Tagesarchiv für den 19. September 2010

Petric rettet den HSV!

19. September 2010

Puuh! Das ging gerade noch einmal – nicht ganz daneben. 1:1 bei St. Pauli, da hatten viele, viele HSV-Anhänger doch schon mehr erwartet. Aber wenn der Ausgleich für den HSV erst Sekunden vor Schluss fällt, dann muss man ganz einfach zufrieden sein.
Die Mitspieler gingen nach dem Schlusspfiff alle auf Mladen Petric zu, jeder klopfte dem Kroaten auf die Schultern oder “wuselte” ihm durch das kaum vorhandene Haupthaar. Der „schmollende Torjäger“, erst in der 62. Minute (danke!) eingewechselt, rettete dem HSV, seinem HSV, mit einem herrlichen 20-Meter-Schuss zum 1:1 in der 88. Minuten wenigstens noch einen Punkt.

„Wir haben erst so richtig angefangen Fußball zu spielen, als wir 0:1 zurück lagen“, sagte Petric, der nach seinem Treffer keine Freude zeigte. Ohne Gefühlsregung ließ er die Jubelarien der Kollegen über sich ergehen. Wohl wissend, dass er auf die gesamte Situation (mit dem verpatzten Wechsel nach Stuttgart) die wohl beste Antwort gegeben hatte. Die Abtastphase in diesem Derby hatte 77 Minuten gedauert, erst als Boll St. Pauli in Führung geschossen hatte, kam so etwas wie Leben in die Bude. Das 1:1 war absolut gerecht.

Am Vorabend zappte ich nach den Amateur-Ergebnissen auf N 3. Plötzlich landete ich auf einer Tafel, die sich Liveticker nannte. Da stand: FC St. Pauli – HSV 1:0. Rote für Guy Demel. Muss ein Scherzkeks dort hinein geschrieben haben, aber es war interessant zu lesen . . . Demel war dann beim Spiel nur auf der bank. Völlig überraschend nur Ersatz, weil seine Frau nachts ins Krankenhaus gebracht werden musste. Demel fuhr nach Hause, um dort auf die Kinder aufzupassen. Als der Abwehrspieler am Morgen wieder zur Mannschaft stieß, ließ ihn Trainer Armin Veh draußen, weil diese Vorbereitung ja ganz sicher nicht leistungsfördernd war. Aber ist ja alles nur menschlich. Für Demel kam Tomas Rincon zum Einsatz, eine gute Lösung, auf die ich später noch einmal zurückkomme.

Es ging ja schon vor dem Anpfiff hoch her. Auf der Reeperbahn sollen Wasserwerfer im Einsatz gewesen sein. Die bessere Einstimmung gab es aber im Stadion. Die St.-Pauli-Fans zogen sich noch einmal an einem „Filmchen“ hoch, der vom 3. September 1977 datierte. Damals gab es einen 2:0-Sieg der „Braunen“ beim HSV. Noch heute wurden die Tore von Kulka und Gerber lautstark umjubelt. Die HSV-Fans hatten sich mit einem großen Plakat präpariert: „Ihr hier? Wer trinkt denn jetzt die Latte Macchiato in der Schanze?!“ Die St.-Pauli-Anhänger antworteten mit „Zugabe“-Rufen. Und lachten sich Minuten später fast kaputt, als die HSV-Fans ein Plakat über die gesamte Kurve zogen – aber leider falsch herum. Was das die St.-Pauli-Fans zu hämischen Rufen veranlasste: „Falsch rum!“ Und: „Anders rum!“ Merkte aber niemand. Oder es war so geplant? Auf jeden Fall war die Atmosphäre schön aggressiv. Die HSV-Hymne von Lotto King Karl wurde komplett niedergebrüllt. Und dem HSV wurde per Plakat gezeigt, was HSV wirklich heißt: „Hunde-Sport-Verein.“

Im Stadion blieb es aber friedlich. Obwohl im Süden fast pausenlos geschrieen wurde: „Scheiß HSV!“ Aber: Wir erinnern uns, das wurde umgekehrt schon vor Wochen im Nordwesten des Volksparks skandiert. Es ist eben so. Solange es bei diesen verbalen Attacken bleibt – sollen sie.

Immerhin hatten die Fans etwas zu bieten. Was man von den 22 Spielern auf dem Rasen nicht unbedingt sagen kann. Es war schon ein merkwürdiges Derby. Entweder lähmte der Hexenkessel, es war Angst oder es gab diesen übergroßen Respekt. Im Zweifel quer oder zurück. Fußball aber geht anders. Auch mit viel mehr Finesse, mit Ideen, mit Mut zum Risiko. Das war aber kaum einmal zu sehen, und das war dann doch schwer enttäuschend. Obwohl es immer spannend war. Bezeichnend: Der erste Schuss des HSV in Richtung (!) St.-Pauli-Tor erfolgte in der 24. Minute. Eljero Elia drosch die Kugel weit über die Stangen.

