Tagesarchiv für den 26. September 2010

Gute Besserung!

26. September 2010

Jetzt regt sich alles über den Trainer auf. Herrlich. Dass der HSV 2:3 in Bremen verlor, dass er vier Spiele in Folge nun schon sieglos ist, dass er erneut drei Gegentore kassierte, dass schon jetzt alle Träume, seien sie noch so heimlich gewesen, in Sachen Meisterschaft begraben werden können – das spielt für viele HSV-Fans nur eine Nebenrolle. Dass Armin Veh aber Piotr Trochowski wie ein Kesselflicker bepöbelt hat, das schlägt nun hohe Wellen. Denn das darf ein Trainer offenbar nicht. Oder? Oder hat Veh eventuell in voller Absicht ein solches Schauspiel inszeniert, um von den fußballerischen Defiziten des HSV abzulenken? Ich gebe allen gerne zu: Natürlich sah Veh bei dieser Disziplinierung an Ort und Stelle nicht gut aus, natürlich war es der falsche Ort und der falsche Zeitpunkt, aber das wird der Trainer heute auch wissen und sich wahrscheinlich fragen: „Wieso konntest du dich dazu nur hinreißen lassen?“

Ich kann nur sagen: Auch Trainer sind eben nur Menschen, und jeder Bundesliga-Coach steht zudem unter einem ungeheuren Druck – in Hamburg offenbar jeder Coach sogar vermehrt. Trochowskis Pech war nur, dass er sich den entscheidenden Lapsus genau vor der Trainerbank erlaubt hatte. Und nach dem Schlusspfiff war es für Veh dann ein Leichtes, auf den Rasen zu gehen und den Übeltäter zusammenzufalten. Der Trainer musste sich ganz einfach Luft verschaffen. Denn er weiß spätestens jetzt: Es könnten unangenehme Hamburger Wochen auf ihn zukommen, ganz, ganz unangenehme Wochen.

Immerhin: Am Tag danach zeigte sich Piotr Trochowski einsichtig, indem er sagte: „Es war ein blöder Fehler von mir, der dann am Ende zu dieser Niederlage geführt hat. Die Kritik des Trainers war berechtigt und ist nachvollziehbar.“

Wie und was Armin Veh über diesen Vorfall rückblickend denkt, konnte an diesem Sonntag nicht geklärt werden. Kann auch am Montag vermutlich nicht geklärt werden, denn morgen haben die HSV-Profis kein Training.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass mir ein Hamburger Werder-Fan (ja, die gibt es!), der bei einem Sieg der Bremer stets seine grün-weiße Flagge hisst, heute schrieb: „Was der Herr Veh gestern gegenüber Trochowski auf dem Platz gemacht hat, das war weit unter der Gürtellinie. Bei aller Verärgerung, das darf einem Profi-Trainer nicht passieren!!“

Darf nicht, passiert aber mal. Weil wir alle doch nur Menschen sind.

Bevor ich auf Trochowski eingehe, möchte ich noch eine Situation schildern, die zu dem Vorfall Veh/Trochowski bestens passt. Werder gegen den HSV, es lief die 25. Minute. Heiko Westermann stürmte mit dem Ball in die Bremer Hälfte und leistete sich einen Fehlpass, der zum Konter und zum 1:0 der Hausherren führte. Westermann hatte sich einen vergleichbaren Fehler erlaubt, wie Trochowski in der 85. Minute. Ich habe Armin Veh nach dem 0:1 nicht tobend gesehen, ich habe ihn auch nicht schreien gehört, der HSV-Trainer lief auch nicht auf den Rasen, um seinen Kapitän zur Räson zu bringen – alles blieb ruhig. Und deswegen tut mir Piotr Trochowski schon ein wenig Leid.

So, und wer nun gleich auf mich einpöbelt, weil ich den lieben und guten „Troche“ wieder einmal in Schutz neme, der sollte erst abwarten, tief Luft holen und folgende Zeilen lesen. Das alles dann sacken lassen, bis 26 oder auch bis 37 zählen – und erst dann pöbeln. Oder auch nicht.

