Monatsarchiv für September 2010

Rincon rein, Demel raus

29. September 2010

Das war ein langer und heißer Tag im Volkspark. Heiß deswegen, weil sich die Sonne über den ganzen Volkspark gelegt hatte – wie im Sommer. Armin Veh nutzte das gute Wetter aus, er ließ heute fast zwei Stunden trainieren. Und er setzte seine gestern begonnene „neue Härte“ wieder einige Male um. Es herrscht mittlerweile ein rauer Ton beim HSV. Es wir zwar nicht gepöbelt oder beleidigt, aber Veh sagt knallhart an, was Sache ist. Statt Zuckerbrot gibt es nun die Peitsche. Und womit? Mit recht! Es müssen jetzt alle beim HSV zulegen, denn sonst wird diese (kleine) Negativserie „munter“ fortgesetzt, ohne dass sich jemand so richtig wehrt. Veh weckt seine Leute auf, und es ist jetzt nur zu hoffen, dass auch jeder die Zeichen der Zeit erkannt hat. Und dann seine Lehren daraus zieht.

Wenn nicht alles täuscht, dann haben wir heute bereits die Mannschaft von überübermorgen gesehen. Gegen Kaiserslautern wird meiner Meinung nach, vorausgesetzt es verletzt sich keiner mehr, folgende Elf auflaufen: Frank Rost, Tomas Rincon, Heiko Westermann, Joris Mathijsen, Ze Roberto; David Jarolim, Gojko Kacar; Jonathan Pitroipa, Marcell Jansen; Eric-Maxim Choupo-Moting, Ruud van Nistelrooy. Die „Experten“ unter uns, und Ihr seid ja alle Experten, haben es sofort blitzartig erkannt: Guy Demel ist draußen. Heute spielte er in der Reserve. Gemeinsam mit Eljero Elia und dem deutschen Nationalspieler mit dem großen T im Nachnamen. Mladen Petric fehlte, er wird auch noch länger fehlen, denn er hat sich in der Wade eine Sehne gerissen, die ihn für einige Wochen außer Gefecht setzt. Nicht trainiert hat auch Paolo Guerrero, der definitiv gegen Kaiserslautern ausfallen wird. Ebenfalls nicht auf dem Trainingsrasen war Heung Min Son, der Südkoreaner, nach dem immer wieder gefragt wird, ist noch lange nicht so weit, er läuft nur (ohne Ball), es wird noch dauern, ich rechne erst im November mit seiner Rückkehr in die Mannschaft. Schon wieder leicht mit dem Ball trainierte heute schon Tunay Torun, bei ihm geht es stetig bergauf.

Das Spiel A gegen B gewann übrigens A mit 6:2. Die Tore für das Sieger-Team erzielten Choupo-Moting (3), van Nistelrooy, Kacar und Westermann. Für die Reservisten schoss Dennis Diekmeier das 1:0, später traf der zurück versetzte Kacar noch zum 2:6-Endstand. Für Kacar war im letzten Drittel Piotr Trochowski in die A-Mannschaft gerückt – Veh wollte etwas probieren (und sehen). Kurios war das Tor von van Nistelrooy, der einen Querpass des überaus agilen Pitroipa zehn Zentimeter vor der Torlinie zuerst nicht traf, aber Glück hatte, dass die Kugel gegen sein Standbein prallte – und Tor. Und Gelächter bei den Kiebitzen, denn eine solche Chance verwandelt er sonst eigentlich mit schlafwandlerischer Sicherheit.

Auffällig: Elia wehrte sich gegen einen Catchergriff von Westermann mit einem kleinen Ellenbogenschlag an den Kopf des Kapitäns. Als der sich die Wange hielt, da ging der Niederländer auf ihn zu und entschuldigte sich – beide Spieler nahmen sich in den Arm. So muss es sein. Gute Noten verdienten sich (für mich) diesmal nicht der Spieler mit dem großen im Nachnamen, sondern Choupo-Moting und Pitroipa (beide im Spiel nach vorn!) sowie Diekmeier bei den Reservisten. Der ehemalige Nürnberger hatte einige gute Szenen, vielleicht so viele wie noch bei keinem seiner Trainingseinsätze beim HSV. Das lässt hoffen. Wobei ein Kiebitz sofort anmerkte: „An Vehs Stelle würde ich Diekmeier gegen Kaiserslautern hinten rechts bringen, wenn nicht gegen Kaiserslautern, gegen wen denn sonst?“ Und er fügte noch hinzu: „Dass Rincon nun für Demel kommt, kann ja sicher wieder nur für ein Spiel sein, dann ist Demel wieder drin – und alles geht so weiter wie bisher. Aber wozu hat der HSV denn überhaupt den U-21-Nationalspieler Diekmeier gekauft?“ Gute Frage, nächste Frage. Übrigens: Im heutigen letzten Drittel spielte Jansen hinten links, Ze Roberto hinter den Spitzen.

