Monatsarchiv für September 2010

Gnadenlos ausgekontert

22. September 2010

Von nun an gings bergab. Sang einst Hildegard Knef. Musste ich nach dem Tor zum 1:3-Endstand ständig dran denken. Der HSV ist nach der Niederlage gegen den VfL Wolfsburg wieder in der Realität angekommen. Dieser Rückschlag gegen einen nicht einmal starken, nein, gegen einen eher schwachen VfL sorgt für Ernüchterung und lässt die Hamburger wie eine graue Maus ins Mittelfeld fallen. Besonders tragisch: Diesmal war die Niederlage absolut unnötig, denn vor 50 231 Zuschauern war der HSV über weite Strecken die deutlich tonangebende Mannschaft. Es wurde viel versucht, aber bei dieser permanenten Überlegenheit wurden auch eklatante Schwächen in der Defensive erkennbar. Bei den Kontern der Niedersachsen stand die Hintermannschaft einfach schlecht und zeigte einmal mehr, dass sie diesbezüglich sehr anfällig ist. Quo vadis, HSV?

Ein Unterschied wie Tag und Nacht, der HSV gegen St. Pauli und der HSV gegen den VfL Wolfsburg. Die Veh-Truppe war offensichtlich um Wiedergutmachung bemüht, denn diese Vorstellung sah deutlich nach Fußball aus. Es wurde schneller gespielt, mit mehr Engagement, teilweise mit Herz, es wurde gelaufen, nachgerückt und mit vielen und guten Ideen kombiniert. Wolfsburg wirkte in der Anfangsphase wie ein Spielball der deutlich besseren Hamburger. Diese HSV-Vorstellung war endlich einmal sehenswert, vielleicht die beste erste Halbzeit dieser Saison.

Trainer Armin Veh hatte diesmal eine personelle Überraschung parat: Statt Eljero Elia (und den vielfach erwarteten Piotr Trochowski) kam diesmal Eric-Maxim Choupo-Moting auf der linken Seite zum Zuge. Um es vorweg zu nehmen: „Choupo“ rechtfertigte diese Nominierung mit einer guten Leistung und einem Tor. Alles richtig gemacht, Herr Veh! Und Choupo-Moting bestätigte damit seine zuletzt sehr guten Trainings-Eindrücke, die unübersehbar waren.

Statt des verletzten Paolo Guerrero bot Veh im zentralen Mittelfeld wie erwartet Mladen Petric auf, und der Kroate stand gleich mit zwei herrlichen Freistößen im Mittelpunkt (die Benaglio allerdings super abwehrte). Ansonsten war Petric zwar bemüht, aber entscheidende Impulse konnte er nicht geben. Im Gegenteil, er tauchte stetig immer tiefer ab. Hinter der Spitze ist wahrscheinlich auch nicht seine Position. Oder?

Die setzten zwei, die auch bei „Matz ab“ immer und immer wieder „um die Ohren bekommen“: David Jarolim und Jonathan Pitroipa. Unglaublich, wie viele Bälle „Jaro“ eroberte, wie er die Zweikämpfe suchte, wie er unterwegs war, wie er vorbildlich „sein“ Spiel machte. Ich sage es hier einmal mehr ganz deutlich: Jarolim war überragend. Und wer das nicht sieht, der will es eben nicht sehen. Sonst muss es jedem Fußball-Experten und –Kenner einfach auffallen.

Und Pitroipa? Ja, gelegentlich zweifele ich auch. Wenn er zum Beispiel den Ball bei der Annahme unter dem Stiefel ist Aus durchrollen lässt. Oder wenn er mit dem Ball am Fuß ins Nirwana läuft. Manchmal erinnert er mich auch an „Lauf, Forrest, lauf“. Aber überwiegend, das sage ich auch ganz, ganz deutlich: Dieser Pitroipa ist so unheimlich wertvoll für diesen HSV, weil er durch seine unberechenbare Art, Fußball zu spielen, viele Lücken reißt. So wie beim 1:1, dem Kopfballtor von Choupo-Moting (27.). Wer genau hingesehen hat, der wird festgestellt haben: Wolfsburg Abwehr fand kein Mittel gegen diesen wieselflinken „Piet“. Nur er selbst, so hatte es für mich den Anschein, konnte sich eigentlich stoppen, wenn er sich zuviel zugemutet hatte. Und, um noch einmal deutlich zu werden: Eine solche engagierte Leistung erwarte ich zu 100 Prozent auch von Elia. Der könnte nämlich ebenfalls so wirbeln. Könnte. Und er wird es meiner Meinung nach auch noch tun.

Eine sehr gute Leistung, trotz einiger Ballverluste, muss ich erneut auch Ruud van Nistelrooy bescheinigen. Wie er dort vorne im Zentrum die Bälle behauptet und verteilt, ist Extraklasse, eine reine Augenweide. Auch wenn ihm diesmal in Sachen Torschüssen einiges daneben ging.

Deutlich verbessert auch Ze Roberto. Immer anspielbar, immer auf Achse, sprühend vor Spiellust. Warum nicht immer so? Zudem gab der Brasilianer wieder Zucker-Standards zur Mitte, die Dinger kommen wie auf dem Tablett serviert zur Mitte, da möchte man eigentlich nur noch rufen: Aber bitte mit Sahne – und rein! Das sind „Brandbomben“, die der „große Ze“ da mit unglaublichem Gefühl im Buffer reihenweise produziert. Endlich hat der HSV einen Spieler, der das nicht nur theoretisch kann, sondern der er auch im Spiel umsetzen kann. Die beiden Sechser, Jarolim und Ze Roberto, die waren für mich das Prunkstück, die Zentrale, die Rhythmus und damit das ganze Spiel lenkte und bestimmte.

Schade allerdings, dass über die Flügel kaum etwas kam. Sonst wäre das Feuerwerk komplett gewesen. Damit meine ich Guy Demel und Marcell Jansen. Demel traute sich ganz offenbar nichts zu, wenn er einmal über die Mittellinie lief, dann erfolgte prompt ein Rückpass. Ich konnte es nicht fassen. Und Jansen? Der begann großartig, hatte sehenswerte zehn Minuten, aber dann hing er lange, lange durch. Übernommen? Was ihm aber hoch anzurechnen ist, das ist die Tatsache, dass er nach vorne immer wieder versuchte, etwas zu inszenieren. Ohne durchschlagenden Erfolg, aber er gab nie auf. Das ist an einem solchen Tag, wenn einem Spieler nicht alles (oder nicht viel) gelingen will, schon eine anerkennenswerte Leistung. Deswegen würde ich Jansen auch keine schlechte Note geben.

Tragisch nur, dass die gute Leistung des HSV diesmal nicht belohnt wurde. Die Wolfsburger 1:0-Führung war schon wie aus heiterem Himmel gefallen (15., vorauf gegangen war ein Jansen-Fehlpass), und das 2:1 entstand einem Konter, bei dem die Hamburger Defensive höchst unglücklich aussah. Demel konnte Schäfer nicht am Flanken hindern, und in der Mitte ließen Joris Mathijsen und Jansen Grafite aus den Augen – Tor (71.). Ein herber, ein ganz, ganz bitterer und irgendwie auch unverdienter Rückschlag. Aber so ist Fußball. Und anerkennend muss auch festgestellt werden: Wolfsburgs Konter zum 2:1 war schulmäßig, und Konter sind ja auch nicht verboten . . .

Armin Veh wechselte in der 75. Minute noch zweimal aus: Jarolim und Choupo-Moting raus, Piotr Trochowski und Elia rein. Alles versucht, alles vergebens. Gerade noch hatte Petric nach Trochowski-Ecke das 2:2 auf dem (rechten) Fuß, da hieß es im Gegenzug 1:3. Grafite setzte sich gegen Jansen durch (viel zu leicht) und dann auch noch gegen Mathijsen. Auch das viel zu leicht. Dass Mathijsen nach dem Tor Jansen heftige Vorwürfe machte, ist für mich zwar nicht nachvollziehbar, aber es ist im Prinzip auch unwichtig. Es war das Tor, das die Partie entschied.

Zum Abschluss muss ich aber doch noch ein kleines Lob loswerden: Die Fans im Nordwesten waren klasse. Meine Anerkennung, in dieser Kurve wurde 90 Minuten Alarm gemacht, und das ist einfach nur vorbildlich.

Fazit: Wer diesen HSV jetzt abschreibt und verdammt, der liegt in meinen Augen (noch) daneben). Diesmal war die Leistung, anders als noch am Sonntag, gut, diesmal wäre eigentlich ein Sieg verdient gewesen, aber danach geht es leider nicht im Fußball. Die Mannschaft wird nun in Bremen zeigen müssen, was sie wirklich auf dem Kasten hat. Und ob sie die Klasse und auch den Charakter hat, einen solchen Rückschlag zu verdauen und wieder zu kommen. Bremen wird richtungsweisend.

22.02 Uhr

Armin Veh: “Keine Systemänderung”

21. September 2010

Nein, in die Karten wollte sich Armin Veh nicht noch einmal schauen lassen. In der Woche vor dem St.-Pauli-Spiel ließ er stets jene Elf gegen die B-Vertretung spielen, die auch am Millerntor die Kastanien aus dem Feier holen sollte. St. Pauli wusste also ganz genau, mit welcher Truppe der HSV auflaufen würde. Vor dem morgigen Spiel gegen den VfL Wolfsburg kündigte der HSV-Trainer deswegen vor dem Abschlusstraining an: „Ihr könnt heute keine Schlüsse daraus ziehen, wer zum Abschluss in welcher Formation spielen wird, ich werde mit den Aufstellungen nicht verraten, was ich gegen den VfL vorhabe.“ So war es denn auch, Veh hielt Wort.

Bunt durcheinander gewürfelt wurde gespielt: Ein Team mit Rost, Oenning, Mathijsen, Westermann, Jarolim, Tesche, Trochowski, Petric, van Nistelrooy und Elia. Die andere „Zehn“ spielte mit Drobny, Demel, Jansen, Rincon, Diekmeier, Besic, Kacar, Ze Roberto, Pitroipa und Choupo-Moting. Letzteres Team gewann wohl auch, wobei das nicht ganz so offensichtlich war. Zwei oder sogar drei Tore erzielte Ze Roberto, der einen sehr guten Eindruck auf mich machte.