Nun aber zu Eurem, zu unserem „Sorgenkind“. Piotr Trochowski, immerhin schon 26 Jahre alt, steht in dieser Saison eindeutig am Scheideweg. Er muss jetzt, endlich, endlich jetzt, zeigen, dass er ein Mann ist. Ein Mann, ein ganzer Kerl, ein Mensch, der Verantwortung für sich übernimmt. Und einer, der eventuell allen Ballast von sich wirft, um noch einmal ganz von vorne anzufangen. So wie in den vergangenen Jahren, so kann es einfach nicht weitergehen mit ihm, denn dann hat er sein großes Talent verschleudert. „Troche“ könnte alles, könnte auf jeden Fall viel mehr, als er es zuletzt bei HSV-Einsätzen gezeigt hat, denn er hätte es eigentlich drauf. Aber er steht sich oft selbst im Wege. Und ich glaube auch, dass er ganz schlecht beraten wird.

An ihm scheiden sich die Geister. Ich bekomme es bei „Matz ab“ so hautnah mit, wie vielleicht kein anderer. Was hier von HSV-Fans auf einen HSV-Spieler (Trochowski eben) eingeprügelt wird, ist für mich nicht nachvollziehbar, habe ich in dieser schweren Form auch noch nie erlebt. Wenn ich dann einzelne Leute frage, warum sie einen solchen Hass (jawohl, es ist Hass!) auf einen Spieler ihres Lieblings-Klubs haben, dann höre ich immer wieder: „Trochowski schwebt in höheren Sphären. Der sagt ja in jedem Interview, dass er eigentlich bei Manchester United, Real Madrid oder für den FC Barcelona spielen müsste.“ Wie gesagt, das ist Volkes Stimme. Und das zweite Argument, was ich auch immer wieder gehört habe und immer wieder höre: „Trochowski dreht einen Kringel, noch einen Kringel, und noch einen Kringel, und noch einen Kringel, und noch einen – und dann spielt der dann Ball zurück.“

Er hätte längst seine Lehren daraus ziehen können, aber er lässt diese Kritik, so mein Empfinden, gar nicht erst an sich heran. Oder lässt sie ganz einfach nur von sich abprallen. Dabei, so denke ich, hätte ihn sein Berater (Roman Grill) längst einmal zur Seite nehmen müssen, um Klartext mit seinem Schützling zu sprechen. Das ist in meinen Augen die richtige Fürsorge, nicht immer nur den Spieler von einem Klub zum nächsten transferieren. Fürsorge ist das Stichwort, auch deshalb sollten sich Spieler einen Berater halten, damit dieser Berater seinen Spieler berät, um ihn vor Schaden zu bewahren.

Ob das in den letzten Jahren mal in dieser Form geschehen ist, das entzieht sich meinen Kenntnissen, wenn aber ja, dann ist danach nichts (in die richtige Richtung) passiert. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem sich Piotr Trochowski überdenken muss. Auch deshalb, um auf diesen verhängnisvollen Fehler die richtige Antwort geben zu können. Dazu gehört nicht, über den Dingen stehen zu wollen, sondern dazu gehört auch eine Portion Demut, gepaart mit einer gehörigen Prise Selbstkritik.

Wobei ich hoffe, dass nach diesem Fehler nicht das Unheil so über ihn hereinbricht, was einst am 14. März 1997 Richard Golz im Derby gegen den FC St. Pauli erlebte. Als der HSV-Keeper ein Tor des Erzrivalen begünstigte und fortan bei jedem zweiten HSV-Fan total unten durch war. Das wünsche ich Piotr Trochowski wirklich nicht, und ich setze da auch auf die Fairness aller HSV-Anhänger. Bei all der berechtigten Kritik bedenkt bitte: Es ist ein HSV-Spieler, den ihr niedermacht, es kein Spieler von einem Konkurrenz-Klub. Bewahrt die Contenance, ich bitte Euch darum – egal, wie sauer Ihr im Moment auch auf alle, auf jeden oder speziell auf den einen Profi seid. Bei der Gelegenheit: Wer von Euch hat nicht auch früher auf Jonathan Pitroipa geschimpft? Und heute? Die meisten von Euch jubeln ihm zu, tragen ihn nun gedanklich auf Händen. Nicht alle, das gebe ich zu, aber deutlich mehr als noch vor einem Jahr. Und dann muss klar festgehalten werden: So schnell kann es gehen, so kann es auch kommen.