Bei den Reservisten trainierten heute auch drei Spieler aus der Zweiten von Rodolfo Cardoso mit, der Argentinier sah dem Training (seiner Buben) ganz genau zu. Es waren dabei in der Abwehr (links) Florian Brügmann (19), im Mittelfeld der Ungar Daniel Nagy (19) und im Angriff er Routinier Rafael Kazior (27), der einen ganz schweren Stand gegen Mathijsen und Westermann hatte. Fast wäre auch ein guter alter Bekannter wieder einmal dabei gewesen: Änis Ben-Hatira. Das einst so große Talent (für mich eines der größten in den letzten zehn Jahren) hatte sich aber am Vortag beim Training leicht an der Wade verletzt. Schade, ich hätte ihn gerne einmal wieder aufdribbeln gesehen, aber das wird schon noch einmal (dann sogar mehrfach?) kommen.

Zum Thema Talente habe ich übrigens einen Leserbrief erhalten, den ich schnell einmal veröffentlichen möchte (ohne den Namen des Absenders zu nennen):

„Sehr geehrter Herr Matz, mit Freude und großem Interesse lese ich Ihre Artikel. Zu Recht berichten Sie das fehlende Augenmaß für uns Außenstehende. Mich würde Ihre Meinung – aus aktuellem, von Ihnen erneut beschrieben – zum fehlenden Nachwuchs beim HSV interessieren. Weshalb man zum Beispiel Sidney Sam nach Leverkusen verkauft hat, obwohl dieser eine hervorragende Entwicklung in Kaiserslautern erfahren hat. Was braucht man denn noch für Chancen? Um ein Haar wäre auch Choupo-Moting noch verliehen worden. Auch wenn Entscheidungen nicht rückgängig zu machen sind, so wundert es mich, dass dieses Thema keines ist. Oder habe ich da in der Vergangenheit etwas überlesen?
Gruß, RB“

Wir haben an dieser Stelle schon einige Male über den Nachwuchs des HSV diskutiert. Trotz der Tatsache, dass im Moment elf HSV-Spieler (Talente) ausgeliehen sind, habe ich immer wieder betont, dass ich unzufrieden bin mit dem, was von „unten nach oben“ kommt. Ich habe auch geschrieben, dass beim FC Bayern zum Beispiel mit Lahm, Schweinsteiger, Contento, Kroos, Ottl, Alaba und Müller einige herausragende deutsche Spieler dem eigenen Nachwuchs entstammen. Und das ich es für völlig berechtigt halte, dass der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann einst über HSV-Ochsenzoll als „Geldvernichtungsmaschine“ gesprochen hat.

Warum zum Beispiel Sam (nach Leverkusen) verkauft wurde, das weiß so recht keiner hier in Hamburg – glaube ich. Es ranken sich da einige Gerüchte aneinander. Eines besagt, dass er deswegen beim HSV in Ungnade gefallen sei, weil er sich auf sein Zimmer im HSV-Internat weiblichen Besuch mitgenommen hatte. Ein Gerücht. Dazu bezieht natürlich niemand offiziell Stellung. Aber wer sagt dann auch, warum der oder jener oder ein anderer verkauft wird? Da soll und darf sich jeder seine Meinung bilden, Fakt ist, Sam wurde verkauft. Und nun bleibt abzuwarten, ob er seinen Weg, den er in Kaiserslautern sehr erfolgreich angetreten hat, auch weiterhin mit Erfolgen krönen kann. Das wird, keine Sorge, von vielen, vielen HSV-Fans ganz genau verfolgt werden, und sie alle werden dann laut aufschreien, wenn Sam plötzlich zum Stammpersonal bei Bayer gehört.

Und zu Choupo-Moting? Heute sagt er, dass nie vorhatte, in diesem Sommer (der jetzt abgelaufen ist) den HSV zu verlassen. Nie? Er hat uns gegenüber auf jeden Fall mit einem Wechsel geliebäugelt. Indem er sagte: „Ich habe einige Angebote, auch aus der Bundesliga.“ Und: Er wollte, das stand in jeder Zeitung, nur bleiben, wenn er auch spielt. Diese Selbstvertrauen hatte er sich bei der WM in Südafrika erarbeitet und geholt, als Nationalspieler Kameruns. Ich fand seine Aussagen im Sommer höchst fragwürdig, aber ich gebe auch gerne zu, dass ich mich in ihm ein wenig getäuscht habe. Eine solche Steigerung, zuerst im Training, dann in den Spielen, habe ich ihm nicht zugetraut. Er ist stark am Ball und hat ein gutes Auge und auch ein gutes Gespür, wo er hinzulaufen hat. Wenn er jetzt noch an seinem Defensivverhalten arbeitet (siehe Bremen beim 2:3), dann kann er wirklich einmal so groß werden, wie er sich im Sommer 2010 schon sah.

