Tagesarchiv für den 23. September 2010

Veh: “Wir müssen in Bremen punkten”

23. September 2010

„Ein solches Spiel musst du gewinnen. Du musst es ganz einfach gewinnen“, sagte Armin Veh am Tag danach. Die 1:3-Heimpleite gegen den VfL Wolfsburg nagt – natürlich – noch immer an ihm. Die nackten daten der 90 Minuten sprechen dann auch eine klare Sprache: Ballbesitz 64 Prozent für den HSV, Ecken 15:1 für den HSV, Zweikämpfe 55 Prozent für den HSV, Torschüsse 21:8 für den HSV, Flanken 29:7 für den HSV, und mit 68 Prozent gewonnenen Zweikämpfen war Marcell Jansen in dieser Disziplin der beste Mann auf dem Platz. Nur in Sachen Tore lag einen andere Mannschaft vorn, und genau diese Disziplin ist die entscheidende. Wer aber jetzt, weil der HSV dieses überlegen gestaltete Spiel in den Sand gesetzt hat, von einem Abstiegsplatz am Ende der Saison spricht, der sollte doch einmal überprüfen, ob er sich genau die richtige Sportart als „Experte“ ausgesucht hat. Wer auf Dauer so spielt, wie beim 1:1 gegen St. Pauli, der hätte wahrscheinlich arge Schwierigkeiten, am Ende der Saison nicht ganz unten zu stehen, aber wer 90 Minuten so spielt, wie jetzt gegen Wolfsburg, der muss sich ganz sicher nicht mit dem Abstieg befassen.

Recht haben alle diejenigen, die jetzt vor dem Bremen-Spiel ein wenig ängstlich in die Zukunft schauen. Was wird, wenn der HSV auch bei Werder verliert? Unter dem Strich, das ist schon richtig, stehen drei Spiele in Folge, in denen der HSV nun nicht gewinnen konnte. Und in denen es zweimal doch eine eher dürftige und sogar grottenschlechte Leistung zu registrieren gab. Dennoch muss doch ganz klar festgehalten werden, was auch Armin Veh an diesem Donnerstag noch einmal feststellte: „Ich bin mit unserem Spiel absolut zufrieden gewesen. Wir haben mit Herz gespielt und waren gut organisiert, wir waren das deutlich bessere Team, wir haben für mich die beste Leistung der Saison geboten, wir hatten unendlich viele Chancen, Tore zu machen, wenn ich allein die vielen Standards sehe, die wir hatten. Wir waren doch so nah dran – aber solche Spiele gibt es immer wieder mal. Wir haben gut gespielt, wir haben auch gut verteidigt, wir haben doch wenig zugelassen – es ärgert mich, dass wir verloren haben, denn mit einem Sieg hätten wir uns oben schön festsetzen können.“

Veh stellt aber zu den Dingen, die schließlich zur Niederlage geführt haben, auch fest: „Du kannst nicht 90 Minuten nach vorne spielen, und gleichzeitig 90 Minuten nach hinten nichts zulassen. Das schafft keine Mannschaft.“

Und der HSV schafft es im Moment auch noch nicht, dass alle elf Spieler (fast) 100 Prozent abrufen. Einer oder einige fallen immer ab. Wie diesmal Guy Demel, Marcell Jansen und Mladen Petric. Einige „Experten“ sind ja dazu auch der Meinung, dass Frank Rost nicht mehr im Tor stehen sollte, weil er den einen oder anderen Gegentreffer nicht verhindert hat, aber dazu habe ich eine ganz eindeutig andere Meinung: Rost ist sehr gut drauf, spielt ruhig und souverän. Auch wenn ich es nicht gesehen habe und nicht wahrnehmen konnte, so soll das 0:1 und das 1:3 ja auch abgefälscht gewesen sein. So erzählten es jedenfalls die Wolfsburger Torschützen später.

