Van Nistelrooy: “Ich denke positiv”
28. September 2010
Ruud van Nistelrooy ist ja ein erfahrener Mann. Er hat für Manchester United Tore geschossen, und auch für Real Madrid. Für andere Klubs zwar auch, und dann natürlich für den HSV. Was ich damit sagen will: „Van the man“ ist in meinen Augen über jeden Zweifel erhaben. Er hat es nicht nötig, sich in die Tasche zu lügen, er hat es nicht nötig, auf die Pauke zu hauen – er sagt das, was er denkt, was ihn bewegt. Und heute hat er mit uns mal wieder über den HSV, seinen HSV, gesprochen. Ich gebe zu, immer dann, wenn van Nistelrooy etwas sagt, dann hänge ich an seinen Lippen. Denn er hat immer etwas Kluges zu sagen. Denkt einmal zurück, an das Interview im Trainingslager in Längenfeld. Für mich immer noch in Highlight. Ich schicke das jetzt nicht ohne Hintergedanken voraus, denn ich möchte damit allen diejenigen, die jetzt schon, nach zwei Niederlagen in Folge, über „ihren“ HSV herfallen, den Sinn für die Realität schärfen.
„Die Ergebnisse sind natürlich nicht schön. Zwei Unentschieden nach zwei Siegen, das kann mal passieren, aber dann die beiden Niederlagen . . . Obwohl ich hatte das Gefühl, dass wir in den Spielen gegen Wolfsburg und in Bremen mindestens gleichwertig waren, oder sogar ein bisschen besser als unsere Gegner. Aber wenn du dann solche Spiele verlierst, dann ist das sehr, sehr bitter“, sagt van Nistelrooy über die kleine Negativserie.
Dennoch blickt der Niederländer nicht pessimistisch in die HSV-Zukunft. Er sagt: „Ich habe eigentlich kein schlechtes Gefühl, denn die gesamte Leistung von uns ist gut. Und das ist das Wichtigste. Anders herum wäre es nicht gut: Wir verlieren Spiele nicht deshalb, weil wir individuelle Fehler begehen, sondern weil wir keine Energie haben, wir kommen hinten nicht raus, wir erspielen uns keine Chancen – so war es am Ende der vergangenen Saison. So ist es jetzt aber nicht. Und das gibt mir den Mut, positiv zu denken.“ Vor dem Spiel gegen Werder hielt Teamkollege Ze Roberto noch die Meisterschaft für den HSV für möglich. Und wie sieht es danach aus? Van Nistelrooy: „Ich denke, wir müssen ruhig bleiben. Wir müssen nicht so viel reden, sondern es auf dem Platz zeigen. Wir haben jetzt zweimal in Folge verloren, wir sind sicher noch nicht da, wo wir sein wollen, aber wir sind, so denke ich, auf einem guten Weg. Wir müssen nicht reden, wir müssen es als Mannschaft auf dem Rasen zeigen was wir können. Von Spiel zu Spiel denken. Und zeigen. Nicht reden. Darüber reden ist anstrengend. Wir wollen jedes Spiel gewinnen. Und ich hoffe, dass wir am Ende oben dabei sind.“
Auch für ihn stellt sich die Frage, warum die Mannschaft trotz der überlegen geführten Spiele viele Gegentore bekommt, und er beantwortet sich diese Frage auch selbst: „Das hat etwas mit Konzentration zu tun. Wir gehen auf den Platz und wollen das Richtige tun, und dann bist du auf dem Platz und machst nichts, du machst Fehler. Das ist auch eine Qualität, wenn du unter Druck kommst und dann genau das Richtige zu machen. Daran liegt es meiner Meinung nach.“
Ruud van Nistelrooy ist ein Führungsspieler dieser Mannschaft. Er könnte die Mannschaft aufrütteln, wecken, mitreißen – auch verbal. Aber er macht es nicht. Heute, auf dem Trainingsplatz, da hat er viel gesprochen. Da hat er sich nach dem Trainings-Ende seinen Nebenmann Eric-Maxim Choupo-Moting zur Seite genommen und mit ihm über die Laufwege im Angriff gesprochen. In aller Ruhe. Und sachlich. Und wenn Ruud van Nistelrooy so etwas macht, dann macht es vor allem Sinn. Denn ihm hören sie alle zu. Dennoch sagt er über seine Mentalität als Fußball-Profi: „Ich bin nicht der Typ, der schreit. Das bringt in meinen Augen nichts. Ich bin mehr ruhig, ich rede dann eher ruhig mit anderen Spielern, was wir verbessern müssen. Ich frage auch andere Kollegen, was wir ändern könnten – so versuche ich zu helfen.“
