Tagesarchiv für den 13. September 2010

Noch sechs Tage bis zum Derby

13. September 2010

Liebe Matz-abber, ich bin es noch einmal, die Pletz-da-Interimslösung. Da Dieter ja am Wochenende familiär unterwegs war und erstmals seit Jahren nicht einmal ein Bild vom HSV-Spiel sehen konnte, hat er mich für den heutigen Montag um Nachschlag gebeten. Wer könnte so eine Bitte ausschlagen…?! Zum Start in die Derby-Woche melde ich mich also noch einmal mit ein paar Rück- und ein paar Ausblicken, ab morgen ist dann aber wirklich wieder Matz am Werk. Und ich habe gehört, er strotzt vor Tatendrang. Der Derby-Countdown beflügelt.

Zunächst einmal muss ich mich wehren, auch wenn man das aufgrund der vielen Blogbeiträge vielleicht gar nicht macht. Ich bin kein Trochowski-Fan oder Ignorant seiner schwachen Leistungen. Es stimmt, dass ich seine fußballerischen Fähigkeiten sehr schätze (habe ich Dieter ja auch schon mal übermittelt), dass ich ihn für einen Mittelfeldspieler mit großem Potenzial halte. Es stimmt aber auch, dass er meines Erachtens aus seinen Fähigkeiten zu wenig macht und in der Vergangenheit verbal größere Sprünge gemacht hat als mit Leistungen im Dress des HSV. Nun ist er, das ist jedenfalls meine Wahrnehmung, etwas ruhiger und zurückhaltender geworden. Das finde ich grundsätzlich gut. „Troche“ allerdings zum Buhmann und größten Verlierer des Nürnberg-Spiels zu machen, finde ich übertrieben. Er hat kein gutes, aber auch kein miserables Spiel gemacht. Er hatte nur eine nennenswerte Szene mit einem herausragenden Zuspiel auf Ruud van Nistelrooy, dessen Ablage Zé Robert nicht im Tor unterbringen konnte. Wäre der Ball reingegangen, hätte Trochowski wesentlich bessere Noten bekommen. So muss er mit dem Urteil „enttäuschend“ zurechtkommen.

Ich grüble schon seit gestern Abend, nachdem ich mir das Auswärtsspiel des FC St. Pauli in Köln angeschaut habe (im TV), in welcher Dreier-Besetzung hinter der Spitze van Nistelrooy der HSV wohl die besten Chancen am Millerntor haben wird. Mittlerweile habe ich mich entschieden: Jonathan Pitroipa rechts, Eljero Elia links und zentral: Trochowski. Bitte nicht wieder aufjaulen oder mir ne „Troche-Beziehung“ andichten. Ich erkläre es Euch auch. St. Pauli wird vermutlich, anders als Nürnberg, keinen Sonderbewacher für Trochowski abstellen. Holger Stanislawski hält nicht viel von Zerstörungsstrategien des gegnerischen Spiels, er will die eigene Spielweise seiner Mannschaft fördern, und die ist grundsätzlich offensiv ausgerichtet. Für den HSV bedeutet das auch in Anbetracht der braun-weißen Abwehrkette, dass über die Außen schnelle Spieler benötigt werden, und hinter van Nistelrooy sollte ein wendiger Akteur mit gutem Schuss agieren. Wenn das wieder nicht hinhaut, könnte Armin Veh in der Pause oder auch danach (wie gegen Nürnberg) bestens reagieren, Trochowski rausnehmen und Mladen Petric (steigt hoffentlich morgen wieder ins normale Training ein) bringen. Ich kann mir schwer vorstellen, dass die Defensivabteilung des Aufsteigers so viel Qualität dauerhaft unter Kontrolle bringen kann.

Vehs Team muss eigentlich „nur“ ein Risiko in den Griff bekommen. Die Gefahr, dass das Derby mit Emotionen, mit Leidenschaft und Biss zum reinen Kampfspiel mutiert. Denn auf diesem Sektor halte ich St. Pauli für ebenbürtig – und nur auf diesem. Taktisch, technisch und individuell besetzt ist der HSV dem kleinen Nachbarn überlegen. Wenn ich alleine die Stoßstürmer van Nistelrooy und Ebbers vergleiche, rede ich über unterschiedliche Welten. Aber genau in dieser Betrachtung, die sich im Unterbewusstsein möglicherweise auch bei dem einen oder anderen Profi abspielt, liegt die megagroße Gefahr. Es ist ein schmaler Grat zwischen Selbstbewusstsein und Überheblichkeit, zwischen lockerem und zielsicheren Passspiel und Leichtfertigkeit. Und gerade in so einem Derby können Miniimpulse das gesamte Spiel entscheiden.

Nach der Rudelbildung gegen Nürnberg bin ich den Kader des HSV einmal durchgegangen und habe über potenzielle Probleme der emotionalen Natur auf St. Pauli nachgedacht. Ich bin zum Entschluss gekommen, dass der HSV auch in dieser Hinsicht Vorteile hat. Mit Ausnahme von Guy Demel neigt keiner der Rothosen zu überzogenen Reaktionen. Und da Demel bestens mit St.-Pauli-Spieler und Ex-HSVer Takyi befreundet ist, dürfte da auch nichts in die Hose gehen.

