Tagesarchiv für den 15. September 2010

“Wir sind die bessere Mannschaft”

15. September 2010

Die Spannung steigt. Ganz allmählich, aber spürbar. Derby-Time in Hamburg, im Volkspark dreht sich schon viel um das Sonntagsspiel beim und gegen den FC St. Pauli. Und wie es scheint, lässt Trainer Armin Veh schon beizeiten die Elf spielen, die am Millerntor für weitere drei Punkte auf dem HSV-Konto sorgen soll. Bis auf den noch verletzt fehlenden Frank Rost, der morgen wieder ins Mannschaftstraining einsteigen soll, sowie den noch in Prag weilenden David Jarolim war das wohl schon jenes Team, dass auf dem Kiez die Frage nach dem Stadtmeister eindeutig klären soll: Jaroslav Drobny, Guy Demel, Heiko Westermann, Joris Mathijsen, Marcell Jansen; Robert Tesche (als Stellvertreter für Jarolim), Ze Roberto; Jonathan Pitroipa, Paolo Guerrero, Eljero Elia; Ruud van Nistelrooy. Später tauschte Veh noch aus: Da kam Dennis Aogo, nahm seine Position hinten links ein, Jansen rückte einen auf und Elija ging auf die rechte Seite – und Pitroipa dribbelte in das Reserve-Team. Auch eine Variante.

Die A-Elf gewann – leicht und locke, wie es schien – mit 3:0, wobei van Nistelrooy (zwei) und Elia die Tore markierten. Besonders der letzte Treffer hatte es in sich: „Van the man“ ließ Dennis Diekmeier, Gojko Kacar und Muhamed Besic wie Slalomstangen stehen und hob den Ball über den mindestens 1,90 Meter großen Test-Torwart Daniel Strähle (19 Jahre, zuletzt in der A-Jugend von Hoffenheim) hinweg ins Tor. Das gab viel Beifall von den Rängen. Vielel Applaus hatte auch Elia bei seinem 2:0 erhalten, als er nach einem Guerrero-Pass Diekmeier davonlief und einschoss. Auch das 1:0 war sehenswert: Van Nistelrooy legte den Ball nach links in den Lauf von Jansen, der lief bis zur Grundlinie und schob den Ball dann zur Mitte, wo inzwischen der Niederländer Stellung bezogen hatte und leichtfüßig einschob. So könnte es ja durchaus auch am Sonntag am Millerntor gehen . . .

Stichwort Torschütze: Ruud van Nistelrooy stellte einmal mehr unter Beweis, wie stark er auch darin ist, den Ball auf engstem Raum zu behaupten – und noch sinnvoll weiter zu spielen. Ich habe so bei mir gedacht: Die Mitspieler sind sich offenbar noch nicht alle dieser „Waffe“ bewusst, denn vor allem im Nürnberg-Spiel wurde der Torjäger viel zu selten gesucht. Auch ein Manko in meinen Augen, sogar ein ganz schön großes, denn im Training zeigt van Nistelrooy, dass er auch aus wenig sehr viel machen kann. Urplötzlich zieht er ab, in Momenten, an denen auch am Rande niemand daran denkt, dass nun ein Tor fallen könnte. Es soll ja nicht alles allein auf van Nistelrooy zugeschnitten sein, dann wäre der HSV ja auch zu berechenbar, aber etwas mehr dürfte es in meinen Augen schon sein.

Auffällig bei diesem Trainingsspielchen: Mladen Petric und Piotr Trochowski kickten in der Reserve. Nicht dass sie sich bemühten, ganz und gar nicht, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es nach „Eiszeit im Volkspark“ aussieht. In bester Stimmung, das ist ja auch ganz klar, waren beide Spieler jedenfalls nicht. Wobei ich, wenn ich Trainer des HSV wäre, am Millerntor schon auf ein so ausgekochtes Schlitzohr wie Petric setzen würde (wenn es alle Begleitumstände, die es um den geplatzten Stuttgart-Transfer nicht gegeben hätte, das ist mir schon bewusst), denn der Kroate lässt sich von einem solchen Hexenkessel, wie er am Sonntag zu erwarten ist, ganz sicher nicht beeindrucken. Im Momemt aber glaube ich nicht, dass Veh schon bereit ist, Petric wieder eine Chance zu geben – ohne dass ich es weiß, ob es tatsächlich so ist. Es ist nur so (m)ein Bauchgefühl.

