Tagesarchiv für den 22. September 2010

Gnadenlos ausgekontert

22. September 2010

Von nun an gings bergab. Sang einst Hildegard Knef. Musste ich nach dem Tor zum 1:3-Endstand ständig dran denken. Der HSV ist nach der Niederlage gegen den VfL Wolfsburg wieder in der Realität angekommen. Dieser Rückschlag gegen einen nicht einmal starken, nein, gegen einen eher schwachen VfL sorgt für Ernüchterung und lässt die Hamburger wie eine graue Maus ins Mittelfeld fallen. Besonders tragisch: Diesmal war die Niederlage absolut unnötig, denn vor 50 231 Zuschauern war der HSV über weite Strecken die deutlich tonangebende Mannschaft. Es wurde viel versucht, aber bei dieser permanenten Überlegenheit wurden auch eklatante Schwächen in der Defensive erkennbar. Bei den Kontern der Niedersachsen stand die Hintermannschaft einfach schlecht und zeigte einmal mehr, dass sie diesbezüglich sehr anfällig ist. Quo vadis, HSV?

Ein Unterschied wie Tag und Nacht, der HSV gegen St. Pauli und der HSV gegen den VfL Wolfsburg. Die Veh-Truppe war offensichtlich um Wiedergutmachung bemüht, denn diese Vorstellung sah deutlich nach Fußball aus. Es wurde schneller gespielt, mit mehr Engagement, teilweise mit Herz, es wurde gelaufen, nachgerückt und mit vielen und guten Ideen kombiniert. Wolfsburg wirkte in der Anfangsphase wie ein Spielball der deutlich besseren Hamburger. Diese HSV-Vorstellung war endlich einmal sehenswert, vielleicht die beste erste Halbzeit dieser Saison.

Trainer Armin Veh hatte diesmal eine personelle Überraschung parat: Statt Eljero Elia (und den vielfach erwarteten Piotr Trochowski) kam diesmal Eric-Maxim Choupo-Moting auf der linken Seite zum Zuge. Um es vorweg zu nehmen: „Choupo“ rechtfertigte diese Nominierung mit einer guten Leistung und einem Tor. Alles richtig gemacht, Herr Veh! Und Choupo-Moting bestätigte damit seine zuletzt sehr guten Trainings-Eindrücke, die unübersehbar waren.

Statt des verletzten Paolo Guerrero bot Veh im zentralen Mittelfeld wie erwartet Mladen Petric auf, und der Kroate stand gleich mit zwei herrlichen Freistößen im Mittelpunkt (die Benaglio allerdings super abwehrte). Ansonsten war Petric zwar bemüht, aber entscheidende Impulse konnte er nicht geben. Im Gegenteil, er tauchte stetig immer tiefer ab. Hinter der Spitze ist wahrscheinlich auch nicht seine Position. Oder?

Die setzten zwei, die auch bei „Matz ab“ immer und immer wieder „um die Ohren bekommen“: David Jarolim und Jonathan Pitroipa. Unglaublich, wie viele Bälle „Jaro“ eroberte, wie er die Zweikämpfe suchte, wie er unterwegs war, wie er vorbildlich „sein“ Spiel machte. Ich sage es hier einmal mehr ganz deutlich: Jarolim war überragend. Und wer das nicht sieht, der will es eben nicht sehen. Sonst muss es jedem Fußball-Experten und –Kenner einfach auffallen.

Und Pitroipa? Ja, gelegentlich zweifele ich auch. Wenn er zum Beispiel den Ball bei der Annahme unter dem Stiefel ist Aus durchrollen lässt. Oder wenn er mit dem Ball am Fuß ins Nirwana läuft. Manchmal erinnert er mich auch an „Lauf, Forrest, lauf“. Aber überwiegend, das sage ich auch ganz, ganz deutlich: Dieser Pitroipa ist so unheimlich wertvoll für diesen HSV, weil er durch seine unberechenbare Art, Fußball zu spielen, viele Lücken reißt. So wie beim 1:1, dem Kopfballtor von Choupo-Moting (27.). Wer genau hingesehen hat, der wird festgestellt haben: Wolfsburg Abwehr fand kein Mittel gegen diesen wieselflinken „Piet“. Nur er selbst, so hatte es für mich den Anschein, konnte sich eigentlich stoppen, wenn er sich zuviel zugemutet hatte. Und, um noch einmal deutlich zu werden: Eine solche engagierte Leistung erwarte ich zu 100 Prozent auch von Elia. Der könnte nämlich ebenfalls so wirbeln. Könnte. Und er wird es meiner Meinung nach auch noch tun.