Bereits um 14.15 Uhr war Paolo Guerrero aus dem Auto gestiegen und zur Kabine gehumpelt; der Peruaner wurde von einem Freund bis vor die Imtech-Arena gefahren (von dem Stadion-Namen wurde heute das große „i“ montiert!). Jeder konnte es deutlich erkennen: Guerrero wird für das Wolfsburg-Spiel auf jeden Fall ausfallen. Ebenfalls nicht mit von der Partie, und das nimmt allmählich dramatische Züge an, wird Dennis Aogo sein. Der Nationalspieler und WM-Fahrer leidet nun an einer Schambein-Entzündung und wird zwei bis drei Wochen aus dem Training genommen, um ein Spezial-Training zu erhalten. Zwei bis drei Wochen ohne Mannschaftstraining bedeutet für Aogo, dass er mindestens weitere fünf Wochen nicht zum Einsatz kommen wird. Pessimisten befürchten sogar, dass die Hinrunde für den sympathischen Abwehrspieler gelaufen sein könnte.

„Das ist schon ein Problem für uns, dass Dennis ausfällt, es wird nicht leichter für uns. Er kam verletzt von der Weltmeisterschaft zurück und stand uns bislang überhaupt noch nicht zur Verfügung. Er fehlt uns schon, das ist schon ein großes Problem, und ich hoffe, dass wir das so schnell wie möglich in den Griff bekommen.“ Was allerdings zurzeit nicht danach aussieht.

Mit von der Partie waren heute die gestern noch als leicht angeschlagen gemeldeten Collin Benjamin, David Jarolim und Eljero Elia. Ihrem Einsatz, so sie denn benötigt werden, stünde also nichts im Wege.

„Es kommt ein unmittelbarer Konkurrent von uns, obwohl wir ja kein Saisonziel ausgegeben haben, aber wir wollen oben mit rein, Wolfsburg auch, deswegen ist es ein ganz wichtiges Spiel. Sollten wir gewinnen, haben wir zwischen uns und dem VfL schon einmal ein gutes Punktepolster, dann haben wir eine riesige Ausgangsposition“, sagt Armin Veh. Wenn der HSV gewinnen sollte . . . Der Coach weiß genau, wie schwer es werden wird, denn er war vor einem Jahr noch der Wolfsburger Trainer. Veh sagt: „Der VfL hat eine sehr gute Mannschaft, hat sich ja auch noch enorm verstärkt, und er hat überragende Qualitäten in der Offensive. Da müssen wir wieder sehr diszipliniert spielen, aber wir müssen natürlich auch viel mehr die Initiative ergreifen, besonders hier zu Hause.“

Wobei das St.-Pauli-Spiel auch bei Armin Veh noch nicht in Vergessenheit geraten ist. Er befand heute noch einmal rückblickend: „Natürlich war ich damit nicht zufrieden, denn wir haben zu wenig nach vorne gemacht, waren zu wenig in Bewegung, haben den Gegner nicht zu Fehlern gezwungen.“ Dann passierte etwas, was unter dem Motto „Seltenheit“ verbucht werden kann, denn Veh übte sich in Selbstkritik: „Einerseits war es auch taktisch bedingt, es war auch meine Entscheidung, weil ich gesagt hatte, dass wir uns nicht auskontern lassen wollen, wir wollen gut stehen, um vorne auch Platz zu haben – aber das haben wir nicht gut gemacht. Es muss mehr Leidenschaft rein, so einfach wie das auch klingt. Es ist mir wichtig, dass wir das hinkriegen, bei aller taktischen Disziplin, die man braucht.“ Dann ergänzte der Coach noch: „Wenn es der Trainer so vorgibt, dann bin ich ja auch froh, dass sich die Mannschaft daran hält, keine Frage, aber wenn wir im Ballbesitz sind, dann müssen wir schneller spielen, schneller umschalten. Und das müssen wir gegen Wolfsburg auf jeden Fall machen.“ Sonst könnte es erneut, wie gegen Nürnberg und St. Pauli, ein böses Erwachen geben.

Ich habe Armin Veh heute gefragt, wie er mit einer solchen Minusleistung wie am Sonntag umgeht? Holt er die Knute raus? Gibt es Sondertraining? Wir „etwas“ mehr gelaufen? Veh: „Das kann man so pauschal nicht sagen. Ab und zu sind ja auch ein paar Emotionen dabei – und die Notwendigkeit, etwas zu machen, was man im Normalfall sonst nicht macht.“ Dann fügte er an: „Es wird nicht so sein, dass ich nun alles schlecht gesehen habe. Ich habe es auf keinen Fall gut gesehen, keine Frage, das muss ich auch sagen, ich denke von beiden Seiten war es kein gutes Spiel. St. Pauli hat ja auch nicht Fußball gespielt, die haben auch nur die langen Bälle gespielt, es war absolut kein ansehnliches Spiel.“

Dann ergreift der Trainer aber auch ein wenig Partei für seine Mannschaft: „Trotz allem muss man immer Realist bleiben. Wir haben zwei Siege und zwei Unentschieden, und man sieht, wie schwer sich auch andere Mannschaften wie zum Beispiel Leverkusen, Bayern, Bremen, Wolfsburg oder auch Schalke tun. Es gibt, da kann ich mich nur wiederholen, keine leichten Spiele mehr in der Bundesliga, die anderen Klubs haben aufgeholt.“

Morgen wird der HSV wieder mit Guy Demel in der Viererkette rechts spielen. Dass Tomas Rincon, der ihn gegen St. Pauli sehr gut vertreten hat, in der Mannschaft bleibt, scheint für mich ausgeschlossen. Einige „Experten“ hatten vermutet, dass der Mann aus Venezuela gegen Diego spielen könnte, doch davon hält Armin Veh offenbar gar nichts: „Wenn Rincon eine solche Rolle übernehmen würde, dann müsste ich ja mein System ändern, mein System aufgeben, und das werde ich mit Sicherheit nicht tun.“ Es bleibt also bei einer Spitze. Die Frage ist, wer spielt hinter Ruud van Nistelrooy? Ich rechne fest mit Mladen Petric. Und irgendwie auch mit Piotr Trochowski. Ich will (mir) mal (m)eine Mannschaft basteln: Rost, Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen; Jarolim, Ze Roberto; Pitroipa, Petric, Trochowski; van Nistelrooy. Fest steht: Dennis Diekmeier kann nicht zum Einsatz kommen, er wurde aus dem 18-Mann-Kader gestrichen.

Das morgige Spiel im Volkspark ist das Duell zweier großer Torjäger, Ruud van Nistelrooy und Edin Dzeko. Und es bringt auch ein brisantes Duell mit sich: Joris Mathijsen und Grafite. Beide hatten einst mächtig Ärger miteinander, mussten vorzeitig unter die Dusche gehen – doch das ist vergessen und abgehakt. Mathijsen sagt ganz entspannt: „Alles ist gut, und eigentlich war auch nichts los zwischen uns. Die Geschichte mit der Roten Karte, das war deshalb, weil wir Respekt voreinander hatten und auch haben, so muss es auch sein im Fußball. Wir haben uns ausgesprochen, alles ist okay, wir haben bei der WM sogar unsere Trikots getauscht.“ Mathijsen, der eigentlich stets besonnen ist, gibt zu: „Wir wissen beide voneinander, dass wir solche Dinge normalerweise nicht machen. Ich bekomme keine Rote Karten, und er auch nicht.“

Über das St.-Pauli-Spiel wollte Mathijsen an diesem Dienstag auch nicht mehr sprechen, das ist für ihn ebenfalls abgehakt. Oder, wie er sagt: „Darüber sprechen wir in der Kabine, nicht in der Öffentlichkeit.“ Immerhin gibt er zu: „Natürlich konnte man sehen, dass es ein schlechtes Spiel war, aber von beiden Seiten. St. Pauli kann vielleicht auch nicht besser, aber . . .“ Aber wir können es besser, wollte Joris Mathijsen eventuell noch anfügen, verkniff es sich aber. Sagte nur: „Keine Frage, wir müssen einfach das Spiel machen, wir müssen einfach besser sein, das waren wir nicht, und das war eine rasende Enttäuschung, und zum Glück spielen wir noch 1:1.“

Hoffen wir, dass es an diesem Mittwoch nicht eine weitere „rasende Enttäuschung“ für den HSV gibt, und hoffen wir ebenfalls, dass alle eine Lehre aus dem St.-Pauli-Spiel ziehen werden: Es muss wieder Fußball gespielt werden, mit viel Bewegung, mit Herz, mit Leidenschaft, mit Kampfgeist, mit Ideen – und mit einigen Toren. Vom HSV. Nur der HSV!

19.54 Uhr

PS: Die Glücklichen des Wolfsburg-Gewinnspiels sind ermittelt. Zwar ist die Gewinnspielspalte noch nicht erneuert worden (geht aus technischen Gründen erst am Mittwoch), doch ich sage jetzt schon einmal, wer was gewonnen hat:

Juliane Teschke aus Bayreuth erhält das Boateng-Trikot. Und Malte Lukas aus Kiel erhält die zwei Eintrittskarten für das Spiel am Mittwoch. Eigentlich hatte Rolf Barabasch aus Witten gewonnen, aber er schafft es in der Woche nicht, nach Hamburg zu kommen (und zurück), sein Gewinn wird er dann bei einem der nächsten Heimspiele erhalten.

Die Lösungen lauteten:
Frage eins: Martin Zafirov.
Frage zwei: Thorsten Kohn.

Die Nachwirkungen eines (verkorksten) Derbys

20. September 2010

Um es einmal positiv zu starten: Es gibt in der Bundesliga nach dem vierten Spieltag nur noch drei Mannschaften, die ohne Niederlage sind. Eine davon ist der HSV. Viel mehr ist nach dem 1:1 auf dem Kiez auch nicht hervorzuheben, denn darin waren sich nach dem Derby am Millerntor alle Beobachter sowie Freund und Feind einige: Die Leistung des HSV ist mit dürftig noch relativ milde umschrieben. Nach der Euphorie um die beiden Anfangssiege kehrt nun Ernüchterung ein. Und die Frage, die es nun bei viele HSV-Anhängern gibt, ist die: Zeigte die Veh-Truppe in den Begegnungen mit Schalke 04 und Eintracht Frankfurt ihr wahres Gesicht, oder eher in den Partie mit Nürnberg und St. Pauli?

Fest steht, dass der HSV nicht so richtig von der Stelle gekommen ist. Eher eine Rückwärts-Entwicklung genommen hat. In der Nacht nach den Derby habe ich mir die Spielweise der Dortmunder und der Mainzer einmal vor Augen geführt. Der gravierende Unterschied: Diese beiden jungen Mannschaften spielen mit Begeisterung, voller Leidenschaft, mit großem Spaß und mit riesigem Engagement Fußball. Und der HSV dagegen, so habe ich mir gedacht, spielt „Erwachsenen-Fußball“: Cool, genau durchdacht, nur kein Risiko, keinen Pfiff Unbekümmertheit. Es scheint so, als verließe sich jeder auf die individuelle Klasse des Nebenmannes. Motto: Wenn nicht jetzt, dann eben später. Aber irgendwann wird sich unsere Klasse schon durchsetzen.
Welch ein Trugschluss.

