Tagesarchiv für den 14. September 2010

Zwei personelle Enttäuschungen

14. September 2010

Das Nürnberg-Spiel habe ich zwar live verpasst, aber ich habe es inzwischen mit mehrtägiger Verspätung gesehen. Und war, das muss ich zugeben, froh, nicht live dabei gewesen zu sein. Hätte ich mich geärgert . . . Man, was hätte ich mich geärgert. Auch deshalb, weil ich so sehr auf die Einstellung des alten Start-Rekords (drei Siege) gehofft hatte. Okay, ich weiß natürlich, dass das nun auch überhaupt nichts zählt, aber schön wäre es dennoch gewesen. Nun ja, es war dem HSV – und Euch – nicht vergönnt.

Was mir besonders auffiel an diesem Kick: Zwei Namen und eine alte Krankheit. Zuerst die Krankheit. Der HSV spielte quer, quer, zurück, quer, quer, quer. Lahmer ging es kaum. Schnelles Kurzpassspiel, dann ruck-zuck in die Spitze – Fehlanzeige. Und dazu gab es ein gravierendes Manko, dass auch schon als „alt“ zu bezeichnen ist: Aus dem Mittefeld ging keiner einmal plötzlich und überraschend in die Spitze. Die „Clubberer“ hatten keinerlei Mühe, sich gegen diesen mit Schema F spielenden HSV zu wehren. Keine Ideen, keine Überraschungen, nichts.

Und dazu diese beiden Personalien: Piotr Trochowski und Jonathan Pitroipa. Beide, Ihr werdet Euch erinnern, hatten es in der vergangenen Saison unter einem anderen Trainer sehr schwer. In dieser noch so jungen Saison aber ist das anders, gravierend sogar, wenn man den „Fall Piet“ betrachtet. Der „dünne Hecht“ aus Burkina-Faso erarbeitete sich in der Vorbereitung das Vertrauen von Veh, der Trainer legte sich sogar so weit fest, dass er Pitroipa zum absoluten Stammspieler machte. Und „Piet“ dankte es mit teilweise guten Vorstellungen. Zuletzt aber ließ er nach. Weil er „überspielt“ ist? Weil es ungewohnt ist, eine solche Strecke von Spielen hintereinander zu absolvieren? Das kann es ja nicht sein.

Ich erwarte aber von einem Nationalspieler (der in seiner Heimat ein großer Star ist), dass er Konstanz in sein Spiel bekommt. Dass er weiß, wie man nicht ständig in eine Abseitsfalle läuft, dass er sich bei der Ballannahme konzentriert (und verbessert), und dass er Fortschritte in Sachen Torabschluss erkennen lässt. Das alles aber ließ der gute „Piet“ gegen den Club vermissen. Enttäuschend. Denn auch ich glaube, dass der HSV mit sehr guten Flügelspielern (Eljero Elia und Pitroipa) viel Erfolg haben könnte. Wie gesagt, mit guten. Und gut waren die Flügel auf jeden Fall beim Saisonstart im Spiel gegen Schalke besetzt, als „ganz Deutschland“ von den schnellsten Flügelstürmern der Liga schwärmte. Davon war gegen Nürnberg leider nichts mehr erkennbar.

Natürlich auch deswegen, weil Armin Veh auf Elia verzichtet hatte. Um Trochowski zu bringen. Der Nationalspieler hatte sich in der Tat durch gute Trainingsleistungen empfohlen, aber ich gestehe jedem Trochowski-Gegner zu, dass sich der Trainer diesmal durch gute Trainingsleistungen hat blenden lassen. Oder, anders gesagt: Trochowski konnte das in ihn gesetzte Vertrauen in keiner Szene rechtfertigen. Und das ist nicht nur schade (für ihn, für mich, für alle), sondern auch enttäuschend. Nicht nur auch für mich, sondern besonders für mich, denn ich habe mich immer für „Troche“ eingesetzt. Das werde ich auch weiterhin tun, weil ich natürlich immer noch von seine besonderen Fähigkeiten überzeugt bin, aber ich denke im Umkehrschluss auch: Jetzt, wirklich jetzt, muss auch mal etwas kommen, Piotr.

Wenn der Trainer schon eine siegreiche Mannschaft auseinander reißt, wenn er auf Dribbelstärke, Auge und Ideen hofft, dann muss alles vom Spiele dafür getan werden, dieses Vertrauen auch zu rechtfertigen. Mit anderen Worten, ich sage es mal ganz rustikal (Verzeihung!): Der Spieler, in diesem Fall Trochowski, muss sich ganz einfach mal den Arsch aufreißen. Und wenn er der einzige HSV-Profi ist, der das an diesem Tag macht. Aber das muss kommen, in diesem Fall hätte es kommen müssen – aber auf der Aufzeichnung konnte ich davon leider, leider nichts erkennen. Obwohl ich es „Troche“ so sehr gewünscht hätte – und dem gesamten HSV-Anhang sowie den Trainern und der Mannschaft natürlich auch.

