Tagesarchiv für den 25. September 2010

Früh ins Verderben gestürmt

25. September 2010

Sekunden vor dem Schlusspfiff hatte Ruud van Nistelrooy die große Ausgleichschance, doch der Torjäger zögerte freistehend vier Meter vor dem Werder-Tor zu lange, ihm wurde der Ball noch abgeblockt. Es ist wie verhext, der HSV setzt seine Talfahrt weiter fort. Auf ins Niemandsland der Tabelle. 2:3 in Bremen verloren, vier Spiele in Folge nun schon sieglos, der Blick muss fortan nach unten gerichtet werden, und ich behaupte einmal: In Sachen Meisterschaft ist auch in dieser Saison der Zug wieder frühzeitig abgefahren. Obwohl die Leistung auch in Bremen nicht schlecht war, doch wer so bedenken- und sorglos munter drauf los und nur nach vorne spielt, der darf sich nicht wundern, wenn er in einem Auswärtsspiel so ausgekontert wird. An diesem 25. September war in Bremen – wieder einmal – viel mehr drin, aber der HSV stürmte in der ersten Halbzeit und dann auch in der Schlussphase ins Verderben.

Der HSV begann schwungvoll, machte Druck, spielte mit Engagement – trat wie eine Heimmannschaft auf. Bremen sollte offenbar in Grund und Boden gestürmt werden. Das sah, wie schon gegen Wolfsburg, richtig gut aus. Wenn von Werder einmal was zu sehen war, dann höchsten bei einem Konter. Und dennoch hieß es zur Pause 2:0 für die Hausherren. Es ist wie verflixt, es ist nicht mehr auszuhalten, der HSV schafft es einfach nicht, ein überlegen geführtes Spiel für sich zu entscheiden. Und er schafft es einfach nicht, bei eigener Überlegenheit auch auf die Sicherung des eigenen Tores bedacht zu sein. Und das ist nicht nur Pech, sondern auch amateurhaft.

Beim 1:0 – natürlich ein Konter. Heiko Westermann war mit nach vorne gestürmt, riskierte einen Pass in die Spitze (auf Ruud van Nistelrooy), doch Prödl fing die Kugel ab, und dann ging es ganz schnell. Pizarro legte nach links auf Marin, der wollte flanken, schoss Guy Demel an – und drin! Wahnsinn. Ein halbes Eigentor (25.). In der Mitte suchte, als der Ball noch im Netz lag, Joris Mathijsen seinen Nebenmann Westermann. Der hatte die Einladung zum Gegentor an der Mittellinie abgegeben.

Drei Minuten später bereits das 2:0. Freistoß für Werder aus halbrechter Position – aber eher in Richtung Mittellinie als am HSV-Strafraum. Hunt schießt den Ball zur Mitte, und plötzlich standen Almeida und Pizarro ganz frei auf Höhe Elfmeterpunkt. Ein katastrophales Abwehrverhalten, da stimmte die Zuordnung nicht nur nicht, sie war gar nicht vorhanden. Auch das der reine Wahnsinn. So etwas darf in der Schüler-Mannschaft passieren, aber nicht in der Bundesliga. Almeida köpfte mühelos und unhaltbar ein.

Was nützt das schönste Spiel, was nützte die beste Statistik in Sachen Ballbesitz und gewonnenen Zweikämpfen, wenn so die Tore hergeschenkt werden? Wer so fahrlässig um die Gegentreffer bettelt, der darf sich nicht wundern, wenn er am Ende der Saison nur im Mittelfeld und im Mittelmaß endet. Das Trauma setzt sich fort.

Dabei hatte Armin Veh viel riskiert, hatte genau die Umstellungen vorgenommen, die ich Euch schon am Freitag schilderte. Ze Roberto hinten links war ein absolut gelungener Schachzug, der Brasilianer hatte viele, viele gute Szenen, bewies auch sein gutes Auge für die Defensive, sorgte aber vor allem vorne für viel Musik.

Dafür tauchte sein Vordermann Marcell Jansen nicht so auf, wie vom Trainer erhofft. Jansen zeigte immer mal wieder gute Ansätze, aber er brach auch seine Vorstöße auf der linken Seite einige Male zu schnell ab. Oder er flankte zu ungenau. In der zweiten Halbzeit begann er mit einem Weitschuss besser, wurde zunächst auch etwas zielstrebiger – aber er ist noch immer nicht der Jansen, der er sein könnte. In der 80. Minute ging der Nationalspieler dann auch völlig ausgelaugt vom Platz, für ihn schickte Veh Piotr Trochowski auf den Rasen.

