Tagesarchiv für den 21. September 2010

Armin Veh: “Keine Systemänderung”

21. September 2010

Nein, in die Karten wollte sich Armin Veh nicht noch einmal schauen lassen. In der Woche vor dem St.-Pauli-Spiel ließ er stets jene Elf gegen die B-Vertretung spielen, die auch am Millerntor die Kastanien aus dem Feier holen sollte. St. Pauli wusste also ganz genau, mit welcher Truppe der HSV auflaufen würde. Vor dem morgigen Spiel gegen den VfL Wolfsburg kündigte der HSV-Trainer deswegen vor dem Abschlusstraining an: „Ihr könnt heute keine Schlüsse daraus ziehen, wer zum Abschluss in welcher Formation spielen wird, ich werde mit den Aufstellungen nicht verraten, was ich gegen den VfL vorhabe.“ So war es denn auch, Veh hielt Wort.

Bunt durcheinander gewürfelt wurde gespielt: Ein Team mit Rost, Oenning, Mathijsen, Westermann, Jarolim, Tesche, Trochowski, Petric, van Nistelrooy und Elia. Die andere „Zehn“ spielte mit Drobny, Demel, Jansen, Rincon, Diekmeier, Besic, Kacar, Ze Roberto, Pitroipa und Choupo-Moting. Letzteres Team gewann wohl auch, wobei das nicht ganz so offensichtlich war. Zwei oder sogar drei Tore erzielte Ze Roberto, der einen sehr guten Eindruck auf mich machte.

Bereits um 14.15 Uhr war Paolo Guerrero aus dem Auto gestiegen und zur Kabine gehumpelt; der Peruaner wurde von einem Freund bis vor die Imtech-Arena gefahren (von dem Stadion-Namen wurde heute das große „i“ montiert!). Jeder konnte es deutlich erkennen: Guerrero wird für das Wolfsburg-Spiel auf jeden Fall ausfallen. Ebenfalls nicht mit von der Partie, und das nimmt allmählich dramatische Züge an, wird Dennis Aogo sein. Der Nationalspieler und WM-Fahrer leidet nun an einer Schambein-Entzündung und wird zwei bis drei Wochen aus dem Training genommen, um ein Spezial-Training zu erhalten. Zwei bis drei Wochen ohne Mannschaftstraining bedeutet für Aogo, dass er mindestens weitere fünf Wochen nicht zum Einsatz kommen wird. Pessimisten befürchten sogar, dass die Hinrunde für den sympathischen Abwehrspieler gelaufen sein könnte.

„Das ist schon ein Problem für uns, dass Dennis ausfällt, es wird nicht leichter für uns. Er kam verletzt von der Weltmeisterschaft zurück und stand uns bislang überhaupt noch nicht zur Verfügung. Er fehlt uns schon, das ist schon ein großes Problem, und ich hoffe, dass wir das so schnell wie möglich in den Griff bekommen.“ Was allerdings zurzeit nicht danach aussieht.

Mit von der Partie waren heute die gestern noch als leicht angeschlagen gemeldeten Collin Benjamin, David Jarolim und Eljero Elia. Ihrem Einsatz, so sie denn benötigt werden, stünde also nichts im Wege.

„Es kommt ein unmittelbarer Konkurrent von uns, obwohl wir ja kein Saisonziel ausgegeben haben, aber wir wollen oben mit rein, Wolfsburg auch, deswegen ist es ein ganz wichtiges Spiel. Sollten wir gewinnen, haben wir zwischen uns und dem VfL schon einmal ein gutes Punktepolster, dann haben wir eine riesige Ausgangsposition“, sagt Armin Veh. Wenn der HSV gewinnen sollte . . . Der Coach weiß genau, wie schwer es werden wird, denn er war vor einem Jahr noch der Wolfsburger Trainer. Veh sagt: „Der VfL hat eine sehr gute Mannschaft, hat sich ja auch noch enorm verstärkt, und er hat überragende Qualitäten in der Offensive. Da müssen wir wieder sehr diszipliniert spielen, aber wir müssen natürlich auch viel mehr die Initiative ergreifen, besonders hier zu Hause.“

Wobei das St.-Pauli-Spiel auch bei Armin Veh noch nicht in Vergessenheit geraten ist. Er befand heute noch einmal rückblickend: „Natürlich war ich damit nicht zufrieden, denn wir haben zu wenig nach vorne gemacht, waren zu wenig in Bewegung, haben den Gegner nicht zu Fehlern gezwungen.“ Dann passierte etwas, was unter dem Motto „Seltenheit“ verbucht werden kann, denn Veh übte sich in Selbstkritik: „Einerseits war es auch taktisch bedingt, es war auch meine Entscheidung, weil ich gesagt hatte, dass wir uns nicht auskontern lassen wollen, wir wollen gut stehen, um vorne auch Platz zu haben – aber das haben wir nicht gut gemacht. Es muss mehr Leidenschaft rein, so einfach wie das auch klingt. Es ist mir wichtig, dass wir das hinkriegen, bei aller taktischen Disziplin, die man braucht.“ Dann ergänzte der Coach noch: „Wenn es der Trainer so vorgibt, dann bin ich ja auch froh, dass sich die Mannschaft daran hält, keine Frage, aber wenn wir im Ballbesitz sind, dann müssen wir schneller spielen, schneller umschalten. Und das müssen wir gegen Wolfsburg auf jeden Fall machen.“ Sonst könnte es erneut, wie gegen Nürnberg und St. Pauli, ein böses Erwachen geben.