Ic hatte ja vor Saisonbeginn gesagt, dass Piotr Trochowski einer gewissen „besonderen Behandlung“ unterliegen sollte, das heißt, das man von kompetenter Seite (Veh, Bastian Reinhardt) kurz vor dem Spiel noch einmal unter vier Augen sprechen sollte, aber das ist wohl nur mein Wunsch geblieben. Ich glaube trotz allem nach wie vor, dass ein solches Gespräch „Wunder“ bewirken könnte. Obwohl ich es nicht beweisen kann.

Ich bin gespannt, ob Armin Veh zum Derby am Sonntag die Mannschaft noch einmal ändert, oder ob er zum Beispiel Trochowski noch einmal vertrauen wird? Sehr gespannt sogar. Ich glaube, dass er es eher nicht machen wird, lasse mich aber gerne überraschen. Wobei die Alternativen, die der Trainer hat, ja nicht die schlechtesten sind. Er kann ja einen Nationalspieler durch einen anderen ersetzen . . .

Am Millerntor wird am Sonntag ohnehin nicht nur fußballerisches Potenzial gefragt sein, sondern auch nervliches. Ich, und sicher nicht nur ich, erwarte auf St. Pauli einen Hexenkessel. Armin Veh aber, der sicher weiß, dass es hoch her gehen wird, sagt auch: „Wir spielen sonst vor 54 000 Zuschauern und ausverkauften Stadion, am Millerntor werden viel weniger Fans zugegen sein, mit einer solchen Atmosphäre muss ein Profi ganz einfach umgehen können.“ Werden die HSV-Spieler mit Sicherheit auch. Paolo Guerrero, der in Lima etliche Derbys gespielt hat, ist ohnehin überrascht davon, wie zivilisiert es in einem deutschen (Hamburger) Derby zugeht: „Bei uns in Peru wird da viel härter und unfreundlicher gespielt . . .“ Abwarten, wie es am Sonntag wird, abwarten.

Beim heutigen Training fehlte übrigens David Jarolim, der in Prag bei seiner Freundin weilt, die heute Mutter einer Tochter wurde (herzlichen Glückwunsch, Ihr “Jaros”!). Auch Torwart Frank Rost fehlte auf dem Rasen (Knie aufgeschlitzt). Beim Training im Regen wieder voll dabei: Mladen Petric. Unser „Matz-ab-Reporter“ Benno Hafas lobte besonders Eric-Maxim Choupo-Moting und Muhamed Besic. Kleine Notiz am Rande: Es waren viele Asiaten beim Training, dazu auch ein TV-Team aus Fernost. Der verletzte Heung Min Son erschien in Zivilkleidung – du machte den Dolmetscher, als sein „Vater“ Ruud van Nistelrooy interviewt wurde.

So, diese nette Randnotiz zum Sonntag sei auch noch erwähnt:

Eintritt frei! Mindestens 25 000 Fußball-Anhänger werden zum Bundesliga-Derby des FC St. Pauli gegen den Hamburger SV am Sonntag (15.30 Uhr) beim Public Viewing erwartet. Weil das 23 350 Zuschauer fassende Millerntor-Stadion ausverkauft ist, öffnet der HSV seine Arena im Volkspark und überträgt das Duell auf Video-Tafeln. Zu diesem Derby gibt es auch einen ganz besonderen Service, denn das Regionalliga-Spiel der zweiten HSV-Mannschaft gegen RB Leipzig (Anstoß 13.30 Uhr) gibt es kostenlos zu sehen, zudem sind einige Show-Einlagen geplant.

