Tagesarchiv für den 18. September 2010

Bitte bleibt fair!

18. September 2010

Geht es Euch auch so? Überall wo man hin kommt nur die eine Frage: „Na, wie geht das Derby aus?“ Im Video habe ich mich ja weit aus dem Fenster gelehnt und einen 3:1-Sieg des HSV prophezeit. Je näher aber das Spiel rückt, umso weniger bin ich von einem klaren Sieg des Favoriten überzeugt. Kämpfer gegen Schönspieler – wer gewinnt? Das ist hier die Frage. Beim heutigen Training im Volkspark wurde ich auch einige Male gefragt. Wenn ich dann antwortete, dass es wohl eine ganz knappe Geschichte geben könnte, dann bekam ich zur Antwort: „Ach was, der HSV hat doch die klar besseren und routinierteren Einzelspieler.“ Das stimmt ja, aber ist das gleichbedeutend damit, dass die Mannschaft, die solche Spieler in ihren Reihen hat, auch immer der Sieger ist?

Ich habe heute vor dem Training folgenden Vergleich gezogen: 1983, der große Europapokal-Erfolg des HSV. Der war in Athen gegen die Millionäre von Juventus Turin krasser Außenseiter. Natürlich hatte der HSV für uns Hamburger eine Klasse-Mannschaft, natürlich war das Team um Horst Hrubesch in der Bundesliga die Nummer eins – aber Juventus hatte viele, viele Weltstars im Team. Eigentlich wäre damit auch schon die Frage nach dem Sieger geklärt gewesen, aber eben auch nur eigentlich. Der HSV wuchs über sich hinaus – und das haben so manche Außenseiter eben auch so an sich. Zumal dann, wenn der Trainer ein großer Motivationskünstler ist – und Holger Stanislawski ist ein solcher Coach. Er, der ja auch einst für den HSV (in der Jugend) spielte, ist für mich der perfekte 12. Mann seines Teams.

Entscheidend wird sein, ob und wie der HSV umschalten kann. Vom Spielerischen zum Kämpferischen. „Es wird heiß zur Sache gehen“, hat ja Frank Rost vorhergesagt. Hoffentlich von beiden Mannschaften. Wenn Rost im Feld spielen würde, dann hätte ich keine große Angst, denn der Keeper würde mit Sicherheit den großen Worten auch Taten folgen lassen. Hoffentlich wird Rost seinen Vorderleuten verbal genügend Dampf machen, damit diese dann mit der nötigen Aggressivität in diese brisanten 90 Minuten gehen.

Das heutige Abschlusstraining aber sah nicht so aus, als würde dort schon etwas hoch kochen. Es ging eher gemächlich zur Sache. Erst gab es einige Laufeinheiten über jeweils zehn Meter, dann wurde Handball gespielt – mit einem Kopfball als Torabschluss. Es spielte A gegen B, wobei David Jarolim zunächst bei B spielen musste. Es gab einige Sekunden Verwirrung auf den billigen Plätzen, aber dann war schnell kalr: „Jaro“ war das Opfer, weil es für elf gegen elf nicht genügend Spieler gab. Auffällig bei diesem Handballspiel: Das ist nicht Ruud van Nistelrooys Disziplin, er lag mit seinem Abspiel per hand doch einige Male krass daneben. Und Tomas Rincon vergab eine Kopfballchance aus zwei Metern, die mit drei Elfmetern gleichzusetzen war. Ob der Mann aus Venezuela deshalb später als einziger Profi (freiwillig) noch Liegestütze machte?

Später setzte der große Regen ein, und es spielte A (diesmal mit Jarolim)gegen den Rest von B, der allerdings nur angriff und nicht verteidigen musste, B spielte ohne Torwart und mit den Aufbauspielern Michael Oenning und Reiner Geyer. Begleitet wurde diese Einheit doch von einigen HSV-Fans (es mögen 50 gewesen sein), die sich im Stadion vor der „Raute“ aufhalten mussten, die aber fleißig sangen und ihre Männer anfeuerten. Das war genau die richtige Einstimmung für das Derby.

