Tagesarchiv für den 16. September 2010

(K)ein Spiel wie jedes andere

16. September 2010

In den Tagen vor einem Derby werden ja immer wieder sehr gerne alte Derby-Geschichten hervor gekramt. Von allen Zeitungen, Rundfunkanstalten und Fernsehsendern. Und auch ich möchte mich da nicht ausnehmen. Die Geschichte erzählte ich mittags schon meinen Kollegen, es war ein sonderbarer und einzigartiger Vorfall. Ich glaube, es war das Spiel St. Pauli gegen den HSV am 14. März 1997, das 2:2 endete. Der Zwischenfall aber ereignete sich bereits vor dem Spiel. Plötzlich stand, als sich die Mannschaften im Volksparkstadion umzogen, HSV-Zeugwart Klaus „Edu“ Freytag vor der Kabine. Vor, und nicht mittendrin. Er ging nervös auf und ab, wusste nicht wohin er sollte – auch nicht mit seinen Gedanken. Was war passiert? In der Woche hatte Freytag zum Telefon gegriffen und seinen St.-Pauli-Kollegen Claus „Bubu“ Bubke angerufen. Tenor des Gesprächs: „In welcher Tracht spielt ihr?“ So sprachen dann die beiden Zeugwarte schiedlich-friedlich ab, wie ihre jeweiligen Teams zu spielen haben.

Wohl gemerkt: die Zeugwarte! Nichts Böses dabei denkend, natürlich nicht. Erst als Felix Magath im Stadion feststellte, dass der HSV so zu spielen hatte, wie es die Jungs, die die Wäsche unter sich hatten, beschlossen und ausgeklügelt hatten, explodierte der HSV-Coach. Er ging in die Luft wie das damals so berühmte HB-Männchen, denn der gute Felix wollte in einer besonderen Tracht, in der sein Team bislang nur gewonnen hatte, spielen lassen. Das aber ging nun – natürlich – nicht mehr. Kurzerhand schmiss der zornige HSV-Trainer deshalb seinen Zeugwart aus der Kabine. . . Strafe muss sein. Und sie hielt an. Es dauerte meines Wissens Monate, bis „Edu“ Freytag wieder einmal die Kabine des HSV betreten durfte. So kann es (auch) gehen.

Zum heutigen Tag beim HSV. Auffällig ist, dass Armin Veh seinen Jungs die Möglichkeit geben will, sich bestens einzuspielen. Auch an diesem Donnerstag wurde ausgiebig A gegen B gespielt. Heute die „richtige“ Stamm-Elf, denn Frank Rost und David Jarolim, die gestern noch fehlten, waren mit von der Partie. Es spielten: Rost, Demel, Westermann, Mathijsen, Jansen; Jarolim, Ze Roberto; Pitroipa. Guerrero, Elia; van Nistelrooy. Letzterer schoss auch beide Tore zum 2:0-Sieg, wobei er das erste wieder in unnachahmlicher Art machte. „Van the man“ setzte sich im harten, aber fairen Duell gegen Collin Benjamin durch. Als der Niederländer frei vor Keeper Jaroslav Drobny auftauchte, drosch er die Kugel nicht irgendwie „blind“ n Richtung Tor, sondern hob den Ball mit dem linken Fuß hoch unter die Torlatte. Eiskalt, abgebrüht, wunderschön. Das kann in dieser Perfektion nur Ruud van Nistelrooy.

Auffällig weiterhin: Weil Muhamed Besic „über“ war (es spielten elf gegen elf), brachte Co-Trainer Reiner Geyer den Innenverteidiger an das Kopfballpendel. Ja, Ihr habt richtig gelesen, ans Kopfballpendel. Da habe ich seit Uwe Seelers Zeiten (nein, ich weiß, es ist übertrieben und stimmt nicht!) keinen HSV-Spieler mehr gesehen. Und Besic blieb dort fast eine halbe Stunde, köpfte immer und immer wieder. Zur Nachahmung für andere „Stars“ dringend empfohlen (Eljero Elia, Paolo Guerrero, Jonathan Pitroipa, um nur einige zu nennen).

Gegen Ende der „Veranstaltung“ gab es noch etwas ganz Besonderes zu beobachten: Armin Veh holte sich mitten auf dem Trainingsplatz Mladen Petric, der wie Piotr Trochowski wieder in der B-Formation gespielt hatte, zu sich. Beide sprachen eine gewisse Zeit, während die anderen Spieler ausliefen. Dann beendeten sie ihr Gespräch. Aber nicht einfach so, sondern mit einem Aha-Erlebnis für mich: Veh legte für eine Sekunden seinen rechten Arm auf die Schulter von Petric, schob den Stürmer dann in Richtung der laufenden Spieler und gab ihm noch einen kleinen Klaps auf den Po. Der Beginn einer großen und leidenschaftlichen Freundschaft? Auf jeden Fall war es mal wieder eine kleine Annäherung, die mir Hoffnung auf baldigen Frieden macht. Obwohl bei dem Wort „Frieden“ sicher einige Leute beim HSV zusammenzucken werden und bei sich denken: „Friede? Wieso Frieden? Es ist doch alles in bester Ordnung. Es gibt keinen Streit.“ Da fällt mir, bitte verzeiht, mir der Uralt-Witz ein: Treffen sich zwei Freunde. Fragt der eine den anderen: „Du, sag mal, wie ist deine Frau im Bett.“ Die Antwort: „Die einen sagen so, die anderen so . . .“ Friede. Und ich bitte alle um Verzeihung, denen das zu platt war – ich bin ja bei Euch.