Und dann möchte ich Euch schnell noch einmal eine Mail zum Lesen geben, die mich privat erreichte. Ich nenne bewusst keinen Absender, aber ich denke, es sind auch in diesem Brief wieder einige Dinge drin, die nachdenkenswert sind. Ich steige in diese Mail mittendrin ein, es geht los:

„. . . auch die Pauschalurteile, vorzugsweise gegen Mladen Petric, Bastian Reinhart und immer auch gegen Bernd Hoffmann, gelegentlich auch neuerdings gegen Armin Veh („Falsche Taktik, wie kann man nur. . . “) gingen mir zuletzt ein wenig auf die Nerven. Ich bin schon immer ein Anhänger der „Vernunft“, das heißt, ich bin mir stets bewusst, dass ich medial vermittelte Informationen konsumiere. Daher versuche ich die Plausibilität des (möglichen) Gedankengangs zu ergründen (z. B. bei Trainer-Entscheidungen) und springe nicht auf jede Sau, die durch das Dorf getrieben wird. Mir ist stets bewusst, dass ich eben nicht über alle notwendigen Informationen verfüge, beziehungsweise dass ich nicht die Verantwortung trage. Erst wenn sich die Informationslage verdichtet, beziehungsweise ausreichend Indizien vorhanden sind (z. B. Labbadias Fehler), beziehe ich Stellung – dann allerdings ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen

Die offenbar verbreiteten Zweifel an Bastians Eignung zum Sport-Direktor sind für mich durchaus nachvollziehbar und verständlich, wenn man sich die Begleitumstände anschaut. Allerdings sind die von interessierter Seite (Fredi Bobic) publizierten Informationsversatzstücke keine (!) hinreichenden Belege für eventuelle Fehler – oder gar seine generelle Untauglichkeit. Insbesondere wenn man sich überlegt, wer möglicherweise was aus welchem Interesse heraus an die Öffentlichkeit trägt.

Ähnlich sehe ich derzeit generell die Causa „Petric“. Was will der Spieler, was der HSV, welches Ziel verfolgt der VfB? Offenbar sind hier unterschiedliche Interessen, die alle versuchen, in der öffentlichen Meinung gut dazustehen.

Seltsam erscheint mir nur, dass etwas, was beim großen FCB völlig normal ist (potenzieller Stammspieler sitzt auf der Bank), bei uns zur Staatsaffäre verkommt. Dies zeigt u. a. wie weit der HSV noch von einem wirklichen Spitzenverein entfernt ist, wo Nr. 12 bis Nr. 18 nicht sofort die „mediale Karte“ spielen, oder von Abwanderungsplänen infiziert werden.

Es muss doch das Ziel des HSV sein, dass es normal (!) ist, dass Spieler vom Format eines Piotr Trochowski, eines Paolo Guerrero, eines Mladen Petric oder eines Eljero Elia auch (mal) von der Bank kommen können. Und es ist Aufgabe von Veh, die Herren bei Laune zu halten (geschickte Rotation).
Den Trainer (Veh) sehe ich derzeit mit seiner unaufgeregten, jedoch entschiedenen Art auf einem guten Weg.
Leider lassen sich viele Fans, je nach persönlicher Sympathie oder Antipathie, vor einen Karren spannen und posten dann ihre Fantasien und Mutmaßungen im Blog, als wären es Tatsachen. Dies lässt sich als Folge des Blog-Erfolges aber auch nicht verhindern, sondern lediglich moderieren.

PS: Pletzi hat Dich würdig vertreten, aber das wusstest Du wohl schon vorher. Kompliment.”

So, nun wieder ich, Dieter Matz, und zwar nur ganz, ganz kurz (weil ich nun zum Chefredakteur kommen soll):

Vielen Dank für diese Mail. In der Tat wusste ich das schon vorher, ich weiß es sogar schon sehr, sehr lange. Christian Pletz kam als junger Mann zu uns, er war einst ein „Schüler“ der schon lange verstorbenen Hamburger Report-Legende Manfred Heun. „Pletzi“ wurde dann wie ein „fußballerischer Sohn“ für mich, wir schwammen stets auf einer Wellenlänge. Über Jahre haben wir gemeinsam Spiele des HSV (und des FC St. Pauli) besucht und darüber für das Abendblatt berichtet, es gab, das kann ich jedem nur wahrheitsgemäß sagen, nicht ein Spiel, indem wir uns nicht einig waren über die Beurteilung. Wir hatten nie einen Krach, nicht einmal den kleinsten Ärger, wir waren uns immer nur einig. Und das nicht deswegen, weil ich als „alter Mann“ immer Recht behalten wollte, sondern aus beiseitiger Überzeugung.

Deswegen danke ich nun „Pletzi“ noch einmal offiziell für die tolle Vertretung, und ich bedanke mich an dieser Stelle auch ausdrücklich bei jedem von Euch, der Christian Pletz gelobt und der sich bei ihm bedankt hat. Das hatte Klasse und Stil, und es hat mich sehr, sehr gefreut.
Zumal ich in diesem Jahr noch keinen Tag Urlaub (nur freie Tage abgebummelt!) gehabt habe – wenn Ihr versteht, was ich damit zum Ausdruck bringen möchte . . .

17.55 Uhr