Tagesarchiv für den 24. September 2010

Ein “neuer HSV” in Bremen

24. September 2010

Alter schützt vor Torheit nicht. Als Joris Mathijsen, Piotr Trochowski und Guy Demel auf dem Weg zum Trainingsplatz waren, wurden sie von einem Rentner-Ehepaar von der Seite angequatscht. Das gipfelte schließlich darin, das der alte Mann sagte: „Was soll’s, ihr kriegt morgen in Bremen ohnehin einen auf die Mütze . . .“ Nett, nicht wahr? Und dabei grinste der Rentner richtig schön doof. Was sollte das bloß? Waren das verirrte Bremer? Zum Glück haben die drei HSV-Spieler nicht richtig zugehört, oder es aber auch nicht verstanden, auf jeden Fall gingen sie weiter, ohne Bezug auf diesen blöden Spruch zu nehmen. Leute gibt es . . .

Für Bremen könnte das Motto gelten: Bleibt alles anders. Wenn nicht alles täuscht, dann wird der HSV an der Weser ein wenig umgekrempelt in diese so wichtige Partie gehen. Im Abschlussspiel heute gab es gleich fünf gewichtige personelle Veränderungen: Ze Roberto spielte in der Viererkette links, davor nahm Marcell Jansen den Platz ein. Auf die „Sechs“ rückte Tomas Rincon, rechts vorne rutschte Eric-Maxim Choupo-Moting rein, und zentral hinter Ruud van Nistelrooy bezog Elejro Elia Position. Der nunmehr vierte Versuch nach Guerrero, Trochowski und Petric mit einem Spieler auf der „Zehn“.

Was mich heute besonders überraschte: Jonathan Pitroipa kickte ebenso in der Reserve, wie Mladen Petric und Piotr Trochowski. Wobei „Piet“ für mich eigentlich nach seinem guten Auftritt gegen Wolfsburg für Bremen gesetzt war, aber eventuell lässt sich ja Armin Veh von anderen Gedanken tragen. Oder der Trainer möchte Pitroipa mal eine Ruhepause gönnen, weil drei Spiele in einer Woche eventuell doch zuviel sein könnten für das „dünne Hemd“. Wenn es also nach meinen Trainingsbeobachtungen geht, dann wird der HSV morgen wie folgt beginnen: Rost; Demel, Westermann, Mathijsen, Ze Roberto; Rincon, Jarolim; Choupo-Moting, Elia, Jansen; van Nistelrooy.

Das Spiel A gegen B gewann der Stamm mit 2:0, und wenn ich es richtig gesehen habe, dann erzielten David Jarolim und Ruud van Nistelrooy die Tore. Letzteres entsprang einem Elfmeter, den Dennis Diekmeier an Choupo-Moting verschuldet hatte. Was von diesem Freitags-Training noch erwähnenswert ist: Als es drei Stationen mit dem schon obligatorischen Fünf-gegen-zwei-Spiel gab, bat Armin Veh Nationalspieler Marcell Jansen zu sich. Wie auf einer Tafel erklärte der Coach seinem Schützling mit Papier und Kugelschreiber, was er in Bremen mit ihm vorhat, zeichnete ihm die Laufwege auf.

Die Umstellung macht sicher Sinn. Viele werden sich erinnern, dass Jansen im Wolfsburg-Spiel fast pausenlos von hinten nach vorne „tobte“. Was dann zur Folge hatte, dass er hinten Konzentrationsschwächen offenbarte, die vom VfL eiskalt zu drei Treffern ausgenutzt wurden. Im Zusammenspiel mit Ze Roberto könnte das nun viel, viel effektiver gestaltet werden. Beide haben ein Auge für die Offensive, beide können auch nach hinten arbeiten, deshalb bietet sich eine Art Wechselspiel schon an. Geht Jansen steil, sichert Ze Roberto ab, geht Ze Roberto steil, lässt sich Jansen fallen. Im Training hat das schon mal sehr gut geklappt, das ergänzten sich beide Spieler ganz hervorragend – und sie passte auch genau auf, wer wo steht. Jetzt muss das nur noch in Bremen klappen . . .

Trifft auch auf Elia zu. Der wollte früher nie rechts, durfte jetzt einige Male links (sein Traum-Posten), aber so richtig laufen wollte es bei ihm weder rechts noch links. Vielleicht klappt es dann ja nun in der Mitte. Wenn er sich erinnert, wie er im Dezember die Bremer geradezu schwindelig spielte, dann könnte es diesmal doch etwas werden. Auch wenn Elia im Training noch immer etwas verhalten zur Sache geht. Da ist noch nicht viel von Wirbel, von Rakete oder von Schlitzohrigkeit zu sehen, irgendwie „lahmt“ der Niederländer noch ein wenig – aber vielleicht braucht er ja auch nur mal ein Erfolgserlebnis, um dann zu explodieren.

