Tagesarchiv für den 28. September 2010

Die zweite Spitze kommt nun doch

28. September 2010

Diese Szene sorgte schon für gehörigen Wirbel. Sekunden nach dem Schlusspfiff in Bremen stand HSV-Trainer Armin Veh auf dem Rasen und „faltete“ Mittelfeldspieler Piotr Trochowski zusammen. Jetzt, mit dem Abstand von über zwei Tagen, sprach Veh über diese ungewöhnliche Maßnahme. „Normalerweise mache ich so etwas nicht auf dem Rasen, aber es war eben so. Normal wird so etwas in der Kabine gemacht, aber das war mal eine Ausnahme.“ Dann ergänzte der Coach noch: “So bin ich nicht. Aber wir müssen uns insgesamt alle ein wenig ändern.” Dann gibt Veh zu: “Ich habe mich über diese Szene furchtbar geärgert, denn ich wollte dieses Spiel gewinnen, auf jeden Fall nicht verlieren.”

Dann sagt Veh sogar etwas Positives über den so gescholtenen Nationalspieler: “Trochowski ist ein fleißiger Spieler, er ist nicht faul. Wer das sagt, dem muss ich deutlich sagen, dass das nicht stimmt. Da wehre ich mich auch dagegen. Aber wenn jemand so einen Fehler macht, dann kann ich das nicht akzeptieren. Wie gesagt, ich mache das normalerweise nicht, aber ich nehme es mir dann eben doch mal raus.” Veh fügt noch hinzu: “Wenn man die zehn Minuten gesehen hat, die Trochowski gespielt hat, dann geht das einfach nicht. Er ist ja keine 17 Jahre mehr, das muss er einfach besser lösen. Wir sitzen dann da, und haben das Spiel verloren. Es war zwar nicht alleine er, aber er war der Anfang der Kette. Und er hätte diesen Ball klarer spielen müssen, das war das Einfachste, dann hätte es diese Kette nicht gegeben.”

Zum Schluss sagt Armin Veh dann noch ein gewichtiges Wort über Trochowski: “Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass jemand mit seinem Potenzial, und er hat dieses Potenzial, noch anders wird, ich glaube wieter an ihn.” Piotr Trochowski doch noch vom “Trainingsweltmeister” zum “Überflieger”?

Insgesamt wollte Veh mit seinem lautstarken Auftritt auch innerhalb der Mannschaft etwas bewegen, denn er sagt: „Ich möchte die Mentalität ein bisschen ändern, denn wir brauchen eine etwas andere Mentalität. Wir hatten Werder nach dem 2:2 im Prinzip doch am Boden, dass wir dann gewinnen wollen, dass wir eine Einheit in der Defensive bleiben, und dass wir unbedingt siegen wollen, dass wir diesen unbedingten Willen zeigen – das will ich sehen. Und darin müssen wir uns verbessern, ich will eine andere Mentalität sehen.“

Deshalb der „Weckruf“ a la Trochowski. Er galt vornehmlich dem Mittelfeldspieler, aber eben nicht nur, sondern auch einigen anderen Hamburger Profis. Die werden in Zukunft ihre Einstellung ein wenig überdenken müssen. Oder auf der Bank oder sogar auf der Tribüne Platz nehmen müssen.

Veh selbst hat ebenfalls einige Dinge überdacht, vor allem die vergangenen Misserfolge. Und er ist zu dem Schluss gekommen, sein Spielsystem zu ändern. Offensichtlich hält er es nun doch für besser, mit zwei Spitzen zu spielen. Um Euch einmal zu schildern, wie ich den HSV-Coach heute wahrgenommen habe: Armin Veh wirkt immer noch ruhig, gelassen, cool. Genau so, wie er am Anfang der Saison war. Er leidet in diesen Tagen und Wochen, wo es nicht so gut läuft für ihn und den HSV, keinesfalls unter Verfolgungswahn. Und er ist ganz sicher auch nicht unsicher. Dass er sich nun überlegt, doch mit einem zweiten Stürmer spielen zu wollen, das ist in meinen Augen keinerlei Anflug von Schwäche, sondern eher von Stärke.

Und der Trainer interpretiert sein Umdenken wie folgt: „Wir haben vier Spiele in Folge nicht gewonnen, da muss etwas versucht werden, nach vier Spielen mit nur zwei Punkten muss etwas versucht und geändert werden, ich will der Mannschaft doch helfen, damit sich die Erfolge wieder einstellen.“ Hut ab, Herr Veh!

