Tagesarchiv für den 20. September 2010

Die Nachwirkungen eines (verkorksten) Derbys

20. September 2010

Um es einmal positiv zu starten: Es gibt in der Bundesliga nach dem vierten Spieltag nur noch drei Mannschaften, die ohne Niederlage sind. Eine davon ist der HSV. Viel mehr ist nach dem 1:1 auf dem Kiez auch nicht hervorzuheben, denn darin waren sich nach dem Derby am Millerntor alle Beobachter sowie Freund und Feind einige: Die Leistung des HSV ist mit dürftig noch relativ milde umschrieben. Nach der Euphorie um die beiden Anfangssiege kehrt nun Ernüchterung ein. Und die Frage, die es nun bei viele HSV-Anhängern gibt, ist die: Zeigte die Veh-Truppe in den Begegnungen mit Schalke 04 und Eintracht Frankfurt ihr wahres Gesicht, oder eher in den Partie mit Nürnberg und St. Pauli?

Fest steht, dass der HSV nicht so richtig von der Stelle gekommen ist. Eher eine Rückwärts-Entwicklung genommen hat. In der Nacht nach den Derby habe ich mir die Spielweise der Dortmunder und der Mainzer einmal vor Augen geführt. Der gravierende Unterschied: Diese beiden jungen Mannschaften spielen mit Begeisterung, voller Leidenschaft, mit großem Spaß und mit riesigem Engagement Fußball. Und der HSV dagegen, so habe ich mir gedacht, spielt „Erwachsenen-Fußball“: Cool, genau durchdacht, nur kein Risiko, keinen Pfiff Unbekümmertheit. Es scheint so, als verließe sich jeder auf die individuelle Klasse des Nebenmannes. Motto: Wenn nicht jetzt, dann eben später. Aber irgendwann wird sich unsere Klasse schon durchsetzen.
Welch ein Trugschluss.

Wenn dazu dann noch einige Spieler total abtauchen, wie das am Sonntag mit Eljero Elia und Paolo Guerrero der Fall war, dann ist mit dieser selbstgefälligen Art und Weise kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Ruud van Nistelrooy war gegen St. Pauli die „ärmste Sau“. Bekam er einmal einen Ball in den Fuß, so stand er meistens gegen zwei, drei oder gar vier „Braune“ auf verlorenen Posten. Weil auch keiner der Kollegen aus dem Mittelfeld nachrückte. Für mich hat van Nistelrooy ein starkes Spiel gemacht, denn wie oft er den Ball noch hielt, im Dribbling verteidigen konnte, obwohl er hart attackiert wurde, das hatte schon Klasse. Wenn der HSV es aber nicht wieder lernt (oder in den Griff bekommt), dass mit einer Spitze nichts zu erben ist, dann gute Nacht Marie. Nur wenn es zwei, drei oder vier Spieler schaffen, mit nach vorne zu gehen, sind Torerfolge in der Bundesliga möglich. Fußball ist ein Laufspiel, daran sollten sich alle einmal erinnern. Und der Trainer sollte es seinen Leuten noch einmal einpauken. Sonst gibt es weiter solche „Gurkenspiele“ wie das am Millerntor.

Wer sich einmal genau anschaut, welche Spieler bei St. Pauli im Team standen, und welche Namen beim HSV aufgelaufen waren, der darf darüber wahrscheinlich gar nicht erst lange nachdenken, sonst bekommt er die Krise.

Ob Bernd Hoffmann solche Gedanken schon hegte? Oder Sportchef Bastian Reinhardt? Und dabei auch einmal schnell gedanklich nach Dortmund huschte? Weil dort ein Japaner namens Kagawa spielt? Was heißt spielt? Der Junge wirbelt die Liga durcheinander. Frech, frisch, unbekümmert. Und das für eine Summe, die sich zwischen 250 000 und 350 000 Euro (da sind sich die Experten noch nicht ganz einig) belaufen soll. Man kann also nicht nur mit ein paar Dollars mehr erfolgreich sein, sondern auch mit Auge – und der Portokasse.

Reinhardt nahm zum St.-Pauli-Spiel noch einmal Stellung, und ich muss sagen: Der ehemalige Spieler „Basti“ spricht Klartext als Sportchef. Das gefällt mir. Sehr gut sogar. In meinen Augen ist es schon erstaunlich, wie schnell der Ex-Profi den Übergang zum Chef vollzogen hat – auch wenn es die meisten HSV-Fans nicht (noch nicht) wahrhaben wollen. Ich aber sehe das so, und zwar ohne wenn und aber. Reinhardt wird seinen Weg gehen, er hat ihn jetzt schon absolut gut beschritten. Und, um Euch das noch einmal zu sagen: Ich habe mich zuletzt oft in seine Lage versetzt, wie ich als Ex-Spieler mit meinen ehemaligen Kollegen umgehen würde. Das Ergebnis ist eindeutig: Ich hätte mehr Skrupel als Reinhardt. Der ist schon knallhart (geworden).

