugleich. Der HSV schenkte zudem viele, viele Bälle gleich wieder her, und er rannte auch immer wieder in schöner Regelmäßigkeit in sein Verderben. Frankfurt stand oft mit allen elf Spielern in der eigenen Hälfte – und lauerte als Heimmannschaft auf Konter. So spielt man mit „Studenten“. Und beim HSV klappte dazu das Umschalten überhaupt nicht. Langsam und behäbig ging das alles. Ehe da alle Spieler begriffen hatten, dass es längst schon wieder in die andere Richtung geht, waren die Hessen schon am Hamburger Strafraum. Wahnsinn! Und irgendwie auch lehrreich. Sollten sich die HSV-Profis mal auf Video ansehen, wie schnell und leichtfüßig das bei der Eintracht ging. Das waren nicht nur Schnelligkeit und Ideen, sondern auch Herz und Engagement.

Und mit Überblick. Das kommt ja noch hinzu: Nachdem Jaroslav Drobny gerade noch gegen Gekas retten konnte, standen nach einem Ze-Roberto-Freistoß Heiko Westermann und Joris Mathijsen am Fünfmeterraum frei, vor dem Kopfball hätten sie Nikolov fragen können, wohin er die Kugel denn haben möchte – aber dann stören sich beide Hamburger, Chancen dahin (7.). Symptomatisch.

Und der Anfang des Hamburger Chaos. In der 13. Minute der Anfang vom Ende: Der eingewechselte Caio stürmt los, im Abstand von zehn Metern der HSV-Begleitservice, Mathijsen muss die linke Seite im Auge haben, weil Marcell Jansen nicht so schnell nach hinten kam. Und weil keiner angriff, riskierte Caio einen Schuss aus 23 Metern, der Ball rutscht ihm noch mustergültig über den „Schlappen“ – unhaltbar für Jaroslav Drobny fliegt die Kugel ins Netz – 1:0 für Frankfurt.

Acht Minuten später: Guy Demel steht gegen zwei Frankfurter in der Defensive, Jonathan Pitroipa kommt erst in letzter Sekunde zurück, aber da flankt Altintop schon. In der Mitte stehen Westermann und Mathijsen gegen Gekas. Gegen den „Riesen“ Gekas. Und wer kommt an den Ball? Richtig! Der Grieche köpft ihn ins Tor. Es ist unfassbar. Wieder nicht zu halten für Drobny. Aber wie schlimm ist denn wohl eine solche Defensivleistung?

Hoffnung keimte auf, als Paolo Guerrero den Ball zur Mitte legte und Mladen Petric auf 1:2 verkürzte (23.), doch weitere Hamburger Chancen blieben ungenutzt. Petric musste das 2:2 machen, traf aber (technisch schwach) mit rechts nur den Pfosten (32.), dann visierte auch Pitroipa noch einmal Aluminium an (42.), das war Pech. Und es kam noch mehr davon hinzu: Sekunden vor dem Halbzeitpfiff wurde wieder nur auf Sicht gedeckt: Jung am Fünfmeterraum zur Mitte, Gekas vor Demel, 1:3. Es sah für mich wie Abseits aus, aber die zehnte Zeitlupe legte sich dann fest: reguläres Tor. Pause.

Es passte zu diesem Tag, dass Petric dann einen Frankfurter Freistoß ins eigene Tor köpfte (64.), und dass der HSV noch einmal Hoffnung schöpfen konnte, denn 120 Sekunden später köpfte Petric einen Trochowski-Freistoß zum 2:4 ein.

Das klingt alles sehr, sehr lebhaft, das war es sicher auch, aber der HSV spielte dabei meistens nur die zweite Geige. Hut ab aber, dass sich die Mannschaft nie aufgab.

Trotz allem muss sich der HSV fragen, wie es weitergehen soll? So gibt es auch am Sonnabend beim Tabellenletzten in Köln eine Pleite.

Wobei ganz klar gesagt werden muss: An Jaroslav Drobny lag es nicht. Der Rost-Vertreter leistete sich zwar auch einige Fehlgriffe, die schreibe ich aber der mangelnden Spielpraxis zu. An den Tore konnte der Tscheche nichts machen.