Wenn dazu dann noch einige Spieler total abtauchen, wie das am Sonntag mit Eljero Elia und Paolo Guerrero der Fall war, dann ist mit dieser selbstgefälligen Art und Weise kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Ruud van Nistelrooy war gegen St. Pauli die „ärmste Sau“. Bekam er einmal einen Ball in den Fuß, so stand er meistens gegen zwei, drei oder gar vier „Braune“ auf verlorenen Posten. Weil auch keiner der Kollegen aus dem Mittelfeld nachrückte. Für mich hat van Nistelrooy ein starkes Spiel gemacht, denn wie oft er den Ball noch hielt, im Dribbling verteidigen konnte, obwohl er hart attackiert wurde, das hatte schon Klasse. Wenn der HSV es aber nicht wieder lernt (oder in den Griff bekommt), dass mit einer Spitze nichts zu erben ist, dann gute Nacht Marie. Nur wenn es zwei, drei oder vier Spieler schaffen, mit nach vorne zu gehen, sind Torerfolge in der Bundesliga möglich. Fußball ist ein Laufspiel, daran sollten sich alle einmal erinnern. Und der Trainer sollte es seinen Leuten noch einmal einpauken. Sonst gibt es weiter solche „Gurkenspiele“ wie das am Millerntor.

Wer sich einmal genau anschaut, welche Spieler bei St. Pauli im Team standen, und welche Namen beim HSV aufgelaufen waren, der darf darüber wahrscheinlich gar nicht erst lange nachdenken, sonst bekommt er die Krise.

Ob Bernd Hoffmann solche Gedanken schon hegte? Oder Sportchef Bastian Reinhardt? Und dabei auch einmal schnell gedanklich nach Dortmund huschte? Weil dort ein Japaner namens Kagawa spielt? Was heißt spielt? Der Junge wirbelt die Liga durcheinander. Frech, frisch, unbekümmert. Und das für eine Summe, die sich zwischen 250 000 und 350 000 Euro (da sind sich die Experten noch nicht ganz einig) belaufen soll. Man kann also nicht nur mit ein paar Dollars mehr erfolgreich sein, sondern auch mit Auge – und der Portokasse.

Reinhardt nahm zum St.-Pauli-Spiel noch einmal Stellung, und ich muss sagen: Der ehemalige Spieler „Basti“ spricht Klartext als Sportchef. Das gefällt mir. Sehr gut sogar. In meinen Augen ist es schon erstaunlich, wie schnell der Ex-Profi den Übergang zum Chef vollzogen hat – auch wenn es die meisten HSV-Fans nicht (noch nicht) wahrhaben wollen. Ich aber sehe das so, und zwar ohne wenn und aber. Reinhardt wird seinen Weg gehen, er hat ihn jetzt schon absolut gut beschritten. Und, um Euch das noch einmal zu sagen: Ich habe mich zuletzt oft in seine Lage versetzt, wie ich als Ex-Spieler mit meinen ehemaligen Kollegen umgehen würde. Das Ergebnis ist eindeutig: Ich hätte mehr Skrupel als Reinhardt. Der ist schon knallhart (geworden).

Sein Fazit zum Beispiel nach dem Derby: „Das war kein gutes Fußballspiel, das war Kampf und Krampf.“ Und zu Mladen Petric, der den HSV Sekunden vor dem Schlusspfiff noch mit seinem Sonntagsschuss rettete, befand der Sportchef: „Er ist ein Spieler des HSV, ich denke man kann von ihm erwarten, dass er ein solches Tor schießt. Er ist ein Spieler, der solche Klasse mit sich bringt, und die hat er gestern gezeigt.“ Was wäre aber ohne Petric gewesen? Reinhardt ausweichend: „Wir denken jetzt darüber nach, dass wir am Mittwoch ein Spiel gegen Wolfsburg haben. St. Pauli ist abgehakt, und über Mladen haben wir in den letzten Wochen schon genug gesprochen, auch dieses Thema ist abgehakt. Er hat in der Woche sehr gut trainiert, hatte sich seinen Einsatz verdient gehabt – er hat seinen Einsatz auch gerechtfertigt, indem er ein herrliches Tor geschossen und – und nun blicken wir nach vorne.“ Und: „Ich hoffe, dass es ein Neuanfang für Mladen ist, und ich würde mich freuen, wenn er nun gegen den VfL Wolfsburg gleich nachlegen würde.“

Das ist kein „Rumgeiere“, das ist cool, überlegt und auch distanziert gesagt. Respekt.

Ob mehr dahinter steckt, ob das Verhältnis Spieler – Klub überhaupt noch einmal zu kitten ist, das weiß außer der HSV-Führung (und Mladen Petric selbst) wohl kaum einer. Auf jeden Fall wird Armin Veh für das Wolfsburg-Spiel wohl nicht an Mladen Petric vorbeikommen, ich gehe fest davon aus, dass der Kroate seine Chance von Beginn an bekommen wird. Zumal es vier angeschlagene Spieler gibt, die eventuell gegen den VfL nicht zum Einsatz kommen können: Collin Benjamin hat sich eine Grippe genommen, Elia erhielt einen Schlag auf die Achillessehne, Guerrero erhielt einen Tritt in die Wade, David Jarolim hat mit einem Pferdekuss zu kämpfen. Schlecht ist es vor allem um Guerrero bestellt, auch Elia ist wohl nicht nur angeschlagen, während „Jaro“ wohl seine Zähne zusammenbeißen wird und aufläuft.

Um noch einmal auf das Petric-Tor zurück zu kommen. Bastian Reinhardt gibt zu: „Das war pure Erleichterung, denn ich konnte mir nicht wirklich ausmalen, was passiert wäre, wenn wir dieses Spiel verloren hätten.“ Dann sagt der Sportchef auch: „Wie die Mannschaft nach Rückschlägen immer wieder zurückkommt, da ziehe ich den Hut vor.“ Dass es ein mieses Spiel gerade vom HSV war, hat Reinhardt auch gesehen, aber er versucht es zu erklären: „Es lag ein enormer Druck gerade auf uns, denn wir durften dieses Spiel auf keinen Fall verlieren. Verliert St. Pauli, dann sagen alle: ganz normal. Wenn wir aber verlieren, ist das eine Katastrophe.“ Woran aber lag es, dass es diesen Grotten-Kick vom HSV gab? Reinhardt: „Wir haben uns zu sehr das Spiel des Gegners aufzwingen lassen, mit langen Bällen, einigen Scharmützel, im Kampf um den zweiten Ball. Haben auch zu wenig unseren Fußball gespielt.“

Ist es aber vielleicht auch die Frage des Systems? Wären zwei Spitzen, van Nistelrooy und Petric, nicht geeigneter? Armin Veh wird sich gerade nach einem solchen Musterbeispiel, wie es nicht geht, nicht auf eine neue Taktik einlassen. Ganz sicher nicht. Er wird es eventuell in den nächsten Wochen überdenken, sollte es weiter solche blutleeren Vorstellungen seiner Mannschaft geben, aber jetzt wird er garantiert nicht „einknicken“. Zumal Nationalspieler Marcell Jansen lobte: „Die Trainer leisten bislang ganz hervorragende Arbeit, wir machen ein wirklich sehr gutes Training, und wir werden zu den Spielen auch hervorragend eingestellt.“

Ich hatte während des Derbys immer mal den Eindruck, als wenn nicht alle Spieler alles (auch körperlich) geben. Oder mental nicht bereit waren, es zu tun. Und wenn ich an Frank Rost erinnere, dem nur noch die „rosa Röckchen“ gefehlt haben, dann sah es zumindest ein HSV-Spieler auch so wie ich. Angst? Angsthasen-Fußball? Reinhardt kontert: „Das sehe ich nicht so. Es ist ein anderes Spiel gewesen. Das ist so, als wenn die Bayern im Pokal gegen einen drittklassigen Gegner antreten müssen, und es wird dann eng. Dann kann man auch sagen: Die Bayern haben doch Erfahrung, die sind clever, die haben Klasse. Es ist aber nur ein Spiel, und da kann alles auf den Kopf gestellt werden, das macht ja auch den Reiz des Fußballs aus. Und der Bundesliga. Und eines Derbys.“

Wie aber kann es sein, dass einige Spieler in einem so wichtigen Spiel, von dem ganz Hamburg eine Woche lang gesprochen hat, so krass abfallen? Elia zum Beispiel. Er kommt einfach nicht in Fahrt. Alles das, was er einst konnte, was er auch bei der WM angedeutet hat (mehr als angedeutet sogar), das lässt er bislang beim HSV vermissen. Reinhardt: „Er ist mit sich auch nicht zufrieden, er verlangt viel mehr von sich. Und ich bin überzeugt davon, dass er es noch zeigen wird.“ Ich habe das in den letzten Wochen mehrfach betont, ich hatte diese Hoffnung auch, aber allmählich plagen mich einige Zweifel. Es ist bei mir ähnlich wie zuletzt bei Marcus Berg. Von dem hatte ich auch immer seine Explosion erhofft, aber sie kam nie.

Und Guerrero? Ich glaube, dass er es mental nicht verkraftet hat, ab jetzt den Spielmacher zu geben. Anfangs (in den Testspielen auf dem Dorf) hat er diese Rolle „geschnallt“, jetzt läuft er nur noch mit. Wahnsinn. Er läuft und läuft und läuft, aber der Ball rollt oft, zu oft an ihm vorbei. So wird er dem HSV keine Hilfe sein, so wird er diese Rolle nie ausfüllen können, so wird er auf der Strecke bleiben. Guerrero wird es lernen müssen, nicht nur ein Tempo zu laufen, sondern auch mit in die Spitze zu gehen, um van Nistelrooy eine Unterstützung zu sein. Und auch, um hin und wieder selbst ein Tor schießen zu können. Davon war Guerrero am Sonntag meilenweit entfernt.

Und was kann der HSV noch von Gojko Kacar zu erwarten? Der Serbe war gegen St. Pauli nicht mal im Kader! Reinhardt: „Gojko legt jetzt Sonderschichten ein, um in die Verfassung zu kommen, mit der uns helfen kann.“ Also kein Fehleinkauf? „Wir denken perspektivisch. Wir geben einem Spieler ja keinen langfristigen Vertrag, um nach wenigen Wochen zu sagen, es geht nicht, tschüs. Man muss den Spielern schon Zeit geben, dass sie sich eingewöhnen können – was in Hamburg ja traditionell schon schwer ist, weil man hier immer sofort zu funktionieren hat“, sagt Bastian Reinhardt.