Ebenfalls nicht so ganz bester Laune dürfte auch Robert Tesche an diesem Mittwoch gewesen sein, denn er wurde bei einem Fast-Tor gegen die Stamm-Elf von Joris Mathijsen ein wenig verbal „zusammengefaltet“: „Wenn ich rechts sage, dann meine ich auch rechts . . .“ Es mag ja sein, dass Tesche in dieser Situation einen Fehler gemacht hat, aber irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der ehemalige Bielefelder in seinem ersten Hamburger Jahr schon einiges gelernt hat. Mir wäre jedenfalls nicht bange, sollte der „große Schweiger“ Tesche (der so wortkarg ist wie einst der junge Manfred Kaltz) demnächst einmal in die Stamm-Formation geschmissen werden. Ich habe das Gefühl, dass Tesche noch seinen Weg machen wird – und einen guten Schuss hat er ja übrigens auch noch.

Und wenn ich gerade dabei bin: Neben „Gobi“ (diesmal mit ganz leckeren Nuss-Franzbrötchen am Start) war auch der „Matz-abber“ „Trainerglück“ bei der Vormittags-Einheit zugegen. Er sagte bei dem Trainingsspiel: „Die Reserve ist so stark besetzt, diese Mannschaft könnte auch am Sonntag gegen St. Pauli auflaufen und hätte durchaus die Chance, am Millerntor zu gewinnen.“ Richtig, denn es spielten: Tom Mickel (Strähle), Diekmeier, Besic, Collin Benjamin, Aogo; Kacar, Tomas Rincon; Petric, Trochowski, Lennard Sowah; Eric-Maxim Choupo-Moting. Gute Noten verdienten sich in meinen Augen Choupo-Moting (er kommt langsam immer besser!) und Benjamin, der mich stets durch seine sachliche und routinierte Spielweise beeindruckt. Auch wenn er irgendwann einmal mitspielen müsste, hätte ich keinerlei Sorgen, „Collo“ würde sein Ding machen. Es ist bei ihm wie mit dem alten Wein . . .

Bei der Stamm-Elf gefiel mir neben van Nistelrooy vor allem Westermann, der viele Angriffe durch ein gutes Auge abfing.

Übrigens trainierte am Rande Tunay Torun schon wieder einmal mit dem Ball, der ihm von Reha-Trainer Markus Günther zugespielt wurde. Und, um noch einmal auf Heung Min Son zu kommen: Der Südkoreaner will nach eigenem Bekunden in zwei bis drei Wochen wieder mit der Mannschaft trainieren, zurzeit läuft er oft durch den Volkspark. In jenem Park also, in dem am Sonntag auch viel los sein wird, denn das Spiel vom Millerntor wird ja auch in der Imtech-Arena auf den Videotafeln gezeigt – und das nach dem Regionalliga-Spiel HSV II gegen RB Leipzig (mit den ehemaligen HSV-Profis Alexander Laas und Ingo Hertzsch – und dazu Sportchef Dietmar Beiersdorfer, der noch kommen will). Das alles kostenlos! Ich weiß schon jetzt von vielen HSV-Fans, die sich diesen besonderen Live-Tag nicht entgehen lassen wollen. Der HSV rechnet ja mit 25 000 Zuschauer, ich gehe davon aus, dass es mindestens 30 000 werden. Es sollen ja sogar, wie ich gehört habe, einige St.-Pauli-Fans vorhaben, in den von ihnen ungeliebten Volkspark zu kommen – abwarten.

Ze Roberto aber wird auf jeden Fall in die andere Richtung fahren, denn das „große Konzert“ findet ja auf dem Kiez statt. Der Brasilianer ist noch ganz gelassen: „Es ist zwar mein erstes Hamburger Derby, aber ich habe ja schon so viele Derbys gespielt. Mit Bayern gegen 1860, mit der Nationalmannschaft gegen Argentinien, in Spanien mit Real gegen Barcelona, auch in Brasilien mit Santos gegen Corinthians. Und ich kann mich nicht mehr an eine Niederlage erinnern, ich weiß nur von Siegen.“ Das klingt doch überragend. Der „große Ze“ sagt weiter: „Ich hoffe, dass beide Mannschaften darum bemüht sein werden, den Zuschauern ein attraktives Spiel zu bieten, damit die Fans zufrieden nach Hause gehen können. Obwohl: Ein Verein wird nach dem Spiel ja auch eventuell weinen – ich hoffe sehr, dass wir das nicht sein werden.“

Der 36-jährige Mittelfeldspieler erwartet – natürlich – aggressive Zuschauer am Millerntor, und auch eine aggressive St.-Pauli-Mannschaft: „Die spielen immer so. Wir aber auch. Das gehört ja zum Fußball. Wir müssen von Anfang an auch kämpfen, denn wir wissen, dass St. Pauli heiß auf uns ist. Dennoch sollten alle bemüht sein, guten Fußball zu spielen.“ Für Ze Roberto, der bereits einmal mit Bayer Leverkusen auf dem Hamburger Kiez gespielt hat (2002, es gab ein 2:2), steht aber nicht nur das Hamburger Derby im Fokus, denn er verweist auch darauf, dass dem HSV in nächster Zeit nur Derbys bevorstehen: „Nach St. Pauli geht es gegen Wolfsburg und dann geht es nach Bremen. Das ist ganz, ganz wichtig Spiele für uns. Wir müssen daraus mindestens sieben Punkte holen – oder neun.“ Das wäre schon mal eine Ansage.