Demel, der für den verletzten Collin Benjamin in die Mannschaft genommen werden musste, zeigte einmal mehr wenig Licht, viel Schatten. Erst nach dem zweiten Frankfurter Tor, als er zusah wie Altintop die Flanke gab (und Demel wohl auch gerüffelt worden ist), deckte er etwas enger, gestattete er dem Türken nicht mehr ganz so viel Spielraum. Nach vorne aber machte Demel (einmal mehr) nichts, absolut null. Keine Flanke, keine Vorlage – weniger geht nicht.

Westermann und Mathijsen hatten sich in der Innenverteidigung zuletzt sehr gut ergänzt, diesmal fielen sie in schlechte Anfangszeiten zurück. Das war kein bisschen souverän, das war eher eine Einladung an den Gegner, nach Herzenslust zu stürmen (und Tore zu machen). Links in der Viererkette hatte Jansen einen schlechten Tag erwischt, für mich war er gar nicht da, das war weder Fisch noch Fleisch. Er hätte es (mit seinem gebrochenen Zeh) besser sein lassen, aber er wollte der Mannschaft, die ohnehin viele Verletzte hatte, eben helfen, aber das ist falscher Ehrgeiz.

Tomas Rincon erlebte in Frankfurt eine seiner schwärzesten Stunden seit er beim HSV ist. Abhaken, Er kann es doch viel besser. Der Elfmeter, den er gegen Gekas verursachte (86.) und den Altinntop zum 2:5 aus Hamburger Sicht verwandelte, passte zu Rincons Spiel. Leider.

Ze Roberto gehörte zu den HSV-Spielern, die noch gelegentlich gute Szenen anzubieten hatten, Piotr Trochowski spielte für mich gar nicht richtig mit. Erst in Halbzeit zwei kam er ein wenig zur Geltung, aber im Grunde genommen war das wie bei Demel: nichts. Rechts fand auch Pitroipa nicht so richtig statt, er könnte viel mehr, verzettelte sich aber viel zu oft in Einzelaktionen. Meistens musste er dann gegen drei, vier oder fünf Frankfurter kapitulieren.

Petric vorne hatte gute und weniger gute Szene, Er hätte bei den weniger guten oft ein Tor machen können, patzte also immer zur Unzeit – aber das passt im Moment zu seiner Verfassung. Da ist eben noch lange nicht alles das, was mit dem VfB Stuttgart zusammenhängt, auf- und abgearbeitet worden. Der beste Hamburger, wenn man an diesem Tag davon sprechen darf, war für mich Paolo Guerrero. Auch wenn ihm längst nicht alles gelang, er wollte, er versuchte immer wieder etwas, traf dabei aber nicht immer auf Gegenliebe.

Erfreulich für mich an dieser Pleite: Heung Min Son ist wieder da. Der Südkoreaner (kam in der 62. Min. für Jansen) zeigte sein Spielverständnis und seine Lust am Spiel, ist erst Ruud van Nistelrooy wieder dabei, dürfte es noch besser für ihn laufen. Und für den HSV?

21.04 Uhr

Update 50 Minuten vorher

27. Oktober 2010

Wie ich eben erfahren habe – Danke auch an Eiche Nogly! – fällt nach bereits sieben Profis auch der Trainer Armin Veh in Frankfurt aus. Er soll mit einer Grippe im Hotelzimmer geblieben sein, sich das Spiel dort vor dem Fernseher ansehen. Ihn vertritt Michael Oenning.

Und das mit folgender Aufstellung: Drobny – Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen – Pitroipa, Rincon, Trochowski, Zé Roberto – Guerrero, Petric.

Daumen Dücken! Und viel Spaß!!

18.10 Uhr

PS: Da war der Wunsch Vater der Aufstellung – ich hatte den Kollegen Marcus Scholz, der in Frankfurt ist, um die Aufstellung gebeten. Und scholz ist Rost-Fan! Sorry. Es gibt keine Wunderheilung, Jaroslav Drobny spielt.