Da aber klaffen Anspruch und Wirklichkeit im Moment ein wenig (oder zu viel) auseinander. Der HSV müsste eine Mannschaft wie St. Pauli eigentlich bezwingen und beherrschen können, er konnte es aber nicht. Marcell Jansen nennt eine Ursache: „Das Nachrücken fehlte. Wenn man, wie zum Beispiel ich, auf dem Flügel durch ist und den Ball zur Mitte bringt, dann müsste dort eigentlich einige Spieler in Stellung gelaufen sein. Aber am Sonntag stand da meistens Ruud van Nistelrooy ganz allein.“ Mit Sicherheit ein großes HSV-Manko an diesem Tag. Fehlender Mut? Oder Angst, die Defensive zu entblößen? Ein lieber Kollege (von der Welt) hat es heute „Beamten-Fußball“ genannt. Trifft es schon ganz gut. Vor einem Jahr noch spielte der HSV noch Hurra-Fußball, mit Beginn dieses Jahres ging es dann steil bergab – und so ganz kann sich die Mannschaft wohl noch nicht von diesem Trott lösen.

Marcell Jansen, der sich heute sehr viel Zeit gelassen hat, um mit uns über das Derby, den Fußball allgemein und über die Zukunft zu sprechen, sagt zur momentanen Situation des HSV: „Wir müssen es wieder hinbekommen, mit Leichtigkeit und einer gewissen Gradlinigkeit zu spielen. Das müssen wir uns ankreiden lassen, da gibt es noch eine kleine Blockade bei uns, die müssen wir lösen.“ Dann vertritt der Nationalspieler noch eine ganz pikante Meinung: „Ich sehe dennoch nicht schwarz, im Gegenteil, ich finde es gut, dass es nicht so ein Selbstläufer wie vor einem Jahr ist. Denn dann denkt wieder jeder, dass es bis zum Ende so durchgeht – und man fällt in der Rückrunde in ein Loch, aus dem man dann nicht wieder herauskommt.“ Eine hoch interessante These. Die am Mittwoch zu überprüfen sein wird.

PS: Die Glücklichen des Gewinnspiels werden morgen ermittelt, es kann also noch bis Mitternacht gerätselt werden – dann gibt es ein neues Gewinnspiel.
Und noch eine private Sache: Wer sich gewundert hat, dass hier erst jetzt ein Bericht zu lesen ist, dem sei gesagt: Mein Kollege Christian Pletz, der heute eigentlich am Start gewesen wäre, hat sich in seinem gestrigen Bezirksliga-Spiel einen Knöchel gebrochen. Das wurde heute erst per Kernspin-Tomographie festgestellt. Da ich nachmittags einige privaten Dingen (wir haben eine große Baustelle bei uns zu Hause) regeln musste, konnte ich erst abends schreiben. So spielt das Leben. Sorry.

20.20 Uhr

Petric rettet den HSV!

19. September 2010

Puuh! Das ging gerade noch einmal – nicht ganz daneben. 1:1 bei St. Pauli, da hatten viele, viele HSV-Anhänger doch schon mehr erwartet. Aber wenn der Ausgleich für den HSV erst Sekunden vor Schluss fällt, dann muss man ganz einfach zufrieden sein.
Die Mitspieler gingen nach dem Schlusspfiff alle auf Mladen Petric zu, jeder klopfte dem Kroaten auf die Schultern oder “wuselte” ihm durch das kaum vorhandene Haupthaar. Der „schmollende Torjäger“, erst in der 62. Minute (danke!) eingewechselt, rettete dem HSV, seinem HSV, mit einem herrlichen 20-Meter-Schuss zum 1:1 in der 88. Minuten wenigstens noch einen Punkt.

„Wir haben erst so richtig angefangen Fußball zu spielen, als wir 0:1 zurück lagen“, sagte Petric, der nach seinem Treffer keine Freude zeigte. Ohne Gefühlsregung ließ er die Jubelarien der Kollegen über sich ergehen. Wohl wissend, dass er auf die gesamte Situation (mit dem verpatzten Wechsel nach Stuttgart) die wohl beste Antwort gegeben hatte. Die Abtastphase in diesem Derby hatte 77 Minuten gedauert, erst als Boll St. Pauli in Führung geschossen hatte, kam so etwas wie Leben in die Bude. Das 1:1 war absolut gerecht.

Am Vorabend zappte ich nach den Amateur-Ergebnissen auf N 3. Plötzlich landete ich auf einer Tafel, die sich Liveticker nannte. Da stand: FC St. Pauli – HSV 1:0. Rote für Guy Demel. Muss ein Scherzkeks dort hinein geschrieben haben, aber es war interessant zu lesen . . . Demel war dann beim Spiel nur auf der bank. Völlig überraschend nur Ersatz, weil seine Frau nachts ins Krankenhaus gebracht werden musste. Demel fuhr nach Hause, um dort auf die Kinder aufzupassen. Als der Abwehrspieler am Morgen wieder zur Mannschaft stieß, ließ ihn Trainer Armin Veh draußen, weil diese Vorbereitung ja ganz sicher nicht leistungsfördernd war. Aber ist ja alles nur menschlich. Für Demel kam Tomas Rincon zum Einsatz, eine gute Lösung, auf die ich später noch einmal zurückkomme.

Es ging ja schon vor dem Anpfiff hoch her. Auf der Reeperbahn sollen Wasserwerfer im Einsatz gewesen sein. Die bessere Einstimmung gab es aber im Stadion. Die St.-Pauli-Fans zogen sich noch einmal an einem „Filmchen“ hoch, der vom 3. September 1977 datierte. Damals gab es einen 2:0-Sieg der „Braunen“ beim HSV. Noch heute wurden die Tore von Kulka und Gerber lautstark umjubelt. Die HSV-Fans hatten sich mit einem großen Plakat präpariert: „Ihr hier? Wer trinkt denn jetzt die Latte Macchiato in der Schanze?!“ Die St.-Pauli-Anhänger antworteten mit „Zugabe“-Rufen. Und lachten sich Minuten später fast kaputt, als die HSV-Fans ein Plakat über die gesamte Kurve zogen – aber leider falsch herum. Was das die St.-Pauli-Fans zu hämischen Rufen veranlasste: „Falsch rum!“ Und: „Anders rum!“ Merkte aber niemand. Oder es war so geplant? Auf jeden Fall war die Atmosphäre schön aggressiv. Die HSV-Hymne von Lotto King Karl wurde komplett niedergebrüllt. Und dem HSV wurde per Plakat gezeigt, was HSV wirklich heißt: „Hunde-Sport-Verein.“

Im Stadion blieb es aber friedlich. Obwohl im Süden fast pausenlos geschrieen wurde: „Scheiß HSV!“ Aber: Wir erinnern uns, das wurde umgekehrt schon vor Wochen im Nordwesten des Volksparks skandiert. Es ist eben so. Solange es bei diesen verbalen Attacken bleibt – sollen sie.

Immerhin hatten die Fans etwas zu bieten. Was man von den 22 Spielern auf dem Rasen nicht unbedingt sagen kann. Es war schon ein merkwürdiges Derby. Entweder lähmte der Hexenkessel, es war Angst oder es gab diesen übergroßen Respekt. Im Zweifel quer oder zurück. Fußball aber geht anders. Auch mit viel mehr Finesse, mit Ideen, mit Mut zum Risiko. Das war aber kaum einmal zu sehen, und das war dann doch schwer enttäuschend. Obwohl es immer spannend war. Bezeichnend: Der erste Schuss des HSV in Richtung (!) St.-Pauli-Tor erfolgte in der 24. Minute. Eljero Elia drosch die Kugel weit über die Stangen.

Der HSV versuchte es in meinen Augen auch oft zu körperlos, wenn es angebracht war, Präsenz zu zeigen. St. Pauli war in diesem Punkt leicht führend: David Jarolim lag nach einem Ellenbogen-Kontakt mit Hennings am Boden, und Jarolim lag noch einmal auf dem Rasen, als er von Oczipka ziemlich rustikal umgetreten worden war. Der Übeltäter sah Gelb, „Jaro“ wurde fortan bis zum Halbzeitpfiff bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen. So geht es eben auch, ein wenig leicht unfair, Gelb hatte in dieser Szene übrigens auch Paolo Guerrero gesehen, denn er hatte Bruns geschubst. Weil Bruns den am Boden liegenden Jarolim „angemacht“ hatte. Das hätte Schiedsrichter Florian Meyer eigentlich auch ahnden müssen, aber er tat es nicht.

Nur zwei gute Szenen hatte der HSV bis zum Halbzeitpfiff: Ein Kopfball von Joris Mathijsen (nach Ze-Roberto-Freistoß) flog über das Tor, und als Jonathan Pitroipa fast durch war, grätschte in höchster Not noch Thorandt dazwischen. Pause.

Das Spiel wäre wohl auch bis zur 90. Minute so dahingeplätschert, wenn nicht das 1:0 für die Hausherren gefallen wäre. Petric, der in der 62. Minute für Paolo Guerrero gekommen war, sorgte allein durch seine Anwesenheit für Unruhe auf dem Rasen. Endlich einer, habe ich so bei mir gedacht, denn nach vorne brachten beide Teams ja herzlich wenig zustande. Was mich vor allem vom HSV enttäuschte. Ruud van Nistelrooy erhielt kaum einmal nennenswerte Unterstützung in der Spitze, und über die Flügel passierte kaum einmal etwas Produktives. Links war Eljero Elia fast ein Totalausfall, rechts war Pitroipa wenigstens ab und zu mal so unterwegs, dass man doch seinen Willen erkennen konnte, etwas bewegen zu wollen. Nein, in der HSV-Offensive fand so gut wie nichts statt – obwohl es doch „nur“ gegen den Aufsteiger FC St. Pauli ging.

Im Mittelfeld war Jarolim in Halbzeit eins zwar sehr bestimmend, aber auch er erhielt kaum Unterstützung. Guerrero lief in einem Tempo über den Rasen, ging immer weit, viel zu weit für meine Begriffe zurück, hatte aber auch keine Ideen, die dem Offensivspiel hätten helfen können. Das war gar nichts! Oder noch besser gesagt: schwach! Bei Ze Roberto flackerte das große Können zwar einige Male auf, aber insgesamt viel zu wenig. Der Brasilianer zog sich auch für meine Begriffe zu oft zu weit nach rechts – ob das Taktik war? Wenn ja, hat sie dem HSV nicht geholfen.