Zwischendurch wurden auch noch einige Eckstöße (von Ze Roberto) zur Mitte gebracht, aber es waren höchsten vier oder fünf. Was dabei auffiel: Armin Veh nahm sich lange Zeit, um jeden Spieler genau richtig zu postieren. Bevor es den ersten Schuss zur Mitte gab, vergingen Minuten. Später durfte auch Piotr Trochowski noch einige Eckbälle schlagen, damit sich die HSV-Abwehr schon mal auf Standards einstellen konnte. „Troche“ und Mladen Petric, beide wie erwartet nicht im A-Team, brachten danach auch noch einige Freistöße aus der halbrechten Position zur Mitte, ein Tor aber fiel weder nach einem Eckstoß noch nach einem Freistoß, Frank Rost hielt die Bälle souverän. Der Keeper ist ohnehin meine ganz große Hoffnung auf das Spiel am Millerntor. Er strahlt derzeit eine unglaubliche Ruhe aus, und er weiß wohl auch ganz genau, dass er im Moment topfit ist.

Da steht schon ein unheimlicher Bär zwischen den Pfosten des HSV-Gehäuses, ihn wird wohl auch der Hexenkessel auf dem Kiez nichts anhaben können. Wobei ich noch einmal kurz auf diese Woche zurück blicken möchte. Da kam der „rasende“ Matz-ab-Reporter „Benno Hafas“ einmal zu mir angehastet und sagte; „Hast du das gehört und gesehen? Frank Rost hat eben den Jaroslav Drobny gelobt.“ Ja, so kann es gehen. Rost und Drobny wechselten sich beim Schusstraining zwischen den Pfosten ab, so stand ein Keeper im Tor, der andere nur einen Meter daneben. Und als Drobny einige sehr scharfe und bestens platzierte Schüsse hielt, da lobte Rost dann seinen Vertreter auch schon mal. Da sind offenbar zwei Torhüter, die auf dem besten Wege sind, die Eiszeit zwischen sich zu beenden. Es wäre ja zum Wohle der Mannschaft, der HSV-Gemeinschaft. Und das würde helfen, den Weg zu neuen Erfolgen zu ebnen. Wie gesagt, Frank Rost wirkt auf mich zurzeit so sicher wie die Bank von England.

Zum Abschluss der heutigen Einheit durfte dann jeder nach Herzenslust schießen. Ruud van Nistelrooy schnappte sich einen Ball und versuchte sich gegen Drobny als Elfmeterschütze. Ist ja gut möglich, dass der Niederländer dann schießen muss, wenn es einen Strafstoß gibt. Die etatmäßigen Schützen sitzen ja nur auf der Bank: Petric und Trochowski. Die ersten beiden Schüsse hielt Drobny, dann verwandelte „Van the man“ den dritten Elfmeter souverän. Aber erst den dritten!

Dann war Ende des Trainings. Und es gab zwei kleinere Überraschungen personeller Art: Weder Dennis Aogo noch Gojko Kacar sind im Kader. Zwei Härtefälle? Aogo hielt zwar durch, ist aber noch nicht so weit. Und bei Kacar, das muss ich so sagen, hat Armin Veh nach Trainingseindrücken entschieden, und diese waren in dieser Woche nicht gerade berauschend. Der Serbe muss sich deutlich besser einbringen, muss auch von der Körpersprache her noch kräftig zulegen, um so Ansprüche auf einen Platz in der Mannschaft (oder im Kader) zu untermauern. So wird es noch dauern, bevor er eine Hilfe für den HSV sein kann.

So, nun möchte ich Euch noch einmal ganz nett bitten, morgen keine Randale mit den Leuten des FC St. Pauli zu beginnen. Versucht es friedlich, freut Euch über ein Derby, auf das Hamburg acht Jahre gewartet hat, freut auch ein eine außergewöhnliches Fußballspiel – aber verbringt diesen Sonntag ohne jede Gewalt. Diese große Bitte haben 99 Prozent der Hamburger Fußball-Anhänger, bitte respektiert diesen Wunsch und seid faire Fans. Wie toll wäre es, wenn alle Hamburger Medien am Abend oder am nächsten Tag von einem gewaltfreien, von einem absolut friedlichen Derby sprechen und berichten würden. Es wäre ein Sieg für den Fußball. Egal wer dieses Spiel am Ende gewonnen hat.

18.32 Uhr