Was aber kann Armin Veh jetzt tun, um die Mannschaft in Bremen wieder mit Lust, Spaß, Herz und Engagement auf den Rasen zu schicken? Morgen um 14.30 Uhr findet das letzte Training vor dem Nordderby statt, da bleibt nicht mehr viel Zeit, um die Spieler mental aufzurichten. Und dass es eine Frage der Kraft (oder der Kondition) wäre, dass der HSV nun verloren hat, das verneinte Ze Roberto total: „Wir hatten eine lange und erstklassige Vorbereitung, wir haben alle Kraft und Kondition für 90 Minuten, daran lag es gegen Wolfsburg mit Sicherheit nicht.“

Es sind die individuellen Aussetzer, ganz simple Blackouts. Vor dem 0:1 der Fehlpass von Jansen. Vor dem 1:2 die zu lasche Deckung von den beiden Innenverteidigern und den beiden Außenverteidigern. Und vor dem 1:3 der missglückte Rückpass von Jansen und das schlechte Zweikampfverhalten von Joris Mathijsen – und dazu das nicht gerade glücklich Stellungsspiel von Rost, der die kurze Ecke „aufmachte“. All das darf in dieser Form und Häufigkeit nicht passieren, aber es passiert immer mal wieder. Und dann verliert eben auch eine hoch überlegene Mannschaft einmal ein solches Spiel. Aber das hat doch ganz sicher mal jeder Fußballer auch selbst erlebt. Ich kann mich an ein Bezirksliga-Spiel des WFC bei Wacker 04 in Billstedt erinnern. Mindestens 20 Tore hätten wir schießen müssen, ich traf aus einem Meter keinen Möbelwagen – und wir verloren 0:1. Es war unsere einzige Niederlage in der gesamten Saison, und ich gebe zu, dieses 0:1 tut heute, 37 Jahre danach, immer noch weh.

Zurück zum großen Fußball. Wolfsburg hat einen Spieltag vor dem HSV-Spiel sein System geändert, hat mit Dzeko und Grafite wieder zwei Stürmer aufgeboten. Eine System-Änderung aber kommt für Veh nicht in Frage. Er setzt weiter auf die 4:2:3:1-Taktik. Und wird sich personell etwas einfallen lassen müssen. Zum Beispiel auf rechts. Was wird mit Demel? Drin? Oder draußen? Es gäbe mit Tomas Rincon eine Alternative, doch Veh sagt: „Ich sehe Guy da im Moment noch vorne.“ Weil er, so der Coach, besser ist im Spiel nach vorne. Aber genau da hapert es bei „Giiiiiieee“. Gegen Wolfsburg kam da nichts. Null. Das sieht auch Veh so. Aber der Trainer sagt auch: „Guy musste nach vorne auch nicht viel machen, weil rechts ja alles von Jonathan Pitroipa gemacht wurde. Den haben die Wolfsburger ja gar nicht in den Griff bekommen. Und wenn Guy dazu dann noch vorne rechts erschienen wäre, dann hätte Piet ja kaum noch Platz gehabt für seine Dribblings.“

Dennoch muss, so mein Empfinden, entschieden mehr von Demel kommen. Sobald er am Mittwoch mit dem Ball über die Mittellinie lief, spielte er die Kugel zurück. Zum Davonlaufen. Und zum Heulen. Links „powerte“ Jansen sich immer wieder mächtig nach vorne, aber der Nationalspieler leistete sich einfach zu viele Fehler in der Rückwärtsbewegung. Fehler, die mit einer besseren Konzentration wohl zu verhindern gewesen wären. Veh aber nimmt Jansen in Schutz: „Man muss sehen, dass er ja nicht auf seinem richtige Posten spielt. Marcell würde ja weiter nach vorne rücken, wenn Dennis Aogo spielen könnte – aber er kann es eben noch nicht.“

Ein wunder, nein ein sehr wunder Punkt im Spiel des HSV bleibt auch die zentrale Position im Mittelfeld. Paolo Guerrero fällt gegen Werder noch einmal aus, hat sich aber auch gegen St. Pauli mit einer Minusleistung aus dem Team gespielt. Piotr Trochowski hätte meiner Meinung nach alle Fähigkeiten, zeigt sie aber nur im Training und nicht in einem Bundesligaspiel. Und Petric, das hat er gegen Wolfsburg bewiesen, ist eigentlich nur ein Stürmer, nicht aber ein Spielmacher. Daraus folgere ich für mich: Entweder spielt Petric im Sturm (allein oder neben Ruud van Nistelrooy), oder spielt nicht und kommt dann von der Bank, wenn der Spielstand einen zweiten Stürmer erforderlich macht. So bitter das für Petric ist, und so sehr auch wieder die Gefahr besteht, dass der Kroate wieder „mault“. Aber das hier ist Profi-Sport, da hat sich jeder unter zu ordnen, auch wenn es noch so schwer ist. Und wie hat früher ein HSV-Trainer immer so schön gesagt: „Auf Einzelschicksale kann ich keine Rücksicht nehmen.“ So ist es.