Frankfurt wird ein harter Gang

26. Oktober 2010

Klaus Toppmöller zum 1. FC Köln? Dieses Gerücht hält sich seit ein paar Tagen sehr hartnäckig. Und ich muss zugeben, mit vielem hatte ich bei den Rheinländern gerechnet, aber damit nicht. Nicht, dass ich Toppi nicht mag, im Gegenteil. Klaus Toppmöller ist ein sehr, sehr netter Kerl. Ein Fußballverrückter, das mag ich. Aber er war eben auch sehr lange raus. So lange, dass ich nicht mehr an sein Comeback in der Ersten Bundesliga geglaubt hatte.

Zumal Toppi seit seinem Engagement beim HSV bundesweit nicht den allerbesten Ruf genießt, hier ewig nicht als Trainer gehandelt wurde. Ihm wurde unterstellt, Trainingseinheiten nicht vorbereitet zu haben. Und er soll das eine oder andere Mal lieber in seiner Heimat bei seiner eigenen Sportsbar in Rivenich geblieben sein, als in Hamburg zu trainieren. Vorwürfe, die ich nicht bestätigen kann, die aber aus dem Klubumfeld kamen und sich lange hielten. Wobei, sicherer als diese Behauptungen ist sein Engagement in Köln ja nicht. Auch das ist noch ein Gerücht. Ein ebenso hartnäckiges wohlgemerkt. Aber mich würde es eh freuen, den alten Lehrmeister mit der unbekümmerten Schnauze bald wieder zu sehen. Am liebsten schon am Sonnabend gegen den HSV.

Gleiches gilt im Übrigen für Heribert Bruchhagen, den ich für einen exzellenten Mann seines Faches halte. Ich hatte mich letzte Saison einmal lange mit dem Vorstandsvorsitzenden unseres morgigen Pokalgegners unterhalten. Damals hatte sein Trainer Michael Skibbe öffentlich gerade mächtig Stimmung gegen ihn und den gesamten Vorstand gemacht. Ich hatte ihn daraufhin gefragt, warum er sich das alles gefallen lässt. Warum er seinen Coach noch nicht vor die Tür gesetzt hat. Immerhin wäre ein solches Szenario in Hamburg undenkbar. Oder kann sich jemand vorstellen, was passieren würde, wenn ein HSV-Trainer öffentlich Bernd Hoffmann attackiert?

Nun denn, Bruchhagen blieb am Telefon gelassen, er lachte sogar. Und er hat ganz trocken geantwortet: „Weil Skibbe seinen Job einfach gut macht. Der Rest ist mir egal.“ Punkt. Und Bruchhagen hatte Recht, er bewies sogar richtig Weitblick, indem er sein eigenes Ego beispielhaft weit zurückstellte. Heute hat die Eintracht eine starke Mannschaft zusammen. Hinten spielen sie gewiss nicht den filigransten Fußball mit Maik Franz und Marco Russ. Aber sie stehen unheimlich kompakt. Sie schöpfen ihre Möglichkeiten aus. Auch dank Skibbe.

Zudem haben sie mit Patrick Ochs den Außenverteidiger der Liga, den ich dem jeweiligen HSV-Sportchef schon seit Jahren ans Herz lege. Bislang allerdings noch ohne Erfolg. Leider. Denn erstens hat der HSV meines Erachtens noch immer rechts in der Viererkette Nachholbedarf. Und zweitens wird Ochs, der als tadelloser Charakter und als Teamplayer gilt, von Jahr zu Jahr besser. Achtet mal darauf.

Egal wie, wir haben in Hamburg auch gute Leute. Sehr viele, sehr gute sogar, auch wenn mit David Jarolim, und Ruud van Nistelrooy zwei der besten ausfallen, zudem auch der zuletzt gut spielende Collin Benjamin (Knieprobleme) passen muss. Allerdings, das Thema hatten wir ja vor den letzten beiden Spielen zur Genüge: der HSV hat auch mit diesen Ausfällen noch eine Mannschaft, die sich namentlich großartig liest. Und, das nur für die Statistiker unter uns: Unter Florian Meyer als Schiedsrichter – der gute Mann pfeift uns auch morgen – hat Mladen Petric drei Tore in vier Spielen geschafft. Der Kroate gilt ohnehin als Garant in DFB-Pokalspielen: zehn Tore steuerte der Mann mit der Rückennummer zehn in seinen insgesamt 14 Pokalspielen bei. Und er ist morgen von Beginn an dabei.