Zurück zum ernsthaften Fußball. Derby-Time. Ganz Hamburg scheint dem Spiel am Sonntag entgegen zu fiebern, der Kick am Millerntor ist unter Fußball-Fans das Gesprächsthema Nummer eins, die Spannung steigt unaufhörlich. Für Piotr Trochowski aber zählt das nicht. Der Mittelfeldspieler sagt zum Derby: „Für die Fans ist es etwas Besonderes, aber für uns Spieler ist es ein Spiel wie jedes andere auch. Wir wollen gewinnen, und wir wollen die Nummer eins in Hamburg bleiben.“ Dann ergänzt der Nationalspieler, der wieder auf der Bank Platz nehmen wird müssen, noch: „Wir gehen natürlich total fokussiert wie immer in dieses Spiel, in dem wir die Favoriten sind. St. Pauli wird leidenschaftlich kämpfen und alles geben, aber wir sind die bessere Mannschaft.“

„Troche“ spielte einst, von Billstedt-Horn kommend, in der C-Jugend beim FC St. Pauli, er war mit 13 ans Millerntor gewechselt, wurde dann aber, mit 15 Jahren, zum FC Bayern nach München geholt. Heute sagt er: „Ich freue mich auf das Derby. Und ich hoffe, dass die Zuschauer zufrieden nach Hause gehen werden, weil sie ein gutes Spiel gesehen haben.“ Dass der HSV die bessere Mannschaft hat, das war bekanntlich auch gegen den 1. FC Nürnberg zuletzt der Fall – auf dem Papier. Wichtig ist aber, was dabei herum kommt. Hinten wird die Ente fett, das Ergebnis zählt, nur das Ergebnis. Der HSV wird ebenfalls mit Leidenschaft und Herz zur Sache gehen müssen, um auf dem Kiez bestehen zu können. Trochowski sagt: „Wir sind spielerisch besser, sind erfahrener und cleverer, das müssen wir am Sonntag auf dem Spielfeld zeigen.“ Wenn das aber so leicht wäre, dann würde sich ja wohl der Favorit, unabhängig von HSV und St. Pauli, ja immer durchsetzen, aber das ist ja reine Utopie.

Das sagt auch David Jarolim, der seit einem Tag Vater einer Tochter ist. Der Tscheche sagt über den Kontrahenten vom Sonntag: „Ein sehr unangenehmer Gegner, aber wir werden uns entsprechend auf diese 90 Minuten vorbereiten.“ Dann fügt „Jaro“ noch hinzu: „Ich weiß, dass das Derby für viele Fans das absolut Größte ist, ich hoffe nur, dass der Fußball im Mittelpunkt stehen wird und dass alles friedlich bleiben wird.“ Dass es bislang keine großen Sprüche gab, die das Spiel noch zusätzlich anheizen würden, kann Jarolim nachvollziehen, denn er sagt für seine HSV-Mannschaft: „Was sollen die Sprüche? Es ist immer besser, wenn man die Leistung für sich sprechen lässt. Ich werde keine Sprüche klopfen, ich werde versuchen, die Mannschaft mit einer guten Leistung zu helfen.“ Und genau das ist die richtige Einstellung, wie ich finde.

Apropos Leistung. Es gibt da noch eine Nachricht, die ich Euch nicht vorenthalten kann (und darf). Die lautet wie folgt:

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Von diesem Freitag an stellen wir die Fußball-Channel St. Pauli und HSV sowie den HSV-Handball-Channel und den Freezers-Channel (Eishockey) auf Paid um. Alle Channel bieten exklusive Reportagen und Analysen über den jeweiligen Hamburger Sportklub. Denn diese Arbeit meiner Kollegen kostet Geld – und daher werden auch online nun ein paar Groschen fällig – wie auch beim Kauf der Zeitung. Das mag einige ärgern, aber wer will und kann schon die Früchte seiner Arbeit dauerhaft verschenken.
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Auch „Matz ab“ wird frei zugänglich bleiben, um damit um Euer Verständnis zu werben. Wir wollen damit allen HSV- und Fußballfans die Möglichkeit bieten, alle Themen rund um den Verein weiterhin demokratisch (und so sachlich wie möglich) zu diskutieren.

20.11 Uhr

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