Die von Heiko Westermann („Ich habe mit Schalke von sechs Derbys gegen Dortmund keines verloren“) auch noch genährt wird: „St. Pauli steht nicht so unter Druck wie wir, das sind eigentlich ganz gute Voraussetzungen für den Aufsteiger, aber wir haben die bessere Mannschaft, ganz klar.“ Das Derby-Fieber hat auch den Kapitän schon vereinnahmt, denn er gibt zu: „Man wird jetzt überall angesprochen, egal wo man ist, ob beim Einkaufen oder beim Essen. Überall heißt es: Gewinnt bloß gegen St. Pauli. Dem kann man sich nicht entziehen.“

Der HSV-Innenverteidiger („Hamburg hat zwei Bundesliga-Klubs, das ist etwas Gutes, das sollte meiner Meinung nach auch bestehen bleiben“) erwartet kein schönes Spiel am Millerntor, dafür aber ein sehr kampfbetontes. Ob der sonst um ein „schönes Spiel“ bemühte HSV auch die Ärmel hochkrempeln wird können? „Wir wissen, was uns dort erwartet, und wir haben auch viele Leute, die dazwischen hauen können, so ist es ja nicht. Wir werden eine gute Mischung finden müssen, und dann werden wir dort auch bestehen“, sagt der Nationalspieler und fügt über die Atmosphäre am Millerntor an: „Die Stimmung dort ist super, aber jeder von uns hat ja schon mal vor 25 000 Zuschauern gespielt . . . Wir dürfen die Fans natürlich auch nicht dazu einladen, dass die Stimmung hoch kocht.“ Grundsätzlich befindet Heiko Westermann voller Selbstbewusstsein: „Ich komme am Sonntag ans Millerntor, um dort ein Spiel zu gewinnen. Wir sind spielerisch die bessere Mannschaft, St. Pauli kann uns spielerisch nicht das Wasser reichen, aber es wird am Sonntag, wie schon gesagt, kein Spiel auf spielerisch hohem Niveau, sondern ein Kampfspiel.“

Es wird auch viel auf den Schiedsrichter ankommen, ich gehe davon aus, dass der DFB ans Millerntor die Nummer eins schicken wird: Wolfgang Stark. Oder Torsten Kinhöfer oder Knut Kircher, Auf jeden Fall keinen „Frischling“ wie zuletzt Markus Wingenbach gegen Nürnberg. Der hat, das habe ich mir noch einmal genau angesehen, doch einige sehr umstrittene Entscheidungen (gegen den HSV) getroffen. Ich hätte zum Beispiel keinen Elfmeter für den Club gegeben, aber das ist jetzt müßig. Auf jeden Fall befand jetzt auch Westermann; „Ich habe mir das Spiel auch noch einmal angesehen, und es waren meiner Meinung nach einige höchst unglückliche Entscheidungen dabei.“ Das ist noch sehr gelingen ausgedrückt. Aber wie gesagt, es ändert ja nichts mehr an diesem ärgerlichen 1:1.

Apropos ärgerlich: Der nächtliche Disput einiger „Matz-abber“ hat mich einmal mehr total enttäuscht – und mir auch Ärger (im Hause) eingebracht. Vielen Dank dafür. Die Beteiligten haben einmal mehr bewiesen, dass es keine Grenze nach unten gibt, wenn es in diesem Blog um ein niveauvolles Miteinander geht. Und, ich sage es offen: Es wäre wirklich sehr schön, wenn diese Herren (endlich) die richtigen Konsequenzen für sich ziehen würden: Schluss bei „Matz ab“. Ansonsten werden wir es tun – tun müssen. Es ist immer unfassbar, was man sich hier gegenseitig um die Ohren gibt, wirklich unfassbar. Und da spielt es überhaupt keine Rolle, ob es bei anderen Blogs „noch viel schlimmer“ zugeht. Das ist für mich kein Maßstab, wir haben hier „Matz ab“, hier soll es gesittet (einigermaßen jedenfalls) zugehen, auf solche Störenfriede kann ich getrost verzichten. So bitter wie es ist.

Es ist manchmal wie im Kindergarten hier! Unglaublich!

PS: An diesem Nachmittag werden die HSV-Profis nur laufen und nicht auf den Trainingsplatz gehen, morgen ist um 10 Uhr im Volkspark Training.

15.53 Uhr