Zudem hoffe ich auch auf Armin Veh, dass er trotz seines lautstarken Vortrags auch verzeihen kann, dass der Trainer den Spieler deshalb nicht fallen lässt. Die Gunst der Stunde wäre sogar wunderbar zu nutzen, denn nun könnten Gespräche geführt werden, die dazu führen könnten, dass der Knoten bei Trochowski endlich einmal platzt. Wie gesagt, es wäre nun eine Chance . . .

Wenn sie nicht genutzt wird, dann könnte das zur Folge haben, dass der HSV einiges an Geld in den Sand setzt, denn: 2011 läuft der Vertrag des Nationalspielers und WM-Teilnehmers Piotr Trochowski aus. Dann, Ihr werdet es alle wissen, darf der HSV-Profi den HSV ablösefrei verlassen. Er wird deshalb wohl kaum in der Winterpause gehen, sondern bis zum Sommer warten – und dann ist Nase wischen angesagt. Nein, nein, deswegen wäre es jetzt schon angebracht, die ein wenig verfahrene Situation zu nutzen, um wirklich alle Unklarheiten zu beseitigen.

Dabei ist natürlich auch Sportchef Bastian Reinhardt gefragt. Eigentlich ist er ein Trochowski-Befürworter. Eigentlich. Es war jedenfalls so, solange Reinhardt ein Teamkollege des kleinen Dribbelkünstlers war. Ob es jetzt noch so ist, entzieht sich meinen Kenntnissen. Auf jeden Fall aber muss sich der Sportchef natürlich auch mit dieser Situation befassen.

Obwohl es zurzeit wirklich viele Baustellen gibt. Nach nur sechs Spieltagen. Der Ärger um Mladen Petric, die Tatsache, dass immer noch kein „Zehner“ gefunden wurde, dass die WM-Teilnehmer immer noch ihrer Form hinterher laufen, dass die letzten vier Spiele sieglos endeten, dass immer mehr Skeptiker auf den Plan treten, die das 4:2:3:1-System als größtes HSV-Übel ausgemacht haben, dass ein so begnadetes Talent wie Eljero Elia einfach nicht auf die Füße kommt, dass die Mannschaft nicht immer und überall als Einheit auftritt, sondern sich als Zweckgemeinschaft von Einzelkämpfern erweist, und, und, und. Es gibt viel zu tun, aber wo soll angefangen werden?

Petric hat sich zu einem Dauerthema entwickelt. In Bremen saß er 90 Minuten auf der Bank. Dabei hätte er, wie schon gegen St. Pauli, eventuell das rettende Tor schießen können. Hätte. Das sage ich ganz deutlich. Gegen Wolfsburg spielte Mladen Petric von Beginn an, aber außer zwei Freistößen (die allerdings glänzend getreten waren) trat der Kroate nicht in Erscheinung. Warum nicht? Und: Hatte Armin Veh Angst davor, dass Petric in Bremen (nach einer Einwechslung) in der Wolfsburg-Form spielen würde? So ganz von der Hand zu weisen wäre diese Angst ja auch nicht. Aber wir soll es unter diesen Umständen nur weitergehen?

Zum Thema Petric befand Reinhardt übrigens: „Es saßen in Bremen auch noch andere Spieler 90 Minuten auf der Bank, das ist doch ganz normal. Das sind Entscheidungen, die der Trainer trifft, und er denkt sich etwas dabei. Es geschieht ja nicht, um Mladen eins auszuwischen, sondern der Trainer muss seinen Gedanken und Gefühlen während des Spiels folgen. Ganz normal. Hier geht es nicht um Mladen Petric, hier geht es um den Hamburger Sport-Verein. Einzelschicksale zählen da nicht, wir wollen mit dem Hamburger Sport-Verein erfolgreich sein, dazu gehört es, dass man Spiele gewinnt, und das haben wir nun nicht getan.“

Und zum Thema System sagte „Basti“ Reinhardt: „Ich verstehe ja, dass Journalisten gerne auf solchem System herumhacken und meinen, es wäre der heilige Gral, aber so ist es nicht. Im Prinzip müssen die Spieler ein System mit Leben füllen, und wenn ein System vernünftig umgesetzt wird, dann ist es auch egal, welches System gespielt wird.“