Ich habe Armin Veh heute gefragt, wie er mit einer solchen Minusleistung wie am Sonntag umgeht? Holt er die Knute raus? Gibt es Sondertraining? Wir „etwas“ mehr gelaufen? Veh: „Das kann man so pauschal nicht sagen. Ab und zu sind ja auch ein paar Emotionen dabei – und die Notwendigkeit, etwas zu machen, was man im Normalfall sonst nicht macht.“ Dann fügte er an: „Es wird nicht so sein, dass ich nun alles schlecht gesehen habe. Ich habe es auf keinen Fall gut gesehen, keine Frage, das muss ich auch sagen, ich denke von beiden Seiten war es kein gutes Spiel. St. Pauli hat ja auch nicht Fußball gespielt, die haben auch nur die langen Bälle gespielt, es war absolut kein ansehnliches Spiel.“

Dann ergreift der Trainer aber auch ein wenig Partei für seine Mannschaft: „Trotz allem muss man immer Realist bleiben. Wir haben zwei Siege und zwei Unentschieden, und man sieht, wie schwer sich auch andere Mannschaften wie zum Beispiel Leverkusen, Bayern, Bremen, Wolfsburg oder auch Schalke tun. Es gibt, da kann ich mich nur wiederholen, keine leichten Spiele mehr in der Bundesliga, die anderen Klubs haben aufgeholt.“

Morgen wird der HSV wieder mit Guy Demel in der Viererkette rechts spielen. Dass Tomas Rincon, der ihn gegen St. Pauli sehr gut vertreten hat, in der Mannschaft bleibt, scheint für mich ausgeschlossen. Einige „Experten“ hatten vermutet, dass der Mann aus Venezuela gegen Diego spielen könnte, doch davon hält Armin Veh offenbar gar nichts: „Wenn Rincon eine solche Rolle übernehmen würde, dann müsste ich ja mein System ändern, mein System aufgeben, und das werde ich mit Sicherheit nicht tun.“ Es bleibt also bei einer Spitze. Die Frage ist, wer spielt hinter Ruud van Nistelrooy? Ich rechne fest mit Mladen Petric. Und irgendwie auch mit Piotr Trochowski. Ich will (mir) mal (m)eine Mannschaft basteln: Rost, Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen; Jarolim, Ze Roberto; Pitroipa, Petric, Trochowski; van Nistelrooy. Fest steht: Dennis Diekmeier kann nicht zum Einsatz kommen, er wurde aus dem 18-Mann-Kader gestrichen.

Das morgige Spiel im Volkspark ist das Duell zweier großer Torjäger, Ruud van Nistelrooy und Edin Dzeko. Und es bringt auch ein brisantes Duell mit sich: Joris Mathijsen und Grafite. Beide hatten einst mächtig Ärger miteinander, mussten vorzeitig unter die Dusche gehen – doch das ist vergessen und abgehakt. Mathijsen sagt ganz entspannt: „Alles ist gut, und eigentlich war auch nichts los zwischen uns. Die Geschichte mit der Roten Karte, das war deshalb, weil wir Respekt voreinander hatten und auch haben, so muss es auch sein im Fußball. Wir haben uns ausgesprochen, alles ist okay, wir haben bei der WM sogar unsere Trikots getauscht.“ Mathijsen, der eigentlich stets besonnen ist, gibt zu: „Wir wissen beide voneinander, dass wir solche Dinge normalerweise nicht machen. Ich bekomme keine Rote Karten, und er auch nicht.“

Über das St.-Pauli-Spiel wollte Mathijsen an diesem Dienstag auch nicht mehr sprechen, das ist für ihn ebenfalls abgehakt. Oder, wie er sagt: „Darüber sprechen wir in der Kabine, nicht in der Öffentlichkeit.“ Immerhin gibt er zu: „Natürlich konnte man sehen, dass es ein schlechtes Spiel war, aber von beiden Seiten. St. Pauli kann vielleicht auch nicht besser, aber . . .“ Aber wir können es besser, wollte Joris Mathijsen eventuell noch anfügen, verkniff es sich aber. Sagte nur: „Keine Frage, wir müssen einfach das Spiel machen, wir müssen einfach besser sein, das waren wir nicht, und das war eine rasende Enttäuschung, und zum Glück spielen wir noch 1:1.“

Hoffen wir, dass es an diesem Mittwoch nicht eine weitere „rasende Enttäuschung“ für den HSV gibt, und hoffen wir ebenfalls, dass alle eine Lehre aus dem St.-Pauli-Spiel ziehen werden: Es muss wieder Fußball gespielt werden, mit viel Bewegung, mit Herz, mit Leidenschaft, mit Kampfgeist, mit Ideen – und mit einigen Toren. Vom HSV. Nur der HSV!

19.54 Uhr

PS: Die Glücklichen des Wolfsburg-Gewinnspiels sind ermittelt. Zwar ist die Gewinnspielspalte noch nicht erneuert worden (geht aus technischen Gründen erst am Mittwoch), doch ich sage jetzt schon einmal, wer was gewonnen hat:

Juliane Teschke aus Bayreuth erhält das Boateng-Trikot. Und Malte Lukas aus Kiel erhält die zwei Eintrittskarten für das Spiel am Mittwoch. Eigentlich hatte Rolf Barabasch aus Witten gewonnen, aber er schafft es in der Woche nicht, nach Hamburg zu kommen (und zurück), sein Gewinn wird er dann bei einem der nächsten Heimspiele erhalten.

Die Lösungen lauteten:
Frage eins: Martin Zafirov.
Frage zwei: Thorsten Kohn.