Aber, ganz klar, von solchen „Choupos“ muss es mehr beim HSV geben. Viel mehr. Denn, ich schrieb es bereits (und der AR-Boss Horst Becker sprach es in dieser Woche zum wiederholten Male, diesmal bei den Kollegen der Mopo, an), das Geld wird 2011 knapp, sehr, sehr knapp. Da wird es keine Star-Einkäufe mehr geben, dann ist der Nachwuchs gefragter denn je. Zum Glück hat der HSV ja noch einen Spieler wie Heung Min Son in der Pipeline . . . Übrigens: Heute wird der bisherige Nachwuchskoordinator des HSV, Stephan Hildebrandt, in Ochsenzoll bei und mit einem Frühstück verabschiedet. Pauli Meier, der Mann, den Urs Siegenthaler beim HSV-Nachwuchs installiert hat, übernimmt nun auch offiziell. Viel Glück!Und viel Erfolg. Der Klub kann es (dringend) gebrauchen.

Anderes Thema: Was mir beim Lesen Eurer Kommentare aufgefallen ist, dass Armin Veh dafür Kritik erntet, dass er noch immer keine Stamm-Mannschaft gefunden hat, dass er immer noch experimentiert. Die so genannte „Findungsphase“ dauert einigen viel zu lange, sie müsste längst abgeschlossen sein. Wirklich? Ich denke mal daran, dass die WM-Teilnehmer des HSV noch wochenlang gefehlt haben, erst weil sie Uralub hatten, dann weil sie verletzt waren und noch immer sind. Bei aller Liebe, aber wie soll ein Trainer da eine Stamm-Mannschaft aus dem Hut zaubern? Man sollte doch die Kirche immer schön im Dorf lassen (kostet drei Euro, ich weiß), Veh macht das alles nicht aus Jux und Dollerei. Kein Mensch wäre doch erleichterter als er, wenn er bereits sein „Elf“ gefunden hätte.

Und zu diesem Punkt passt natürlich haargenau auch das Wechsel-Theater um Mladen Petric. Auch das hat sich nicht gerade förderlich bemerkbar gemacht. Dass der Kroate ausgerechnet jetzt ausfällt, als Veh mit zwei Spitzen stürmen lassen will, ist doch Ironie des Schicksals. Natürlich haben viele von Euch schon von einem Sturm-Duo van Nistelrooy/Petric geträumt, aber das muss nun erst einmal warten. Wobei ich diese beiden Angreifer jetzt auch gerne einmal gesehen hätte, denn zum Schluss gab es doch einige Anzeichen, dass sich die beiden „Stars“ ein wenig angenähert haben. Sie klatschten sich beim Training oder auch im Spiel ab, und vor dem Wolfsburg-Spiel, unmittelbar vor dem Anstoß der Partie, nahmen sich beide kurz in die Arme. Da geht doch was. Und ich sage ja schon immer: Wenn beide aufeinander zugehen würden, ich glaube ja mehr Petric auf van Nistelrooy, dann müsste man sich auch arrangieren können. Wie gesagt, Anfänge gibt es, ich bin gespannt, ob die dann, wenn Petric wieder fit ist, auch fortgesetzt werden. Wobei ich nach wie vor überzeugt davon bin, dass man mit einem „Weltstar“ wie van Nistelrooy ganz einfach gut auskommen muss. Der Mensch passt so wunderbar in die Welt. Wie sagte heute ein Kiebitz beim Verlassen des Trainingsgeländes? „Den van Nistelrooy sollten sie auch nach seiner Karriere in Hamburg halten, sie sollten in schon jetzt an den HSV binden, der wäre ein großartiges Aushängeschild für den HSV und für Hamburg.“ Besser kann man es ja nicht sagen, nein, besser geht es einfach nicht . . .

Und da die Dame und die Herren der Vereinsführung ja hier alle mitlesen (und nach den Vorschlägen und Wünschen aller handeln!!!!), wird dieser Wunsch ganz sicher nicht ungehört verhallen. Ich gehe fest davon aus: Van Nistelrooy bleibt uns noch Jahre erhalten. Schließlich, das ist Ironie (!), haben wir auch dafür gesorgt, dass der HSV in Zukunft mit zwei Spitzen spielen wird . . .