Die linke Defensive des Favoriten zeigte für mich einige Schwächen. Wenn St. Pauli in Ansätzen gefährlich war, dann ging es über die linke Seite des HSV. Dort landete so mancher 30- oder 40-Meter-Pass bei einem St.-Pauli-Spieler, obwohl der Ball doch so lange unterwegs war, dass man ihn hätte „fotografieren“ können. Marcell Jansen, das muss ich an dieser Stelle sagen, muss mehr, muss viel mehr kommen, er wirkte auf mich gehemmt, einige Male auch unkonzentriert. Da fehlen an 100 Prozent noch mindestens 30.

Zentral standen Heiko Westermann und Mathijsen souverän, sie ließen kaum etwas zu, und rechts fügte sich Rincon sofort gut ein – er rettete schon in der Anfangsphase einige Male recht gekonnt. Und obwohl der kleine Mann mit dem großen Kämpferherz später (60.) noch die Gelbe Karte sah, muss ich sagen: Er hat schon viel gelernt. Gegen den heißblütigen Naki, so habe ich mir gedacht, könnte Rincon leicht übermotiviert auch einen Platzverweis riskieren – aber das tat er nicht. Kompliment.

Das gebe ich auch an Frank Rost, der sich nur einmal leicht aus der Ruhe bringen ließ, als er von Hennings attackiert wurde und dadurch den Ball nicht nach vorne schlagen konnte. Ansonsten spielte Rost in seinem 400. Bundesliga-Einsatz (Glückwunsch) eine astreine Partie, an der es nichts zu meckern gab. Beim St.-Pauli-Tor dürften ihm Westermann, Jarolim und Ze Roberto leicht die Sicht versperrt haben.

Fazit: Der HSV kann es wesentlich besser, aber er ist mit diesem Unentschieden noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Die Passivität, die es lange zu sehen gab, wurde nicht bestraft – und das ist schon als glücklich zu bezeichnen.

Resümee von St.-Pauli-Trainer Holger Stanislawski: „Es war kein gutes Fußballspiel.“ Und Frank Rost befand später: „Es herrschte vor dem Spiel viel zu viel Harmonie, es hat nur noch gefehlt, dass wir hier mit rosa Röckchen aufgelaufen wären . . .“ So kann man es natürlich auch sehen.

18.01 Uhr

Bitte bleibt fair!

18. September 2010

Geht es Euch auch so? Überall wo man hin kommt nur die eine Frage: „Na, wie geht das Derby aus?“ Im Video habe ich mich ja weit aus dem Fenster gelehnt und einen 3:1-Sieg des HSV prophezeit. Je näher aber das Spiel rückt, umso weniger bin ich von einem klaren Sieg des Favoriten überzeugt. Kämpfer gegen Schönspieler – wer gewinnt? Das ist hier die Frage. Beim heutigen Training im Volkspark wurde ich auch einige Male gefragt. Wenn ich dann antwortete, dass es wohl eine ganz knappe Geschichte geben könnte, dann bekam ich zur Antwort: „Ach was, der HSV hat doch die klar besseren und routinierteren Einzelspieler.“ Das stimmt ja, aber ist das gleichbedeutend damit, dass die Mannschaft, die solche Spieler in ihren Reihen hat, auch immer der Sieger ist?

Ich habe heute vor dem Training folgenden Vergleich gezogen: 1983, der große Europapokal-Erfolg des HSV. Der war in Athen gegen die Millionäre von Juventus Turin krasser Außenseiter. Natürlich hatte der HSV für uns Hamburger eine Klasse-Mannschaft, natürlich war das Team um Horst Hrubesch in der Bundesliga die Nummer eins – aber Juventus hatte viele, viele Weltstars im Team. Eigentlich wäre damit auch schon die Frage nach dem Sieger geklärt gewesen, aber eben auch nur eigentlich. Der HSV wuchs über sich hinaus – und das haben so manche Außenseiter eben auch so an sich. Zumal dann, wenn der Trainer ein großer Motivationskünstler ist – und Holger Stanislawski ist ein solcher Coach. Er, der ja auch einst für den HSV (in der Jugend) spielte, ist für mich der perfekte 12. Mann seines Teams.

Entscheidend wird sein, ob und wie der HSV umschalten kann. Vom Spielerischen zum Kämpferischen. „Es wird heiß zur Sache gehen“, hat ja Frank Rost vorhergesagt. Hoffentlich von beiden Mannschaften. Wenn Rost im Feld spielen würde, dann hätte ich keine große Angst, denn der Keeper würde mit Sicherheit den großen Worten auch Taten folgen lassen. Hoffentlich wird Rost seinen Vorderleuten verbal genügend Dampf machen, damit diese dann mit der nötigen Aggressivität in diese brisanten 90 Minuten gehen.

Das heutige Abschlusstraining aber sah nicht so aus, als würde dort schon etwas hoch kochen. Es ging eher gemächlich zur Sache. Erst gab es einige Laufeinheiten über jeweils zehn Meter, dann wurde Handball gespielt – mit einem Kopfball als Torabschluss. Es spielte A gegen B, wobei David Jarolim zunächst bei B spielen musste. Es gab einige Sekunden Verwirrung auf den billigen Plätzen, aber dann war schnell kalr: „Jaro“ war das Opfer, weil es für elf gegen elf nicht genügend Spieler gab. Auffällig bei diesem Handballspiel: Das ist nicht Ruud van Nistelrooys Disziplin, er lag mit seinem Abspiel per hand doch einige Male krass daneben. Und Tomas Rincon vergab eine Kopfballchance aus zwei Metern, die mit drei Elfmetern gleichzusetzen war. Ob der Mann aus Venezuela deshalb später als einziger Profi (freiwillig) noch Liegestütze machte?

Später setzte der große Regen ein, und es spielte A (diesmal mit Jarolim)gegen den Rest von B, der allerdings nur angriff und nicht verteidigen musste, B spielte ohne Torwart und mit den Aufbauspielern Michael Oenning und Reiner Geyer. Begleitet wurde diese Einheit doch von einigen HSV-Fans (es mögen 50 gewesen sein), die sich im Stadion vor der „Raute“ aufhalten mussten, die aber fleißig sangen und ihre Männer anfeuerten. Das war genau die richtige Einstimmung für das Derby.

Zwischendurch wurden auch noch einige Eckstöße (von Ze Roberto) zur Mitte gebracht, aber es waren höchsten vier oder fünf. Was dabei auffiel: Armin Veh nahm sich lange Zeit, um jeden Spieler genau richtig zu postieren. Bevor es den ersten Schuss zur Mitte gab, vergingen Minuten. Später durfte auch Piotr Trochowski noch einige Eckbälle schlagen, damit sich die HSV-Abwehr schon mal auf Standards einstellen konnte. „Troche“ und Mladen Petric, beide wie erwartet nicht im A-Team, brachten danach auch noch einige Freistöße aus der halbrechten Position zur Mitte, ein Tor aber fiel weder nach einem Eckstoß noch nach einem Freistoß, Frank Rost hielt die Bälle souverän. Der Keeper ist ohnehin meine ganz große Hoffnung auf das Spiel am Millerntor. Er strahlt derzeit eine unglaubliche Ruhe aus, und er weiß wohl auch ganz genau, dass er im Moment topfit ist.

Da steht schon ein unheimlicher Bär zwischen den Pfosten des HSV-Gehäuses, ihn wird wohl auch der Hexenkessel auf dem Kiez nichts anhaben können. Wobei ich noch einmal kurz auf diese Woche zurück blicken möchte. Da kam der „rasende“ Matz-ab-Reporter „Benno Hafas“ einmal zu mir angehastet und sagte; „Hast du das gehört und gesehen? Frank Rost hat eben den Jaroslav Drobny gelobt.“ Ja, so kann es gehen. Rost und Drobny wechselten sich beim Schusstraining zwischen den Pfosten ab, so stand ein Keeper im Tor, der andere nur einen Meter daneben. Und als Drobny einige sehr scharfe und bestens platzierte Schüsse hielt, da lobte Rost dann seinen Vertreter auch schon mal. Da sind offenbar zwei Torhüter, die auf dem besten Wege sind, die Eiszeit zwischen sich zu beenden. Es wäre ja zum Wohle der Mannschaft, der HSV-Gemeinschaft. Und das würde helfen, den Weg zu neuen Erfolgen zu ebnen. Wie gesagt, Frank Rost wirkt auf mich zurzeit so sicher wie die Bank von England.

Zum Abschluss der heutigen Einheit durfte dann jeder nach Herzenslust schießen. Ruud van Nistelrooy schnappte sich einen Ball und versuchte sich gegen Drobny als Elfmeterschütze. Ist ja gut möglich, dass der Niederländer dann schießen muss, wenn es einen Strafstoß gibt. Die etatmäßigen Schützen sitzen ja nur auf der Bank: Petric und Trochowski. Die ersten beiden Schüsse hielt Drobny, dann verwandelte „Van the man“ den dritten Elfmeter souverän. Aber erst den dritten!

Dann war Ende des Trainings. Und es gab zwei kleinere Überraschungen personeller Art: Weder Dennis Aogo noch Gojko Kacar sind im Kader. Zwei Härtefälle? Aogo hielt zwar durch, ist aber noch nicht so weit. Und bei Kacar, das muss ich so sagen, hat Armin Veh nach Trainingseindrücken entschieden, und diese waren in dieser Woche nicht gerade berauschend. Der Serbe muss sich deutlich besser einbringen, muss auch von der Körpersprache her noch kräftig zulegen, um so Ansprüche auf einen Platz in der Mannschaft (oder im Kader) zu untermauern. So wird es noch dauern, bevor er eine Hilfe für den HSV sein kann.

So, nun möchte ich Euch noch einmal ganz nett bitten, morgen keine Randale mit den Leuten des FC St. Pauli zu beginnen. Versucht es friedlich, freut Euch über ein Derby, auf das Hamburg acht Jahre gewartet hat, freut auch ein eine außergewöhnliches Fußballspiel – aber verbringt diesen Sonntag ohne jede Gewalt. Diese große Bitte haben 99 Prozent der Hamburger Fußball-Anhänger, bitte respektiert diesen Wunsch und seid faire Fans. Wie toll wäre es, wenn alle Hamburger Medien am Abend oder am nächsten Tag von einem gewaltfreien, von einem absolut friedlichen Derby sprechen und berichten würden. Es wäre ein Sieg für den Fußball. Egal wer dieses Spiel am Ende gewonnen hat.