Grundsätzlich ist mein Empfinden ja, dass beim HSV viel mehr miteinander (auf dem Spielfeld) gesprochen werden müsste, was auch RvN so sieht. Aber er sagt auch: „Wenn da 50 000 oder 60 000 Zuschauer im Stadion sind, dann kannst du schreien soviel du willst, du wirst ohnehin nicht verstanden. Weil es niemand hört. Und dann muss die Mannschaft ganz einfach auch so funktionieren, ohne zu schreien, und das hat ja auch zu Saisonbeginn gut geklappt. Nur in einigen Momenten eben nicht, und das wird sofort und eiskalt bestraft – so geht Fußball heute.“ Dann nennt er das Beispiel Wolfsburg: „Wir bestimmen das Spiel deutlich, Wolfsburg kommt einmal über die Mittellinie und schießt sofort ein Tor. Wenn man zwei, drei Momente hat, in denen man nachlässt, dann ist das tödlich, das wird sofort bestraft. Oder Bremen. Nach 0:2 kommen wir zurück, schaffen das 2:2 und denken, dass wir noch gewinnen – und das ist sicher auch eine Frage der Mentalität in unserer Mannschaft, die noch verbessert werden kann. Sind wir in diesem Punkt besser, verlieren wir dieses Spiel auch nicht mehr.“
So, um den Artikel nicht übermäßig lang werden zu lassen, werde ich nun zum Ende kommen. Teil zwei des heutigen Tages, ein ausführliches Gespräch mit Trainer Armin Veh, folgt dann in den späteren Abendstunden – ich möchte Euch nicht überfordern. So viel sei aber immerhin verraten: Der zuletzt von Veh gescholtene Piotr Trochowski kann sich trotz allem Hoffnungen auf einen baldigen Einsatz in der HSV-Mannschaft machen. „Die Sache ist vorbei, ich bin nicht nachtragend“, sagte der Trainer. Trochowski hatte fünf Minuten vor dem Ende des Spiels bei Werder Bremen (2:3) den Ball in der eigenen Hälfte verloren und damit den Bremer Siegtreffer ermöglicht. Daraufhin hatte Veh den Mittelfeldspieler noch auf dem Rasen gerügt. „Das war eine Ausnahme, im Normalfall behält man das für die Kabine“, meinte der HSV-Coach über diese ungewöhnliche Attacke.
Wobei Ruud van Nistelrooy zu diesem Vorfall lächelnd befand: „Das war noch freundlich, was der Trainer da gemacht hat.“ RvN hatte mit Machester-Trainer Ferguson einige ähnliche Tänze erlebt, und die müssen deutlich drastischer und nachhaltiger gewesen sein.
Schnell noch einige Personalien: Von den Langzeitverletzten wird vor allem Linksverteidiger Dennis Aogo vermisst. Er wird wegen einer Schambeinentzündung erst Mitte Oktober ins Mannschaftstraining zurückkehren, hält sich zurzeit noch in Berlin auf, wo er mit einer Stoßwellen-Therapie behandelt wird. Armin Veh: „Ich hoffe, dass diese Behandlung anschlägt.“ Unterdessen gibt es seit heute einen weiteren verletzten HSV-Spieler. Mladen Petric droht für das Heimspiel am Sonnabend gegen den 1. FC Kaiserslautern auszufallen. Der kroatische Nationalspieler erhielt im Training einen Schlag auf die Wade und musste von Physiotherapeut Uwe Eplinius in die Kabine gefahren werden. Wegen einer Waden-Verletzung hatte bereits Paolo Guerrero in Bremen gefehlt, beide Offensivkräfte müssen nun um ihre Einsätze bangen. Dafür ist Dennis Diekmeier nach einem auskurierten Bänderriss im Sprunggelenk wieder fit, er könnte gegen die Pfälzer im HSV-Kader stehen.
Das Training am heutigen Dienstag dauerte 90 Minuten, nach der Aufwärmarbeit gab es ein Spiel ohne Tore (was sehr intensiv geführt wurde), danach folgte ein Spiel mit zwei Torhütern – und Aufgaben für die Feldspieler. Die Offensive griff jeweils mit einem Mann mehr an, das heißt: Vier Abwehrspieler gegen zwei Spitzen und drei Mittelfeldspieler, die restlichen Spieler beider Teams mussten dann an der Mittellinie warten. Der Stamm gewann überlegen, wobei Choupo-Moting nicht nur die meisten Tore erzielte, sondern auch sonst sehr gut und sehr auffällig spielte. Als zweite Spitze neben van Nistelrooy. Dazu aber später mehr.
17.27 Uhr