Im zentralen Mittelfeld durfte sich diesmal Eljero Elia versuchen. Der Niederländer begann durchaus gut, aber dieser Zustand hielt nicht lange an. Ich weiß nicht, was mit „Elli“ los ist. Schon Sekunden vor dem Anpfiff fragte ich mich das. Da wurde er von den Kameras in Großaufnahme gezeigt, und die TV-Zuschauer sahen einen in sich gekehrten jungen Mann, der weder Optimismus noch Spaß oder Freude auf der Stirn trug. Anders dagegen die nächste Einstellung: Pizarro, der Bremer Torjäger, war fröhlich, lächelte und wirkte dabei voller Tatendrang. Elia schaffte es dann später nicht, Akzente zu setzen, er wirkte auf mich teilweise wie ein Fremdkörper in dieser HSV-Mannschaft. Oft setzte er sich erst in Bewegung, wenn der Ball in seiner unmittelbaren Nähe gespielt oder vorbei gespielt wurde. Für mich ist das Experiment, Elia zentral hinter van Nistelrooy zu spielen, schon nach einem Versuch gescheitert, und zwar restlos. In der 53. Minute sah auch Armin Veh das ein, er nahm Elia runter und schickte Jonathan Pitroipa auf den Rasen. Wobei ich mich fragte, was wohl im Kopf von Eljero Elia vorgehen mag? Ich schrieb es gestern schon einmal: Links nicht, rechts nicht, und nun auch in der Mitte absolut nichts, obwohl er dort alle Möglichkeiten gehabt hätte. Wie geht es bloß weiter mit dem nach Veh größten HSV-Talent?

Zur Pause wechselte Veh. Er opferte den guten Tomas Rincon, der mir bis zur 45. Minuten sehr gut gefallen hatte. Aber: Rincon hatte in der 36. Minute die Gelbe Karte gesehen, und das ist für ihn, der gerne einmal rustikal zur Sache geht, immer ein Alarmzeichen. Und zudem halte ich den eingewechselten Gojko Kacar, der für Rincon kam, für etwas offensivstärker.

Richtig besser und offensiver aber wurde das HSV-Spiel aber erst mit der Einwechslung von Pitroipa. Da ging die Post dann ab. Aber hallo. Erst legte „Piet“ das 1:2 auf, das „Van the man“ per Hacke erzielte – sein viertes Saisontor. Und dann dieses unfassbare und so herrliche 2:2. Unglaublich, sensationell, hammermäßig. Pitroipa zog nach einem Ze-Roberto-Eckstoß mutig und wuchtig aus 15 Metern ab – Winkel, Traumtor! Ruud van Nistelrooy bekam den Mund vor lauter Staunen nicht mehr zu. Was mag den guten „Piet“ geritten haben, einen solchen Versuch zu starten? Er wurde von den Kollegen vor Freude fast erdrückt.

Gefreut hat mich bei diesem Ausgleich besonders, dass die unentwegten HSV-Fans für ihre tadellose Unterstützung auch „belohnt“ wurden. Das war erneut eine großartige Leistung, Ihr, die von der Bremer Baustelle aus zugesehen habt, Ihr habt auch nach dem 0:2 immer noch an Eure Mannschaft geglaubt, und das ist absolut klasse.

Die Stützen des HSV an diesem Abend: Neben Ze Roberto und Rincon ganz sicher auch wieder David Jarolim. Habt Ihr einmal gezählt, wie viele Bälle der Tscheche erobert hat? Keiner schafft mehr in 90 Minuten, das ist eine Top-Leistung. Ruud van Nistelrooy gefiel mir ebenfalls sehr gut, wie er die Bälle holt und hält, welches Laufpensum er zudem an den Tag (beziehungsweise Abend) legt – das ist schon super. Ihn durften die Bremer nie aus den Augen lassen. Eine anständige Leistung bot auch Eric-Maxim Choupo-Moting, der oftmals seine sehr gute Ballbehandlung gewinnbringend in den Zweikämpfen einbringen konnte. Auch wenn er nicht immer zielstrebig Fußball spielt, auch wenn es manchmal ein wenig behäbig aussieht, dieser „Choupo“ ist eine Belebung für den HSV. Das sage ich ganz bewusst, denn eine solche Rolle habe ich ihm zu dieser Phase der Saison nicht zugetraut, da bin ich ehrlich. Ich muss mich in seinem Fall ganz klar revidieren.

Aus der Innenverteidigung ragte für mich diesmal Mathijsen hervor, auch wenn es bei ihm (wie bei den Nebenleuten) nicht immer alles souverän aussah. Frank Rost für mich ohne jeden Fehler, wenn er auch bei der „Blutgrätsche“ in Halbzeit eins gegen „Fallkünstler“ Marin viel riskiert hatte.

Nach dem 2:2 fand Bremen noch einmal zurück ins Spiel. Meine Hoffnung, dass der HSV Werder mit großer Euphorie überrollen würde, verebbte total. Im Gegenteil. Fünf Minuten vor dem Schluss kam Werder voll zurück, schoss das dritte Tor. Piotr Trochowski verdribbelte den Ball an der Mittellinie, der Konter lief. Der HSV in dieser Szene total unsortiert in der Abwehr, links offen wie ein Scheunentor, Pass zur Mitte, am langen Pfosten ließ Demel Almeida aus den Augen – Tor. Ende. Aus. Vorbei. Welch ein Dilemma.

HSV-Kapitän Heiko Westermann resümierte: “In der zweiten Halbzeit haben wir Leidenschaft gezeigt, haben dann auch verdient das 2:2 geschafft. Und dann aber Harakiri gespielt. Das darf nicht passieren. Ich hatte gedacht, dass wir aus dem Wolfsburg-Spiel gelernt hätten, aber das ist leider nicht der Fall. Wenn man ein 0:2 aufholt, dann muss man auch mal mit einem 2:2 zufrieden sein.”

20.33 Uhr