Van Nistelrooy ist und bleibt also Hamburger, Frank Rost übrigens auch. Ich gehe davon jedenfalls ganz verstärkt aus. Auch wenn es hier – leider – viele Stimmen gibt, die ihn schon jetzt aus dem HSV-Tor haben wollen. Ich verstehe das nicht. Hat Rost zuletzt einen „Haltbaren“ durchgelassen? Ich habe heute mit dem ehemaligen HSV-Torwart Horst Schnoor (76) gesprochen, er sieht jedes Heimspiel live in der Arena, und die Auswärtspartien im Fernsehen, er ist weder mit Rost verwandt noch befreundet, aber er sagt: „Dass Rost ausgewechselt werden soll, ist für mich der größte Quatsch, den ich jemals gehört habe. Die, die das fordern, haben in meinen Augen keine Ahnung vom Fußball, das muss ich mal so krass sagen.“ Schnoor, der 15 Jahre die Nummer eins des HSV war, der 625 Spiele für den HSV gemacht hat, Meister und Pokalsieger wurde, fügte hinzu: „Rost spielt konstant gut, auch in dieser Saison, an den Gegentoren wie zuletzt in Bremen, da gab es nichts zu halten. Rost ist topfit, es spricht für ihn, dass er sich gegen einen so gute Torwart wie Jaroslav Drobny durchgesetzt hat.“

Dann spricht mir Schnoor aus der Seele: „Dass bei den Fans überhaupt über den Torwart gesprochen wird, überrascht mich total, das ist ein Hammer. Wir haben doch ganz andere Sorgen und Probleme, wir müssen doch erst einmal sehen, dass wir hinten den Laden dichtmachen, dass die Defensive endlich mal wieder ordentlich steht.“
So ist es, ganz genau so ist es.

Beim Training erschien heute nicht nur der Sportchef, sondern auch der Berater von Elia. Bastian Reinhardt unterhielt sich sehr lange mit Frank Schouten, aber es gab keinen aktuellen Anlass. Dieses Treffen war schon vor Wochen verabredet worden. Reinhardt: “Wir telefonieren sonst auch sehr viel, es ging nicht um die aktuelle Situation um Elli, aber natürlich auch. Alle sind bemüht, ihm zu helfen.” Wenn sich alle so nett und rührend um den niederländischen Nationalspieler kümmern, dann muss das doch bald Früchte tragen.

So, zum Schluss noch einige Dinge von der Rubrik „unter uns“. Viel Lob möchte ich heute an „Mustang“ spenden, für seine ellenlangen und inhaltsreichen Beiträge, und zudem auch ein großes Lob an „Frankino“, der uns um 13.43 Uhr mit einer sehens- und lesenswerten Statistik überraschte. Ich war schon erstaunt, über diese HSV-Zahlen.

Und dann möchte ich noch kurz zum Thema „Sommergeschichten“ kommen. Ich habe noch zwei auf Lager, werde sie auch nicht entsorgen, sondern sie sorgfältig aufbewahren. Spätestens im Winter werden sie dann zu „Wintergeschichten“. Wer seine Sommergeschichte vermisst, der hat sie sicher noch auf Lager und kann sie mir zur Sicherheit gerne noch einmal schicken, bitte, bitte mit dem Zusatz „Sommergeschichte“. Es kann, das gebe ich zu, dass eine Sommergeschichte einmal aus Versehen entsorgt worden ist, weil sich einige Zusendungen (an das Abendblatt und damit auch an mich) nach einer gewissen Zeit automatisch löschen. Und wer sich bislang noch nicht getraut hat, seine Geschichte zu schicken, der ist hiermit auch ganz herzlich aufgerufen, es nun und jetzt zu tun.

Ganz zum Schluss komme ich auf eine Bitte zurück, die vielfach schon geäußert wurde (auch beim Training, heute zum Beispiel): Wann findet das nächste Matz-ab-Treffen statt? Ich möchte sehr gerne, dass dieses Treffen noch im Herbst stattfindet, im November schwebt mir vor. Ihr könnt mir Eure Vorstellungen schicken, ich werde mit der „Raute“-Chefin abklären, wann dieser Abend über die Bühne gehen könnte, und dann werde ich mich um die entsprechenden Gäste kümmern.

In diesem Sinne, alles Gute, eine gute Nacht und einen wunderschönen Donnerstag für Euch.

20.04 Uhr

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