Der HSV versuchte es in meinen Augen auch oft zu körperlos, wenn es angebracht war, Präsenz zu zeigen. St. Pauli war in diesem Punkt leicht führend: David Jarolim lag nach einem Ellenbogen-Kontakt mit Hennings am Boden, und Jarolim lag noch einmal auf dem Rasen, als er von Oczipka ziemlich rustikal umgetreten worden war. Der Übeltäter sah Gelb, „Jaro“ wurde fortan bis zum Halbzeitpfiff bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen. So geht es eben auch, ein wenig leicht unfair, Gelb hatte in dieser Szene übrigens auch Paolo Guerrero gesehen, denn er hatte Bruns geschubst. Weil Bruns den am Boden liegenden Jarolim „angemacht“ hatte. Das hätte Schiedsrichter Florian Meyer eigentlich auch ahnden müssen, aber er tat es nicht.

Nur zwei gute Szenen hatte der HSV bis zum Halbzeitpfiff: Ein Kopfball von Joris Mathijsen (nach Ze-Roberto-Freistoß) flog über das Tor, und als Jonathan Pitroipa fast durch war, grätschte in höchster Not noch Thorandt dazwischen. Pause.

Das Spiel wäre wohl auch bis zur 90. Minute so dahingeplätschert, wenn nicht das 1:0 für die Hausherren gefallen wäre. Petric, der in der 62. Minute für Paolo Guerrero gekommen war, sorgte allein durch seine Anwesenheit für Unruhe auf dem Rasen. Endlich einer, habe ich so bei mir gedacht, denn nach vorne brachten beide Teams ja herzlich wenig zustande. Was mich vor allem vom HSV enttäuschte. Ruud van Nistelrooy erhielt kaum einmal nennenswerte Unterstützung in der Spitze, und über die Flügel passierte kaum einmal etwas Produktives. Links war Eljero Elia fast ein Totalausfall, rechts war Pitroipa wenigstens ab und zu mal so unterwegs, dass man doch seinen Willen erkennen konnte, etwas bewegen zu wollen. Nein, in der HSV-Offensive fand so gut wie nichts statt – obwohl es doch „nur“ gegen den Aufsteiger FC St. Pauli ging.

Im Mittelfeld war Jarolim in Halbzeit eins zwar sehr bestimmend, aber auch er erhielt kaum Unterstützung. Guerrero lief in einem Tempo über den Rasen, ging immer weit, viel zu weit für meine Begriffe zurück, hatte aber auch keine Ideen, die dem Offensivspiel hätten helfen können. Das war gar nichts! Oder noch besser gesagt: schwach! Bei Ze Roberto flackerte das große Können zwar einige Male auf, aber insgesamt viel zu wenig. Der Brasilianer zog sich auch für meine Begriffe zu oft zu weit nach rechts – ob das Taktik war? Wenn ja, hat sie dem HSV nicht geholfen.

Die linke Defensive des Favoriten zeigte für mich einige Schwächen. Wenn St. Pauli in Ansätzen gefährlich war, dann ging es über die linke Seite des HSV. Dort landete so mancher 30- oder 40-Meter-Pass bei einem St.-Pauli-Spieler, obwohl der Ball doch so lange unterwegs war, dass man ihn hätte „fotografieren“ können. Marcell Jansen, das muss ich an dieser Stelle sagen, muss mehr, muss viel mehr kommen, er wirkte auf mich gehemmt, einige Male auch unkonzentriert. Da fehlen an 100 Prozent noch mindestens 30.

Zentral standen Heiko Westermann und Mathijsen souverän, sie ließen kaum etwas zu, und rechts fügte sich Rincon sofort gut ein – er rettete schon in der Anfangsphase einige Male recht gekonnt. Und obwohl der kleine Mann mit dem großen Kämpferherz später (60.) noch die Gelbe Karte sah, muss ich sagen: Er hat schon viel gelernt. Gegen den heißblütigen Naki, so habe ich mir gedacht, könnte Rincon leicht übermotiviert auch einen Platzverweis riskieren – aber das tat er nicht. Kompliment.

Das gebe ich auch an Frank Rost, der sich nur einmal leicht aus der Ruhe bringen ließ, als er von Hennings attackiert wurde und dadurch den Ball nicht nach vorne schlagen konnte. Ansonsten spielte Rost in seinem 400. Bundesliga-Einsatz (Glückwunsch) eine astreine Partie, an der es nichts zu meckern gab. Beim St.-Pauli-Tor dürften ihm Westermann, Jarolim und Ze Roberto leicht die Sicht versperrt haben.

Fazit: Der HSV kann es wesentlich besser, aber er ist mit diesem Unentschieden noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Die Passivität, die es lange zu sehen gab, wurde nicht bestraft – und das ist schon als glücklich zu bezeichnen.

Resümee von St.-Pauli-Trainer Holger Stanislawski: „Es war kein gutes Fußballspiel.“ Und Frank Rost befand später: „Es herrschte vor dem Spiel viel zu viel Harmonie, es hat nur noch gefehlt, dass wir hier mit rosa Röckchen aufgelaufen wären . . .“ So kann man es natürlich auch sehen.

18.01 Uhr