So viel zum Thema Statistiken. Das soll erstmal reichen. Denn gerade der Pokal hat – wieder fünf Euro ins Phrasenschwein, ich weiß! – seine eigenen Gesetze, Statistiken zählen hier nicht. Zum Glück – denn in zwei Duellen mit den Frankfurtern verloren wir beide. Und beide Male in Frankfurt.

Und damit sich dies nicht wiederholt, wird es in Frankfurt darauf ankommen, wieder so kompakt wie zuletzt zu stehen. Und zwar besser als am zweiten Spieltag, wo wir in der Commerzbank-Arena mit einer gehörigen Portion Glück 3:1 gewonnen haben. Hintergrund: Die Frankfurter hatten damals vor dem Ausgleich mehrfach gute Gelegenheiten, das zweite Tor nachzulegen. Sie vergaben ihre Möglichkeiten aber kläglich. Wobei ich mir damals sicher war, nach einem zweiten Gegentreffer wäre der HSV in diesem Spiel wahrscheinlich nicht mehr zurückgekommen. Und auch diesmal wird es ein ganz harter Gang.

Auch wenn sich seither einiges verändert, vieles verbessert hat. Damals standen wir hinten beispielsweise nicht so gut, wie in den letzten beiden Spielen nach der Systemumstellung Vehs. „Das ist normal“, bestätigt Heiko Westermann, „Joris und ich waren anfangs noch nicht so eingespielt. Jetzt schon.“ Zudem lässt HSV-Trainer Veh im Mittelfeld wieder mit einer Raute spielen, wobei Tomas Rincon als reiner Abräumer agiert, anders als die eher über das Spielerische kommenden Jarolim und Zé Roberto zuvor als „Doppelsechs“. „Das kommt der gesamten Defensive zugute“, lobt Westermann den zweikampfstarken Venezolaner, „wir haben es in den letzten beiden Spielen besser umgesetzt, weil wir alle besser defensiv arbeiten.“

Auch weil es defensiv so gut aussah, versuchte Armin Veh heute alles. Alles, um nach dem sicheren Ausfall von Benjamin, der schon im Training aussetzte, nicht noch mehr in der Viererkette verändern zu müssen. Ein Vorhaben, das heute fast schon dramatische Züge annahm. Denn bereits nach fünf Minuten, als gerade einmal ein paar harmlose Warmmachübungen absolviert worden waren, wollte Marcell Jansen das Training abbrechen. Erst eine längere Unterredung mit dem Trainerteam sowie ein Gespräch zwischen Jansen, Veh und Mannschaftsarzt Nikolai Linewitsch brachte die Wende. Jansen wechselte die Schuhe und trainierte durch. Dabei schonte er seinen linken Fuß, agierte insgesamt sehr vorsichtig und schoss nur mit der linken Innenseite (der kleine Zeh ist gebrochen) oder dem rechten Fuß. Er reist zwar trotzdem mit nach Frankfurt, dennoch dürfte sein Einsatz morgen zumindest fraglich sein.

Offen wäre auch, wer für Jansen nach dem Langzeitausfall von Dennis Aogo hinten links ran dürfte? Muhamed Besic, dem Veh zuletzt attestiert hatte, er sei für die Viererkette schon „eine echte Alternative“? Oder zieht Veh lieber Zé Roberto wieder zurück? Im letztgenannten Fall müsste das linke Mittelfeld neu besetzt werden. Alternativen hierfür gibt es mit Maxim Choupo-Moting, Änis Ben-Hartira oder auch Gojko Kacar. Wobei, und das macht diese Auflistung deutlich – Veh müsste links Kompromisse eingehen.

Rechts hingegen nahm heute schon Guy Demel seine zuletzt an Benjamin verlorene Position in der Viererkette ein. Und er machte es zumindest im Training, das Veh in die Imtech-Arena verlegt hatte, recht ordentlich. Allerdings dürfte der HSV-Trainer insbesondere von Demel nach dessen zuletzt gezeigten schwachen Vorstellungen in Frankfurt mehr als von anderen erwarten. Fraglich bleibt für mich, wie der (oftmals zu) sensible Ivorer mit diesem Druck umzugehen weiß.