18.32 Uhr

Es wird zur Sache gehen

17. September 2010

Alles ganz geheim. Aber was St. Pauli kann, das kann der HSV auch – wenn auch einen Tag später. Die „Braunen“ hatten heue ihre „Geheimtraining“, der HSV morgen. Wenn um 14 Uhr im Volkspark geübt wird, dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Watt mutt, datt mutt. Und auch heute schon ließ sich Armin Veh nicht in die karten schauen, denn das obligatorische Abschlussspiel gab es an diesem Freitag nicht. Dafür aber eine höchst ungewöhnliche Pressekonferenz. Eine solche hat es zu Derby-Zeiten noch nie gegeben. Die Trainer Holger Stanislawski und Armin Veh saßen an einem Tisch, dazu St.-Pauli-Kapitän Fabio Morena und HSV-Keeper Frank Rost. Der brachte es bei aller Freundschaft und Harmonie auf den Punkt: „Das ist kein Freundschaftsspiel, es wird schön zur Sache gehen.“ Davon ist auszugehen. Hoffentlich nur auf dem Rasen, hoffentlich nur 90 Minuten. Rost warnt aber auch seine Kollegen: „Eine Niederlage in einem Derby hängt einem noch ein halbes Jahr nach, das sollten wir uns schon ersparen.“

Es ist das erste Hamburger Derby am Millerntor, St. Pauli wird bemüht sein, den ersten Derby-Sieg seit 33 Jahren zu schaffen – und die Stadt ist voller Vorfreude auf dieses Spiel. „Bei einem Derby zählen keine Tabellenstände, wir wissen ganz genau, dass wir mit dem HSV eine extrem starke Mannschaft zu Gast haben werden. Um zu bestehen, müssen wir eine außergewöhnliche Leistung bringen“, sagt Stanislawski. Er hat sich in dieser Woche noch einmal ganz genau das Video des HSV-Spiels gegen den 1. FC Nürnberg angeschaut und befand danach: „Der HSV war die klar bessere und stets Spiel bestimmende Mannschaft, er hätte schon in der Anfangsphase 2:0 führen können.“ Ein Kompliment, das Veh artig zur Kenntnis nahm – und gleich die Revanche gab: „Man kann bei St. Pauli die Handschrift von Holger Stanislawski erkennen, die Mannschaft spielt richtig guten Fußball.“

Acht HSV-Bundesliga-Siege stehen in Sachen Hamburger Derby auf der Statistik-Seite, dazu fünf Unentschieden. Und nur eine Niederlage, dieses legendäre und unvergessene 0:2 von 1977. Damals gewann David, auch diesmal ist „Goliath“ HSV der Favorit, doch Papier ist geduldig. Frank Rost sagt dann auch: „Es steht viel Prestige auf dem Spiel, wir können sicher mehr verlieren als gewinnen. Man wird gute Nerven brauchen, aber man sollte die Brisanz auch genießen.“

Gut für mich, dass mit Florian Meyer ein sehr guter Schiedsrichter mit von der Partie ist, der Mann aus Hannover ist erfahren und zählt zu den besten Leuten seiner Zunft in Deutschland. Vorbeugend sagte Holger Stanislawski heute schon einmal: „Ich gehe davon aus, dass es auf dem Platz ruhig bleiben wird, und dass es auch außerhalb des Platzes ruhig bleiben wird.“ Dann sagt der einstige „Eisenschädel“ auch richtungsweisend: „99 Prozent der Hamburger freuen sich auf dieses Derby, nur ein Prozent sind Chaoten, und die werden hoffentlich von beiden Fangruppen an den Rand gedrückt.“ Hoffentlich. Über 1000 Sicherheitskräfte werden am Sonntag auf dem Kiez Einsatz haben, um ein gewaltfreies Derby zu gewährleisten.

Beim HSV hatte sich die Mannschaft, die den Aufsteiger St. Pauli besiegen soll, schon zu Wochenbeginn angedeutet: Rost; Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen; Jarolim, Ze Roberto; Pitroipa, Guerrero, Elia; van Nistelrooy. Obwohl es an diesem Freitag, wie bereits gesagt, kein Spielchen gab, ging es dennoch recht munter zur Sache. Einmal trat David Jarolim ohne Absicht Dennis Aogo in die Hacken, einmal landete der rechte Fuß von Collin Benjamin auf der linken Achillesferse von Mladen Petric, der sich für einige Sekunden einen „Auszeit“ nehmen musste. In beiden Fällen aber, das war höchst erfreulich, gingen die „Übeltäter“ zu ihren Opfern, trösteten es und entschuldigten sich. Das ist nicht immer der Fall. Am Vortag (und nicht nur dann) waren sich die beiden Heißsporne Paolo Guerrero und Tomas Rincon an die Wäsche gegangen, der Peruaner war dabei der eigentliche Sünder – aber es gab keine Entschuldigung, stattdessen nur böse Blicke.

Wobei ich das Training in dieser Woche genau beobachtet habe, und es schien mir so, als habe Guerrero dabei nicht wirklich gut trainiert. Er kann es jedenfalls deutlich besser. Gut aber in dieser Woche dabei: Ruud van Nistelrooy. Der Niederländer heimste auch beim heutigen Schusstraining den meisten Beifall (der Trainingskiebitze) ein, als er gleich zwei herrliche Treffer für sich verbuchen konnte. Viel Applaus heimste aber auch Muhamed Besic ein, der mit einer Art Schlenzer Erfolg hatte. Da klatschten sogar die meisten Mitspieler vor Begeisterung. Und Ruud van Nistelrooy, typisch für ihn, klatschte sich mit Besic ab und umarmte ihn kurz. Das ist gelebte (und vorbildliche) Kollegialität. Übrigens hatte auch Eric-Maxim Choupo-Moting eine erstaunlich gute Trefferquote, ich habe es ja schon zweimal geschrieben: Der Mann kommt immer besser.

Das einzig Unerfreuliche an diesem Trainingstag: Lennard Sowah brach die Einheit bereits nach 15 Minuten ab, er klagte über Kopfschmerzen.

Ohne große Szene blieb an diesem Tag, und nicht nur an diesem, Eljero Elia. Ihm hatte ich ja vor Wochen zugetraut, wieder die „Rakete im Volkspark“ werden zu können. Bislang aber verhält sich die „Rakete a. D.“ auffällig unauffällig. Bei der WM in Südafrika hat er mich bei seinen Kurzeinsätzen wirklich begeistert und überzeugt, aber zurück in Hamburg gibt er uns wieder den „Elia 2010“. Ein Fall für den Psychologen? Der HSV hat ja einen Mann eingestellt, der sich aber vorzugsweise in Ochsenzoll um den Nachwuchs kümmert. Wie wäre es mal mit einem kurzen Abstecher in den Volkspark? Irgendwann sollte (und müsste) Elia ja damit anfangen, den HSV-Fans sein wahres Können zu zeigen, denn eigentlich hat er ja alles drauf. Warum aber spielt er bislang mit angezogener Handbremse?

Ähnlich verhält es sich ja auch mit Gojko Kacar. Armin Veh sagt, dass der Serbe noch nicht bei 100 Prozent ist. Aber wie lange dauert es noch? Oder hat der Mittelfeldspieler schon ein wenig resigniert, weil er an Jarolim und Ze Roberto (zurzeit) nicht vorbei kommt? Es wäre schade. Ich sage aber auch deutlich: Die Trainingsleistungen von Kacar sind zwar nicht schlecht, aber sie sind auch keinesfalls so, dass er sich damit für die Stamm-Formation anbieten würde. Auch von ihm muss noch mehr kommen. Und: Eigentlich hatte ich mir das bei seiner Verpflichtung schon erhofft, ich hatte Kacar schon zugetraut, dass er eine wesentlich dominantere Rolle beim HSV spielen kann – hoffentlich kommt da noch mehr.

Drei kurze Anmerkungen noch zum Schluss:

Am Sonntag ist, das sollten alle Fans bedenken, die sich das Derby in der Imtech-Arena (auf den Video-Wänden) ansehen wollen, die Autobahn-Abfahrt Volkspark gesperrt.

Und zu dem Video, dass Ihr bei „Matz ab“ zum Derby sehen könnt, sei gesagt: Ich möchte mich da nicht mit fremden Federn schmücken. Es war nicht meine Idee, wie vielfach schon von Euch geschrieben, sondern die Idee unseres HA-„Filmemachers“ Axel Leonhard. Er hat sich viel, viel Mühe damit gemacht, aus unserem Gestammele einen „richtigen“ Film zu machen, nach Euren Reaktion zu urteilen ist ihm das sehr, sehr gut gelungen.

Und dann noch einmal in eigener Sache, obwohl ich diesmal nicht betroffen bin (nur enttäuscht): Bitte, bitte hört endlich damit auf, andere „Matz-abber“ zu beschimpfen und zu verunglimpfen, wir haben uns doch vor allem hier vereint, weil es um einen Klub, um unseren Klub, geht.

Nur der HSV!

18.30 Uhr

(K)ein Spiel wie jedes andere

16. September 2010

In den Tagen vor einem Derby werden ja immer wieder sehr gerne alte Derby-Geschichten hervor gekramt. Von allen Zeitungen, Rundfunkanstalten und Fernsehsendern. Und auch ich möchte mich da nicht ausnehmen. Die Geschichte erzählte ich mittags schon meinen Kollegen, es war ein sonderbarer und einzigartiger Vorfall. Ich glaube, es war das Spiel St. Pauli gegen den HSV am 14. März 1997, das 2:2 endete. Der Zwischenfall aber ereignete sich bereits vor dem Spiel. Plötzlich stand, als sich die Mannschaften im Volksparkstadion umzogen, HSV-Zeugwart Klaus „Edu“ Freytag vor der Kabine. Vor, und nicht mittendrin. Er ging nervös auf und ab, wusste nicht wohin er sollte – auch nicht mit seinen Gedanken. Was war passiert? In der Woche hatte Freytag zum Telefon gegriffen und seinen St.-Pauli-Kollegen Claus „Bubu“ Bubke angerufen. Tenor des Gesprächs: „In welcher Tracht spielt ihr?“ So sprachen dann die beiden Zeugwarte schiedlich-friedlich ab, wie ihre jeweiligen Teams zu spielen haben.

Wohl gemerkt: die Zeugwarte! Nichts Böses dabei denkend, natürlich nicht. Erst als Felix Magath im Stadion feststellte, dass der HSV so zu spielen hatte, wie es die Jungs, die die Wäsche unter sich hatten, beschlossen und ausgeklügelt hatten, explodierte der HSV-Coach. Er ging in die Luft wie das damals so berühmte HB-Männchen, denn der gute Felix wollte in einer besonderen Tracht, in der sein Team bislang nur gewonnen hatte, spielen lassen. Das aber ging nun – natürlich – nicht mehr. Kurzerhand schmiss der zornige HSV-Trainer deshalb seinen Zeugwart aus der Kabine. . . Strafe muss sein. Und sie hielt an. Es dauerte meines Wissens Monate, bis „Edu“ Freytag wieder einmal die Kabine des HSV betreten durfte. So kann es (auch) gehen.