Zurück noch einmal zur Mentalität, die Veh verändern oder verbessern will. Sein Resümee nach sechs Spielen: „Wir spielen ordentlich Fußball, aber das langt wohl nicht, um die Spiele zu gewinnen. Deswegen wird daran gearbeitet. Mit einer besseren Mentalität sind wir dann auch härter, um solche überlegenen Spiele letztlich auch gewinnen zu können. Es fehlt nicht viel, wir spielen ja gut, aber die paar Prozent, die noch fehlen, die können wir ändern.“ Und daran wird ab sofort gearbeitet. Das begann schon im heutigen Training. Veh streichelte die Spieler nicht (mehr), sondern legte schon einen deutlich härteren Ton an den Tag. Wenn er das Spiel unterbrach, dann wurde es schon mal recht laut. Schluss mit lustig – beim HSV.

Dass in Bremen HSV-„Sorgenkind“ Mladen Petric 90 Minuten auf der Bank blieb, das erklärt Veh mit „taktischen Gründen“: „Ich wollte Pitroipa auf rechts bringen, er sollte dort frischen Schwung sorgen, das hat er getan. Choupo-Moting hat ein ordentliches Spiel gemacht, van Nistelrooy auch – Choupo-Moting hat dann ja auch zweite Spitze gespielt. Dann macht es für mich keinen Sinn, einen dritten Stürmer zu bringen.“

Mit der Offensive ist der HSV-Coach ja auch insgesamt zufrieden, denn es werden ja immer reichlich Torchancen herausgespielt. Die Defensivarbeit aber stimmt noch nicht. Noch lange nicht, wie es den Anschein hat. Die Zuordnung ist ein wunder Punkt, die Laufwege nach hinten ebenfalls. Armin Veh befindet zu den letzten vier nicht gewonnenen Spielen seines Teams: „Gegen Nürnberg waren wir nicht gut, gegen St. Pauli waren wir nicht gut, gegen Wolfsburg und Bremen haben wir gut gespielt, waren sogar das bessere Team, hätten nie verlieren dürfen, hätten sogar gewinnen müssen. Entscheidend ist, dass wir nach hinten diese letzte Konsequenz noch haben, denn dann wird es auch belohnt, dass wir guten Fußball spielen. Es fehlt nicht viel, und wenn wir das lernen, dann werden wir auch erfolgreich spielen.“ Dann sagt Veh noch: “Diese HSV-Mannschaft hat ja Klasse. Sie ist sogar individuell stärker besetzt, als jene VfB-Mannschaft, mit der ich einst deutscher Meister geworden bin. Nur die Stuttgarter hatten eine andere Mentalität . . .”

Ich habe Ruud van Nistelrooy gefragt, wie er zu einer oder zu zwei >Spitzen steht. Und ob er dem Trainer eventuell einen kleinen Tipp gegeben hat? Das verneint “RvN”. Und dass er künftig einen Nebenmann erhält? Er sagt: „Wir suchen ja noch ein bisschen, es klappt noch nicht perfekt. Ich habe aber das Gefühl, dass wenn wir uns gefunden haben und wenn es dann klappt, wenn es dann läuft, wenn wir richtig in Schwung sind, dann können wir eine Serie starten. Dieses starke Gefühl habe ich jetzt.“ Und auf die Frage bezgen befindet er: „Für mich ist es nicht wichtig, ob wir mit einem zweiten Stürmer oder mit einem Zehner dahinter spielen, da habe ich keine Vorliebe. Wichtig ist, dass die Form des Spielers stimmt, der auf dieser Position spielt.“

Gut möglich, dass Veh auch über weitere (personelle) Veränderungen nachdenkt. Zum Beispiel gegen Kaiserslautern mit Gojko Kacar, den einige hSV-Fans nach seiner Einwechslung nicht so gut gesehen haben, zu beginnen. Der Trainer über den Serben: „Er hat für mich in Bremen ein sehr ordentliches Spiel gemacht.“

Nicht ganz so ordentlich war (erneut) die Leistung von Eljero Elia, da waren sich eigentlich alle einig, er wurde ja auch vorzeitig vom Feld geholt. Dennoch sagt Armin Veh auch über den eine schwere Formkrise durchlaufenden Niederländer: “Für mich hat er in Bremen kein so schlechtes Spiel gemacht. Wir waren in den ersten 20, 25 Minuten ja überlegen, und da hat er schon zwei, drei Situationen gehabt, in denen er sich gut durchgespielt hat.”

Insgesamt befindet Armin Veh jedoch auch über Elia: “Er ist ein junger Kerl, er ist Vize-Weltmeister geworden, er hat einiges mitgemacht, das muss man erst einmal verkraften. Und wir müssen daran arbeiten, dass wir ihn wieder so hinbekommen, wie er einst war. Das ist eine Aufgabe für uns. Aber es geht nicht immer nur mit Fremd-, sondern es muss auch eine Eigen-Motivation geben. Aber wie gesagt, wir arbeiten daran.”

Morgen, am Mittwoch, wieder von 10 Uhr an im Volkspark.

Gute Nacht an alle, viel Spaß bei der (und für die) Nachtschicht.

21.23 Uhr

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