Etwas überraschend war nicht nur für mich, dass Petric, obwohl Ruud van Nistelrooy wegen seiner Knieprobleme definitiv ausfallen wird und auch im Training dementsprechend nicht mitwirkte, im Abschlusstraining zuerst nur in der B-Elf agierte. Erst zum Abschlussspiel beorderte Veh seinen Angreifer ins A-Team. Ich glaube, nachdem sich Petric nach dem untersagten Wechsel gen VfB Stuttgart häufiger das Recht herausgenommen hatte, seine Interessen öffentlich zu machen und den Verein eben so zu kritisieren, will Veh ihm zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Und dafür lässt der erfahrene Trainer keine Gelegenheit aus. Auch heute nicht.

Trotzdem, oder besser: schon deshalb erwarte ich für morgen auch bei dem technisch brillanten Linksfuß eine Reaktion. Er ist zu stolz, um seinen Kritikern neue Nahrung zu geben. Er muss einfach ein gutes Spiel machen, um allen zu zeigen, wie wichtig er ist. Auch wenn er selbst von dem ganzen Trouble offiziell gar nichts wissen will, sich bedeckt hält. „Ich denke nicht zurück und auch nicht daran, was im Winter passieren könnte“, hakt Petric alle schwelenden Gerüchte ab. Zwar gibt er zu „in einer wirklich schwierigen Situation“ zu stecken. „Aber ich habe mich bislang mein ganzes Leben durchkämpfen müssen. Aufgeben gibt es für mich nicht.“

Schon gar nicht vor seinen ersten Einsatz von Beginn an seit dem Wolfsburg-Spiel am fünften Spieltag. „Mich interessiert nur dieses Spiel, sonst wirklich gar nichts.“ Auch nicht, dass sich heute wieder Stuttgarts Manager Jochen Schneider zur Personalie Petric geäußert hat. „Ausschließen kann ich hier nichts“, war dessen Antwort auf die Frage, ob sich die Schwaben im Winter erneut um eine Verpflichtung von Mladen Petric kümmern würden. „Das ist mir egal“, so Petric, „ich bin einfach erstmal nur froh, wieder auf dem Platz zu stehen. Und ich freue mich darüber, wieder ganz vorne spielen zu dürfen.“

Stattdessen freut sich Petric auf einen alten Bekannten: Theofanis Gekas. Mit dem Griechen hat er zwar noch nie in einem Team gespielt, dafür aber vor drei Jahren im Hotel im Griechenland-Urlaub gewohnt. „Wir haben ein paar Mal gequatscht und die Nummern ausgetauscht. Seitdem haben wir Kontakt“, so Petric.

Gute Nachrichten gab es vom HSV-Team-Oldie Zé Roberto. Der Mittelfeldchef konnte nach seinem grippalen Infekt heute wieder voll mitmachen. Zwar wirkte er noch lange nicht so spritzig wie zuletzt und hatte ungewöhnlich viele Stockfehler bei ungewöhnlich wenigen Ballkontakten, allerdings ist Zé auch dafür bekannt, sich seine Kräfte auf die Pflichtspiele hin ausgerichtet sehr gut einteilen zu können.

Insofern bin ich heute insgesamt sicherlich nicht euphorisch. Ich würde auch lügen, wenn ich behaupten würde, so optimistisch zu sein wie vor den letzten beiden Spielen gegen Mainz und Bayern München. Aber ich hoffe auf eine Reaktion der Mannschaft. Sie kann, und das ist das (wohl einzig) Positive an solch schwierigen Personalsituationen, in Frankfurt zeigen, inwieweit sie schon als Einheit funktioniert.

Und das mit folgender, möglicher Startelf: Drobny – Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen – Pitroipa, Rincon, Trochowski, Zé Roberto – Guerrero, Petric. Immer noch eine sensationelle erste Elf, oder?? Aber das hatte ich ja schon…

In diesem Sinne: Nur der HSV!

16.32 Uhr

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