Zum heutigen Tag beim HSV. Auffällig ist, dass Armin Veh seinen Jungs die Möglichkeit geben will, sich bestens einzuspielen. Auch an diesem Donnerstag wurde ausgiebig A gegen B gespielt. Heute die „richtige“ Stamm-Elf, denn Frank Rost und David Jarolim, die gestern noch fehlten, waren mit von der Partie. Es spielten: Rost, Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen; Jarolim, Ze Roberto; Pitroipa. Guerrero, Elia; van Nistelrooy. Letzterer schoss auch beide Tore zum 2:0-Sieg, wobei er das erste wieder in unnachahmlicher Art machte. „Van the man“ setzte sich im harten, aber fairen Duell gegen Collin Benjamin durch. Als der Niederländer frei vor Keeper Jaroslav Drobny auftauchte, drosch er die Kugel nicht irgendwie „blind“ n Richtung Tor, sondern hob den Ball mit dem linken Fuß hoch unter die Torlatte. Eiskalt, abgebrüht, wunderschön. Das kann in dieser Perfektion nur Ruud van Nistelrooy.

Auffällig weiterhin: Weil Muhamed Besic „über“ war (es spielten elf gegen elf), brachte Co-Trainer Reiner Geyer den Innenverteidiger an das Kopfballpendel. Ja, Ihr habt richtig gelesen, ans Kopfballpendel. Da habe ich seit Uwe Seelers Zeiten (nein, ich weiß, es ist übertrieben und stimmt nicht!) keinen HSV-Spieler mehr gesehen. Und Besic blieb dort fast eine halbe Stunde, köpfte immer und immer wieder. Zur Nachahmung für andere „Stars“ dringend empfohlen (Eljero Elia, Paolo Guerrero, Jonathan Pitroipa, um nur einige zu nennen).

Gegen Ende der „Veranstaltung“ gab es noch etwas ganz Besonderes zu beobachten: Armin Veh holte sich mitten auf dem Trainingsplatz Mladen Petric, der wie Piotr Trochowski wieder in der B-Formation gespielt hatte, zu sich. Beide sprachen eine gewisse Zeit, während die anderen Spieler ausliefen. Dann beendeten sie ihr Gespräch. Aber nicht einfach so, sondern mit einem Aha-Erlebnis für mich: Veh legte für eine Sekunden seinen rechten Arm auf die Schulter von Petric, schob den Stürmer dann in Richtung der laufenden Spieler und gab ihm noch einen kleinen Klaps auf den Po. Der Beginn einer großen und leidenschaftlichen Freundschaft? Auf jeden Fall war es mal wieder eine kleine Annäherung, die mir Hoffnung auf baldigen Frieden macht. Obwohl bei dem Wort „Frieden“ sicher einige Leute beim HSV zusammenzucken werden und bei sich denken: „Friede? Wieso Frieden? Es ist doch alles in bester Ordnung. Es gibt keinen Streit.“ Da fällt mir, bitte verzeiht, mir der Uralt-Witz ein: Treffen sich zwei Freunde. Fragt der eine den anderen: „Du, sag mal, wie ist deine Frau im Bett.“ Die Antwort: „Die einen sagen so, die anderen so . . .“ Friede. Und ich bitte alle um Verzeihung, denen das zu platt war – ich bin ja bei Euch.

Zurück zum ernsthaften Fußball. Derby-Time. Ganz Hamburg scheint dem Spiel am Sonntag entgegen zu fiebern, der Kick am Millerntor ist unter Fußball-Fans das Gesprächsthema Nummer eins, die Spannung steigt unaufhörlich. Für Piotr Trochowski aber zählt das nicht. Der Mittelfeldspieler sagt zum Derby: „Für die Fans ist es etwas Besonderes, aber für uns Spieler ist es ein Spiel wie jedes andere auch. Wir wollen gewinnen, und wir wollen die Nummer eins in Hamburg bleiben.“ Dann ergänzt der Nationalspieler, der wieder auf der Bank Platz nehmen wird müssen, noch: „Wir gehen natürlich total fokussiert wie immer in dieses Spiel, in dem wir die Favoriten sind. St. Pauli wird leidenschaftlich kämpfen und alles geben, aber wir sind die bessere Mannschaft.“

„Troche“ spielte einst, von Billstedt-Horn kommend, in der C-Jugend beim FC St. Pauli, er war mit 13 ans Millerntor gewechselt, wurde dann aber, mit 15 Jahren, zum FC Bayern nach München geholt. Heute sagt er: „Ich freue mich auf das Derby. Und ich hoffe, dass die Zuschauer zufrieden nach Hause gehen werden, weil sie ein gutes Spiel gesehen haben.“ Dass der HSV die bessere Mannschaft hat, das war bekanntlich auch gegen den 1. FC Nürnberg zuletzt der Fall – auf dem Papier. Wichtig ist aber, was dabei herum kommt. Hinten wird die Ente fett, das Ergebnis zählt, nur das Ergebnis. Der HSV wird ebenfalls mit Leidenschaft und Herz zur Sache gehen müssen, um auf dem Kiez bestehen zu können. Trochowski sagt: „Wir sind spielerisch besser, sind erfahrener und cleverer, das müssen wir am Sonntag auf dem Spielfeld zeigen.“ Wenn das aber so leicht wäre, dann würde sich ja wohl der Favorit, unabhängig von HSV und St. Pauli, ja immer durchsetzen, aber das ist ja reine Utopie.

Das sagt auch David Jarolim, der seit einem Tag Vater einer Tochter ist. Der Tscheche sagt über den Kontrahenten vom Sonntag: „Ein sehr unangenehmer Gegner, aber wir werden uns entsprechend auf diese 90 Minuten vorbereiten.“ Dann fügt „Jaro“ noch hinzu: „Ich weiß, dass das Derby für viele Fans das absolut Größte ist, ich hoffe nur, dass der Fußball im Mittelpunkt stehen wird und dass alles friedlich bleiben wird.“ Dass es bislang keine großen Sprüche gab, die das Spiel noch zusätzlich anheizen würden, kann Jarolim nachvollziehen, denn er sagt für seine HSV-Mannschaft: „Was sollen die Sprüche? Es ist immer besser, wenn man die Leistung für sich sprechen lässt. Ich werde keine Sprüche klopfen, ich werde versuchen, die Mannschaft mit einer guten Leistung zu helfen.“ Und genau das ist die richtige Einstellung, wie ich finde.

Apropos Leistung. Es gibt da noch eine Nachricht, die ich Euch nicht vorenthalten kann (und darf). Die lautet wie folgt:

Ein Hinweis in eigener Sache:

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Von diesem Freitag an stellen wir die Fußball-Channel St. Pauli und HSV sowie den HSV-Handball-Channel und den Freezers-Channel (Eishockey) auf Paid um. Alle Channel bieten exklusive Reportagen und Analysen über den jeweiligen Hamburger Sportklub. Denn diese Arbeit meiner Kollegen kostet Geld – und daher werden auch online nun ein paar Groschen fällig – wie auch beim Kauf der Zeitung. Das mag einige ärgern, aber wer will und kann schon die Früchte seiner Arbeit dauerhaft verschenken.
Zudem verschwindet nicht alles hinter einer Bezahlschranke, denn:

Auch „Matz ab“ wird frei zugänglich bleiben, um damit um Euer Verständnis zu werben. Wir wollen damit allen HSV- und Fußballfans die Möglichkeit bieten, alle Themen rund um den Verein weiterhin demokratisch (und so sachlich wie möglich) zu diskutieren.

20.11 Uhr

Kampf der Blogger: FC St. Pauli vs. HSV

16. September 2010

“Wir sind die bessere Mannschaft”

15. September 2010

Die Spannung steigt. Ganz allmählich, aber spürbar. Derby-Time in Hamburg, im Volkspark dreht sich schon viel um das Sonntagsspiel beim und gegen den FC St. Pauli. Und wie es scheint, lässt Trainer Armin Veh schon beizeiten die Elf spielen, die am Millerntor für weitere drei Punkte auf dem HSV-Konto sorgen soll. Bis auf den noch verletzt fehlenden Frank Rost, der morgen wieder ins Mannschaftstraining einsteigen soll, sowie den noch in Prag weilenden David Jarolim war das wohl schon jenes Team, dass auf dem Kiez die Frage nach dem Stadtmeister eindeutig klären soll: Jaroslav Drobny, Guy Demel, Heiko Westermann, Joris Mathijsen, Marcell Jansen; Robert Tesche (als Stellvertreter für Jarolim), Ze Roberto; Jonathan Pitroipa, Paolo Guerrero, Eljero Elia; Ruud van Nistelrooy. Später tauschte Veh noch aus: Da kam Dennis Aogo, nahm seine Position hinten links ein, Jansen rückte einen auf und Elija ging auf die rechte Seite – und Pitroipa dribbelte in das Reserve-Team. Auch eine Variante.

Die A-Elf gewann – leicht und locke, wie es schien – mit 3:0, wobei van Nistelrooy (zwei) und Elia die Tore markierten. Besonders der letzte Treffer hatte es in sich: „Van the man“ ließ Dennis Diekmeier, Gojko Kacar und Muhamed Besic wie Slalomstangen stehen und hob den Ball über den mindestens 1,90 Meter großen Test-Torwart Daniel Strähle (19 Jahre, zuletzt in der A-Jugend von Hoffenheim) hinweg ins Tor. Das gab viel Beifall von den Rängen. Vielel Applaus hatte auch Elia bei seinem 2:0 erhalten, als er nach einem Guerrero-Pass Diekmeier davonlief und einschoss. Auch das 1:0 war sehenswert: Van Nistelrooy legte den Ball nach links in den Lauf von Jansen, der lief bis zur Grundlinie und schob den Ball dann zur Mitte, wo inzwischen der Niederländer Stellung bezogen hatte und leichtfüßig einschob. So könnte es ja durchaus auch am Sonntag am Millerntor gehen . . .

Stichwort Torschütze: Ruud van Nistelrooy stellte einmal mehr unter Beweis, wie stark er auch darin ist, den Ball auf engstem Raum zu behaupten – und noch sinnvoll weiter zu spielen. Ich habe so bei mir gedacht: Die Mitspieler sind sich offenbar noch nicht alle dieser „Waffe“ bewusst, denn vor allem im Nürnberg-Spiel wurde der Torjäger viel zu selten gesucht. Auch ein Manko in meinen Augen, sogar ein ganz schön großes, denn im Training zeigt van Nistelrooy, dass er auch aus wenig sehr viel machen kann. Urplötzlich zieht er ab, in Momenten, an denen auch am Rande niemand daran denkt, dass nun ein Tor fallen könnte. Es soll ja nicht alles allein auf van Nistelrooy zugeschnitten sein, dann wäre der HSV ja auch zu berechenbar, aber etwas mehr dürfte es in meinen Augen schon sein.