Sein Fazit zum Beispiel nach dem Derby: „Das war kein gutes Fußballspiel, das war Kampf und Krampf.“ Und zu Mladen Petric, der den HSV Sekunden vor dem Schlusspfiff noch mit seinem Sonntagsschuss rettete, befand der Sportchef: „Er ist ein Spieler des HSV, ich denke man kann von ihm erwarten, dass er ein solches Tor schießt. Er ist ein Spieler, der solche Klasse mit sich bringt, und die hat er gestern gezeigt.“ Was wäre aber ohne Petric gewesen? Reinhardt ausweichend: „Wir denken jetzt darüber nach, dass wir am Mittwoch ein Spiel gegen Wolfsburg haben. St. Pauli ist abgehakt, und über Mladen haben wir in den letzten Wochen schon genug gesprochen, auch dieses Thema ist abgehakt. Er hat in der Woche sehr gut trainiert, hatte sich seinen Einsatz verdient gehabt – er hat seinen Einsatz auch gerechtfertigt, indem er ein herrliches Tor geschossen und – und nun blicken wir nach vorne.“ Und: „Ich hoffe, dass es ein Neuanfang für Mladen ist, und ich würde mich freuen, wenn er nun gegen den VfL Wolfsburg gleich nachlegen würde.“

Das ist kein „Rumgeiere“, das ist cool, überlegt und auch distanziert gesagt. Respekt.

Ob mehr dahinter steckt, ob das Verhältnis Spieler – Klub überhaupt noch einmal zu kitten ist, das weiß außer der HSV-Führung (und Mladen Petric selbst) wohl kaum einer. Auf jeden Fall wird Armin Veh für das Wolfsburg-Spiel wohl nicht an Mladen Petric vorbeikommen, ich gehe fest davon aus, dass der Kroate seine Chance von Beginn an bekommen wird. Zumal es vier angeschlagene Spieler gibt, die eventuell gegen den VfL nicht zum Einsatz kommen können: Collin Benjamin hat sich eine Grippe genommen, Elia erhielt einen Schlag auf die Achillessehne, Guerrero erhielt einen Tritt in die Wade, David Jarolim hat mit einem Pferdekuss zu kämpfen. Schlecht ist es vor allem um Guerrero bestellt, auch Elia ist wohl nicht nur angeschlagen, während „Jaro“ wohl seine Zähne zusammenbeißen wird und aufläuft.

Um noch einmal auf das Petric-Tor zurück zu kommen. Bastian Reinhardt gibt zu: „Das war pure Erleichterung, denn ich konnte mir nicht wirklich ausmalen, was passiert wäre, wenn wir dieses Spiel verloren hätten.“ Dann sagt der Sportchef auch: „Wie die Mannschaft nach Rückschlägen immer wieder zurückkommt, da ziehe ich den Hut vor.“ Dass es ein mieses Spiel gerade vom HSV war, hat Reinhardt auch gesehen, aber er versucht es zu erklären: „Es lag ein enormer Druck gerade auf uns, denn wir durften dieses Spiel auf keinen Fall verlieren. Verliert St. Pauli, dann sagen alle: ganz normal. Wenn wir aber verlieren, ist das eine Katastrophe.“ Woran aber lag es, dass es diesen Grotten-Kick vom HSV gab? Reinhardt: „Wir haben uns zu sehr das Spiel des Gegners aufzwingen lassen, mit langen Bällen, einigen Scharmützel, im Kampf um den zweiten Ball. Haben auch zu wenig unseren Fußball gespielt.“

Ist es aber vielleicht auch die Frage des Systems? Wären zwei Spitzen, van Nistelrooy und Petric, nicht geeigneter? Armin Veh wird sich gerade nach einem solchen Musterbeispiel, wie es nicht geht, nicht auf eine neue Taktik einlassen. Ganz sicher nicht. Er wird es eventuell in den nächsten Wochen überdenken, sollte es weiter solche blutleeren Vorstellungen seiner Mannschaft geben, aber jetzt wird er garantiert nicht „einknicken“. Zumal Nationalspieler Marcell Jansen lobte: „Die Trainer leisten bislang ganz hervorragende Arbeit, wir machen ein wirklich sehr gutes Training, und wir werden zu den Spielen auch hervorragend eingestellt.“

Ich hatte während des Derbys immer mal den Eindruck, als wenn nicht alle Spieler alles (auch körperlich) geben. Oder mental nicht bereit waren, es zu tun. Und wenn ich an Frank Rost erinnere, dem nur noch die „rosa Röckchen“ gefehlt haben, dann sah es zumindest ein HSV-Spieler auch so wie ich. Angst? Angsthasen-Fußball? Reinhardt kontert: „Das sehe ich nicht so. Es ist ein anderes Spiel gewesen. Das ist so, als wenn die Bayern im Pokal gegen einen drittklassigen Gegner antreten müssen, und es wird dann eng. Dann kann man auch sagen: Die Bayern haben doch Erfahrung, die sind clever, die haben Klasse. Es ist aber nur ein Spiel, und da kann alles auf den Kopf gestellt werden, das macht ja auch den Reiz des Fußballs aus. Und der Bundesliga. Und eines Derbys.“

Wie aber kann es sein, dass einige Spieler in einem so wichtigen Spiel, von dem ganz Hamburg eine Woche lang gesprochen hat, so krass abfallen? Elia zum Beispiel. Er kommt einfach nicht in Fahrt. Alles das, was er einst konnte, was er auch bei der WM angedeutet hat (mehr als angedeutet sogar), das lässt er bislang beim HSV vermissen. Reinhardt: „Er ist mit sich auch nicht zufrieden, er verlangt viel mehr von sich. Und ich bin überzeugt davon, dass er es noch zeigen wird.“ Ich habe das in den letzten Wochen mehrfach betont, ich hatte diese Hoffnung auch, aber allmählich plagen mich einige Zweifel. Es ist bei mir ähnlich wie zuletzt bei Marcus Berg. Von dem hatte ich auch immer seine Explosion erhofft, aber sie kam nie.