„Sei dir mal nicht so sicher“, hat gestern einer meiner Freunde gesagt, als ich ihm von meiner Prognose für das Duell am Millerntor erzählt habe. Ich behaupte: Wenn der HSV seine fußballerischen Mittel nutzt, geduldig ist und nicht wie gegen Nürnberg in Hälfte eins kopflos in Konter der schlimmsten Kategorie rennt (schöne Grüße an die Innenverteidigung!!!), dann kann es eigentlich nur einen Sieger geben. St. Paulis Chancen liegen im Derby-Charakter, im Außenseiterdasein und im Heimspiel-Vorteil, aber diese Faktoren sollte eine Mannschaft wie der HSV eigentlich kontrollieren können.

Fußball ist so einfach, wenn man ihn nur beschreiben muss.

Trainer Armin Veh hat gegen Nürnberg registriert, dass seine Mannschaft in gewissen Situationen noch nicht so reif ist, wie er sich das gerne wünschen würde. Ein Klasseteam hätte Nürnberg mit einem 1:0 nach Hause geschickt, eine Weltklassemannschaft hätte nach dem ersten noch einen zweiten Treffer nachgelegt. Und sein Team haderte am Ende mehr mit dem Schiedsrichter, als sich über die vergebenen Chancen und die unerklärlichen Aussetzer vorm Gegentor zu echauffieren. Da gibt es auch noch Steigerungsbedarf. Wenigstens blieben ein paar der Profis in ihrer Bewertung so objektiv, dass sie ihre schwache Teamleistung vor die des Unparteiischen platzierten. Das ist mal ein guter Ansatz. Und seien wir doch ehrlich: Wenn jemand vor der Saison gesagt hätte, dass der HSV nach drei Spielen sieben und nach vier möglicherweise zehn Punkte auf dem Konto haben würde, hätte sich wohl kaum jemand beschwert. Vor allem dann nicht, wenn man sich aktuell mal die Tabelle anschaut und sieht, dass die meisten Vereine mit vielen WM-Fahrern irgendwo im Niemandsland oder gar in der Abstiegszone herumdümpeln. Das wird sich bestimmt noch ändern, aber da tut doch jeder Vorsprung gut.

Wenn ich jetzt noch im Printbereich tätig wäre, würde ich mal eine längere Recherche zur Frage „Was hat der HSV anders gemacht als die anderen?“ anstreben, um möglicherweise überraschende Unterschiede im Trainingsprogramm, bei der körperlichen Nacharbeit der WM-Fahrer oder sonst etwas herauszubekommen. Oder ist das vielleicht doch alles nur Zufall?

Oha, ich merke gerade, dass ich mehr Fragen als Antworten liefere. Das, so habe ich in meinen jungen Journalistenjahren einmal gelernt, sollte nicht so sein. „Menschen stellen Fragen, Journalisten liefern Antworten“, hat mir mein damaliger Sportchef bei der Morgenpost einmal gesagt, nachdem ich Martin Dahlin mit meinem schrottreifen Fiat Panda vom Training in Ochsenzoll zum Hotel Treudelberg gebracht hatte. „Wie lange braucht er?“, hatte mein Zeilenvorschlag gelautet, weil Dahlin ganz frisch in Hamburg gelandet war. Mein Sportchef fand die Schlagzeile einschläfernd, ich mittlerweile übrigens auch. Er fragte mich, wie das Interview war, wo es stattfand und so weiter. Und ganz am Ende stand dort als Schlagzeile: Ferrari-Fahrer Dahlin talkt im Fiat Panda. Dank der detailliert beschriebenen Mängelliste im Artikel hatte ich an den kommenden fünf Tagen Knöllchen an meinem Wagen, bis er schließlich schneller als geplant auf dem Schrottplatz landete. Dahlin floppte, ich ging zum Abendblatt, aber ich machte seither weniger Fragezeichen-Schlagzeilen. Ich habe also gelernt.

Ups, dieser Exkurs war eigentlich nicht geplant, er hätte vielleicht eher in die Kategorie Sommergeschichten gepasst. Aber nun haben wir ja schon Herbst. Zum HSV gibt es nicht viel mehr zu sagen. Außer, dass die Kranarbeiten an der Imtech-Arena aus der Ferne so ausschauen, als ob der erste Buchstabe spätestens morgen angebracht würde. Und außerdem möchte ich zwei in meiner Spiel-Nachbetrachtung vergessene Erkenntnisse nachholen: 1. Die Eckbälle des HSV wirken dank Zé Robertos Schusstechnik und dank der Bewegung im Strafraum um 100 Prozent besser als noch in der vergangenen Spielzeit. 2. Mir gefällt Guy Demel endlich wieder ganz gut. Er leistet sich nicht nur defensiv weniger Stellungsfehler, sondern wirkt auch im Vorwärtsgang wieder effektiver. Pässe, Flanken, Dribblings bilden bei ihm endlich wieder eine gute Mischung. Ich hoffe, dass der Mann von der Elfenbeinküste diesen Trend fortsetzen kann.

Weiterhin viel Spaß mit diesem Blog. Dieter, ich übergebe…

14:40 Uhr