Auffällig bei diesem Trainingsspielchen: Mladen Petric und Piotr Trochowski kickten in der Reserve. Nicht dass sie sich bemühten, ganz und gar nicht, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es nach „Eiszeit im Volkspark“ aussieht. In bester Stimmung, das ist ja auch ganz klar, waren beide Spieler jedenfalls nicht. Wobei ich, wenn ich Trainer des HSV wäre, am Millerntor schon auf ein so ausgekochtes Schlitzohr wie Petric setzen würde (wenn es alle Begleitumstände, die es um den geplatzten Stuttgart-Transfer nicht gegeben hätte, das ist mir schon bewusst), denn der Kroate lässt sich von einem solchen Hexenkessel, wie er am Sonntag zu erwarten ist, ganz sicher nicht beeindrucken. Im Momemt aber glaube ich nicht, dass Veh schon bereit ist, Petric wieder eine Chance zu geben – ohne dass ich es weiß, ob es tatsächlich so ist. Es ist nur so (m)ein Bauchgefühl.

Ebenfalls nicht so ganz bester Laune dürfte auch Robert Tesche an diesem Mittwoch gewesen sein, denn er wurde bei einem Fast-Tor gegen die Stamm-Elf von Joris Mathijsen ein wenig verbal „zusammengefaltet“: „Wenn ich rechts sage, dann meine ich auch rechts . . .“ Es mag ja sein, dass Tesche in dieser Situation einen Fehler gemacht hat, aber irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der ehemalige Bielefelder in seinem ersten Hamburger Jahr schon einiges gelernt hat. Mir wäre jedenfalls nicht bange, sollte der „große Schweiger“ Tesche (der so wortkarg ist wie einst der junge Manfred Kaltz) demnächst einmal in die Stamm-Formation geschmissen werden. Ich habe das Gefühl, dass Tesche noch seinen Weg machen wird – und einen guten Schuss hat er ja übrigens auch noch.

Und wenn ich gerade dabei bin: Neben „Gobi“ (diesmal mit ganz leckeren Nuss-Franzbrötchen am Start) war auch der „Matz-abber“ „Trainerglück“ bei der Vormittags-Einheit zugegen. Er sagte bei dem Trainingsspiel: „Die Reserve ist so stark besetzt, diese Mannschaft könnte auch am Sonntag gegen St. Pauli auflaufen und hätte durchaus die Chance, am Millerntor zu gewinnen.“ Richtig, denn es spielten: Tom Mickel (Strähle), Diekmeier, Besic, Collin Benjamin, Aogo; Kacar, Tomas Rincon; Petric, Trochowski, Lennard Sowah; Eric-Maxim Choupo-Moting. Gute Noten verdienten sich in meinen Augen Choupo-Moting (er kommt langsam immer besser!) und Benjamin, der mich stets durch seine sachliche und routinierte Spielweise beeindruckt. Auch wenn er irgendwann einmal mitspielen müsste, hätte ich keinerlei Sorgen, „Collo“ würde sein Ding machen. Es ist bei ihm wie mit dem alten Wein . . .

Bei der Stamm-Elf gefiel mir neben van Nistelrooy vor allem Westermann, der viele Angriffe durch ein gutes Auge abfing.

Übrigens trainierte am Rande Tunay Torun schon wieder einmal mit dem Ball, der ihm von Reha-Trainer Markus Günther zugespielt wurde. Und, um noch einmal auf Heung Min Son zu kommen: Der Südkoreaner will nach eigenem Bekunden in zwei bis drei Wochen wieder mit der Mannschaft trainieren, zurzeit läuft er oft durch den Volkspark. In jenem Park also, in dem am Sonntag auch viel los sein wird, denn das Spiel vom Millerntor wird ja auch in der Imtech-Arena auf den Videotafeln gezeigt – und das nach dem Regionalliga-Spiel HSV II gegen RB Leipzig (mit den ehemaligen HSV-Profis Alexander Laas und Ingo Hertzsch – und dazu Sportchef Dietmar Beiersdorfer, der noch kommen will). Das alles kostenlos! Ich weiß schon jetzt von vielen HSV-Fans, die sich diesen besonderen Live-Tag nicht entgehen lassen wollen. Der HSV rechnet ja mit 25 000 Zuschauer, ich gehe davon aus, dass es mindestens 30 000 werden. Es sollen ja sogar, wie ich gehört habe, einige St.-Pauli-Fans vorhaben, in den von ihnen ungeliebten Volkspark zu kommen – abwarten.

Ze Roberto aber wird auf jeden Fall in die andere Richtung fahren, denn das „große Konzert“ findet ja auf dem Kiez statt. Der Brasilianer ist noch ganz gelassen: „Es ist zwar mein erstes Hamburger Derby, aber ich habe ja schon so viele Derbys gespielt. Mit Bayern gegen 1860, mit der Nationalmannschaft gegen Argentinien, in Spanien mit Real gegen Barcelona, auch in Brasilien mit Santos gegen Corinthians. Und ich kann mich nicht mehr an eine Niederlage erinnern, ich weiß nur von Siegen.“ Das klingt doch überragend. Der „große Ze“ sagt weiter: „Ich hoffe, dass beide Mannschaften darum bemüht sein werden, den Zuschauern ein attraktives Spiel zu bieten, damit die Fans zufrieden nach Hause gehen können. Obwohl: Ein Verein wird nach dem Spiel ja auch eventuell weinen – ich hoffe sehr, dass wir das nicht sein werden.“

Der 36-jährige Mittelfeldspieler erwartet – natürlich – aggressive Zuschauer am Millerntor, und auch eine aggressive St.-Pauli-Mannschaft: „Die spielen immer so. Wir aber auch. Das gehört ja zum Fußball. Wir müssen von Anfang an auch kämpfen, denn wir wissen, dass St. Pauli heiß auf uns ist. Dennoch sollten alle bemüht sein, guten Fußball zu spielen.“ Für Ze Roberto, der bereits einmal mit Bayer Leverkusen auf dem Hamburger Kiez gespielt hat (2002, es gab ein 2:2), steht aber nicht nur das Hamburger Derby im Fokus, denn er verweist auch darauf, dass dem HSV in nächster Zeit nur Derbys bevorstehen: „Nach St. Pauli geht es gegen Wolfsburg und dann geht es nach Bremen. Das ist ganz, ganz wichtig Spiele für uns. Wir müssen daraus mindestens sieben Punkte holen – oder neun.“ Das wäre schon mal eine Ansage.

Die von Heiko Westermann („Ich habe mit Schalke von sechs Derbys gegen Dortmund keines verloren“) auch noch genährt wird: „St. Pauli steht nicht so unter Druck wie wir, das sind eigentlich ganz gute Voraussetzungen für den Aufsteiger, aber wir haben die bessere Mannschaft, ganz klar.“ Das Derby-Fieber hat auch den Kapitän schon vereinnahmt, denn er gibt zu: „Man wird jetzt überall angesprochen, egal wo man ist, ob beim Einkaufen oder beim Essen. Überall heißt es: Gewinnt bloß gegen St. Pauli. Dem kann man sich nicht entziehen.“

Der HSV-Innenverteidiger („Hamburg hat zwei Bundesliga-Klubs, das ist etwas Gutes, das sollte meiner Meinung nach auch bestehen bleiben“) erwartet kein schönes Spiel am Millerntor, dafür aber ein sehr kampfbetontes. Ob der sonst um ein „schönes Spiel“ bemühte HSV auch die Ärmel hochkrempeln wird können? „Wir wissen, was uns dort erwartet, und wir haben auch viele Leute, die dazwischen hauen können, so ist es ja nicht. Wir werden eine gute Mischung finden müssen, und dann werden wir dort auch bestehen“, sagt der Nationalspieler und fügt über die Atmosphäre am Millerntor an: „Die Stimmung dort ist super, aber jeder von uns hat ja schon mal vor 25 000 Zuschauern gespielt . . . Wir dürfen die Fans natürlich auch nicht dazu einladen, dass die Stimmung hoch kocht.“ Grundsätzlich befindet Heiko Westermann voller Selbstbewusstsein: „Ich komme am Sonntag ans Millerntor, um dort ein Spiel zu gewinnen. Wir sind spielerisch die bessere Mannschaft, St. Pauli kann uns spielerisch nicht das Wasser reichen, aber es wird am Sonntag, wie schon gesagt, kein Spiel auf spielerisch hohem Niveau, sondern ein Kampfspiel.“

Es wird auch viel auf den Schiedsrichter ankommen, ich gehe davon aus, dass der DFB ans Millerntor die Nummer eins schicken wird: Wolfgang Stark. Oder Torsten Kinhöfer oder Knut Kircher, Auf jeden Fall keinen „Frischling“ wie zuletzt Markus Wingenbach gegen Nürnberg. Der hat, das habe ich mir noch einmal genau angesehen, doch einige sehr umstrittene Entscheidungen (gegen den HSV) getroffen. Ich hätte zum Beispiel keinen Elfmeter für den Club gegeben, aber das ist jetzt müßig. Auf jeden Fall befand jetzt auch Westermann; „Ich habe mir das Spiel auch noch einmal angesehen, und es waren meiner Meinung nach einige höchst unglückliche Entscheidungen dabei.“ Das ist noch sehr gelingen ausgedrückt. Aber wie gesagt, es ändert ja nichts mehr an diesem ärgerlichen 1:1.

Apropos ärgerlich: Der nächtliche Disput einiger „Matz-abber“ hat mich einmal mehr total enttäuscht – und mir auch Ärger (im Hause) eingebracht. Vielen Dank dafür. Die Beteiligten haben einmal mehr bewiesen, dass es keine Grenze nach unten gibt, wenn es in diesem Blog um ein niveauvolles Miteinander geht. Und, ich sage es offen: Es wäre wirklich sehr schön, wenn diese Herren (endlich) die richtigen Konsequenzen für sich ziehen würden: Schluss bei „Matz ab“. Ansonsten werden wir es tun – tun müssen. Es ist immer unfassbar, was man sich hier gegenseitig um die Ohren gibt, wirklich unfassbar. Und da spielt es überhaupt keine Rolle, ob es bei anderen Blogs „noch viel schlimmer“ zugeht. Das ist für mich kein Maßstab, wir haben hier „Matz ab“, hier soll es gesittet (einigermaßen jedenfalls) zugehen, auf solche Störenfriede kann ich getrost verzichten. So bitter wie es ist.

Es ist manchmal wie im Kindergarten hier! Unglaublich!

PS: An diesem Nachmittag werden die HSV-Profis nur laufen und nicht auf den Trainingsplatz gehen, morgen ist um 10 Uhr im Volkspark Training.

15.53 Uhr

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