Eine sehr gute Leistung, trotz einiger Ballverluste, muss ich erneut auch Ruud van Nistelrooy bescheinigen. Wie er dort vorne im Zentrum die Bälle behauptet und verteilt, ist Extraklasse, eine reine Augenweide. Auch wenn ihm diesmal in Sachen Torschüssen einiges daneben ging.

Deutlich verbessert auch Ze Roberto. Immer anspielbar, immer auf Achse, sprühend vor Spiellust. Warum nicht immer so? Zudem gab der Brasilianer wieder Zucker-Standards zur Mitte, die Dinger kommen wie auf dem Tablett serviert zur Mitte, da möchte man eigentlich nur noch rufen: Aber bitte mit Sahne – und rein! Das sind „Brandbomben“, die der „große Ze“ da mit unglaublichem Gefühl im Buffer reihenweise produziert. Endlich hat der HSV einen Spieler, der das nicht nur theoretisch kann, sondern der er auch im Spiel umsetzen kann. Die beiden Sechser, Jarolim und Ze Roberto, die waren für mich das Prunkstück, die Zentrale, die Rhythmus und damit das ganze Spiel lenkte und bestimmte.

Schade allerdings, dass über die Flügel kaum etwas kam. Sonst wäre das Feuerwerk komplett gewesen. Damit meine ich Guy Demel und Marcell Jansen. Demel traute sich ganz offenbar nichts zu, wenn er einmal über die Mittellinie lief, dann erfolgte prompt ein Rückpass. Ich konnte es nicht fassen. Und Jansen? Der begann großartig, hatte sehenswerte zehn Minuten, aber dann hing er lange, lange durch. Übernommen? Was ihm aber hoch anzurechnen ist, das ist die Tatsache, dass er nach vorne immer wieder versuchte, etwas zu inszenieren. Ohne durchschlagenden Erfolg, aber er gab nie auf. Das ist an einem solchen Tag, wenn einem Spieler nicht alles (oder nicht viel) gelingen will, schon eine anerkennenswerte Leistung. Deswegen würde ich Jansen auch keine schlechte Note geben.

Tragisch nur, dass die gute Leistung des HSV diesmal nicht belohnt wurde. Die Wolfsburger 1:0-Führung war schon wie aus heiterem Himmel gefallen (15., vorauf gegangen war ein Jansen-Fehlpass), und das 2:1 entstand einem Konter, bei dem die Hamburger Defensive höchst unglücklich aussah. Demel konnte Schäfer nicht am Flanken hindern, und in der Mitte ließen Joris Mathijsen und Jansen Grafite aus den Augen – Tor (71.). Ein herber, ein ganz, ganz bitterer und irgendwie auch unverdienter Rückschlag. Aber so ist Fußball. Und anerkennend muss auch festgestellt werden: Wolfsburgs Konter zum 2:1 war schulmäßig, und Konter sind ja auch nicht verboten . . .

Armin Veh wechselte in der 75. Minute noch zweimal aus: Jarolim und Choupo-Moting raus, Piotr Trochowski und Elia rein. Alles versucht, alles vergebens. Gerade noch hatte Petric nach Trochowski-Ecke das 2:2 auf dem (rechten) Fuß, da hieß es im Gegenzug 1:3. Grafite setzte sich gegen Jansen durch (viel zu leicht) und dann auch noch gegen Mathijsen. Auch das viel zu leicht. Dass Mathijsen nach dem Tor Jansen heftige Vorwürfe machte, ist für mich zwar nicht nachvollziehbar, aber es ist im Prinzip auch unwichtig. Es war das Tor, das die Partie entschied.

Zum Abschluss muss ich aber doch noch ein kleines Lob loswerden: Die Fans im Nordwesten waren klasse. Meine Anerkennung, in dieser Kurve wurde 90 Minuten Alarm gemacht, und das ist einfach nur vorbildlich.

Fazit: Wer diesen HSV jetzt abschreibt und verdammt, der liegt in meinen Augen (noch) daneben). Diesmal war die Leistung, anders als noch am Sonntag, gut, diesmal wäre eigentlich ein Sieg verdient gewesen, aber danach geht es leider nicht im Fußball. Die Mannschaft wird nun in Bremen zeigen müssen, was sie wirklich auf dem Kasten hat. Und ob sie die Klasse und auch den Charakter hat, einen solchen Rückschlag zu verdauen und wieder zu kommen. Bremen wird richtungsweisend.

22.02 Uhr