Das könnte auch „Van the man“ mal wieder gut gebrauchen. Nach seinen Anfangserfolgen haben ihn nun alle gegnerischen Mannschaften besonders auf dem Zettel. Zwei, drei Mann krallen sich van Nistelrooy und geben sich die größte Mühe, ihm den Ball abzujagen. Mir fällt auf, dass sich „Ruud“ zuletzt wieder einige Male sehr weit hat fallen lassen, um überhaupt mal mitspielen zu dürfen. Das hat fast schon „Labbadiasche Züge“, wenn Ruud van Nistelrooy sich an der Mittellinie den Ball abholt, oder wenn er ihn gegen seine hartnäckigen Verfolger auf Höhe Mittelkreis verteidigt. Da tut er mir dann schon wieder ein wenig Leid, denn etwas mehr Unterstützung ist ihm da vorne schon zu wünschen. Obwohl es der HSV ja anscheinend erkannt hat, an was es mangelt. Zuletzt krankte es am Nachrücken. Die Spieler sprachen selbst davon. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?

Zum Thema „eine Spitze“, da habe ich mich noch einmal schlau gemacht, da hat Armin Veh übrigens kürzlich folgende Sätze gesagt: „Ab und zu, das bekommen nur einige nicht mit, spielen wir sogar mit drei Stürmern.“ Für Veh ist der Unterschied zwischen einem 4:2:3:1-System und einem 4:4:2-System marginal: „Wir müssen flexibel sein. Wenn wir mit zwei Spitzen spielen würden, dann müsste sich einer von den beiden Angreifern auch immer wieder mal fallen lassen – und dann hat man wieder ein 4:2:3:1. Im Prinzip sind sich die System fast ähnlich, und nach hinten muss man in beiden Fällen immer auch arbeiten.“ Dann ergänzte Armin Veh noch: „Der Trainer bestimmt das System. Und ich bestimme es dann immer, wenn ich neue Spieler hole.“ Warum Veh nicht auf ein 4:4:2 umsteigen will, das erklärte er auch: „Wenn es zwei Spitzen gibt, dann ist es leichter für die gegnerische Viererkette, sich diese beiden zu greifen. Kommt aber einer aus der Tiefe, dann ist es schwerer.“

Ich sehe das ähnlich. Spielt der HSV mit zwei Spitzen, kann sich keiner dabei erlauben, bei einem abgefangenen Angriff vorne zu „parken“. Im modernen Fußball muss jeder Spieler auch Defensivarbeiten übernehmen, das ist nun einmal das ungeschriebene Gesetz. Wichtig wird die Frage des Systems dann, wenn es um das Spiel nach vorne geht. Nachrücken, ich habe es eben erwähnt, ist das A und O dabei, und genau daran muss der HSV arbeiten. Es langt doch nicht, den Ball einfach nur in die Füße von van Nistelrooy zu spielen und dann zu denken: „Nun mach mal . . .“ Fußball ist wie Tennis, und Tennis ist bekanntlich ein Laufspiel. Nachrücken erfordert natürlich eine große, eine emsige Laufbereitschaft, aber Kraft und Kondition sind ja nach dieser Vorbereitung kein Thema beim HSV, alles ist vorhanden, alles soll reichlich vorhanden sein. Vorne und hinten sein, das ist die große Kunst im heutigen Fußball, dazu muss der Spieler auch mental bereit sein. Und der Trainer könnte seinen Spielern dabei mit den treffenden Sätzen leicht auf die Sprünge helfen . . .

Veh sagte heute: „Wenn wir so spielen wie gegen Wolfsburg, dann werden wir auch unsere Punkte entsprechend machen. Wenn ich die Zweikampfstatistik insgesamt so anschaue, so sind wir auch ganz vorne mit dabei, aber entscheidend sind natürlich die Punkte. Es nützt dir nichts, wenn man gut spielt und verliert, es zählen nur die Punkte, und die müssen wir holen.“ In Bremen! Genau, in Bremen wäre schon gut, wenn der HSV dort gewinnen würde.

Das würde auch ganz nach dem Geschmack von Heiko Westermann sein. Der Kapitän fasste diese Woche noch einmal kurz zusammen: „Nach dem Wolfsburg-Spiel saßen wir in der Kabine und haben nicht verstanden, warum wir dieses Spiel verloren haben. Am nächsten Tag aber haben wir uns gesagt, dass wenn wir weiter so spielen, wir auch unsere Punkte holen werden. Davon bin ich absolut überzeugt. Es gibt nicht viele Mannschaften, die uns das Wasser reichen können, wenn wir so spielen wie gegen den VfL.“ Am besten so auch an der Weser, nur mit mehr Tore für Hamburg. Westermann sagt: „Wir müssen natürlich wissen, dass wir nicht locker lassen dürfen. Wir müssen immer die beste Leistung abrufen, und wir müssen als Mannschaft auftreten.“ Das ist ein Wort. Wie gesagt: Bremen. Dort gut spielen und gewinnen, das wäre es doch. Ich hoffe, der Auftrag ist verstanden.

So, kurz noch in eigener Sache: Ich danke Euch ganz, ganz herzlich für die vielen Glückwünsche zu meinem Geburtstag. Ich bin überwältigt, wirklich, wirklich. Unglaublich, einen solchen Tag mit so vielen Anrufen und Mails (dazu so manche SMS) habe ich noch nie erlebt. Und im Radio ist mein Name in diesem Zusammenhang auch noch nicht genannt worden, vielen dank an Wolf Hoppe und auch an Carlo von Tiedemann, der noch einige nette Sätze anfügte. Danke, danke! An alle.

18.59 Uhr