Um noch einmal auf den „Zehner“ zurück zu kommen: Auf dieser Position könnten auch Ze Roberto („Das habe ich früher beim FC Santos gespielt“) und Eric-Maxim Coupo-Moting („Wenn der Trainer mich dort aufstellt, dann würde ich versuchen, meine Chance zu nutzen“) zum Einsatz kommen.

Überhaupt: Ich bin gespannt, was nun aus Choupo-Moting wird. Bleibt er drin? Oder kommt Eljero Elia wieder zum Zuge? Elia? Wir erinnern uns: Im vergangenen Dezember spielte er in Hamburg die gesamte Werder-Defensive schwindelig. Er ist jetzt aber meilenweit von dieser Form entfernt. Armin Veh sagt über den Niederländer: „Elli muss einfach mal aufwachen. Er ist von allen das größte Talent, er kann alles, er ist schnell, er ist dribbelstark, er hat Kraft – er hat einfach alles, aber er muss es auch zeigen. Er muss konstant werden, dann kann er uns auch helfen.“ Auch „Choupo“ wurde ja nach dem Wolfsburg-Spiel ja vom Trainer gelobt, Veh sagte aber auch einschränkend: „So lange er die Kraft hatte . . .“ Ob die Kraft des Kameruners in Bremen für 90 Minuten reichen wird?

Und gegen Werder geht es jetzt schon, am sechsten Spieltag, um alles. Der HSV darf dort auf keinen Fall verlieren, sonst gibt es in Hamburg gleich wieder „Alarm im Hafen“. Noch mehr als jetzt. Obwohl Veh etwas anderes feststellt, wenn sein Blick auf die derzeitige Tabelle fällt: „Es ist ja noch gar nichts passiert. Es stehen doch noch alle eng beieinander, wenn ich so zum Beispiel Leverkusen, die Bayern und auch uns sehe.“ Und dennoch kommt es jetzt schon darauf an, denn sonst gerät auf jeden Fall schon einmal ein Ziel, das nie öffentlich genannt wurde, außer Reichweite: Meisterschaft. Obwohl Ze Roberto auch das nicht wahrhaben will: „Es ist für uns immer noch alles drin, wir können nach wie vor mit zwei, drei anderen Klubs um den Titel spielen.“ Dazu aber müsste schon sehr, sehr viel besonders gut für den HSV laufen, um doch einmal wieder nach einem solchen großen Stern greifen zu können.

Übrigens: Es gab die Frage nach Heung Min Son („Was macht seine Verletzung?“), und es gab auch die Frage nach Gojko Kacar („Woran liegt es, dass er nicht spielt?“). Die Frage nach dem Südkoreaner beantwortet Veh wie folgt: „Son ist noch nicht im Mannschaftstraining. Erst wenn er das ist, kann ich etwas zu ihm sagen. Das dauert aber noch ein bisschen.“ Und Kacar? Ich hatte den Einruck, als wenn er noch nicht so trainiert, dass er sich für einen Einsatz empfehlen könnte. Ich habe Kacar eher mau im Training gesehen, aber Veh sagt: „Nein, Kacar hat deutlich zugelegt, er trainiert seit einiger Zeit wirklich gut, diesen Eindruck habe ich schon.“ Das klingt beinahe so, als würde der Serbe schon bald seine Chance von Anfang an erhalten. Veh jedenfalls schmunzelte bei seiner Aussage. Er schmunzelte gerade so, als würde Kacar schon in Bremen in der Start-Formation stehen können. Abwarten.

Schlusssätze von Armin Veh: „Wir müssen in Bremen punkten, und wir sind auch in der Lage dazu. Wenn wir gut spielen, wenn wir frech sind, wenn wir Leidenschaft zeigen, wenn wir also das aufbieten, was man zum erfolgreichen Fußball braucht, dann können wir den Gegner auch verunsichern. Und im Prinzip muss Werder ja gewinnen, die müssen also nach vorne spielen. Und sie sind ja auch so ausgerichtet, dass sie nach vorne spielen.“

So, ganz zum Schluss noch einen kurzen Absatz in eigener Sache: Christian Pletz bedankt sich bei Euch für die vielen Genesungswünsche, die ihm sehr, sehr gut getan haben. Ich habe übrigens geschrieben, dass er einen Knöchelbruch hat, das ist an sich falsch. Pletzi hat genau jene Verletzung, die im Sommer Michael Ballack um die WM 2010 gebracht hat. Es sind Bänder gerissen und irgendein Knöchelhörnchen gebrochen. Und das alles zusammen braucht eben einfach ein bisschen Zeit.

18.11 Uhr