Und Guerrero? Ich glaube, dass er es mental nicht verkraftet hat, ab jetzt den Spielmacher zu geben. Anfangs (in den Testspielen auf dem Dorf) hat er diese Rolle „geschnallt“, jetzt läuft er nur noch mit. Wahnsinn. Er läuft und läuft und läuft, aber der Ball rollt oft, zu oft an ihm vorbei. So wird er dem HSV keine Hilfe sein, so wird er diese Rolle nie ausfüllen können, so wird er auf der Strecke bleiben. Guerrero wird es lernen müssen, nicht nur ein Tempo zu laufen, sondern auch mit in die Spitze zu gehen, um van Nistelrooy eine Unterstützung zu sein. Und auch, um hin und wieder selbst ein Tor schießen zu können. Davon war Guerrero am Sonntag meilenweit entfernt.

Und was kann der HSV noch von Gojko Kacar zu erwarten? Der Serbe war gegen St. Pauli nicht mal im Kader! Reinhardt: „Gojko legt jetzt Sonderschichten ein, um in die Verfassung zu kommen, mit der uns helfen kann.“ Also kein Fehleinkauf? „Wir denken perspektivisch. Wir geben einem Spieler ja keinen langfristigen Vertrag, um nach wenigen Wochen zu sagen, es geht nicht, tschüs. Man muss den Spielern schon Zeit geben, dass sie sich eingewöhnen können – was in Hamburg ja traditionell schon schwer ist, weil man hier immer sofort zu funktionieren hat“, sagt Bastian Reinhardt.

Da aber klaffen Anspruch und Wirklichkeit im Moment ein wenig (oder zu viel) auseinander. Der HSV müsste eine Mannschaft wie St. Pauli eigentlich bezwingen und beherrschen können, er konnte es aber nicht. Marcell Jansen nennt eine Ursache: „Das Nachrücken fehlte. Wenn man, wie zum Beispiel ich, auf dem Flügel durch ist und den Ball zur Mitte bringt, dann müsste dort eigentlich einige Spieler in Stellung gelaufen sein. Aber am Sonntag stand da meistens Ruud van Nistelrooy ganz allein.“ Mit Sicherheit ein großes HSV-Manko an diesem Tag. Fehlender Mut? Oder Angst, die Defensive zu entblößen? Ein lieber Kollege (von der Welt) hat es heute „Beamten-Fußball“ genannt. Trifft es schon ganz gut. Vor einem Jahr noch spielte der HSV noch Hurra-Fußball, mit Beginn dieses Jahres ging es dann steil bergab – und so ganz kann sich die Mannschaft wohl noch nicht von diesem Trott lösen.

Marcell Jansen, der sich heute sehr viel Zeit gelassen hat, um mit uns über das Derby, den Fußball allgemein und über die Zukunft zu sprechen, sagt zur momentanen Situation des HSV: „Wir müssen es wieder hinbekommen, mit Leichtigkeit und einer gewissen Gradlinigkeit zu spielen. Das müssen wir uns ankreiden lassen, da gibt es noch eine kleine Blockade bei uns, die müssen wir lösen.“ Dann vertritt der Nationalspieler noch eine ganz pikante Meinung: „Ich sehe dennoch nicht schwarz, im Gegenteil, ich finde es gut, dass es nicht so ein Selbstläufer wie vor einem Jahr ist. Denn dann denkt wieder jeder, dass es bis zum Ende so durchgeht – und man fällt in der Rückrunde in ein Loch, aus dem man dann nicht wieder herauskommt.“ Eine hoch interessante These. Die am Mittwoch zu überprüfen sein wird.

PS: Die Glücklichen des Gewinnspiels werden morgen ermittelt, es kann also noch bis Mitternacht gerätselt werden – dann gibt es ein neues Gewinnspiel.
Und noch eine private Sache: Wer sich gewundert hat, dass hier erst jetzt ein Bericht zu lesen ist, dem sei gesagt: Mein Kollege Christian Pletz, der heute eigentlich am Start gewesen wäre, hat sich in seinem gestrigen Bezirksliga-Spiel einen Knöchel gebrochen. Das wurde heute erst per Kernspin-Tomographie festgestellt. Da ich nachmittags einige privaten Dingen (wir haben eine große Baustelle bei uns zu Hause) regeln musste, konnte ich erst abends schreiben. So spielt das Leben. Sorry.

20.20 Uhr