Aber: Wie geht es nun auf der „Zehn“ weiter? Reinhardt: „Wir müssen nun Spiele gewinnen, das ist wichtig, und mir ist es ganz egal, wer dann auf der Zehn spielt.“ Wobei Bastian Reinhardt auch noch sagte: „Wir haben jetzt keine Zeit, um auf den einen oder anderen zu warten. Wir müssen nun alle noch eine Schippe Kohlen drauflegen, noch mehr Gas geben und noch härter arbeiten, damit alle wieder in der nötigen Form sind, dass der HSV wieder seine Spiele gewinnt.“

Zurück aber noch einmal zur „Zehn“. Mir ist auch egal, wer dort spielt, aber geht man mal die Liste der Bewerber durch, dann bleibt nicht viel: Paolo Guerrero ist für mich ein Stürmer, kein Antreiber. Ich sage das deshalb, weil ich beobachtet habe, dass der Peruaner als „Spielmacher“ nur noch schön spielen will, und dabei seine großen Stärken, die Schlitzohrigkeit vor dem Tor, der oftmals kaltblütige Abschluss, total „vergessen“ hat. Guerrero will nur noch vorlegen, einsetzen, inszenieren, und so geht es nun einmal nicht. Dazu gehört Laufarbeit, Schnelligkeit, Aggressivität, Einsatz. Und das war zuletzt nicht mehr bei Guerrero zu entdecken. Ein weiterer Kandidat wäre Petric, aber auch ihn sehe ich auf keinen Fall auf der „Zehn“, er ist nun einmal ein echter Knipser – und müsste normal neben Ruud van Nistelrooy spielen (so wie in Wolfsburg Dzeko wieder Grafite gefunden hat!). Kandidat drei ist Trochowski, und der müsste viel zielstrebiger werden, zudem auch schneller spielen. Und Elia? Dieses Experiment wurde in Bremen vorzeitig (und dennoch zu spät) abgebrochen, der Niederländer ist auf dieser Position nun absolut durchgefallen.
Bliebe für mich noch Ze Roberto. Der ist inzwischen die „Allzweckwaffe“ des HSV, spielt hinten links so, als hätte er nie etwas anderes getan. Aber der Brasilianer könnte auch die „Zehn“, weil er Ideen hat, weil er Durchsetzungsvermögen hat, weil er ballsicher ist, weil er ein gutes Auge hat, weil er ehrgeizig ist und zudem noch immer sauschnell. Aber: Wenn man sich alle diese Attribute einmal vor Augen führt, dann müsste der HSV mit zehn Ze Robertos im Feld spielen . . .

Es gibt, so meine Schlussfolgerung für heute, noch viel, viel zu tun. Packt es an, Ihr HSV-Leute, jetzt ist jeder mit seinen 100 Prozent gefordert, denn sonst könnte es noch 8oder schon) am Ende des Jahres ein ganz böses Erwachen geben.

Zum Schluss noch ein tragisches und schreckliches Thema: Es gibt viele verletzte HSV-Fans (die Zahlen schwanken zwischen 23 und 29), die nach dem Spiel in Bremen lange, sehr lange auf ihren Plätzen warten mussten und dann beim Verlassen des Stadions zu Schaden gekommen sind. Ich wünsche allen schnelle Genesung, und dass Ihr Euch alle von diesem Schock erholt. Ich habe Ähnliches auch schon erlebt, zum Glück ging es damals glimpflicher und ohne körperliche Schäden ab, aber es war die Hölle und es ist die Hölle – deswegen von dieser Stelle aus gute Besserung an alle.

Bastian Reinhardt dazu: „Es ist wirklich tragisch, ich hoffe, dass alle bald wieder genesen und auf den Beinen sind. Es ist geradezu erschütternd, wenn so etwas passiert, es ist einfach nur traurig.“ Die Mannschaft hatte von diesen Vorfällen erst bei der nächtlichen Ankunft in Hamburg erfahren. „Wir waren alle erschrocken. Es ist nicht schön, wenn Fans zum Sport gehen und dann im Krankenhaus landen. Es ist erschütternd und ich hoffe, dass solche Dinge in Zukunft verhindert werden können.“

19.22 Uhr